Der Winter hat Irland noch nicht ganz losgelassen. Noch letzen Freitagabend gab es einen leichten Schneeschauer in Dublin. Am Sonntagmorgen gingen zarte Schneeflöckchen nieder – bei ansonsten strahlend blauem Himmel fast ohne Wolken. Nachts fallen die Temperaturen noch gelegentlich bis unter den Gefrierpunkt. In manchen Teilen des Landes schneit es noch gelegentlich. Der Wetterbericht warnt immer wieder vor "patches of ice" - stellenweise Glatteis.
Glatteis gibt es nicht nur auf der Straße. Ein solches "patch of ice" hatte sich auch bei uns im Garten gebildet. Um ein Abflussrohr herum tritt gelegentlich Wasser aus, das nachts dann gefriert. Obwohl ich von der Stelle weiß, ignorierte ich am Sonntagmorgen den verdächtig schimmernden dunklen Flecken auf dem Gehweg – und prompt erwischte es mich: Mit den Füßen voran ging ich zu Boden. Eine erste "Schadensüberprüfung" ergab nur eine kleine Schnittwunde im linken Handballen und eine schmutzige Hose. Nur der rechte Ellenbogen schmerzte etwas, im Großen und Ganzen aber gab es Entwarnung.
Im Verlauf des Tages jedoch schmerzte der Ellenbogen immer mehr. Er wurde dicker und dicker und steifer, so dass ich ihn nur noch unter großen Schmerzen bewegen konnte. Vollständiges Strecken oder Beugen des Armes war kaum mehr möglich. Und schnell wurde mir bewusst, bei wie vielen Bewegungen des Alltags man den rechten
und den linken Arm gleichzeitig verwenden muss: Beim Binden der Schuhe, dem Binden einer Krawatte, beim Abtrocknen nach dem Duschen, beim Schmieren eines Brotes etc. Es war klar, dass ich mit meinem "Handicap" nicht zur Arbeit gehen konnte, schon gar nicht auf Dienstreise ins entfernte Cork, bei der ich auch noch meinen Koffer hätte schleppen müssen.
Es war auch klar, dass ich die Dienste eines Arztes in Anspruch nehmen musste. Nicht nur, um ein ärztliches Attest zu erhalten, sondern auch um auszuschließen, dass der Ellenbogen gebrochen war. Kurz: Ich musste das irische Gesundheitssystem in Anspruch nehmen.
Meine persönlichen Erfahrungen mit dem irischen Gesundheitssystem hatten sich bis dahin auf das Begleiten eines gestürzten Kollegen ins Krankenhaus beschränkt (siehe "
Mind Your Walking" vom 26.5.2007), und gelegentlichen Besuchen beim Allgemeinarzt. Mein kleiner Sturz mit großer Folge nun bot mir Gelegenheit, das so in Verruf geratene irische Gesundheitssystem etwas näher in Augenschein zu nehmen. So hat alles auch seine guten Seiten.
Gestern am Montagmorgen (9 Uhr 30) ging es erst mal zum Allgemeinarzt (GP). Der sah sich mit besorgter Miene meinen geschwollenen und leicht bläulich angefärbten Ellenbogen an. Mehr konnte er jedoch nicht tun. Es musste zuerst untersucht werden, ob der Ellenbogen gebrochen war. Hierzu musste er mich zum Röntgen ans nächst gelegene Krankenhaus überweisen. Die wenigsten irischen Allgemeinärzte können eine solche Untersuchung selbst vornehmen. Dazu haben sie weder die Fachkenntnisse noch das Personal oder die teure Anlage. Immerhin stellte er mir die Überweisung und einen Krankenschein aus. 50 Euro waren für die Konsultation fällig.
Nach dem Termin beim GP ging es also weiter mit dem Taxi in die Notfallaufnahme des nächsten Krankenhauses. Dort angekommen (10 Uhr 30) musste ich mich zunächst an der Rezeption melden. Dabei musste ich sämtliche wichtigen Angaben machen (Name, Geburtsdatum, Anschrift, Nationalität, Krankenversicherung, Religion (Wozu, dachte ich. Brauchte ich einen Priester?), nächste Angehörige, ob ich mit dem Auto gekommen bin etc.). Dann hieß es, im Warteraum Platz nehmen.
Kaum hatten wir uns gesetzt, wurden wir auch schon aufgerufen. Juhu, dachte ich, das geht hier aber fix. Doch es ging nur in die sog. Triage, in der Patienten einer ersten Inaugenscheinnahme unterzogen werden, um über die Dringlichkeit des Falles zu entscheiden. Eine Schwester sah sich meinen Ellenbogen an, und befand, dass es so ernst nicht war. Ich wurde in der Priorität herabgestuft. Fünf andere seien vor mir an der Reihe, ich solle im Warteraum erneut Platz nehmen.
Am Vormittag herrschte noch nicht viel Andrang in der Notaufnahme. Im Warteraum saßen nur etwa zehn andere Patienten. Soweit ich sehen konnte, plagten sie ähnliche Verletzungen: Ein junger Mann humpelte, eine Frau stützte sich auf Krücken, wieder einer hielt sich seine Schulter.
Wir warteten, immer mit Blick auf die Schwenktür, in der gelegentlich ein Pfleger erschien und einen Namen rief. Wartet man in einem Krankenhaus, bekommen Türen unsere volle Aufmerksamkeit. Man weiß, dass es hinter der Tür für einen weiter geht, man weiß jedoch nicht, wann es soweit sein wird. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, wendet man den Kopf und spitzt die Ohren. Man wartet auf das erlösende Wort, den eigenen Namen.
Lange mussten wir zum Glück nicht warten. Es blieb kaum Zeit, das Angebot im Süßigkeiten-Automaten zu studieren. Bereits um 10 Uhr 45 öffnete sich die Pforte für uns. Es ging hinein in die Notfallstation des Krankenhauses.
Es war in etwa ein Anblick, wie ich ihn erwartet hatte. In der Mitte des großen Raumes die Notaufnahme, hinter der emsige Pfleger und Schwestern Telefonate führten oder Unterlagen begutachteten. An den Wänden entlang reihten sich die vielen kleinen, nur durch einen Vorhang getrennten Einheiten, die im Englischen "cubicle" genannt werden. Ein Bett in jeder Einheit, mit blinkenden und piepsenden Apparaten im Hintergrund. In fast jedem Bett lag ein Patient. Es waren überwiegend ältere Menschen. Manche schlummerten, mit einem Angehörigen auf einem Stuhl neben ihnen. Andere Patienten starrten abwesend ins Leere vor ihnen, mühsam aus einer Sauerstoffmaske atmend, die wie ein schlaffer Plastikbeutel auf ihrem Bauch lag. Eine ältere Patientin schlurfte in Bademantel und Pantoffeln über den Gang, in der Hand eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta haltend. Wie lange mag die Frau schon hier sein, hier auf der Notfallstation? fragte ich mich.
Man wies uns eine kleine Ecke in der Notfallstation zu, in der sich zehn Sitzplätze befanden. Dort hieß es erneut warten. Nach und nach gesellten sich einige der anderen Patienten aus dem Vor-Warteraum dazu, und die zehn Sitzplätze waren besetzt. Von unserem Platz aus beobachteten wir das emsige Treiben auf der Notfallstation. Und erneut den Blick fest auf die eine Tür gerichtet, hinter der uns der zuständige Pfleger aufrufen würde.
Um 11 Uhr 30 war es soweit. Der Pfleger, der uns schon aus dem Vor-Wartezimmer geholt hatte, rief uns in ein kleines Behandlungszimmer. Dort stellte er sich mit Namen Jarlath vor. Jarlath war Ire, groß und kräftig, ein Pfleger, der anpacken kann. Er war ein sog. "Nurse Practitioner", eine Rolle zwischen Pfleger und Arzt. Er begutachtete meinen Ellenbogen und bat mich, ihn zu bewegen, soweit es ging. Nach kurzer Einschätzung meinte er, der Ellenbogen sei wahrscheinlich nicht gebrochen. Aber man müsse eine Röntgen-Aufnahme machen, um sicherzugehen. Mit einer Patientenkarte schickte er uns auf den langen Weg über die Flure zur Radiologie.
Dort angekommen und angemeldet, hieß es erneut warten. Zum Glück dauerte es aber nicht sehr lange, bis man mich zwischen dringenden Fällen für eine schnelle Röntgenaufnahme einschieben konnte. Das Prozedere dauerte auch nur wenige Minuten. Bereits um 12 Uhr waren wir wieder auf dem Weg zurück zur Notfallstation und zu Jarlath, die Röntgenaufnahme in einem großen gelben Umschlag mitführend.
In der Notfallstation mussten wir dann wieder etwas warten, bis Jarlath Zeit hatte, sich die Röntgenaufnahme anzusehen. Wir versammelten uns um den Leuchtschirm und blickten auf die dunklen und hellen Flecken, die mein Ellenbogengelenk und das umliegende Gewebe darstellten. Eine starke Prellung ja, mit entzündetem Gewebe, meinte Jarlath, aber kein Bruch. Auch für meine ungeübten Augen sah das Gelenk völlig normal aus. Ein paar Tage Ruhe und eine entzündungshemmende Salbe, meinte Jarlath, dann würde ich auch mit dem rechten Arm bald wieder kraftvoll zufassen können.
Somit also die gute Nachricht. Nach nicht ganz zweieinhalb Stunden (genauer um 12 Uhr 45) konnten wir das Krankenhaus bereits wieder verlassen. Nun fehlt mir der direkte Vergleich, wie mein Fall in einem deutschen Krankenhaus behandelt worden wäre. Ich vermute aber mal, dass es auch da nicht wesentlich schneller oder langsamer gegangen wäre. Evtl. nur hätte bereits der Hausarzt selbst die Röntgen-Aufnahme machen können, was die Fahrt ins Krankenhaus überflüssig gemacht hätte. Alles in allem aber kann ich, was meinen Fall angeht, dem irischen Gesundheitssystem nichts Negatives bescheinigen.
Einzig der Anblick, der sich mir auf der Notfallstation bot, macht mich nachdenklich. Waren die vielen älteren Menschen wirklich nur zur Notfallbehandlung dort? Wie lange mochten sie im Schnitt dort verbleiben? Die anderen Stationen des Krankenhauses hatte ich nicht gesehen. Aber man hört immer wieder davon, dass der Mangel an verfügbaren Betten die Krankenhäuser dazu zwingt, Patienten auf dem Flur oder eben in der Notfallstation unterzubringen, bis man sie in ein "richtiges" Bett verlegen kann.
Wie auch immer, es gilt wohl nicht umsonst die Empfehlung, dass man in Irland besser nicht ernsthaft krank werden sollte. Zum Glück ist ein geprellter Ellenbogen kein Beinbruch.