Sonntag, 7. Februar 2010

Steuererklärung auf Irisch

In Irland zahlt man natürlich auch Einkommenssteuer. Und am Jahresanfang heißt es auch hier: Steuererklärung machen. Zum Glück ist die hier wesentlich einfacher als in Deutschland. Was in Deutschland angestrebt wird, hat man in Irland bereits umgesetzt: Das Regelwerk für das Steuersystem passt tatsächlich auf einen Bierdeckel (und wurde vermutlich auch auf einem solchen konzipiert). Einfach das folgende Formular ausfüllen - und fertig!



Bei genauem Betrachten... vielleicht erklärt sich so, warum das Finanzministerium über sinkende Steuereinnahmen jammert...

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Dort leben, wo andere Urlaub machen. Mit diesem Spruch setzen sich viele Auswanderer die rosa Brille auf und ziehen los. Schnell werden sie von der Realität eingeholt. Leben erfordert Arbeiten. Und Arbeiten im Traumland sieht oft nicht anders aus als in dem Land, dem man den Rücken zugekehrt hat. So ist das nun mal.

Derzeit macht mir die Arbeit mal wieder wenig Spaß. Nicht so sehr die Tätigkeit an sich, sondern die "Begleiterscheinungen". Noch immer bin ich in Cork, der Stadt, deren "Irland-Faktor" viele Touristen als deutlich höher einstufen als dem von Dublin. Dort arbeiten wo andere Urlaub machen? Klingt gut. Aber bei Licht betrachtet bedeutet es für mich hauptsächlich "Arbeit" und kaum "Urlaub". Wenn man sich das Foto anschaut, das meinen Weg zur Arbeit zeigt, wird einem vielleicht klar, was ich meine. Urlaub sieht anders aus.


Nun habe ich nichts gegen Dienstreisen. Ein gelegentlicher Ausflug in andere Regionen und zu anderen Orten ist meist recht spannend. Aber wie lange darf eine Dienstreise dauern? Zwei Wochen? Einen Monat? Sechs Monate? In meinem Fall ist die Rede von sechs Wochen. Damit könnte ich ja noch leben. Es ist aber gut möglich, dass daraus noch mehr Wochen werden. Meinen Arbeitgeber würde es freuen, mich hingegen weniger. Denn wenn man mehr Zeit im Hotel als im eigentlichen Zuhause verbringt, dann stimmt da in meinen Augen etwas nicht.

Derzeit lebe ich nur aus dem Koffer. Im Hotel werde ich bereits mit den Worten "Welcome back." begrüßt. Woche um Woche fahre ich jeden Montag mit dem Frühzug von Dublin nach Cork, und am Freitag mit dem Spätzug wieder zurück. Private Besorgungen müssen am Wochenende erledigt werden. Freizeit, Treffen mit Freunden und generell das Soziale und Private bleiben auf der Strecke. Es ist vor allem die Ungewissheit darüber, wie lange dieser Zustand anhalten wird, was mich derzeit unzufrieden macht. Mitarbeiterzufriedenheit sieht anders aus.

Nun will ich hier nicht rummaulen. Aber in diesem Blog möchte ich auch den (meinen) gewöhnlichen Alltag in Irland etwas beleuchten. Und leider weist der Arbeitsalltag in letzter Zeit nur zu oft einen recht niedrigen "Irland-Faktor" auf. Es beruhigt nur wenig, dass das, wo andere Urlaub machen, direkt vor meiner Haustür liegt. Hoffentlich ergeben sich für mich bald auch wieder häufiger Gelegenheiten, davon Gebrauch zu machen.

Dienstag, 2. Februar 2010

A Patch of Ice

Der Winter hat Irland noch nicht ganz losgelassen. Noch letzen Freitagabend gab es einen leichten Schneeschauer in Dublin. Am Sonntagmorgen gingen zarte Schneeflöckchen nieder – bei ansonsten strahlend blauem Himmel fast ohne Wolken. Nachts fallen die Temperaturen noch gelegentlich bis unter den Gefrierpunkt. In manchen Teilen des Landes schneit es noch gelegentlich. Der Wetterbericht warnt immer wieder vor "patches of ice" - stellenweise Glatteis.

Glatteis gibt es nicht nur auf der Straße. Ein solches "patch of ice" hatte sich auch bei uns im Garten gebildet. Um ein Abflussrohr herum tritt gelegentlich Wasser aus, das nachts dann gefriert. Obwohl ich von der Stelle weiß, ignorierte ich am Sonntagmorgen den verdächtig schimmernden dunklen Flecken auf dem Gehweg – und prompt erwischte es mich: Mit den Füßen voran ging ich zu Boden. Eine erste "Schadensüberprüfung" ergab nur eine kleine Schnittwunde im linken Handballen und eine schmutzige Hose. Nur der rechte Ellenbogen schmerzte etwas, im Großen und Ganzen aber gab es Entwarnung.

Im Verlauf des Tages jedoch schmerzte der Ellenbogen immer mehr. Er wurde dicker und dicker und steifer, so dass ich ihn nur noch unter großen Schmerzen bewegen konnte. Vollständiges Strecken oder Beugen des Armes war kaum mehr möglich. Und schnell wurde mir bewusst, bei wie vielen Bewegungen des Alltags man den rechten und den linken Arm gleichzeitig verwenden muss: Beim Binden der Schuhe, dem Binden einer Krawatte, beim Abtrocknen nach dem Duschen, beim Schmieren eines Brotes etc. Es war klar, dass ich mit meinem "Handicap" nicht zur Arbeit gehen konnte, schon gar nicht auf Dienstreise ins entfernte Cork, bei der ich auch noch meinen Koffer hätte schleppen müssen.

Es war auch klar, dass ich die Dienste eines Arztes in Anspruch nehmen musste. Nicht nur, um ein ärztliches Attest zu erhalten, sondern auch um auszuschließen, dass der Ellenbogen gebrochen war. Kurz: Ich musste das irische Gesundheitssystem in Anspruch nehmen.

Meine persönlichen Erfahrungen mit dem irischen Gesundheitssystem hatten sich bis dahin auf das Begleiten eines gestürzten Kollegen ins Krankenhaus beschränkt (siehe "Mind Your Walking" vom 26.5.2007), und gelegentlichen Besuchen beim Allgemeinarzt. Mein kleiner Sturz mit großer Folge nun bot mir Gelegenheit, das so in Verruf geratene irische Gesundheitssystem etwas näher in Augenschein zu nehmen. So hat alles auch seine guten Seiten.

Gestern am Montagmorgen (9 Uhr 30) ging es erst mal zum Allgemeinarzt (GP). Der sah sich mit besorgter Miene meinen geschwollenen und leicht bläulich angefärbten Ellenbogen an. Mehr konnte er jedoch nicht tun. Es musste zuerst untersucht werden, ob der Ellenbogen gebrochen war. Hierzu musste er mich zum Röntgen ans nächst gelegene Krankenhaus überweisen. Die wenigsten irischen Allgemeinärzte können eine solche Untersuchung selbst vornehmen. Dazu haben sie weder die Fachkenntnisse noch das Personal oder die teure Anlage. Immerhin stellte er mir die Überweisung und einen Krankenschein aus. 50 Euro waren für die Konsultation fällig.

Nach dem Termin beim GP ging es also weiter mit dem Taxi in die Notfallaufnahme des nächsten Krankenhauses. Dort angekommen (10 Uhr 30) musste ich mich zunächst an der Rezeption melden. Dabei musste ich sämtliche wichtigen Angaben machen (Name, Geburtsdatum, Anschrift, Nationalität, Krankenversicherung, Religion (Wozu, dachte ich. Brauchte ich einen Priester?), nächste Angehörige, ob ich mit dem Auto gekommen bin etc.). Dann hieß es, im Warteraum Platz nehmen.

Kaum hatten wir uns gesetzt, wurden wir auch schon aufgerufen. Juhu, dachte ich, das geht hier aber fix. Doch es ging nur in die sog. Triage, in der Patienten einer ersten Inaugenscheinnahme unterzogen werden, um über die Dringlichkeit des Falles zu entscheiden. Eine Schwester sah sich meinen Ellenbogen an, und befand, dass es so ernst nicht war. Ich wurde in der Priorität herabgestuft. Fünf andere seien vor mir an der Reihe, ich solle im Warteraum erneut Platz nehmen.

Am Vormittag herrschte noch nicht viel Andrang in der Notaufnahme. Im Warteraum saßen nur etwa zehn andere Patienten. Soweit ich sehen konnte, plagten sie ähnliche Verletzungen: Ein junger Mann humpelte, eine Frau stützte sich auf Krücken, wieder einer hielt sich seine Schulter.

Wir warteten, immer mit Blick auf die Schwenktür, in der gelegentlich ein Pfleger erschien und einen Namen rief. Wartet man in einem Krankenhaus, bekommen Türen unsere volle Aufmerksamkeit. Man weiß, dass es hinter der Tür für einen weiter geht, man weiß jedoch nicht, wann es soweit sein wird. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, wendet man den Kopf und spitzt die Ohren. Man wartet auf das erlösende Wort, den eigenen Namen.

Lange mussten wir zum Glück nicht warten. Es blieb kaum Zeit, das Angebot im Süßigkeiten-Automaten zu studieren. Bereits um 10 Uhr 45 öffnete sich die Pforte für uns. Es ging hinein in die Notfallstation des Krankenhauses.

Es war in etwa ein Anblick, wie ich ihn erwartet hatte. In der Mitte des großen Raumes die Notaufnahme, hinter der emsige Pfleger und Schwestern Telefonate führten oder Unterlagen begutachteten. An den Wänden entlang reihten sich die vielen kleinen, nur durch einen Vorhang getrennten Einheiten, die im Englischen "cubicle" genannt werden. Ein Bett in jeder Einheit, mit blinkenden und piepsenden Apparaten im Hintergrund. In fast jedem Bett lag ein Patient. Es waren überwiegend ältere Menschen. Manche schlummerten, mit einem Angehörigen auf einem Stuhl neben ihnen. Andere Patienten starrten abwesend ins Leere vor ihnen, mühsam aus einer Sauerstoffmaske atmend, die wie ein schlaffer Plastikbeutel auf ihrem Bauch lag. Eine ältere Patientin schlurfte in Bademantel und Pantoffeln über den Gang, in der Hand eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta haltend. Wie lange mag die Frau schon hier sein, hier auf der Notfallstation? fragte ich mich.

Man wies uns eine kleine Ecke in der Notfallstation zu, in der sich zehn Sitzplätze befanden. Dort hieß es erneut warten. Nach und nach gesellten sich einige der anderen Patienten aus dem Vor-Warteraum dazu, und die zehn Sitzplätze waren besetzt. Von unserem Platz aus beobachteten wir das emsige Treiben auf der Notfallstation. Und erneut den Blick fest auf die eine Tür gerichtet, hinter der uns der zuständige Pfleger aufrufen würde.

Um 11 Uhr 30 war es soweit. Der Pfleger, der uns schon aus dem Vor-Wartezimmer geholt hatte, rief uns in ein kleines Behandlungszimmer. Dort stellte er sich mit Namen Jarlath vor. Jarlath war Ire, groß und kräftig, ein Pfleger, der anpacken kann. Er war ein sog. "Nurse Practitioner", eine Rolle zwischen Pfleger und Arzt. Er begutachtete meinen Ellenbogen und bat mich, ihn zu bewegen, soweit es ging. Nach kurzer Einschätzung meinte er, der Ellenbogen sei wahrscheinlich nicht gebrochen. Aber man müsse eine Röntgen-Aufnahme machen, um sicherzugehen. Mit einer Patientenkarte schickte er uns auf den langen Weg über die Flure zur Radiologie.

Dort angekommen und angemeldet, hieß es erneut warten. Zum Glück dauerte es aber nicht sehr lange, bis man mich zwischen dringenden Fällen für eine schnelle Röntgenaufnahme einschieben konnte. Das Prozedere dauerte auch nur wenige Minuten. Bereits um 12 Uhr waren wir wieder auf dem Weg zurück zur Notfallstation und zu Jarlath, die Röntgenaufnahme in einem großen gelben Umschlag mitführend.

In der Notfallstation mussten wir dann wieder etwas warten, bis Jarlath Zeit hatte, sich die Röntgenaufnahme anzusehen. Wir versammelten uns um den Leuchtschirm und blickten auf die dunklen und hellen Flecken, die mein Ellenbogengelenk und das umliegende Gewebe darstellten. Eine starke Prellung ja, mit entzündetem Gewebe, meinte Jarlath, aber kein Bruch. Auch für meine ungeübten Augen sah das Gelenk völlig normal aus. Ein paar Tage Ruhe und eine entzündungshemmende Salbe, meinte Jarlath, dann würde ich auch mit dem rechten Arm bald wieder kraftvoll zufassen können.

Somit also die gute Nachricht. Nach nicht ganz zweieinhalb Stunden (genauer um 12 Uhr 45) konnten wir das Krankenhaus bereits wieder verlassen. Nun fehlt mir der direkte Vergleich, wie mein Fall in einem deutschen Krankenhaus behandelt worden wäre. Ich vermute aber mal, dass es auch da nicht wesentlich schneller oder langsamer gegangen wäre. Evtl. nur hätte bereits der Hausarzt selbst die Röntgen-Aufnahme machen können, was die Fahrt ins Krankenhaus überflüssig gemacht hätte. Alles in allem aber kann ich, was meinen Fall angeht, dem irischen Gesundheitssystem nichts Negatives bescheinigen.

Einzig der Anblick, der sich mir auf der Notfallstation bot, macht mich nachdenklich. Waren die vielen älteren Menschen wirklich nur zur Notfallbehandlung dort? Wie lange mochten sie im Schnitt dort verbleiben? Die anderen Stationen des Krankenhauses hatte ich nicht gesehen. Aber man hört immer wieder davon, dass der Mangel an verfügbaren Betten die Krankenhäuser dazu zwingt, Patienten auf dem Flur oder eben in der Notfallstation unterzubringen, bis man sie in ein "richtiges" Bett verlegen kann.

Wie auch immer, es gilt wohl nicht umsonst die Empfehlung, dass man in Irland besser nicht ernsthaft krank werden sollte. Zum Glück ist ein geprellter Ellenbogen kein Beinbruch.

Freitag, 29. Januar 2010

Ein irisches Unternehmen

Meine Tätigkeit bringt es mit sich, dass ich einige Unternehmen in Irland näher kennen lerne. Gewöhnlich lohnt es sich nicht, über sie zu schreiben, da sie selten etwas Irlandspezifisches aufweisen. Heute jedoch möchte ich eine Ausnahme machen und einen kleinen Einblick in irische Wirtschaft geben. Es geht um ein irisches Unternehmen, noch dazu eines der größten in privater Hand. Aber keine falschen Hoffnungen. Interna werde ich nicht ausplaudern. Die nachfolgenden Informationen stammen weitgehend von der Website des Unternehmens und sind somit allgemein zugänglich.

Was in Deutschland Lebensmittelläden wie Edeka, Plus, Spar & Co sind, heißt hier in Irland zum Beispiel Centra, Londis oder SuperValu. Die kleinen oder auch größeren Läden an der Ecke, in die man auch spät am Abend noch gehen kann, wenn man mal eben Milch oder eine Zeitung braucht. Diese Läden sind ein bekannter Anblick in den Straßen Irlands. Und seit meinem Projekt in Cork sehe ich sie mit etwas anderen Augen.

Im Jahre 1876 eröffneten die Brüder Thomas und Stuart Musgrave in Cork ein kleines Lebensmittelgeschäft. 1894 wurde daraus Musgrave Brothers Limited mit einer Lizenz für den Einzel- und Großhandel. Das Geschäft gedieh prächtig. Drei Generationen später, im Jahre 1957, wurde aus dem Familienunternehmen eine Unternehmensgruppe, der sich viele der kleinen irischen Lebensmittel-Einzelhändler angeschlossen hatten. Musgrave selbst übernahm die Rolle des Großhändlers.

Damit war das Fundament für eines der heute größten irischen Unternehmen gelegt. Musgrave beliefert als Großhändler die Lebensmittelketten und kümmert sich um die Logistik, das Marketing, die IT, die Abwicklung der Finanzen, die Preisgestaltung, Werbekampagnen etc. Die größeren Lebensmittelmärkte laufen unter dem Markennamen SuperValu, die kleineren als Centra. Weitere bekannte Marken sind Londis, Budgens und Mace, mit denen das Unternehmen auch in Nordirland und in England auftritt.

Allein in Irland erzielte die Musgrave-Gruppe 2008 einen Umsatz von fast fünf Milliarden Euro. Musgrave ist einer der größten privaten irischen Arbeitgeber. Insgesamt hängen ca. 35.000 Stellen an der Gruppe, die Angestellten in den eigenständig agierenden Läden mitgerechnet. Und für den Standort Cork spielt das Traditionsunternehmen natürlich eine ganz besondere Rolle.

Bis noch vor Kurzem sagte mir der Name Musgrave gar nichts. Das hat sich nun geändert. Und ich weiß nun auch, dass, wann immer ich bei einem der ca. 470 Centra oder ca 200 SuperValu hier in Irland einkaufe und meine Milch vom Scanner erfasst wird, dies als Datensatz im Rechenzentrum von Musgrave in Cork aufläuft. Da muss man doch den kleinen Centra an der Ecke mit anderen Augen sehen.

Dienstag, 26. Januar 2010

"He's not coming back"

Ich liebe ja Gespräche mit Taxifahrern. Die sind meist sehr gut über das aktuelle Geschehen informiert und haben zusätzlich noch die eine oder andere interessante Geschichte auf Lager. Persönliche Geschichten zwar, die aber auch Einblick in Land und Leute geben. Und da ich derzeit häufiger zwischen Cork und Dublin pendele und dabei auch die Dienste von Taxifahrern in Anspruch nehme, habe ich reichlich Gelegenheiten zu einem Plausch mit Taxifahrern.

Taxifahrer Patrick wirkt mit seinem großen und massigen Körper und den kurzgetrimmten Haaren wie der Türsteher eines Nachtclubs. Doch im Gespräch zeigt er sich als gutmütiger Riese. Er lebt im County Cavan, etwa eineinhalb Autostunden von Dublin entfernt. Das ist aber ein weiter Weg zur Arbeit, merke ich an. Er erklärt, dass er unter der Woche, wenn er seiner Tätigkeit als Taxifahrer nachgeht, bei seiner Schwester in Dublin wohnt. Nicht gerade ideal, sagt er, aber was will man machen. In Cavan sind die Häuser billiger. Und in Dublin kann er abends mit seinen Freunden einen Trinken gehen und das Auto stehen lassen.

Er hat einen Sohn, der von Beruf Klempner ist und bei ihm in Cavan wohnt. Wie der Zufall so spielt, musste sein Sohn erst letzte Woche ebenfalls ins weit entfernte Cork fahren, um dort einen Auftrag auszuführen. In Zeiten wie diesen, stellt Patrick fest, muss man eben weite Weg gehen, um sein Geld zu verdienen. Ich nicke bestätigend.

Taxifahrer Maurice, weit in den Fünfzigern, wirkt mit seiner gelblichen Gesichtsfarbe, den Bartstoppeln und den langen, gewellten grauen Haaren auf den ersten Blick gar nicht wie ein Ire. Er spricht jedoch mit starkem Cork-Akzent. Er hatte gerade eine bekannte Radiosendung verfolgt, in der Zuhörer anrufen und ihren Unmut über Gott und die Welt ablassen können. Nun wollte er mit mir darüber reden. Die Anrufer hatten sich darüber aufgeregt, dass Iren, wenn sie nach langer Abwesenheit aus dem Ausland zurückkehren und hier arbeitslos werden, ein niedrigeres Arbeitslosengeld bekommen als etwa Spanier oder Italiener, die gerade Mal ein paar Jahre hier in Irland leben. Und ganz zu schweigen von den Nigerianern, die direkt und ohne jegliche Wartezeit volle Unterstützung erhielten. "Da stimmt doch mit dem ganzen System was nicht." seufzt Maurice.

Das lasse ich mal so stehen, auch wenn da Äpfel mit Birnen verglichen wurden. Wenn ein Ire nach Australien oder Amerika auswandert, muss er sich nicht wundern, wenn er aus dem irischen Sozialnetz fällt. Italiener und Spanier profitieren vom Gegenseitigkeitsabkommen der EU-Länder. Und wenn ein Nigerianer Asyl beantragt, gelten wieder andere Regeln. Aber es hat schon einen bitteren Beigeschmack, wenn das Land seine heingekehrten Kinder nicht willkommen heißt.

Taxifahrer James fragte gleich, woher aus Deutschland ich stamme. Mal wieder hatte mich mein Akzent verraten und das Gespräch auf Deutschland gelenkt. Wie sich herausstellte, hat James einen Bruder, der in Deutschland lebt, sogar nicht weit von meiner Heimatregion entfernt. Dieser Bruder lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland und ist sogar mit einer Deutschen verheiratet. James, der Taxifahrer aus Dublin, besucht seinen Bruder so oft es geht. Da bekommt er ja einen recht guten Vergleich zwischen Deutschland und Irland, merke ich an. "Oh ja", bestätigt James. Und plant sein Bruder, irgendwann wieder nach Irland zurückzukehren, frage ich. Viele Iren zieht es ja irgendwann wieder in die alte Heimat zurück. "Ah no." antwortet James. "He's not coming back, that's for sure." Ich meine herauszuhören, dass auch James sich wünscht, damals nach Deutschland ausgewandert zu sein. Und frage mich, was Deutsche nach Irland zieht...

Sonntag, 24. Januar 2010

My World in Cork

Meine Tätigkeit brachte mir letzte Woche einen Trip nach Cork City ein. Cork, das sind der Fluss Lee, bunte Häuserfassaden entlang der Uferpromenade, schmale Gassen mit Cafés und gemütlichen Pubs, Straßenmusikanten, der Englische Markt, und nicht zu vergessen der kleine Schokoladenladen von Ó Conaill. Doch mein beruflicher Ausflug nach Cork gab mir leider keine Gelegenheit, die Sehenswürdigkeiten Corks zu bewundern. Stattdessen erhielt ich einen Blick hinter die Kulissen.

Cork reduzierte sich für mich auf ein wenig attraktives Gewerbegebiet irgendwo am südlichen Stadtrand, auf halber Strecke zwischen dem Stadtzentrum und dem Flughafen gelegen. Jeden Morgen und Abend führte mich mein Weg vorbei an "Supreme Tiles", der Autowerkstatt "Automotif", "Donna's Dance Studio" oder "Johnston's Decorating Center". Von einladenden Pubs keine Spur. Einzig dem kleinen Lebensmittelladen "Centra" konnte ich etwas abgewinnen. Dort kaufte ich mir abends auf dem Weg zurück ins Hotel was zum Knabbern oder eine Zeitung.

Mein Hotel lag am Rande dieses Gewerbegebietes, in Nähe zum Büro des Kunden. Dadurch blieben mir häufige Taxifahrten erspart. Weil es aber in einiger Entfernung vom Stadtzentrum lag, war das Angebot an touristischer Abendunterhaltung äußerst dürftig. Dies betraf auch das Kulinarische. In der direkten Umgebung um das Hotel herum gab es nur ein einziges Restaurant. Dies war ausgerechnet ein Eddie Rocket's, eines jener Hamburger-Restaurants, die im 50er-Jahre-Look der Rock’n Roll-Zeit gehalten sind und mit knallroten Plastiksitzen und kleinen Musikboxen auf jedem Tisch aufwarten.

Über diese Neon- und Plastikwelt wachten eine Kellnerin aus Osteuropa, ein Kassierer aus Pakistan und ein Koch aus China. Viel zu tun gab es für die drei nicht. Am Abend meines (einzigen) Besuchs waren außer mir nur noch eine irische Familie mit drei kleinen Kindern sowie zwei weitere Herren anwesend. Letztere waren ohne Begleitung. Vermutlich waren es Geschäftsreisende und Hotelgäste so wie ich. Mit leicht verzogenem Mund studierten sie das dürftige Angebot der (zweiseitigen) Speisekarte. Lange wanderte ihr Blick zwischen Burgern, Hotdogs und Pommes Frites hin und her, bis sie der wartenden Kellnerin ihre Auswahl mitteilten. Dann lehnten sie sich zurück, seufzten tief und blickten gelangweilt aus dem Fenster. Das Los der Geschäftsreisenden.

Unterhaltsamer war es am Arbeitsplatz. Nicht nur weil es da lebhafter zuging. Auffälligste Besonderheit war der andere Akzent. Es erstaunt mich immer wieder, dass ein so kleines Land wie Irland derart viele unterschiedlich ausgeprägte Akzente hervorgebracht hat. Der Cork-Akzent hebt sich deutlich von dem ab, was man zum Beispiel im Raum Dublin hört. Die Cork-Leute sprechen etwas schneller und in einer höheren Stimmlage. Das hört sich in etwa so an, als wenn ständig ein Rennwagen an einem vorbeifährt. Zum Ende eines Satzes wird die Stimme leicht angehoben. So als ob eine Frage gestellt wurde, was manchmal etwas verwirrend ist.

Wenn in Dublin Mitarbeiter über ihre Wochenendvorhaben plaudern, ist von Gegenden wie Meath, Wicklow oder eben Dublin die Rede. Im Cork fallen eher Namen wie Trallee, Kerry oder Cobh. Namen, die bei mir noch eher die Vorstellung von Urlaub erzeugen. Cork ist in der Tat eine andere Welt. Schade nur, wenn neben der Arbeit wenig Zeit bleibt, diese Welt näher zu erkunden.

Sonntag, 17. Januar 2010

Busy Days Ahead

Mittlerweile hat Väterchen Frost seine eisigen Finger zurückgezogen. Die Straßen sind wieder frei, ohne dass jemand dafür Sand schaufeln musste. Tatsächlich sogar gab es in den letzten Tagen fast schon wieder typisch irisches Wetter: Sonnig, blauer Himmel, kaum Wolken. Nur die Temperaturen sind noch etwas zu niedrig. Alles in allem aber könnte man meinen, der Frühling hat Einzug gehalten.



Letzten Mittwoch hatte Väterchen Frost noch einmal kurz nachgehakt. Am Nachmittag setzte bedrohlich aussehender Schneeregen ein. In Panik brachen viele Berufstätige früh auf, um nicht ein erneutes Desaster auf den Straßen erleben zu müssen. Weil aber alle die gleiche Idee hatten, kam es erst recht zu Staus. Zum Glück waren diese jedoch nicht so schlimm, wie in der Woche davor.

Weil in der Nacht die Temperaturen arg gefallen waren, wurden viele Autofahrer am Donnerstag von Blitzeis überrascht. Auf der Autobahn M50 gab es am Morgen zahlreiche Auffahrunfälle, nach denen Fahrspuren völlig blockiert waren. Die Folge: Recht bald herrschte auf dem betroffenen Streckenabschnitt der M50 und den umliegenden Zubringerstraßen Total-Stillstand. Auch mich hatte es erwischt: Für die Fahrt zur Arbeit brauchte ich sage und schreibe zweieinhalb Stunden.

So überraschend der Winter noch einmal nachgehakt hatte, so schnell zog er sich wieder zurück. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hat sich inzwischen alles wieder normalisiert. Nur die Wasserknappheit ist in manchen Wohngegenden noch ein Thema. Auch hier im Großraum Dublin müssen einige Haushalte mit der Rationalisierung von Wasser leben. Abends um 18 Uhr wird ihnen das Wasser abgedreht, morgens um 6 Uhr wieder angedreht.

Was nach all der Winteraufregung bleibt, ist der Ärger der Leute darüber, dass die Regierung erst viel zu spät den Kälteeinbruch als Problem betrachtete und tätig wurde. Der Einzelhandel klagt, dass aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse der sonst so ergiebige nachweihnachtliche Einkaufsrummel fast völlig ausblieb. Mal sehen, ob die Städte und Gemeinden aus dem Winterfiasko ihre Lehren ziehen werden.

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Noch eine Ankündigung in eigener Sache: Busy days ahead. Das neue Jahr bringt für mich ein neues Projekt. Leider erfordert dieses, dass ich über die kommenden Wochen in Cork arbeite. Hierzu werde ich jeweils Montags früh am Morgen nach Cork reisen und Freitagabend zurück nach Dublin fahren. In Cork wird die Arbeit im Vordergrund stehen, so dass mir voraussichtlich wenig Zeit bleibt, an meinem Blog zu arbeiten. Ich bitte um Nachsicht, wenn es hier demnächst etwas ruhiger zugeht.