Sonntag, 30. September 2007

Urlaub im County Clare

Zurück von meinem Kurzurlaub im Westen Irlands, genauer im County Clare. Clare liegt unscheinbar zwischen den Counties Galway im Norden und Kerry im Süden, und beindruckt durch eine spektakuläre Landschaft, zahlreiche prähistorische Stätten und einer atemberaubenden Küste.

Nachfolgend einige Notizen zu meinem Kurzurlaub. Zu einigen der Orte habe ich Fotos im Internet abgelegt. Einfach jeweils den Links folgen.

So. 23.9. Anreise

Fahrt mit der Bahn von Dublin (Heuston Station) nach Ennis mit Umsteigen in Limerick Junction. Alles verlief reibungslos. Die Gesamtzeit der Reise betrug ca. dreieinhalb Stunden, wobei der Zug in Limerick 40 Minuten Pause machte.

Bei der Ankunft am Bahnhof in Ennis fühlte ich mich an den John Wayne-Film "The Quiet Man" (dt. "Der Sieger", Regie John Ford, USA 1952) erinnert: Es ist einer dieser kleinen verlassenen Bahnhöfe, auf denen alles sehr gemächlich zugeht, auch wenn drei- oder viermal am Tag ein Zug hält. Es fehlte eigentlich nur noch die Szene mit dem freundlichen Schaffner, den John Wayne nach dem Weg nach Ennisfree fragt. (Sie gibt zugleich ein gutes Beispiel für irischen Witz.)

Schaffner: "Nach Ennisfree? Hmm, passen Sie auf. Sehen Sie die Straße dort hinten?"
John Wayne: "Ja."
Schaffner: "Vergessen Sie die, die bringt Ihnen überhaupt nichts..."

Mo. 24.9. Ennis

In Ennis befindet sich Clares Verwaltungssitz. Die Stadt mit ihren derzeit ca. 25.000 Einwohnern erlebt einen kräftigen Aufschwung, begünstigt durch die Lage auf der Verbindungsstrecke Limerick - Galway, sowie der Nähe zum Flughafen in Shannon. Ihren Ursprung hatte die Stadt im 13. Jahrhundert mit der Gründung einer Franziskaner Abtei, um die herum sich die Stadt entwickelte. Viele enge und unregelmäßige Straßen prägen noch heute das Stadtbild.

Obwohl heute in der benachbarten Shannon-Region viele IT-Firmen ihren Sitz haben (u.a. Google), lebt Ennis vor allem vom Tourismus. Die Stadt eignet sich bestens als Ausgangsbasis für die Erkundung von Clare. Ennis gilt auch als Hochburg für die traditionelle irische Musik: Fast jeden Abend finden in den zahlreichen Pubs und Bars Live-Sessions statt, bei denen man mit einem Pint Guinness den Tag gemütlich ausklingen lassen kann.

Ennis hat auch geschichtliches aufzuwarten: 1828 wählten die Menschen der Region mit überzeugender Mehrheit den Katholiken Daniel O'Connell ins britische Parlament - in einer Zeit, in der Katholiken eigentlich von Regierungsämtern ausgeschlossen waren. Um einen landesweiten Aufruhr zu vermeiden, lenkten die Briten ein und ließen erstmals wieder Katholiken im Parlament zu (1829, Act of Catholic Emancipation). Ein Meilenstein in der irischen Geschichte. Zu Ehren des "Großen Befreiers" gibt es ein Daniel O'Connell Monument und eine (man höre) O'Connell Street in Ennis.

Hier geht's zu den Bildern aus Ennis

Di. 25.9. Der Burren und Cliffs of Moher

An diesem Tag stand eine Bustour durch den Burren und zu den Cliffs of Moher an.

Der Burren gehört zu den faszinierendsten Karstlandschaften Europas. Der Name stammt vom irischen Boireann, was sich mit "Felsland" übersetzen lässt - eine einfache, aber sehr treffende Beschreibung dieser kargen Landschaft. Es heißt, dort gibt es nicht genügend Wasser, um einen Mann zu ertränken, nicht genügend Holz, um ihn aufzuhängen, und nicht genügend Erde, um ihn zu begraben.

In dem riesigen Nationalpark gibt es auch zahlreiche prähistorische Ringfestungen und Grabstätten. Die bekannteste Grabstätte ist sicherlich der etwa 5000 Jahre alte Poulnabrone Dolmen.

Am Nachmittag ging es zu den Cliffs of Moher, jenen bis zu 200 Meter hohen Steilklippen, an deren Fuß sich schäumend und tosend das Meer bricht. Am oberen Rand führt ein sehr gut ausgebauter Weg entlang bis zum O'Brien Tower, von wo man den besten Blick auf die atemberaubenden Klippen hat. Überall warnen Hinweisschilder davor, über den Begrenzungsrand des Weges zu klettern. Aber wen es nach ein wenig Nervenkitzel gelüstet, wird kaum daran gehindert.

Vor kurzem wurde dort für 32 Millionen Euro ein modernes Besucherzentrum in den Fels hinein gebaut, in dem sich ein kleiner Präsentationsraum, ein Restaurant und der obligatorische Souvenir-Shop befinden. Während der Blick auf die Klippen selbst kostenfrei ist, wird bei den Parkgebühren abkassiert: 8 Euro kostet das Parken mit dem Auto. Für Busse mit mehr als 40 Sitzen sind sogar 60 (!) Euro fällig. Deshalb setzen viele Busunternehmen ihre Gäste kurzerhand vor dem Parkplatz ab, und holen sie nach einer vereinbarten Zeit dort wieder ab.

Hier geht's zu den Bildern des Burren und der Cliffs of Moher

Mi. 26.9. Doolin und die Westküste

Mit dem öffentlichen Bus bin ich nach Doolin gefahren, ca. eine Stunde von Ennis entfernt. Preis für Hin- und Rückfahrt: 12,90 EUR. Doolin ist ein kleines unscheinbares Dörfchen, einsam am Meer gelegen. Es gibt dort drei Pubs, woran man sehr gut die Größe abschätzen kann. Allerdings verteilen sich die wenigen Häuschen sehr großräumig entlang der (einzigen) Hauptstraße, so dass es recht lange braucht, den gesamten Ort zu Fuß zu durchqueren.

Doolin eignet sich hervorragend als Ausgangsort für einen Tagesausflug zu den Cliffs of Moher oder den gegenüber liegenden Aran-Inseln (von Doolin gibt es eine Fährverbindung). Zudem besitzt Doolin einige B&Bs und Hostels. Wer es einrichten kann, sollte für eine Übernachtung bleiben.

Doolin besitzt nämlich einige der besten Musik-Pubs im Westen. Viele bekannte irische Musiker stammen aus Doolin, so z.B. Dave Spillane. Während der Saison (von April bis ca. Ende September) wird fast jeden Abend in den drei Pubs Live-Musik geboten. Wer in dem Ort war, wird verstehen, warum die Musik dort einen solchen Stellenwert hat: Sehr viel andere Freizeitbeschäftigungen gibt es dort nämlich nicht.

Allerdings gibt es nahe Doolin eine der zahlreichen Kalksteinhöhlen des Burren. In der bei Doolin kann man einen der weltweit größten Stalagtiten bewundern: Stolze 7 Meter misst er. Es dauert nur noch ein paar Millionen Jahre, bis er sich mit dem von unten wachsenden Stalakmiten verbindet.

Da ich abends wieder mit dem Bus zurück nach Ennis fahren musste, konnte ich nur einen Nachmittag in Doolin verbringen. Diesen verbachte ich mit einem langen Spaziergang entlang der einsam gelegenen und windgepeitschten Küste, begleitet von den plätschernden Wellen des Meeres. Ich verweilte einige Zeit am Strand, um die Natur zu genießen.


"Walking all the day
By tall towers where falcons build their nests
In silver wings they fly,
they know the call for freedom in their breasts,
saw Black Head against the sky
With twisted rocks that run down to the sea
Living on your Western shore,
Saw summer sunsets, I asked for more,
I stood by your Atlantic Sea,
And sang a song for Ireland."

Von der Ruhe und Abgeschiedenheit am Strand überwältigt, musste ich mich erst wieder sammeln, als ich in den Bus zurück nach Ennis stieg. Als der Busfahrer mit Blick auf meinen Fahrschein rückversichernd fragte "To Ennis?", wusste ich keine Antwort. Jeder Ortsname erschien mir plötzlich fremd und absurd. Ich hatte das Gefühl für Zeit und Raum verloren.

Der Busfahrer war übrigens Deutscher. Seit 17 Jahren schon lebt er in Irland, und liebt seinen Beruf sehr. Kein Wunder, dachte ich, beim Blick aus dem Fenster auf die faszinierende Landschaft aus grünen Feldern und Hügeln, ausgeleuchtet von der tiefstehenden Abendsonne.

Hier geht's zu den Bildern aus Doolin und der irischen Landschaft

Do. 27.9. Kilrush

Für den gleichen Fahrpreis (12,90 EUR) gelangte ich mit dem Bus von Ennis nach Kilrush und zurück. Kilrush liegt südlich von Ennis an der Mündung des Shannon. Der kleine Ort hat schon einige Pubs mehr zu bieten als Doolin, und auch ein paar Geschäfte. Nach dem Erlebnis in Doolin fühlte ich mich fast wie in einer Großstadt.

Kilrush spielte im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle als Hafen- und Marktstadt. Vom Marktplatz in der Mitte des Ortes führt die breite Hauptstraße, Frances Street, direkt hinunter zum kleinen Hafen. Früher herrschte dort ein ständiges Kommen und Gehen. Am Tag meines Besuches allerdings ging es recht beschaulich zu, obwohl zufällig gerade ein kleiner Markt stattfand.


Bei gutem Wetter werden Fahrten zur Beobachtung von Delphinen, die in der Bucht des Shannon leben, angeboten. Oder Fahrten zur kleinen Scattery Island, direkt gegenüber der Hafenausfahrt gelegen, auf der sich die Ruine eines der frühesten Kloster Irlands befindet.

Eine kleine Skulptur am Hafen ist den in der Shannon-Region lebenden Delphinen gewidmet. Zwei Delphinweibchen tragen ein neugeborenes Junges zur Oberfläche, wo es den ersten Atemzug machen kann. Wichtige Starthilfe in ein hoffentlich langes Leben.

Im 19. Jahrhundert wurde Kilrush stark von der Hungersnot getroffen. Emigration, Vertreibung, Fieber und Cholera ließen die Stadt ausbluten, die danach nie wieder zu ihrer früheren Blüte zurückfand. Die zahlreichen Opfer wurden in Massengräbern auf dem Skanakyle Friedhof auf einer Anhöhe über der Stadt begraben.

Hier geht's zu den Bildern aus Kilrush

Fr. 28.9. Rund um Ennis

Da das überaus sonnige und warme Wetter auch an meinem letzten Tag in Ennis anhielt, beschloss ich, ein Fahrrad zu mieten, und die nähere Umgebung von Ennis zu erkunden. Der Tagespreis für ein brauchbares Fahrrad (inkl. Helm und Reparatur-Kit) betrug übrigens 20 Euro.

Meine Tour führte mich von Ennis zunächst nach Osten entlang der R352 in Richtung Tula vorbei an Spancil Hill (ja den Ort gibt es wirklich, doch dazu später mehr) und Clooney, dann in Richtung Süden über Quin nach Clarecastle und zurück nach Ennis. Meist fuhr ich auf kleinen schmalen Landstraßen, auf denen keine zwei Autos nebeneinander passten. Unterwegs kam ich an zahlreichen kleinen Gehöften vorbei, aus denen kläffende Hunde einige Meter hinter mir herjagten, bevor sie die Verfolgung aufgaben.

Insgesamt war ich etwas mehr als fünf Stunden unterwegs. In Quin verbrachte ich eine kleine Pause zur Besichtigung der alten Franziskaner Abtei. Da um Clarecastle, dem letzten Ort meiner Tour, einige Bauarbeiten an der nahe gelegenen Schnellstraße durchgeführt wurden, musste ich einige Umwege radeln, so dass ich die zurückgelegte Strecke nicht genau sagen kann. Aber für mich war der Weg das Ziel, genauer die Landschaft, die ich vom Rad aus in aller Ruhe genießen konnte.

In Clarecastle, bereits gegen Ende meiner Tour, ging ich erstmal in einen Pub, um mit einem Pint neue Kräfte zu tanken. Etwas orientierungslos durch die vielen Umleitungen, musste ich den Wirt fragen, wie weit es denn noch bis Ennis sei. Er sagte, es seien keine fünf Minuten mehr mit dem Rad, und ich müsse einfach nur der Landstraße weiter folgen. Die Auskunft beruhigte mich, so dass ich meine Pause etwas ausdehnen konnte. Mit dann zwei Pints intus machte ich mich auf den Weg zurück nach Ennis, wo ich tatsächlich ohne weitere Probleme nach ca. 10 Minuten und kurz nach fünf Uhr nachmittags eintraf.

Sa. 29.9. Rückreise

Jeder Urlaub geht irgendwann zuende. Bevor ich Ennis gegen Mittag mit dem Zug verließ, konnte ich eine größere Protestaktion verfolgen. Der Platz unterhalb der O'Connell-Säule war Ziel eines Protestmarsches von Ärzten und Krankenschwestern aus den umliegenden Orten. Sie protestierten gegen drohende Etatkürzungen und Stellenabbau in der Region. Zahlreiche Menschen überfluteten die kleine Altstadt, Transparente und Schilder hochhaltend. Leider musste ich zum Bahnhof, bevor die Kundgebung so richtig losging.

Am frühen Abend war ich wieder in Dublin. Deutlicher als jemals zuvor spürte ich den Unterschied zwischen dem eher ruhigen und beschaulichen Westen und dem emsigen und überquellenden Dublin. Menschen überall um mich herum, es war laut und hektisch. Und der Bus kam im dichten Verkehrschaos nur stockend voran. Willkommen daheim, dachte ich.