Ich bin wieder da! Nachdem sich die Wogen der aufregenden letzten Tage geglättet haben, folgt hier nun der (längere) Bericht über den Besuch meines Freundes Michael. Vom 1. bis zum 6. Mai bekam er einen guten, wenn auch sehr stark komprimierten Überblick über das Leben hier in Dublin, über die Geschichte des Landes und einige seiner sehenswerten Schönheiten. Vom emsigen Treiben in Dublin City zu den saftig grünen Hügeln und Tälern von Wicklow, von den atemberaubenden Cliffs of Moher zu den sich endlos windenden engen Landstraßen Irlands, von Kirchruinen und imposanten Festungsanlagen bis zu der Ruhe und Abgeschiedenheit eines kleinen Städtchens auf dem Lande, vom Geheimnis des Whiskey-Brennens bis zu den sagenumwobenen Fairies und Leprechauns: Kurz: Das Abenteuer Irland.
Donnerstag, 1. Mai
Mein Freund Michael kam bereits gegen Mittag an. Da ich an dem Tag noch arbeiten musste, konnte ich ihn leider nicht am Flughafen in Empfang nehmen. Ich hatte ihm jedoch sehr detailliert aufgeschrieben, wie er vom Flughafen ins Stadtzentrum fahren sollte, und wo wir uns treffen würden: Am unübersehbaren "Spire" auf der O'Connell Street. Meine Befürchtungen waren unbegründet. Er kam ohne Mühe ins Stadtzentrum und fand sogar den "Spire" (er wollte aber nicht verraten, wie lange er suchen musste).
Am frühen Abend nach meiner Arbeit konnte ich ihn dann endlich in Irland willkommen heißen. Und was lag da näher, als dies bei einem Irish Coffee zu tun. In der Lounge des Gresham Hotels auf der O'Connell Street ließen wir es uns gutgehen und stießen auf die vor uns liegenden, unternehmungsreichen Tage an.
Nachdem wir sein Gepäck bei mir in der Wohnung untergebracht und sein Nachtquartier hergerichtet hatten, ging es erstmal zum Einkaufen. Schließlich mussten die Vorräte aufgestockt werden. Hierzu nahm ich ihn mit zu Tesco, das im nahegelegenen Shoppingzentrum von Dundrum zu finden ist. Zwar zeigte sich Michael erfreut, dass man dort an 7 Tagen in der Woche rund um die Uhr einkaufen kann. Bei dem Blick auf die Preise jedoch verging ihm das Lächeln wieder. Und als ich ihm verriet, was die Miete für das Apartment beträgt, musste er sich erstmal setzen. Tja, Irland ist teuer. Verdammt teuer.
Freitag, 2. Mai
Dass Irland nicht nur mit hohen Preisen aufwarten kann, sondern zum Ausgleich auch eine wunderschöne Natur zu bieten hat, bekam Michael gleich am nächsten Tag vorgeführt. Auf dem Programm stand eine Bustour nach Wicklow, dem "Garten Irlands". Nach einem kurzen Stop auf den Dublin Mountains (und einer guten Sicht auf Dublin) ging es hinein in die sanften Hügel, die Moorlandschaften und die tiefen Täler und klaren Gletscherseen Wicklows. Der Busfahrer wurde auch nicht müde zu erwähnen, welche Prominenten in Wicklow wohnen und welche bekannten Filme in Irland und vor allem in Wicklow gedreht wurden (so z.B. "Braveheart" ).

Der Höhepunkt derTour war die alte Klosterruine von Glendalough. Der Legende nach zog Anfang des 6. Jahrhunderts der junge Mönch Kevin in das wunderschöne Tal, um dort im Einklang mit der Natur zu leben. Recht bald jedoch begannen sich andere Menschen für den merkwürdigen Einsiedler zu interessieren und seine Lebensweise nachzunahmen. Vorbei war es mit der Ruhe. Schnell entstand eine kleine Siedlung, und später wurde dort ein Kloster errichtet. Heute ist Glendalough ein beliebter Ausflugsort für Touristen, Wanderer und Naturliebhaber. Das Tal der "Zwei Seen" ist auch ein beliebter Ort für Heiratsanträge.
Auf dem Friedhof der alten Klosteranlage befindet sich übrigens das älteste keltische Hochkreuz Irlands. Der für die späteren Hochkreuze so typische Steinkreis um das Kreuz ist noch nicht herausgearbeitet. Stattdessen befindet sich hinter dem Kreuz eine Steinscheibe, als Symbol für die Sonne. Es heißt, wenn man das Kreuz umarmt, hat man ein Jahr lang Glück - oder heiratet sogar innerhalb der nächsten zwölf Monate. Ich ließ mich von der Aussicht auf letzteres nicht abschrecken und gab dem Kreuz eine herzhafte Umarmung. Mal sehen, was sich im Laufe der nächsten zwölf Monate so ergibt...
Am Abend ging es nach Temple Bar, dem bekannten Kulturviertel Dublins. Dem Kulturanspruch werden jedoch nur die zahlreichen Straßenmusikanten halbwegs gerecht. Ansonsten verwandelt sich das Viertel vor allem abends in den Schauplatz anderer Aktivitäten, bei denen besonders der Spaßfaktor im Vordergrund steht, nämlich Wein... äh Guinness, Weib und Gesang. Michael und ich kehrten im "Ha'penny Bridge Inn" ein und genossen bei einem (!) Pint Guinness irische Life-Musik, bevor wir den ersten Tag ausklingen ließen.
Samstag, 3. Mai
Nachdem wir am Vortag für die Bustour zeitig hatten aufstehen müssen, ließen wir es am Samstag etwas ruhiger angehen. Sightseeing in Dublin statt auf dem Plan. Als besondere Highlights hatten wir das Gefängnis von Kilmainham, die Old Jameson Distillery und das National History Museum auserkoren. Der Anblick einer längeren Besucherschlange vor dem Kilmainham Jail ließ uns dann allerdings gleich zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen, dem Besuch der Jameson Distillery.
Die Tour durch die alte Jameson Distillery hatte ich bereits im Vorjahr mitgemacht. Auch wenn sie mir sehr gefallen hatte und ich sie generell empfehlen kann, musste ich diesmal leider feststellen, dass der Eintrittspreis seit meinem Besuch im Juli 2007 von knapp 10 Euro auf jetzt fast 13 Euro, also um fast 3 Euro, angehoben worden war. Wahrscheinlich will mir jetzt einer erzählen, dass das am gestiegenen Ölpreis liegt.
Wie dem auch sei, wir schwiegen und bezahlten. Die Tour ist unterhaltsam, aber auch sehr informativ. Man erfährt interessantes über die einzelnen Schritte der Whiskey-Herstellung und natürlich die Besonderheiten des Jameson-Whiskeys. Doch kommen wir gleich zum Hauptobjekt der Begierde, dem Whiskey. Am Ende der Tour erhält jeder ein Glas Whiskey, sozusagen als Appetitmacher, bevor die Tour - welch Zufall - direkt vor dem Jameson-Gift-Shop endet.
Für sechs Freiwillige winkt am Ende der Tour aber auch noch eine kleine Whiskeyprobe, bei der man fünf verschiedene Whiskeysorten vergleichen darf und (hoffentlich) Jameson als seinen bevorzugten Whiskey auserwählt, natürlich völlig unbeeinflusst durch andere (hatte ich erwähnt, dass wir uns in der Jameson-Distillery befinden?). Die Aussicht auf insgesamt sechs Gläser Whiskey hatte mich bereits bei meinem vorherigen Besuch der Tour als Freiwilligen anbieten lassen, damals allerdings noch ohne Erfolg. Diesmal jedoch hatte es geklappt.
Die Whiskey-Probe läuft wie folgt: In der ersten Runde gilt es, die Unterschiede zwischen drei irischen Whiskey-Sorten (Paddy, Jameson und Powers Gold Label) herauszuschmecken. Das fällt nicht besonders schwer, da die geschmacklichen Unterschiede auch neben den jeweiligen Gläsern aufgeführt sind. Und wer sich noch etwas unsicher ist, kann ja noch einen kleinen Schluck nehmen. Am Ende der Runde wählt man seinen liebsten irischen Whiskey aus (hatte ich bereits erwähnt, dass wir uns in der Jameson-Distillery befinden?).
In der zweiten Runde gilt es, den favorisierten irischen Whiskey mit schottischem Scotch und amerikanischem Whisky (ja, ohne "e" ) zu vergleichen. Beim Scotch fällt besonders deutlich der rauchige Geschmack auf. Und der amerikanische, nur einfach destillierte Whisky, fällt noch deutlicher aus dem Rahmen. Aber wer sich unsicher ist, kann noch ein paar Schlucke nehmen. Am Ende dieser Runde wählt man seinen Gesamt-Favoriten aus. Ich darf hier verkünden, dass (soweit ich mich erinnere) alle Teilnehmer tatsächlich Jameson zu ihrem bevorzugten Whiskey erkoren (allerdings hatte mir auch Powers Gold Label zugesagt). Und als Belohnung erhielt jeder Teilnehmer eine mit Namen versehene Urkunde, die ihn als offiziellen Jameson-Whiskey-Tester ausweist. Ein Jahr in Irland, und ich habe es bereits zu einem Diplom gebracht. Wer hätte das gedacht. Das ganze sogar von meinem Freund Michael auf Video festgehalten. Angestoßen wurde natürlich mit einem Glas (Jameson-)Whiskey. Prost.
Als wir die Jameson-Distillery verließen, um zum nächsten Tagesordnungspunkt zu fahren, stach die Sonne grell in mein Auge. Plüschig-flockige, schneeweiße Wolken glitten über den Himmel und die Masten der Straßenlampen beugten sich mir entgegen. Zum Glück hält unweit der Distillery der LUAS, mit dem wir einen Stop weiter zum National History Museum fuhren.
Dort gab es den "Sea Stallion", einen Originalnachbau eines Wikinger-Langbootes aus dem 11. Jahrhundert, zu bestaunen. Das Boot ist hochseetauglich und wurde Anfang des Jahres über Wasser von Dänemark nach Irland überführt. In einem Raum des Museums kann man in einem Dokumentarfilm bewundern, mit welch einfachen Werkzeugen die Wikinger derart hochentwickelte Boote bauten.
Der Abend hielt ein besonderes Highlight bereit: Im "Brazen Head", Dublins ältestem Pub, verbrachten wir einen Abend mit „traditional Irish Food, Folk and Fairies“. Ein Storyteller führte uns bei Kerzenschein zurück in das 19. Jahrhundert in Irland, in die Zeit des großen Hungers, als Not und Auswanderung das Leben vieler irischer Generationen prägten. Er erzählte vom Leben der Menschen in jener Zeit, von ihrem Glauben an "Fairies" und "the Otherworld", und von den Geschichten, die die Menschen sich damals erzählten. Dazwischen gab es traditionelle irische Speisen, so zum Beispiel den bekannten "Irish Stew".
Alle waren von dem Abend begeistert. Für mich boten die Erzählungen reichlich Material und Hintergründe für kommende Beiträge zu diesem Blog. Die spannenden Ausführungen des Storytellers vermittelten einen tiefen und lebendigen Einblick in die Geschichte Irlands, und zeigten interessante Zusammenhänge auf. So ist zwar z.B. allgemein bekannt, dass die Iren gerne und viel Kartoffeln essen. Welche entscheidende Rolle diese kleine Knolle jedoch in der Geschichte Irlands und sogar darüber hinaus spielte, wurde mir erst an diesem Abend so richtig bewusst. Aber auf die Kartoffel und das Thema der großen Hungersnot werde ich noch in einem eigenen Artikel näher eingehen.
Anweisungen über den Umgang mit Fairies und Geschichten über Begegnungen mit diesen Fabelwesen der irischen Folklore rundeten den Abend ab. Alle Zuhörer hingen förmlich an den Lippen des Storytellers, der mittels Wörter Bilder vor unseren geistigen Augen erschuf ("we used words to paint pictures on the canvas of the minds" ). Es war ein wahrhaft magischer Abend.
Sonntag, 4. Mai
Der Storyteller hatte uns die passende Einstimmung für den zweiten Teil unseres Abenteuers Irland gegeben: Die Fahrt in den Westen. Am Sonntag galt es deshalb zunächst, den Mietwagen abzuholen. Hierbei gab es allerdings den ersten kleinen Dämpfer für uns: Die von mir gewählte Autovermietung weigerte sich, mich als Fahrer für den Wagen zuzulassen. Die Versicherung gelte nur für Touristen. Und da ich einen festen Wohnsitz in Irland habe, hier arbeite und Steuern zahle, gelte ich nicht als Tourist. Ich müsse meine eigene Autoversicherung mitbringen. Dies ist eigentlich unsinnig, da ich eine Autoversicherung nur bekomme, wenn ich auch ein Auto habe, und dann wiederum bräuchte ich keines zu mieten...
Wie dem auch sei, am Ende entschieden wir uns notgedrungen, dass Michael den Wagen fahren würde. Natürlich war er davon nicht gerade begeistert, besonders als er erfuhr, dass ca. 450.000 Autofahrer ohne Führerschein auf den Straßen Irlands unterwegs sind (auf die kuriosen Besonderheiten des irischen Führerscheinsystems werde ich bei anderer Gelegenheit näher eingehen). Dass Michael als alleiniger Fahrer vorgesehen war, sollte allerdings noch Folgen haben.
Nachdem wir zunächst vorsichtig ein paar mal um den Block gefahren waren, um uns mit dem Wagen und den Besonderheiten des Links-Fahrens und Links-Schaltens vertraut zu machen, programmierten wir das Navigationssystem und stürzten uns in den Straßenverkehr. Mir kam die Rolle des Navigators zu, sowohl für das Grobe ("Wir müssen auf die N9 in Richtung Cork" ), als auch für das Kleine ("Links bleiben... du hast Vorfahrt.... der hat Vorfahrt... links bleiben... beim Kreisverkehr innen bleiben... nicht sooo weit links fahren... das war der Bordstein..." ).
Mit Hilfe des Navis fanden wir schnell den richtigen Weg aus Dublin heraus und waren schon bald auf Landstraßen Irlands unterwegs. Erstes Etappenziel auf unserm Weg gen Westen war der "Rock of Cashel" (Co. Tipperary), den wir nach ca. 3 Stunden Fahrt von Dublin aus erreichten.

Diese imposante ehemalige Festungsanlage und Abtei hoch oben auf einem Fels war in frühen Zeiten Sitz der königlichen und religiösen Herrscher über die Region Munster, eine Bastion der Macht und des Glaubens. Lange Zeit wetteiferten Cashel und Tara um die Stellung als Machtzentrale Irlands. Im 10. Jahrhundert eroberten die O'Briens unter Führung von Brian Boru die Anlage, und 1101 schenkten die O'Briens die Anlage der Kirche, um sich die Gunst der Bischöfe zu sichern und den Streit um die militärische Bedeutung der Anlage zu beenden. Der Legende nach soll der heilige Patrick den Ort zum Bischofssitz gemacht und im Jahre 450 n. Chr. dort König Aengus getauft haben. Während der Zeremonie bohrte Patrick versehentlich seinen Bischofsstab in den Fuß von Aengus. König Aengus glaubte, dass dies Teil des Taufrituals war und ertrug die Schmerzen gleichmütig.
Vom "Rock of Cashel" fuhren wir weiter nach Ennis (Co Clare), unserem Endziel für diesen Tag (ca. 2 Stunden von Cashel). Dort genehmigten wir uns im sehr gemütlichen Pub "Cruises" ein Abendessen, bevor wir im "Brogan's" bei einer Life-Musik-Session den Tag ausklingen ließen.
Montag, 5. Mai
In der Nacht kam Michael kaum zum Schlafen. Ein mitgebrachtes Magen-Darm-Problem hatte sich derart verschlimmert, dass er fast die ganze Nacht auf dem Klo verbrachte. Entsprechend war er am Morgen ziemlich müde und ausgelaugt. Ursprünglich hatten wir vorgehabt, früh zu den Cliffs of Moher aufzubrechen und später am Tag vielleicht noch den Burren oder die Aillwee Caves mitzunehmen. Doch mit ihm als einzigem Fahrer, der in der Nacht kaum ein Auge zugetan und mit einem Magenproblem zu kämpfen hatte, war daran nicht zu denken. Wir änderten unseren Plan deshalb etwas ab und machten die Cliffs of Moher zum einzigen planmäßigen Stop für den Tag. Michael blieb noch so lange im Bett und versuchte etwas Schlaf aufzuholen, bis wir das Zimmer im B&B räumen mussten. In einem nahegelegenen Lebensmittelgeschäft besorgten wir noch ein passendes Mittel gegen sein Magenproblem, und mit einer Klopapierrolle im Gepäck brachen wir dann auf.
Nach etwa 45 Minuten Fahrt von Ennis aus erreichten wir gegen 12 Uhr die Cliffs of Moher. Der Anblick dieser imposanten und bis zu 200 Meter hohen Felsklippen ließ Michael sein Problem (fast) vergessen. Für mich war es der zweite Besuch bei den Klippen, aber ich war deswegen nicht weniger beeindruckt. Michael dagegen konnte sich an den atemberaubenden Felswänden nicht sattsehen. Hinzu kam, dass wir (erneut) bestes Wetter hatten, und sich die Klippen bei strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und ruhiger See in ihrer vollen Pracht präsentierten. Wir beschlossen, die Schönheit der Natur etwas länger auf uns wirken zu lassen, bevor wir uns auf die lange Fahrt zurück in Richtung Dublin machten. Schließlich kommt man nicht oft in den Genuss, die Klippen bei herrlichstem Wetter zu besuchen.

Zurück auf dem Parkplatz gab es einen weiteren kleinen Dämpfer: Das Navi berechnete für die Strecke zurück nach Trim, wo wir die letzte Station vor Dublin einlegen wollten, volle 7(!) Stunden Fahrzeit und ermittelte eine Ankunftszeit von 22 Uhr. Zwar machte uns diese Vorhersage etwas stutzig, aber wir hatten bereits für die wenigen Kilometer von Ennis bis zu den Klippen 45 Minuten benötigt. Die engen und kurvenreichen Landstraßen erlauben selten Geschwindigkeiten von mehr als 50 km/h. Somit vertrauten wir vorerst dem Navi und machten uns gegen 15:15 Uhr auf die Fahrt. Für Michael musste nach seiner schlaflosen Nacht die Aussicht auf sieben Stunden hinter dem Steuer wie ein Albtraum gewirkt haben.
Von den Cliffs of Moher aus führte uns das Navi zunächst nach Norden in Richtung Galway, entlang der landschaftlich sehr schönen Westküste und durch die karge Felslandschaft des Burren. Von der Landschaft bekam Michael aber nicht viel mit. Seine volle Aufmerksamkeit galt der schmalen Landstraße, die rechts und links entweder mit Steinmauern oder dichten Hecken und Bäumen gesäumt war. Kam ein Bus entgegen, musste man links(!) heranfahren und ihn passieren lassen. Unter diesen Umständen kamen wir nur sehr langsam voran. Wir verzichteten auf weitere Stopps, um uns andere Sachen anzusehen oder die Landschaft zu genießen. Die errechnete Ankunftszeit von 22 Uhr und die Aussicht auf 7 Stunden Fahrt schreckten uns ab. Es blieb auch bei der Vorbeifahrt am Eingang zu den Aillwee Caves.
Nach einer endlos erscheinenden Stunde erreichten wir den Großraum Galway. Von dort an wurden die Straßen breiter und waren wesentlich angenehmer zu fahren. Und siehe da: Das Navi korrigierte sich um volle 3(!) Stunden nach unten. Die neue Ankunftszeit wurde für 19 Uhr errechnet. Somit ergab sich eine Gesamtfahrtzeit von ca. 3 Stunden 45 Minuten für die Strecke von den Cliffs of Moher bis nach Trim. Diese Fahrtzeit klang wesentlich realistischer. Plötzlich sah die Welt wieder anders aus.
Gegen 17 Uhr legten wir in Athlone noch eine dringend benötigte Pause ein, und kamen schließlich um etwa 19 Uhr 30 wohlbehalten in Trim an. Das Gröbste der Tour und der für Michael anstrengendste Tag war geschafft. Die Belohnung für derartige Strapazen war die Unterkunft: Ich hatte das “Highfield House” ausgesucht. Dieses B&B ist im Stile eines vornehmen Landhauses aus dem 18. Jahrhundert eingerichtet. Die Zimmer sind mit alten Möbeln ausgestattet, auf den Betten finden sich reichlich Kissen, große Ölgemälde zieren die Wände und vor den Fenstern hängen schwere Vorhänge. Man fühlt sich wie in der Zeit zurückversetzt. Zum Glück aber muss man deswegen nicht auf modernen Komfort verzichten. Das Bad ist hochmodern und es gibt sogar einen Fernseher im Zimmer.
Nach einer kurzen Erholungspause gingen wir auf einen kleinen Bummel durch Trim. Das B&B liegt direkt gegenüber einer alten normannischen Burg aus dem 11. Jahrhundert. Viele Filmfans haben diese Burg bereits gesehen: Sie diente bei den Dreharbeiten zum Film "Braveheart" als Double für die Burg von York. Michael und mir präsentierte sich die am Abend verlassen daliegende Burg im rötlichen Licht der untergehenden Sonne.
Trim selbst ist ein kleines ländliches Städtchen, das außer der Burg keine besonderen Attraktionen hat. Hier sind die Uhren stehen geblieben, alles geht sehr ruhig und beschaulich zu. Die Menschen sind sehr freundlich und grüßen sogar Fremde auf der Straße, wie Michael und ich mehrfach feststellten. Als wir uns in einem Pub nach einem Restaurant erkundigten, hörte ich beim Verlassen, wie einer der Gäste sagte: "Jesus, those were two tall lads!". Der Anblick von zwei großen germanischen Kerlen sorgte für Aufregung in dem kleinen Städtchen. Wir waren vermutlich das Gesprächsthema der nächsten Tage. Und wer am nächsten Wochenende zufällig in Trim sein sollte, wird wahrscheinlich zu hören bekommen: "Du hättest letztes Wochenende da sein sollen. Da waren diese zwei baumlangen Kerle..."
Gegen 23 Uhr waren wir wieder in unserem B&B und beendeten den Tag. In der Nacht haben wir beide im wahrsten Sinne des Wortes "wie die Fürsten" geschlafen.
Dienstag, 6. Mai
Gut erholt nahmen wir am Morgen ein fürstliches Frühstück ein. Gegen 9:15 Uhr brachen wir dann auf, um nach Dublin und zum Flughafen zu fahren. Die Fahrt dauerte etwa 45 Minuten und verlief ohne Probleme. Auch die Rückgabe des Mietwagens ging reibungslos. Ich begleitete Michael noch in die Abflughalle, dann verabschiedeten wir uns. Aufregende Tage, in denen Michael von Ost nach West und zurück nach Ost quer durch Irland gereist war, gingen nun zu Ende. Es war ein Kurzurlaub, der uns beiden wohl noch lange in bester Erinnerung bleiben wird.
Insbesondere auch wegen des typisch irischen Wetters, das uns die ganzen Tage über begleitet hatte. Sonnenschein pur, kaum Wolken am Himmel, und unter anderem den bislang wärmsten Tag des Jahres. Was anderes kann man sich für einen Urlaub in Irland wohl nicht wünschen.
Die wichtigste Erkenntnis aus der Reise mit dem Auto ist, dass man viel Zeit mitbringen sollte. Autobahnen nach deutschem Standard darf man in Irland nicht erwarten. Sobald man aus dem Großraum Dublin raus ist, fährt man auf engen und oft einspurigen Landstraßen, durchquert Ortschaften mit Ampeln und muss sich an Kreisverkehren in den Verkehr einfädeln. Das alles kostet viel Zeit. Wer glaubt, mal "eben" von Dublin aus an die Westküste und zu den Cliffs of Moher fahren zu können, wird schnell eines Besseren belehrt. Es braucht viel Zeit, dieses kleine Land zu bereisen. Und diese Zeit sollte man sich nehmen.
Donnerstag, 1. Mai
Mein Freund Michael kam bereits gegen Mittag an. Da ich an dem Tag noch arbeiten musste, konnte ich ihn leider nicht am Flughafen in Empfang nehmen. Ich hatte ihm jedoch sehr detailliert aufgeschrieben, wie er vom Flughafen ins Stadtzentrum fahren sollte, und wo wir uns treffen würden: Am unübersehbaren "Spire" auf der O'Connell Street. Meine Befürchtungen waren unbegründet. Er kam ohne Mühe ins Stadtzentrum und fand sogar den "Spire" (er wollte aber nicht verraten, wie lange er suchen musste).
Am frühen Abend nach meiner Arbeit konnte ich ihn dann endlich in Irland willkommen heißen. Und was lag da näher, als dies bei einem Irish Coffee zu tun. In der Lounge des Gresham Hotels auf der O'Connell Street ließen wir es uns gutgehen und stießen auf die vor uns liegenden, unternehmungsreichen Tage an.
Nachdem wir sein Gepäck bei mir in der Wohnung untergebracht und sein Nachtquartier hergerichtet hatten, ging es erstmal zum Einkaufen. Schließlich mussten die Vorräte aufgestockt werden. Hierzu nahm ich ihn mit zu Tesco, das im nahegelegenen Shoppingzentrum von Dundrum zu finden ist. Zwar zeigte sich Michael erfreut, dass man dort an 7 Tagen in der Woche rund um die Uhr einkaufen kann. Bei dem Blick auf die Preise jedoch verging ihm das Lächeln wieder. Und als ich ihm verriet, was die Miete für das Apartment beträgt, musste er sich erstmal setzen. Tja, Irland ist teuer. Verdammt teuer.
Freitag, 2. Mai
Dass Irland nicht nur mit hohen Preisen aufwarten kann, sondern zum Ausgleich auch eine wunderschöne Natur zu bieten hat, bekam Michael gleich am nächsten Tag vorgeführt. Auf dem Programm stand eine Bustour nach Wicklow, dem "Garten Irlands". Nach einem kurzen Stop auf den Dublin Mountains (und einer guten Sicht auf Dublin) ging es hinein in die sanften Hügel, die Moorlandschaften und die tiefen Täler und klaren Gletscherseen Wicklows. Der Busfahrer wurde auch nicht müde zu erwähnen, welche Prominenten in Wicklow wohnen und welche bekannten Filme in Irland und vor allem in Wicklow gedreht wurden (so z.B. "Braveheart" ).

Der Höhepunkt derTour war die alte Klosterruine von Glendalough. Der Legende nach zog Anfang des 6. Jahrhunderts der junge Mönch Kevin in das wunderschöne Tal, um dort im Einklang mit der Natur zu leben. Recht bald jedoch begannen sich andere Menschen für den merkwürdigen Einsiedler zu interessieren und seine Lebensweise nachzunahmen. Vorbei war es mit der Ruhe. Schnell entstand eine kleine Siedlung, und später wurde dort ein Kloster errichtet. Heute ist Glendalough ein beliebter Ausflugsort für Touristen, Wanderer und Naturliebhaber. Das Tal der "Zwei Seen" ist auch ein beliebter Ort für Heiratsanträge.
Auf dem Friedhof der alten Klosteranlage befindet sich übrigens das älteste keltische Hochkreuz Irlands. Der für die späteren Hochkreuze so typische Steinkreis um das Kreuz ist noch nicht herausgearbeitet. Stattdessen befindet sich hinter dem Kreuz eine Steinscheibe, als Symbol für die Sonne. Es heißt, wenn man das Kreuz umarmt, hat man ein Jahr lang Glück - oder heiratet sogar innerhalb der nächsten zwölf Monate. Ich ließ mich von der Aussicht auf letzteres nicht abschrecken und gab dem Kreuz eine herzhafte Umarmung. Mal sehen, was sich im Laufe der nächsten zwölf Monate so ergibt...
Am Abend ging es nach Temple Bar, dem bekannten Kulturviertel Dublins. Dem Kulturanspruch werden jedoch nur die zahlreichen Straßenmusikanten halbwegs gerecht. Ansonsten verwandelt sich das Viertel vor allem abends in den Schauplatz anderer Aktivitäten, bei denen besonders der Spaßfaktor im Vordergrund steht, nämlich Wein... äh Guinness, Weib und Gesang. Michael und ich kehrten im "Ha'penny Bridge Inn" ein und genossen bei einem (!) Pint Guinness irische Life-Musik, bevor wir den ersten Tag ausklingen ließen.
Samstag, 3. Mai
Nachdem wir am Vortag für die Bustour zeitig hatten aufstehen müssen, ließen wir es am Samstag etwas ruhiger angehen. Sightseeing in Dublin statt auf dem Plan. Als besondere Highlights hatten wir das Gefängnis von Kilmainham, die Old Jameson Distillery und das National History Museum auserkoren. Der Anblick einer längeren Besucherschlange vor dem Kilmainham Jail ließ uns dann allerdings gleich zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen, dem Besuch der Jameson Distillery.
Die Tour durch die alte Jameson Distillery hatte ich bereits im Vorjahr mitgemacht. Auch wenn sie mir sehr gefallen hatte und ich sie generell empfehlen kann, musste ich diesmal leider feststellen, dass der Eintrittspreis seit meinem Besuch im Juli 2007 von knapp 10 Euro auf jetzt fast 13 Euro, also um fast 3 Euro, angehoben worden war. Wahrscheinlich will mir jetzt einer erzählen, dass das am gestiegenen Ölpreis liegt.Wie dem auch sei, wir schwiegen und bezahlten. Die Tour ist unterhaltsam, aber auch sehr informativ. Man erfährt interessantes über die einzelnen Schritte der Whiskey-Herstellung und natürlich die Besonderheiten des Jameson-Whiskeys. Doch kommen wir gleich zum Hauptobjekt der Begierde, dem Whiskey. Am Ende der Tour erhält jeder ein Glas Whiskey, sozusagen als Appetitmacher, bevor die Tour - welch Zufall - direkt vor dem Jameson-Gift-Shop endet.
Für sechs Freiwillige winkt am Ende der Tour aber auch noch eine kleine Whiskeyprobe, bei der man fünf verschiedene Whiskeysorten vergleichen darf und (hoffentlich) Jameson als seinen bevorzugten Whiskey auserwählt, natürlich völlig unbeeinflusst durch andere (hatte ich erwähnt, dass wir uns in der Jameson-Distillery befinden?). Die Aussicht auf insgesamt sechs Gläser Whiskey hatte mich bereits bei meinem vorherigen Besuch der Tour als Freiwilligen anbieten lassen, damals allerdings noch ohne Erfolg. Diesmal jedoch hatte es geklappt.
Die Whiskey-Probe läuft wie folgt: In der ersten Runde gilt es, die Unterschiede zwischen drei irischen Whiskey-Sorten (Paddy, Jameson und Powers Gold Label) herauszuschmecken. Das fällt nicht besonders schwer, da die geschmacklichen Unterschiede auch neben den jeweiligen Gläsern aufgeführt sind. Und wer sich noch etwas unsicher ist, kann ja noch einen kleinen Schluck nehmen. Am Ende der Runde wählt man seinen liebsten irischen Whiskey aus (hatte ich bereits erwähnt, dass wir uns in der Jameson-Distillery befinden?).
In der zweiten Runde gilt es, den favorisierten irischen Whiskey mit schottischem Scotch und amerikanischem Whisky (ja, ohne "e" ) zu vergleichen. Beim Scotch fällt besonders deutlich der rauchige Geschmack auf. Und der amerikanische, nur einfach destillierte Whisky, fällt noch deutlicher aus dem Rahmen. Aber wer sich unsicher ist, kann noch ein paar Schlucke nehmen. Am Ende dieser Runde wählt man seinen Gesamt-Favoriten aus. Ich darf hier verkünden, dass (soweit ich mich erinnere) alle Teilnehmer tatsächlich Jameson zu ihrem bevorzugten Whiskey erkoren (allerdings hatte mir auch Powers Gold Label zugesagt). Und als Belohnung erhielt jeder Teilnehmer eine mit Namen versehene Urkunde, die ihn als offiziellen Jameson-Whiskey-Tester ausweist. Ein Jahr in Irland, und ich habe es bereits zu einem Diplom gebracht. Wer hätte das gedacht. Das ganze sogar von meinem Freund Michael auf Video festgehalten. Angestoßen wurde natürlich mit einem Glas (Jameson-)Whiskey. Prost.
Als wir die Jameson-Distillery verließen, um zum nächsten Tagesordnungspunkt zu fahren, stach die Sonne grell in mein Auge. Plüschig-flockige, schneeweiße Wolken glitten über den Himmel und die Masten der Straßenlampen beugten sich mir entgegen. Zum Glück hält unweit der Distillery der LUAS, mit dem wir einen Stop weiter zum National History Museum fuhren.
Dort gab es den "Sea Stallion", einen Originalnachbau eines Wikinger-Langbootes aus dem 11. Jahrhundert, zu bestaunen. Das Boot ist hochseetauglich und wurde Anfang des Jahres über Wasser von Dänemark nach Irland überführt. In einem Raum des Museums kann man in einem Dokumentarfilm bewundern, mit welch einfachen Werkzeugen die Wikinger derart hochentwickelte Boote bauten.Der Abend hielt ein besonderes Highlight bereit: Im "Brazen Head", Dublins ältestem Pub, verbrachten wir einen Abend mit „traditional Irish Food, Folk and Fairies“. Ein Storyteller führte uns bei Kerzenschein zurück in das 19. Jahrhundert in Irland, in die Zeit des großen Hungers, als Not und Auswanderung das Leben vieler irischer Generationen prägten. Er erzählte vom Leben der Menschen in jener Zeit, von ihrem Glauben an "Fairies" und "the Otherworld", und von den Geschichten, die die Menschen sich damals erzählten. Dazwischen gab es traditionelle irische Speisen, so zum Beispiel den bekannten "Irish Stew".
Alle waren von dem Abend begeistert. Für mich boten die Erzählungen reichlich Material und Hintergründe für kommende Beiträge zu diesem Blog. Die spannenden Ausführungen des Storytellers vermittelten einen tiefen und lebendigen Einblick in die Geschichte Irlands, und zeigten interessante Zusammenhänge auf. So ist zwar z.B. allgemein bekannt, dass die Iren gerne und viel Kartoffeln essen. Welche entscheidende Rolle diese kleine Knolle jedoch in der Geschichte Irlands und sogar darüber hinaus spielte, wurde mir erst an diesem Abend so richtig bewusst. Aber auf die Kartoffel und das Thema der großen Hungersnot werde ich noch in einem eigenen Artikel näher eingehen.
Anweisungen über den Umgang mit Fairies und Geschichten über Begegnungen mit diesen Fabelwesen der irischen Folklore rundeten den Abend ab. Alle Zuhörer hingen förmlich an den Lippen des Storytellers, der mittels Wörter Bilder vor unseren geistigen Augen erschuf ("we used words to paint pictures on the canvas of the minds" ). Es war ein wahrhaft magischer Abend.
Sonntag, 4. Mai
Der Storyteller hatte uns die passende Einstimmung für den zweiten Teil unseres Abenteuers Irland gegeben: Die Fahrt in den Westen. Am Sonntag galt es deshalb zunächst, den Mietwagen abzuholen. Hierbei gab es allerdings den ersten kleinen Dämpfer für uns: Die von mir gewählte Autovermietung weigerte sich, mich als Fahrer für den Wagen zuzulassen. Die Versicherung gelte nur für Touristen. Und da ich einen festen Wohnsitz in Irland habe, hier arbeite und Steuern zahle, gelte ich nicht als Tourist. Ich müsse meine eigene Autoversicherung mitbringen. Dies ist eigentlich unsinnig, da ich eine Autoversicherung nur bekomme, wenn ich auch ein Auto habe, und dann wiederum bräuchte ich keines zu mieten...
Wie dem auch sei, am Ende entschieden wir uns notgedrungen, dass Michael den Wagen fahren würde. Natürlich war er davon nicht gerade begeistert, besonders als er erfuhr, dass ca. 450.000 Autofahrer ohne Führerschein auf den Straßen Irlands unterwegs sind (auf die kuriosen Besonderheiten des irischen Führerscheinsystems werde ich bei anderer Gelegenheit näher eingehen). Dass Michael als alleiniger Fahrer vorgesehen war, sollte allerdings noch Folgen haben.
Nachdem wir zunächst vorsichtig ein paar mal um den Block gefahren waren, um uns mit dem Wagen und den Besonderheiten des Links-Fahrens und Links-Schaltens vertraut zu machen, programmierten wir das Navigationssystem und stürzten uns in den Straßenverkehr. Mir kam die Rolle des Navigators zu, sowohl für das Grobe ("Wir müssen auf die N9 in Richtung Cork" ), als auch für das Kleine ("Links bleiben... du hast Vorfahrt.... der hat Vorfahrt... links bleiben... beim Kreisverkehr innen bleiben... nicht sooo weit links fahren... das war der Bordstein..." ).
Mit Hilfe des Navis fanden wir schnell den richtigen Weg aus Dublin heraus und waren schon bald auf Landstraßen Irlands unterwegs. Erstes Etappenziel auf unserm Weg gen Westen war der "Rock of Cashel" (Co. Tipperary), den wir nach ca. 3 Stunden Fahrt von Dublin aus erreichten.

Diese imposante ehemalige Festungsanlage und Abtei hoch oben auf einem Fels war in frühen Zeiten Sitz der königlichen und religiösen Herrscher über die Region Munster, eine Bastion der Macht und des Glaubens. Lange Zeit wetteiferten Cashel und Tara um die Stellung als Machtzentrale Irlands. Im 10. Jahrhundert eroberten die O'Briens unter Führung von Brian Boru die Anlage, und 1101 schenkten die O'Briens die Anlage der Kirche, um sich die Gunst der Bischöfe zu sichern und den Streit um die militärische Bedeutung der Anlage zu beenden. Der Legende nach soll der heilige Patrick den Ort zum Bischofssitz gemacht und im Jahre 450 n. Chr. dort König Aengus getauft haben. Während der Zeremonie bohrte Patrick versehentlich seinen Bischofsstab in den Fuß von Aengus. König Aengus glaubte, dass dies Teil des Taufrituals war und ertrug die Schmerzen gleichmütig.
Vom "Rock of Cashel" fuhren wir weiter nach Ennis (Co Clare), unserem Endziel für diesen Tag (ca. 2 Stunden von Cashel). Dort genehmigten wir uns im sehr gemütlichen Pub "Cruises" ein Abendessen, bevor wir im "Brogan's" bei einer Life-Musik-Session den Tag ausklingen ließen.
Montag, 5. Mai
In der Nacht kam Michael kaum zum Schlafen. Ein mitgebrachtes Magen-Darm-Problem hatte sich derart verschlimmert, dass er fast die ganze Nacht auf dem Klo verbrachte. Entsprechend war er am Morgen ziemlich müde und ausgelaugt. Ursprünglich hatten wir vorgehabt, früh zu den Cliffs of Moher aufzubrechen und später am Tag vielleicht noch den Burren oder die Aillwee Caves mitzunehmen. Doch mit ihm als einzigem Fahrer, der in der Nacht kaum ein Auge zugetan und mit einem Magenproblem zu kämpfen hatte, war daran nicht zu denken. Wir änderten unseren Plan deshalb etwas ab und machten die Cliffs of Moher zum einzigen planmäßigen Stop für den Tag. Michael blieb noch so lange im Bett und versuchte etwas Schlaf aufzuholen, bis wir das Zimmer im B&B räumen mussten. In einem nahegelegenen Lebensmittelgeschäft besorgten wir noch ein passendes Mittel gegen sein Magenproblem, und mit einer Klopapierrolle im Gepäck brachen wir dann auf.
Nach etwa 45 Minuten Fahrt von Ennis aus erreichten wir gegen 12 Uhr die Cliffs of Moher. Der Anblick dieser imposanten und bis zu 200 Meter hohen Felsklippen ließ Michael sein Problem (fast) vergessen. Für mich war es der zweite Besuch bei den Klippen, aber ich war deswegen nicht weniger beeindruckt. Michael dagegen konnte sich an den atemberaubenden Felswänden nicht sattsehen. Hinzu kam, dass wir (erneut) bestes Wetter hatten, und sich die Klippen bei strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und ruhiger See in ihrer vollen Pracht präsentierten. Wir beschlossen, die Schönheit der Natur etwas länger auf uns wirken zu lassen, bevor wir uns auf die lange Fahrt zurück in Richtung Dublin machten. Schließlich kommt man nicht oft in den Genuss, die Klippen bei herrlichstem Wetter zu besuchen.

Zurück auf dem Parkplatz gab es einen weiteren kleinen Dämpfer: Das Navi berechnete für die Strecke zurück nach Trim, wo wir die letzte Station vor Dublin einlegen wollten, volle 7(!) Stunden Fahrzeit und ermittelte eine Ankunftszeit von 22 Uhr. Zwar machte uns diese Vorhersage etwas stutzig, aber wir hatten bereits für die wenigen Kilometer von Ennis bis zu den Klippen 45 Minuten benötigt. Die engen und kurvenreichen Landstraßen erlauben selten Geschwindigkeiten von mehr als 50 km/h. Somit vertrauten wir vorerst dem Navi und machten uns gegen 15:15 Uhr auf die Fahrt. Für Michael musste nach seiner schlaflosen Nacht die Aussicht auf sieben Stunden hinter dem Steuer wie ein Albtraum gewirkt haben.
Von den Cliffs of Moher aus führte uns das Navi zunächst nach Norden in Richtung Galway, entlang der landschaftlich sehr schönen Westküste und durch die karge Felslandschaft des Burren. Von der Landschaft bekam Michael aber nicht viel mit. Seine volle Aufmerksamkeit galt der schmalen Landstraße, die rechts und links entweder mit Steinmauern oder dichten Hecken und Bäumen gesäumt war. Kam ein Bus entgegen, musste man links(!) heranfahren und ihn passieren lassen. Unter diesen Umständen kamen wir nur sehr langsam voran. Wir verzichteten auf weitere Stopps, um uns andere Sachen anzusehen oder die Landschaft zu genießen. Die errechnete Ankunftszeit von 22 Uhr und die Aussicht auf 7 Stunden Fahrt schreckten uns ab. Es blieb auch bei der Vorbeifahrt am Eingang zu den Aillwee Caves.
Nach einer endlos erscheinenden Stunde erreichten wir den Großraum Galway. Von dort an wurden die Straßen breiter und waren wesentlich angenehmer zu fahren. Und siehe da: Das Navi korrigierte sich um volle 3(!) Stunden nach unten. Die neue Ankunftszeit wurde für 19 Uhr errechnet. Somit ergab sich eine Gesamtfahrtzeit von ca. 3 Stunden 45 Minuten für die Strecke von den Cliffs of Moher bis nach Trim. Diese Fahrtzeit klang wesentlich realistischer. Plötzlich sah die Welt wieder anders aus.
Gegen 17 Uhr legten wir in Athlone noch eine dringend benötigte Pause ein, und kamen schließlich um etwa 19 Uhr 30 wohlbehalten in Trim an. Das Gröbste der Tour und der für Michael anstrengendste Tag war geschafft. Die Belohnung für derartige Strapazen war die Unterkunft: Ich hatte das “Highfield House” ausgesucht. Dieses B&B ist im Stile eines vornehmen Landhauses aus dem 18. Jahrhundert eingerichtet. Die Zimmer sind mit alten Möbeln ausgestattet, auf den Betten finden sich reichlich Kissen, große Ölgemälde zieren die Wände und vor den Fenstern hängen schwere Vorhänge. Man fühlt sich wie in der Zeit zurückversetzt. Zum Glück aber muss man deswegen nicht auf modernen Komfort verzichten. Das Bad ist hochmodern und es gibt sogar einen Fernseher im Zimmer.
Nach einer kurzen Erholungspause gingen wir auf einen kleinen Bummel durch Trim. Das B&B liegt direkt gegenüber einer alten normannischen Burg aus dem 11. Jahrhundert. Viele Filmfans haben diese Burg bereits gesehen: Sie diente bei den Dreharbeiten zum Film "Braveheart" als Double für die Burg von York. Michael und mir präsentierte sich die am Abend verlassen daliegende Burg im rötlichen Licht der untergehenden Sonne.Trim selbst ist ein kleines ländliches Städtchen, das außer der Burg keine besonderen Attraktionen hat. Hier sind die Uhren stehen geblieben, alles geht sehr ruhig und beschaulich zu. Die Menschen sind sehr freundlich und grüßen sogar Fremde auf der Straße, wie Michael und ich mehrfach feststellten. Als wir uns in einem Pub nach einem Restaurant erkundigten, hörte ich beim Verlassen, wie einer der Gäste sagte: "Jesus, those were two tall lads!". Der Anblick von zwei großen germanischen Kerlen sorgte für Aufregung in dem kleinen Städtchen. Wir waren vermutlich das Gesprächsthema der nächsten Tage. Und wer am nächsten Wochenende zufällig in Trim sein sollte, wird wahrscheinlich zu hören bekommen: "Du hättest letztes Wochenende da sein sollen. Da waren diese zwei baumlangen Kerle..."
Gegen 23 Uhr waren wir wieder in unserem B&B und beendeten den Tag. In der Nacht haben wir beide im wahrsten Sinne des Wortes "wie die Fürsten" geschlafen.
Dienstag, 6. Mai
Gut erholt nahmen wir am Morgen ein fürstliches Frühstück ein. Gegen 9:15 Uhr brachen wir dann auf, um nach Dublin und zum Flughafen zu fahren. Die Fahrt dauerte etwa 45 Minuten und verlief ohne Probleme. Auch die Rückgabe des Mietwagens ging reibungslos. Ich begleitete Michael noch in die Abflughalle, dann verabschiedeten wir uns. Aufregende Tage, in denen Michael von Ost nach West und zurück nach Ost quer durch Irland gereist war, gingen nun zu Ende. Es war ein Kurzurlaub, der uns beiden wohl noch lange in bester Erinnerung bleiben wird.
Insbesondere auch wegen des typisch irischen Wetters, das uns die ganzen Tage über begleitet hatte. Sonnenschein pur, kaum Wolken am Himmel, und unter anderem den bislang wärmsten Tag des Jahres. Was anderes kann man sich für einen Urlaub in Irland wohl nicht wünschen.
Die wichtigste Erkenntnis aus der Reise mit dem Auto ist, dass man viel Zeit mitbringen sollte. Autobahnen nach deutschem Standard darf man in Irland nicht erwarten. Sobald man aus dem Großraum Dublin raus ist, fährt man auf engen und oft einspurigen Landstraßen, durchquert Ortschaften mit Ampeln und muss sich an Kreisverkehren in den Verkehr einfädeln. Das alles kostet viel Zeit. Wer glaubt, mal "eben" von Dublin aus an die Westküste und zu den Cliffs of Moher fahren zu können, wird schnell eines Besseren belehrt. Es braucht viel Zeit, dieses kleine Land zu bereisen. Und diese Zeit sollte man sich nehmen.
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