Das Gerichtsgebäude "Kilmainham Court" liegt direkt neben dem berühmten "Kilmainham Gaol", dem historischen Gefängnis von Dublin, vor dem die Touristen Schlange stehen. Nur wenigen Touristen aber dürfte die Gelegenheit zuteil werden, auch das historisch bestimmt ebenso interessante Gerichtsgebäude von innen zu sehen. Das liegt daran, dass dort heutzutage noch täglich zahlreiche Fälle verhandelt werden. Man muss also schon ein entsprechendes Anliegen haben, um das Gebäude betreten zu wollen (oder zu müssen). Diese durchaus interessante Gelegenheit wurde mir heute zuteil.
Heute wurde vor dem Kilmainham District Court mein Fall "Chris" verhandelt. Zur Erinnerung: Chris ist der angebliche Wohnungsvermittler, der im Mai letzten Jahres von mir eine Monatsmiete und Kaution für ein Apartment kassiert und sich danach aus dem Staub gemacht hatte, ohne mir umgekehrt Schlüssel und Mietvertrag zukommen zu lassen. Obwohl ich den Vorfall umgehend gemeldet hatte, hatte es sehr lange gedauert, bis die Polizei überhaupt tätig wurde und Chris ausfindig machen konnte. Aber nun kam der Fall endlich vor Gericht. Es geht um immerhin 1.700 Euro.
Am Morgen fuhr ich mit dem LUAS in die Stadt und nahm vom St. Stephen's Green ein Taxi, da ich sichergehen wollte, rechtzeitig zum Beginn der Verhandlung um 10.30 Uhr am Gerichtsgebäude zu sein. Der Taxifahrer zeigte sich natürlich interessiert, was mich vor Gericht führte. Als ich ihm erklärte, dass ich als Zeuge zu einem Fall aussagen sollte, erzählte er mir daraufhin von seinen eigenen Erfahrungen vor Gericht. Insbesondere warnte er mich vor, dass es u. U. sehr lange dauern kann, bis ein Fall aufgerufen wird. Er selbst hatte einmal bis zum späten Nachmittag warten müssen. Ich hoffte, dass mir Vergleichbares erspart bleiben würde.
Er erzählte mir auch von dem "Hitman" Fall, der derzeit in Dublin vor Gericht verhandelt wird und großes Medieninteresse auf sich gezogen hat. Bei dem Fall geht es um eine Frau, die sich ihres wohlhabenden Lebenspartners entledigen wollte, um an sein Vermögen zu gelangen. Die Frau hatte Kontakt zu einem Auftragskiller aufgenommen, den sie über eine Internet-Seite (!!) ausfindig gemacht hatte. Der Auftragskiller, ein Ägypter, der hauptberuflich als Croupier in einem Kasino in Las Vegas tätig war, nahm Kontakt mit seinem Opfer auf, und bot ihm an, bei Zahlung von 100.000 Euro seinen Auftrag nicht auszuführen. Die Frau muss sich nun wegen Verschwörung vor Gericht verantworten, der Ägypter für versuchte Erpressung. Der Fall mit einem Plot wie aus einem billigen Thriller fesselt schon seit Wochen die irische Öffentlichkeit.
Als mich der Taxifahrer gegen 9.45 Uhr vor dem Gerichtsgebäude absetzte, war es natürlich noch viel zu früh. Das Gebäude war noch nicht einmal geöffnet. Die mir genannte Uhrzeit von 10.30 Uhr war nicht etwa die Uhrzeit für meinen Fall, sondern nur die Uhrzeit, zu der das Gericht generell öffnet und seine Tätigkeit aufnimmt. Notgedrungen übte ich mich in Geduld und wartete wie einige andere auch vor dem Gebäude auf Einlass.
Um 10.30 Uhr traf auch Ken ein, der für meinen Fall zuständige Polizeibeamte, und wir betraten gemeinsam das Gebäude. Die Eingangstür führte zunächst in einen kleinen Vorraum, wo ich bereits einige Anwälte sah, die Gespräche mit ihren Klienten führten oder telefonierten. Von diesem Vorraum aus gelangte man durch zwei kleinere Türen rechts und links in den eigentlichen großen Verhandlungssaal. Und etwas derartiges hatte ich nicht erwartet.
Bislang hatte ich zweimal in Deutschland vor Gericht erscheinen müssen. Einmal als Zeuge in einem beruflichen Fall, und das zweite Mal anlässlich meiner Scheidung. Von diesen Anlässen her hatte ich ein großes Gerichtsgebäude mit zahlreichen Etagen und verwinkelten Fluren erwartet, auf denen man verzweifelt irgendein Verhandlungszimmer XYZ 123 suchen muss.

Das Kilmainham Court House ist anders. Es hat keine Etagen und auch keine verwinkelten Fluren. Es gibt nur einen einzigen großen Gerichtssaal, in dem nach alter Sitte alle Fälle der Reihe nach aufgerufen und öffentlich verhandelt werden. Als ich den Saal betrat, herrschte bereits emsiges Treiben. Polizeibeamte liefen hin und her, um Unterlagen zu holen oder standen bereit, um als Zeugen aufgerufen zu werden, Anwälte berieten sich mit ihren Klienten, und auf Holzbänken saßen Zeugen oder Angehörige. Im Vergleich hierzu waren meine Gerichtstermine in Deutschland intime Angelegenheiten, bei denen nur die direkt am Prozess beteiligten Personen anwesend waren. Und mir dämmerte, dass ich, falls ich denn in den Zeugenstand gerufen werden würde, vor all diesen Menschen im Saal würde sprechen müssen.
Es war einer dieser Gerichtssäle, wie man sie aus alten englischen oder amerikanischen Filmen kennt: Durch hölzerne Balustraden abgetrennte Bereiche, in denen sich die Tische und Bänke für Anwälte und Angeklagte befanden, den etwas erhobenen Zeugenstand mit auf der Balustrade montiertem Mikrofon, das große, schwere Pult für den Richter, unterhalb davon platziert die Schriftführerin. Hoch über dem Innenraum waren rechts und links hölzerne Galerien für Zuschauer. Im Hintergrund des Saales, in der Nähe der Eingangstüten, befanden sich hintereinander vier einfache Holzbänke, auf denen Zuschauer und Zeugen Platz nehmen konnten. Von der hohen Decke des Saales baumelte ein großer Leuchter. Es war ein richtig altmodischer Gerichtssaal, in dem schon seit über hundert Jahren Gericht gehalten wird. Nur das für Renovierungsarbeiten an der Wand hinter dem Richterstuhl angebrachte Gerüst und die Abdeckplanen störten das altertümliche Erscheinungsbild.
Ken wies mich an, auf der Wartebank Platz zu nehmen. Dort fand ich mich zwischen zahlreichen der sog. "Hoodies", jungen Typen, meist arbeitslos, die bevorzugt in Jogginghose und Sweat-Shirt mit angesetzter Kapuze herumlaufen und häufig genug als Unruhestifter auffällig werden. Ich, mit Anzug, Hemd und Krawatte nebst Krawattennadel, fiel da gehörig aus dem Rahmen und hätte locker den Preis für den "Best Dressed Witness" gewonnen. Ich wartete eigentlich ständig darauf, dass mich einer der Hoodies anquatschte und fragte: "Wat für krumme Sachen drehsn du so?".
Als die Richterin den Saal betrat, mussten sich alle von ihren Plätzen erheben. Dann kehrte endlich etwas Ruhe ein und es ging so richtig los. Die Fälle wurden aufgerufen und Zeugen, die meisten Polizisten in Uniform, kamen nacheinander in den Zeugenstand, um ihre Aussage zu machen. Obwohl sowohl Zeugen als auch Richterin Mikrofone hatten, bekam ich von den Fällen meist nur Bruchstücke mit, und konnte nur vermuten, worum es ging. Die Akustik war nicht berauschend, die Anwälte standen und sprachen mit dem Rücken zu uns auf den Bänken und waren somit schwer zu verstehen, es wurde allgemein sehr schnell gesprochen, und im hinteren Teil des Saales, wo die Wartebänke waren, war es generell unruhig. Ständig ging irgendwo eine Tür auf, Personen kamen und gingen, Anwälte riefen flüsternd ihre Klienten zu sich, um sich mit ihnen im Vorraum zu besprechen. Oft genug forderte die Richterin "Silence in court!".
Was ich von den anderen Fällen mitbekam, handelte von kleineren Delikten wie Sachbeschädigung (Auffahren auf ein parkendes Auto), Drogenbesitz oder Verstöße gegen Bewährungsauflagen. Einige der Angeklagten hatten bereits ein beachtliches Vorstrafenregister, dessen Verlesen recht lange dauerte. Die Richterin fertigte jeden Fall energisch und zügig ab. Fehlten Beweise oder waren Zeugen nicht anwesend, hielt sie sich nicht lange damit auf und vertagte den Fall. Langes Herumgerede wiegelte sie rasch ab. Eine solche energische Richterin, sagte ich mir, konnte für meinen Fall eigentlich nur gut sein.
Mir wurde aber auch sehr schnell klar, dass es durchaus lange dauern würde, bis mein Fall zum Aufruf kommen würde. Auch Ken hatte da keinen Einfluss drauf, und so blieb mir nur, mich in Geduld zu üben und wenigstens zu versuchen, den anderen Fällen zu folgen. Mich interessierten besonders die Personen im Zeugenstand, denn dort würde auch ich mich unter Umständen bald wiederfinden. Ich beobachtete, wie sie als erstes ihren Eid leisteten, dabei ein kleines Buch (Bibel? Verfassung?) hoch hielten und etwas ins Mikrofon nuschelten. Ich versuchte zu verstehen, welchen Text genau sie sagten, und überlegte mir, was ich sagen würde, wenn ich an die Reihe käme. Ich würde darum bitten müssen, mir die Prozedur genau zu erklären, schließlich hatte ich keinerlei Erfahrung.
Während ich so grübelte und mich in dem Saal umblickte, entdeckte ich nur wenige Plätze hinter mir auf einer der Bänke Chris. Nach mehr als einem Jahr nun sah ich ihn zum ersten Mal wieder. Er trug sein Haar deutlich länger, und er war etwas fülliger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Aber ich erkannte ihn wieder. Er dagegen erkannte mich nicht und folgte gedankenverloren dem Geschehen im Saal. Oder er gab vor, mich nicht bemerkt und erkannt zu haben. Ich unternahm auch keine Anstalten, ihn anzusprechen, obwohl es mich durchaus juckte, noch einmal sein "Welcome to Ireland" zu hören, mit dem er damals immer seine Erklärungen der Besonderheiten bei der Vorgehensweise zur Wohnungsvermietung in Irland einleitete.
Tja, und dann wurde gegen 12 Uhr 30, nach fast zweistündigem Warten, endlich mein Fall aufgerufen. Kurz davor hatte mir Ken noch mitgeteilt, dass immer noch nicht bekannt war, ob Chris auf "schuldig" oder "nicht schuldig" plädieren würde. Als der Fall aufgerufen wurde, machte sich Ken bereit, in den Zeugenstand zu gehen, während Chris aus dem hinteren Teil des Saales nach vorne auf die Anklagebank eilte und dort stehen blieb, mit dem Rücken zu mir. Dann ging alles sehr schnell: Anwälte und Richterin wechselten ein paar Worte, von denen ich leider wieder nichts mitbekam, und dann war auch schon alles vorbei. Das Ganze hatte vielleicht gerade mal 30 Sekunden gedauert. Ken musste nicht einmal in den Zeugenstand und aussagen. Chris, bzw. sein Anwalt, hatte auf "schuldig" plädiert. Und damit war die ganze Sache schnell vom Tisch, da es eigentlich nichts mehr zu verhandeln gab.
Im Nachhinein war ich schon etwas enttäuscht, dass alles nur so kurz gedauert hatte und ich dafür extra hatte kommen müssen. Ich hatte nicht einmal in den Zeugenstand gemusst, worauf ich mich innerlich schon eingestellt hatte. Auch werde ich nie erfahren, wie sich Chris aus der Sache herauszureden gedacht hatte. Aber so hatte sich die Sache natürlich erheblich vereinfacht. Vermutlich hatten er und sein Anwalt eingesehen, dass man sich nur immer tiefer in die Geschichte hereingeritten hätte, wenn man weiterhin auf "nicht schuldig" bestanden hätte. Alle Beweise sprachen ja eindeutig gegen Chris.
Wie geht die Sache nun weiter? Noch ist der Fall nicht abgeschlossen, denn ich habe ja mein Geld noch nicht. Wie mir Ken erläuterte, wird es einen weiteren Verhandlungstermin Ende Oktober geben, an dem Chris "compensation" zu leisten hat, sprich das Geld zurückzahlen muss. Ob er die volle Summe erstattet, wird man sehen. Je mehr von dem Geld er mitbringt, umso besser für ihn. Kann er das Geld nicht oder nicht vollständig zurückzahlen, droht Bestrafung in anderer Form, evtl. auch mit Gefängnis. Dies würde mir zwar nicht zu meinem Geld verhelfen, aber immerhin kommt Chris nicht ungeschoren davon. Zu dem zweiten Termin muss ich nicht unbedingt anwesend sein, darf aber natürlich aus reinem Interesse teilnehmen. Auch erhalte ich so eine weitere Gelegenheit, einen irischen Gerichtssaal von Innen zu sehen.
So endete mein interessanter Tag im Kilmainham District Court. Auch wenn es noch einmal Warten heißt und es erst im Oktober weitergeht, ist es schön zu wissen, dass der Fall seinem Abschluss entgegen geht.
Nachzutragen bleibt noch eine andere positive Meldung: Weil es an diesem Tag regnete, konnte ich endlich meine neue Gore-Tex-Jacke ausprobieren. Wer sagt, dass Regentage nichts Gutes haben?
Heute wurde vor dem Kilmainham District Court mein Fall "Chris" verhandelt. Zur Erinnerung: Chris ist der angebliche Wohnungsvermittler, der im Mai letzten Jahres von mir eine Monatsmiete und Kaution für ein Apartment kassiert und sich danach aus dem Staub gemacht hatte, ohne mir umgekehrt Schlüssel und Mietvertrag zukommen zu lassen. Obwohl ich den Vorfall umgehend gemeldet hatte, hatte es sehr lange gedauert, bis die Polizei überhaupt tätig wurde und Chris ausfindig machen konnte. Aber nun kam der Fall endlich vor Gericht. Es geht um immerhin 1.700 Euro.
Am Morgen fuhr ich mit dem LUAS in die Stadt und nahm vom St. Stephen's Green ein Taxi, da ich sichergehen wollte, rechtzeitig zum Beginn der Verhandlung um 10.30 Uhr am Gerichtsgebäude zu sein. Der Taxifahrer zeigte sich natürlich interessiert, was mich vor Gericht führte. Als ich ihm erklärte, dass ich als Zeuge zu einem Fall aussagen sollte, erzählte er mir daraufhin von seinen eigenen Erfahrungen vor Gericht. Insbesondere warnte er mich vor, dass es u. U. sehr lange dauern kann, bis ein Fall aufgerufen wird. Er selbst hatte einmal bis zum späten Nachmittag warten müssen. Ich hoffte, dass mir Vergleichbares erspart bleiben würde.
Er erzählte mir auch von dem "Hitman" Fall, der derzeit in Dublin vor Gericht verhandelt wird und großes Medieninteresse auf sich gezogen hat. Bei dem Fall geht es um eine Frau, die sich ihres wohlhabenden Lebenspartners entledigen wollte, um an sein Vermögen zu gelangen. Die Frau hatte Kontakt zu einem Auftragskiller aufgenommen, den sie über eine Internet-Seite (!!) ausfindig gemacht hatte. Der Auftragskiller, ein Ägypter, der hauptberuflich als Croupier in einem Kasino in Las Vegas tätig war, nahm Kontakt mit seinem Opfer auf, und bot ihm an, bei Zahlung von 100.000 Euro seinen Auftrag nicht auszuführen. Die Frau muss sich nun wegen Verschwörung vor Gericht verantworten, der Ägypter für versuchte Erpressung. Der Fall mit einem Plot wie aus einem billigen Thriller fesselt schon seit Wochen die irische Öffentlichkeit.
Als mich der Taxifahrer gegen 9.45 Uhr vor dem Gerichtsgebäude absetzte, war es natürlich noch viel zu früh. Das Gebäude war noch nicht einmal geöffnet. Die mir genannte Uhrzeit von 10.30 Uhr war nicht etwa die Uhrzeit für meinen Fall, sondern nur die Uhrzeit, zu der das Gericht generell öffnet und seine Tätigkeit aufnimmt. Notgedrungen übte ich mich in Geduld und wartete wie einige andere auch vor dem Gebäude auf Einlass.
Um 10.30 Uhr traf auch Ken ein, der für meinen Fall zuständige Polizeibeamte, und wir betraten gemeinsam das Gebäude. Die Eingangstür führte zunächst in einen kleinen Vorraum, wo ich bereits einige Anwälte sah, die Gespräche mit ihren Klienten führten oder telefonierten. Von diesem Vorraum aus gelangte man durch zwei kleinere Türen rechts und links in den eigentlichen großen Verhandlungssaal. Und etwas derartiges hatte ich nicht erwartet.
Bislang hatte ich zweimal in Deutschland vor Gericht erscheinen müssen. Einmal als Zeuge in einem beruflichen Fall, und das zweite Mal anlässlich meiner Scheidung. Von diesen Anlässen her hatte ich ein großes Gerichtsgebäude mit zahlreichen Etagen und verwinkelten Fluren erwartet, auf denen man verzweifelt irgendein Verhandlungszimmer XYZ 123 suchen muss.

Das Kilmainham Court House ist anders. Es hat keine Etagen und auch keine verwinkelten Fluren. Es gibt nur einen einzigen großen Gerichtssaal, in dem nach alter Sitte alle Fälle der Reihe nach aufgerufen und öffentlich verhandelt werden. Als ich den Saal betrat, herrschte bereits emsiges Treiben. Polizeibeamte liefen hin und her, um Unterlagen zu holen oder standen bereit, um als Zeugen aufgerufen zu werden, Anwälte berieten sich mit ihren Klienten, und auf Holzbänken saßen Zeugen oder Angehörige. Im Vergleich hierzu waren meine Gerichtstermine in Deutschland intime Angelegenheiten, bei denen nur die direkt am Prozess beteiligten Personen anwesend waren. Und mir dämmerte, dass ich, falls ich denn in den Zeugenstand gerufen werden würde, vor all diesen Menschen im Saal würde sprechen müssen.
Es war einer dieser Gerichtssäle, wie man sie aus alten englischen oder amerikanischen Filmen kennt: Durch hölzerne Balustraden abgetrennte Bereiche, in denen sich die Tische und Bänke für Anwälte und Angeklagte befanden, den etwas erhobenen Zeugenstand mit auf der Balustrade montiertem Mikrofon, das große, schwere Pult für den Richter, unterhalb davon platziert die Schriftführerin. Hoch über dem Innenraum waren rechts und links hölzerne Galerien für Zuschauer. Im Hintergrund des Saales, in der Nähe der Eingangstüten, befanden sich hintereinander vier einfache Holzbänke, auf denen Zuschauer und Zeugen Platz nehmen konnten. Von der hohen Decke des Saales baumelte ein großer Leuchter. Es war ein richtig altmodischer Gerichtssaal, in dem schon seit über hundert Jahren Gericht gehalten wird. Nur das für Renovierungsarbeiten an der Wand hinter dem Richterstuhl angebrachte Gerüst und die Abdeckplanen störten das altertümliche Erscheinungsbild.
Ken wies mich an, auf der Wartebank Platz zu nehmen. Dort fand ich mich zwischen zahlreichen der sog. "Hoodies", jungen Typen, meist arbeitslos, die bevorzugt in Jogginghose und Sweat-Shirt mit angesetzter Kapuze herumlaufen und häufig genug als Unruhestifter auffällig werden. Ich, mit Anzug, Hemd und Krawatte nebst Krawattennadel, fiel da gehörig aus dem Rahmen und hätte locker den Preis für den "Best Dressed Witness" gewonnen. Ich wartete eigentlich ständig darauf, dass mich einer der Hoodies anquatschte und fragte: "Wat für krumme Sachen drehsn du so?".
Als die Richterin den Saal betrat, mussten sich alle von ihren Plätzen erheben. Dann kehrte endlich etwas Ruhe ein und es ging so richtig los. Die Fälle wurden aufgerufen und Zeugen, die meisten Polizisten in Uniform, kamen nacheinander in den Zeugenstand, um ihre Aussage zu machen. Obwohl sowohl Zeugen als auch Richterin Mikrofone hatten, bekam ich von den Fällen meist nur Bruchstücke mit, und konnte nur vermuten, worum es ging. Die Akustik war nicht berauschend, die Anwälte standen und sprachen mit dem Rücken zu uns auf den Bänken und waren somit schwer zu verstehen, es wurde allgemein sehr schnell gesprochen, und im hinteren Teil des Saales, wo die Wartebänke waren, war es generell unruhig. Ständig ging irgendwo eine Tür auf, Personen kamen und gingen, Anwälte riefen flüsternd ihre Klienten zu sich, um sich mit ihnen im Vorraum zu besprechen. Oft genug forderte die Richterin "Silence in court!".
Was ich von den anderen Fällen mitbekam, handelte von kleineren Delikten wie Sachbeschädigung (Auffahren auf ein parkendes Auto), Drogenbesitz oder Verstöße gegen Bewährungsauflagen. Einige der Angeklagten hatten bereits ein beachtliches Vorstrafenregister, dessen Verlesen recht lange dauerte. Die Richterin fertigte jeden Fall energisch und zügig ab. Fehlten Beweise oder waren Zeugen nicht anwesend, hielt sie sich nicht lange damit auf und vertagte den Fall. Langes Herumgerede wiegelte sie rasch ab. Eine solche energische Richterin, sagte ich mir, konnte für meinen Fall eigentlich nur gut sein.
Mir wurde aber auch sehr schnell klar, dass es durchaus lange dauern würde, bis mein Fall zum Aufruf kommen würde. Auch Ken hatte da keinen Einfluss drauf, und so blieb mir nur, mich in Geduld zu üben und wenigstens zu versuchen, den anderen Fällen zu folgen. Mich interessierten besonders die Personen im Zeugenstand, denn dort würde auch ich mich unter Umständen bald wiederfinden. Ich beobachtete, wie sie als erstes ihren Eid leisteten, dabei ein kleines Buch (Bibel? Verfassung?) hoch hielten und etwas ins Mikrofon nuschelten. Ich versuchte zu verstehen, welchen Text genau sie sagten, und überlegte mir, was ich sagen würde, wenn ich an die Reihe käme. Ich würde darum bitten müssen, mir die Prozedur genau zu erklären, schließlich hatte ich keinerlei Erfahrung.
Während ich so grübelte und mich in dem Saal umblickte, entdeckte ich nur wenige Plätze hinter mir auf einer der Bänke Chris. Nach mehr als einem Jahr nun sah ich ihn zum ersten Mal wieder. Er trug sein Haar deutlich länger, und er war etwas fülliger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Aber ich erkannte ihn wieder. Er dagegen erkannte mich nicht und folgte gedankenverloren dem Geschehen im Saal. Oder er gab vor, mich nicht bemerkt und erkannt zu haben. Ich unternahm auch keine Anstalten, ihn anzusprechen, obwohl es mich durchaus juckte, noch einmal sein "Welcome to Ireland" zu hören, mit dem er damals immer seine Erklärungen der Besonderheiten bei der Vorgehensweise zur Wohnungsvermietung in Irland einleitete.
Tja, und dann wurde gegen 12 Uhr 30, nach fast zweistündigem Warten, endlich mein Fall aufgerufen. Kurz davor hatte mir Ken noch mitgeteilt, dass immer noch nicht bekannt war, ob Chris auf "schuldig" oder "nicht schuldig" plädieren würde. Als der Fall aufgerufen wurde, machte sich Ken bereit, in den Zeugenstand zu gehen, während Chris aus dem hinteren Teil des Saales nach vorne auf die Anklagebank eilte und dort stehen blieb, mit dem Rücken zu mir. Dann ging alles sehr schnell: Anwälte und Richterin wechselten ein paar Worte, von denen ich leider wieder nichts mitbekam, und dann war auch schon alles vorbei. Das Ganze hatte vielleicht gerade mal 30 Sekunden gedauert. Ken musste nicht einmal in den Zeugenstand und aussagen. Chris, bzw. sein Anwalt, hatte auf "schuldig" plädiert. Und damit war die ganze Sache schnell vom Tisch, da es eigentlich nichts mehr zu verhandeln gab.
Im Nachhinein war ich schon etwas enttäuscht, dass alles nur so kurz gedauert hatte und ich dafür extra hatte kommen müssen. Ich hatte nicht einmal in den Zeugenstand gemusst, worauf ich mich innerlich schon eingestellt hatte. Auch werde ich nie erfahren, wie sich Chris aus der Sache herauszureden gedacht hatte. Aber so hatte sich die Sache natürlich erheblich vereinfacht. Vermutlich hatten er und sein Anwalt eingesehen, dass man sich nur immer tiefer in die Geschichte hereingeritten hätte, wenn man weiterhin auf "nicht schuldig" bestanden hätte. Alle Beweise sprachen ja eindeutig gegen Chris.
Wie geht die Sache nun weiter? Noch ist der Fall nicht abgeschlossen, denn ich habe ja mein Geld noch nicht. Wie mir Ken erläuterte, wird es einen weiteren Verhandlungstermin Ende Oktober geben, an dem Chris "compensation" zu leisten hat, sprich das Geld zurückzahlen muss. Ob er die volle Summe erstattet, wird man sehen. Je mehr von dem Geld er mitbringt, umso besser für ihn. Kann er das Geld nicht oder nicht vollständig zurückzahlen, droht Bestrafung in anderer Form, evtl. auch mit Gefängnis. Dies würde mir zwar nicht zu meinem Geld verhelfen, aber immerhin kommt Chris nicht ungeschoren davon. Zu dem zweiten Termin muss ich nicht unbedingt anwesend sein, darf aber natürlich aus reinem Interesse teilnehmen. Auch erhalte ich so eine weitere Gelegenheit, einen irischen Gerichtssaal von Innen zu sehen.
So endete mein interessanter Tag im Kilmainham District Court. Auch wenn es noch einmal Warten heißt und es erst im Oktober weitergeht, ist es schön zu wissen, dass der Fall seinem Abschluss entgegen geht.
Nachzutragen bleibt noch eine andere positive Meldung: Weil es an diesem Tag regnete, konnte ich endlich meine neue Gore-Tex-Jacke ausprobieren. Wer sagt, dass Regentage nichts Gutes haben?
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