Donnerstag, 31. Juli 2008

The Cat And The Rat

Immer wieder stößt man auf sie: Die kleinen Kuriositäten am Rande, versteckt zwischen Säulen, hinter Statuen, zwischen Ornamenten, mal oben, mal unten, dort, wo der Blick meist nur flüchtig darüber hinweg schweift und das kleine interessante Objekt, das auf seine Entdeckung wartet, schlicht übersieht. Doch manchmal haben auch diese scheinbaren Nebensächlichkeiten Geschichten zu erzählen, die allemal mit denen der allzu bekannten Sehenswürdigkeiten mithalten können, und oft sogar die Phantasie noch mehr anregen.

Wir gehen zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist Nacht, tiefe Nacht, und die Kopfsteinpflasterstraßen des viktorianischen Dublins sind nur schwach von Laternen beleuchtet. Vor uns erhebt sich die schwarze Silhouette der Christ Church, die ruhig und verlassen den Morgen erwartet. Wir stellen uns vor, im Innern der Kirche brennen einige Kerzen, deren schwacher Schein Schatten auf die Gesichter der mit leeren Augen ins Dunkle des Kirchenschiffs starrenden Büsten wirft. Es ist kein Laut zu hören.

Wir richten den Blick nach oben. Dort, zwischen den Balken des Dachgestühls, funkeln zwei graue Augen, den Blick mal hierhin, mal dorthin richtend. Es sind die Augen einer Katze, die von erhöhter Position herab das Innere der Kirche beobachtet. Sie weiß, es ist die Zeit, in der sich gewöhnlich ihre Beute, Mäuse oder Ratten, aus ihrem Versteck traut, auf der Suche nach Essbarem. Sie muss nur geduldig warten.

Plötzlich hebt sich die Spitze ihres Schwanzes und vollführt langsam leichte Bewegungen von einer Seite zur anderen. Unterhalb von ihr, für unsere Augen kaum erkennbar, hat die Katze einen Schatten entdeckt, der sich im Schutze der Dunkelheit leise trippelnd von einer Nische zur nächsten bewegt. Es ist der Schatten einer Ratte. Das Warten hat sich gelohnt. Die Katze begibt sich in Position, die großen Augen fest auf den ahnungslosen Schatten unter ihr geheftet. Sie wartet noch ein wenig, bis der Schatten näher kommt, dann stößt sie sich urplötzlich ab und springt auf die Ratte zu.

Die Ratte kann noch reagieren und ausweichen. Verzweifelt sucht sie nach einer Nische in ihrer Nähe, in der sie sich verstecken könnte. Doch die Katze ist ihr zu dicht auf den Fersen. Eine gnadenlose Jagd entbrennt, über Sitzbänke, um Säulen herum, zwischen Kerzenständern hindurch, um den Altar herum, und schließlich hinein in das Orgelwerk.

Dort geht die Jagd weiter, die Ratte vorneweg, die Katze dicht dahinter. Die Ratte erkennt ihre Chance, denn sie ist kleiner und kann sich hier leichter zwischen den Blasebälgen, Hebeln, Pedalen und anderen Teilen der Orgel bewegen. Flugs schlüpft sie in eine der Orgelpfeifen, sich dort sicher glaubend, da die Katze ihr kaum wird folgen können.

Doch die Katze, ihre Beute fest im Blick und die enge Öffnung ignorierend, zwängt sich hinter der Ratte in die Orgelpfeife. Langsam arbeitet sie sich näher an die Ratte heran, die sich immer weiter in den hinteren und schmaleren Teil der Orgelpeife zwängt. Und dorthin kann ihr die Katze wirklich nicht folgen. Den Blick auf ihre Beute gerichtet, so nah vor Augen und doch unerreichbar, hält sie in ihren Bemühungen kurz inne. Sie weiß: Die Ratte ist ihr in die Falle gegangen, sie kann nicht entweichen.

Doch auch die Katze hat ein Problem. Zu weit hat sie sich in die Orgelpfeife gezwängt, so dass sie nicht mehr zurück kann. Nicht vor, und nicht zurück, so sehr sie sich auch bemüht, beobachtet von den Angst erfüllten Augen der Ratte dicht vor ihr. Katze und Ratte sitzen in der Falle.

Das Ende einer Jagd. Die Stunden vergehen, und irgendwann fällt Sonnenlicht ins Innere der Kirche, die Schatten vertreibend. Emotionslos, die leeren Augen auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, verfolgen die Statuen und Büsten das Anbrechen des neuen Tages. Auch auf das Winden und Drehen und Schaben und Kratzen im Innern einer der Orgelpfeifen reagieren sie nicht. Irgendwann verstummt auch dies.

Und die Jahre vergehen...

Die Schilderung der nächtlichen Jagd entsprang meiner Phantasie. Aber so oder so ähnlich könnte sich die Jagd ereignet haben, in deren Verlauf sich Jäger und Beute in eine Situation manövrierten, die beiden zum Verhängnis wurde. Steigt man heute in die Gruft der Christ Church hinab, wird man dort einen kleinen Schaukasten bemerken. In seinem Innern befinden sich die mumifizierten Körper einer Katze und einer Ratte, die sich irgendwann in den 1850ern in eine der Orgelpfeifen verirrten und dort gemeinsam verendeten. James Joyce erwähnte die beiden in seinem Werk "Finnegan's Wake", als er die aussichtslose Lage jemandes umschrieb mit "... as stuck as that cat to that mouse in that tube of that Christchurch organ..."



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Mit dieser kleinen Geschichte gehe ich in eine kurze Pause. Für das kommende Wochenende, an das am Montag ein arbeitsfreier "public holiday" anschließt, steht ein Ausflug nach Cambridge auf der Nachbarinsel England an. Ich begebe mich also sozusagen auf feindliches Territorium. Aber was tut man nicht alles, um Familie zu besuchen.

Dienstag, 29. Juli 2008

Melting Away

Es war ein Wochenende zum dahin schmelzen, in jeder Hinsicht. Bestes irisches Wetter (sonnig, sehr warm, blauer Himmel, kaum Wolken) an beiden Tagen mit dem bislang wärmsten Tag des Jahres, forderte geradezu zu Unternehmungen an der frischen Luft. Wohl kaum einen Dubliner hielt es bei diesem Wetter zu Hause.

Das Wochenende begann bereits am Freitagabend mit einem Kinobesuch. "WALL-E" stand auf dem Programm, dem neuesten Streifen aus der Computer-Animations-Schmiede Pixar, die u.a. auch den Film "Toy Story" produzierten. Die wirklich gut gemachte Science-Fiction-Geschichte um den kleinen Müllbeseitigungs-Roboter WALL-E, der auf der von Menschen verlassenen Erde weiterhin seiner Pflicht nachkommt, bis er sich in die Erkundungssonde E.V.E. verguckt, war rührend und beste Unterhaltung. Und da der Film mit wenig Dialogen auskommt, war er optimal zum Entspannen nach einem langen Arbeitstag, weil man sich auch als Nicht-Englisch-Muttersprachler nicht besonders konzentrieren musste. Ein idealer Auftakt in ein ruhiges Wochenende.

Am Samstag sind wir nach Dun Laoghaire gefahren, jenem kleinen Küstenörtchen südlich von Dublin, an dessen Namen sich Touristen regelmäßig die Zunge brechen. Dabei ist es so einfach: "Laoghaire" ist die irische Schreibweise des Namens "Leary". So hieß seinerzeit ein Hochkönig, nach dem der Ort benannt ist. In dem Örtchen mit dem Fährhafen landete einst auch Heinrich Böll, als er Irland besuchte und sein "Irisches Tagebuch" vorbereitete. Von meinem Wohnort im Süden von Dublin aus ist Dun Laoghaire mit dem Bus in nur etwa 30 Minuten zu erreichen. Ideal für einen Tagesausflug ans Meer.

Bei schönem Wetter bietet sich ein gemütlicher Spaziergang entlang des East Piers an, der den großen Jacht- und Fährhafen gegen das Meer abschottet. Auf dem Pier kann man bis weit zu dessen Spitze laufen, wo ein kleiner Leuchtturm steht. Zahlreiche Spaziergänger (und einige Inline-Skater) nutzen diesen Weg über die Piermauer zu einem gemütlichen Spaziergang bei einer leichten Brise und dem Geruch des Meeres, während über ihnen die Möven ihre Kreise ziehen.

An der Spitze des Piers laden steinerne Sitzbänke zum Verweilen und Entspannen ein. Bei gutem Wetter kann man von dort bis hinauf zur Bucht von Dublin blicken, die von den beiden markanten Schornsteinen des Kraftwerks deutlich gekennzeichnet wird. Das wunderbare Wetter nutzten an jenem Samstag auch zahlreiche Segler. In den Gewässern um die Spitze des Piers herum tummelten sich die Boote der Segelanfänger, die dort ihre Manöver übten. Die erfahreneren Segler wagten sich weiter auf die See hinaus und segelten dem Horizont entgegen. Waren sie in weiter Entfernung schien es, als ob sie das Meer verlassen und zwischen Wasser und Himmel schweben würden.



An der dem Meer zugewandten Seite des Piers liefen wir zurück zum Hafen und zur Uferpromenade. Wenn man die Uferpromenade weiter entlang läuft, kommt man zu dem berühmten Martello Tower, einem ehemaligen Festungsturm, in dem sich heute das James-Joyce-Museum befindet. Weiter die Promenade entlang kommt man nach Sandycove mit dem berühmten Meerwasserbecken "Forty Foot", in dem sich hart gesottene Schwimmer regelmäßig ihre Abkühlung holen.

So weit hinaus zog es uns in der prallen Sonne dann aber doch nicht. Noch vor dem Martello Tower war an jenem Wochenende ein kleiner Jahrmarkt, den wir uns näher ansahen. Am frühen Nachmittag war allerdings noch allgemeine Ruhe angesagt und man hätte ohne lange Wartezeiten auf die Fahrgeräte gekonnt. Die Losbudenbesitzer versuchten verzweifelt, einige der wenigen Passanten zum Kauf von Losen zu animieren, während in anderen Buden die Schausteller bereits aufgegeben hatten und gelangweilt die Ruhe vor dem Sturm genossen, der später am Abend sicherlich in Form der Dorfjugend über sie hereinbrechen würde. Wir wagten uns auf das Riesenrad, an dessen Schalter ein Junge von vielleicht 10 oder 11 Jahren Fahrkarten verkaufte und mit der lässigen Handbewegung eines erfahrenen Schaustellerprofis das Geld einkassierte.

Ein Essen am späten Nachmittag in einem der zahlreichen Restaurants und Bars und ein anschließender kurzer Bummel durch Dun Laoghaire rundeten unseren Tag ab, bevor wir uns erschöpft vom Laufen und der Hitze auf die Heimreise mit dem Bus machten.

Auch an diesem Wochenende sah die Serie der Festivals kein Ende. Nach dem "Viking Festival" vor zwei Wochen (ich hatte berichtet) und dem "Comedy Festival" (habe ich ausgelassen) gab es nun das "Chocolate Festival". Am Sonntag machten wir uns auf den Weg zum kleinen Meeting Square im Temple Bar Bezirk, wo irische Schokoladenhersteller ihre kulinarischen Kostbarkeiten aus dem süßen Gold ausstellten. Bekannte irische Hersteller wie Lilly O'Briens (Co. Kildare), Celtic Chocolate (Co. Meath), Chocolate Garden (Co. Wicklow), Chez Emily (Co. Meath) oder O'Conaill (Cork) waren anwesend. Zahlreiche interessierte Gäste nutzten die Gelegenheit, kostenlose Kostproben zu genießen oder auch gleich die eine oder andere Tafel oder gar Schachtel zu kaufen. Allerdings herrschte auf dem kleinen Platz in und zwischen den Zelten der Aussteller ein dichtes Gedränge, so dass es sehr schwierig war, etwas von der in der Hitze unter den Zeltdächern dahin schmelzenden Schokolade zu erhaschen. Wir beließen es dann auch meist bei einem kurzem Blick auf die süße Verlockung und verabschiedeten uns nach kurzer Zeit von dem Schokoladen Festival.

So endete das Wochenende mit dem typisch irischem Wetter. Der Preis: Ich habe mir doch tatsächlich einen Sonnenbrand an Armen und Nacken geholt. Da soll nochmal einer erzählen, in Irland scheint nie die Sonne.

Samstag, 26. Juli 2008

Plausch mit einem Taxifahrer

Ich liebe Taxi fahren in Dublin. Zwar ist es nicht gerade billig, aber auf Dauer immer noch wesentlich billiger als ein eigenes Auto, das doch nur die meiste Zeit herumsteht, sei es auf dem Parkplatz oder im Stau. Der größte Vorteil des Taxifahrens aber ist, dass man oft sehr interessante Dinge von den meist sehr gesprächigen Taxifahrern erfährt.

Neulich musste ich wieder ein Taxi in Anspruch nehmen. Meine Eltern hatten mir ein Päckchen geschickt. Und weil der Postbote mich (natürlich) nicht zu Hause angetroffen hatte, wurde es in einem Postamt zur Abholung aufbewahrt. An sich nichts Besonderes. Aus irgendeinem Grund aber wurde es diesmal in ein anderes Postamt gebracht, das weiter entfernt von meiner Wohnung ist. Da es natürlich sehr schlecht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist (wie so oft), beschloss ich kurzerhand, mir ein Taxi zu nehmen, um das Päckchen frühmorgens vor der Arbeit abzuholen.

Vergangenen Mittwoch nun bin ich morgens in ein Taxi gestiegen. Nachdem ich dem Fahrer genannt hatte, wohin ich wollte und die Fahrt los ging, eröffnete der Fahrer mit den Worten "I take it you are not Irish?" das Gespräch. Dies ist die bewährte Methode der Taxifahrer, um mit ihren Passagieren ins Gespräch zu kommen, besonders wenn diese nicht aus Irland stammen. Zwar verriet ich dem Fahrer nicht, woher ich komme, aber nach ein wenig Plauderei mit ihm ordnete er mich korrekt als Deutschen ein. Mein Akzent hatte mich mal wieder verraten.

Wir kamen an einem Lidl vorbei, und das Gesprächsthema wechselte zu den günstigen Lebensmittelketten wie Aldi oder eben Lidl. Der Fahrer stimmte mit mir überein, dass diese Ketten durchaus gute Waren zu sehr günstigen Preisen anbieten. Er begrüßte, dass mit Lidl, Aldi und Co. guter Wettbewerb zu den etablierten und meist teuren Supermarktketten wie Dunnes oder Superquinn ins Land gekommen ist. So langsam setzt sich auch bei den Iren die Erkenntnis durch, dass man auch bei Lidl und Co. durchaus gut und vor allem preiswert einkaufen kann. Bislang haben Iren ja bevorzugt bekannte Marken gekauft und konnten mit den No-Name-Artikeln der Billigsupermärkte nichts anfangen. Nun aber, da Irland in eine Rezession geht, achten viele Iren mehr auf ihr Geld. Für Lidl und Co. ist es ein Vorteil, dass sie sich bereits vor der Rezession einigermaßen in Irland etablieren konnten. Aus der Rezession werden sie als deutliche Sieger hervor gehen, wie man es auch in Deutschland beobachten konnte, als dort vor einigen Jahren die Wirtschaft lahmte.

Der Weg zum Postamt führte uns vorbei am Marley Park und durch eines der vielen Neubaugebiet im Süden von Dublin. Der Fahrer merkte an, dass Siedlungen dieser Art jüngeren Datums sind, ja sogar dass dort, wo sie heute stehen, bis noch vor wenigen Jahren nur Landschaft war mit allenfalls ein paar kleineren Siedlungen oder Dörfern. Auch der Stadtteil Dundrum, in dem ich wohne, war einst nur ein kleines Dorf, bis es von dem in alle Richtungen wuchernden Dublin einverleibt wurde und heute ein Stadtteil ist.

Das sich rasch ausbreitende Dublin ist einer der Gründe, warum mein Päckchen in einem für mich weit entfernten Postamt gelagert wurde. In früheren Zeiten war es wahrscheinlich nur ein kleines unscheinbares Postamt mit einem freundlichen älteren Herren hinter dem Schalter. Und vermutlich war es das einzige Postamt weit und breit für die umliegenden Dörfer wie Dundrum, Rathfarnham, Ballyboden oder Edmondstown. Heute sind diese Dörfer Stadtteile von Dublin, die heute in den Postleitzahlbezirken D14, D16 und D18 liegen. Aber obwohl der Zuständigkeitsbereich des Postamtes größer wurde, wurden deswegen nicht mehr Postämter gebaut. Es ist immer noch das einzige weit und breit zur Lagerung von Sendungen.

So kamen wir auf die Merkwürdigkeiten des irischen Postleitzahlensystems zu sprechen. Effizienz, wie sie etwa das deutsche System mit fünfstelligen Postleitzahlen hat, findet man in Dublin kaum. Die Zuweisung der Postleitzahlen erscheint mehr oder weniger willkürlich. Dies ist auch der andere Grund, warum mein Päckchen derart weit entfernt von mir gelagert wurde. Die Straße, in der unser Apartment ist, liegt scheinbar genau zwischen zwei Postleitzahlbezirken, D14 und D16, und keiner kann sagen, welche denn nun richtig wäre. Bei einer Packetzustellung unterliegt es scheinbar dem Postboten, selbst zu urteilen, welche Postleitzahl richtig wäre, sprich, in welches Postamt mein Päckchen zur Lagerung muss. Zwar ist auch für Irland ein feiner strukturiertes Postleitzahlensystem vorgesehen. Aber wie so oft in Irland wird es ein Weilchen dauern, bis aus der Idee mehr wird.

Überhaupt sind Wohnanschriften in Irland sehr unpräzise, wie ich auch schon selbst oft genug feststellen musste. Der Taxifahrer gestand mir, dass auch er manchmal seine Probleme hat, eine Adresse zu finden. Selbst in Dublin gibt es noch immer Häuser ohne Hausnummern, vor allem in den Randbezirken. So bleibt dem Taxifahrer oft nur, wie er gestand, seinen Kunden, der auf das Taxi wartet, anzurufen, und sich von ihm einweisen zu lassen. Für einen Kunden, der frühmorgens auf sein Taxi zum Flughafen wartet natürlich nicht gerade erbaulich.

So plauderten wir über Irland und seine Kuriositäten, während das Taxi durch das morgendliche Dublin fuhr. Irgendwann bogen wir auf die Straße, auf der das Postamt liegt. Die Straße kam mir bekannt vor, führt sie doch, wenn man sie weiter entlang fährt und Dublin verlässt, zur Hellfire Club Lodge, zu "the Devil's Kitchen", die ich voriges Jahr besucht hatte (siehe Bericht "The Devil's Kitchen" ). Aber in des Teufels Küche wollten wir nicht, sondern nur zu einem Postamt. Dieses fanden wir nach kurzem Suchen. Zwar war es in einem modernen Gebäude (fast sogar noch im Rohbau) untergebracht mit eigenem Parkplatz davor, aber hatte immer noch nur einen kleinen Schalter, hinter dem ein freundlicher älterer Herr seinen Dienst schob.

Der Taxifahrer war so freundlich, vor dem Postamt auf mich zu warten und mich anschließend wieder zurück nach Dundrum zu fahren. Die ganze Fahrt am Morgen dauerte insgesamt nur etwa eine halbe Stunde, und anschließend war ich wieder in meinem gewohnten Tagesablauf, ohne Zeit verloren zu haben. Zwanzig Euro kostet mich die Taxifahrt, Trinkgeld inklusive. Aber das gebe ich gerne, wenn eine Taxifahrt derart unterhaltsam und interessant ist. Der Taxifahrer bedankte sich und hatte auch noch einen kleinen Scherz auf Lager. "Good luck for the EURO 2008," wünschte er mir, "but I am afraid you won't win it." So sind sie, die irischen Taxifahrer.

Donnerstag, 24. Juli 2008

She's alive, alive-O!

In "Dublin's fair city, where the girls are so pretty", zog sie die Blicke der Männer auf sich, ihre Statue am Ende von Grafton Street ist vermutlich das meistfotografierte Objekt in ganz Dublin, und das Lied "Cockles and Mussels", der ihr ein musikalisches Denkmal setzte, gilt als inoffizielle Hymne der Stadt Dublin. Die Rede ist von Molly Malone, jenem süßen Mädchen Dublins, das der Legende nach tagsüber Fische und Muscheln verkaufte, und nachts einem ... nun ja ... anderen Gewerbe nachging.

Die Legende sieht Molly Malone im Dublin des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Einen Schubkarren, beladen mit Fischen und Muscheln, vor sich herschiebend, zog Molly durch die engen und winkligen Gassen des spätmittelalterlichen Dublins, ihre Ware mit "cockles and mussels!" anpreisend. Des Nachts zog eine andere Molly durch die Stadt, sehr zur Freude der Männer und der jungen Studenten am Trinity College. Im Alter von 36 Jahren erlag sie einem Fieber und wurde auf dem Friedhof von St. John's Church zu Grabe getragen. Die Jahre vergingen, doch Molly wurde nicht vergessen. Die Barden schrieben ihr zu Ehren das Lied "Cockles and Mussels", das sich zu einem wahren Gassenhauer entwickelte und auch heute noch in den Kneipen und Spelunken Dublins gesungen wird. Und in manchen Nächten kann man das Rumpeln eines Schubkarrens hören, der vom unruhigen Geist Mollys über die Kopfsteinpflaster von Dublins Straßen geschoben wird.

Wie so oft bei Legenden lässt sich schwer überprüfen, was Fakt und was Fiktion ist, ja ob es besagte Molly überhaupt gegeben hat. Das Lied "Cockles and Mussels" erfreute sich bereits seit langem großer Beliebtheit, als ungefähr Anfang der 1980er jemand behauptete, stichhaltige Beweise für die Existenz von Molly gefunden zu haben. Bei Nachforschungen war man in den Archiven der St. John's Church tatsächlich auf eine Mary Malone gestoßen, getauft 1663 und beerdigt 1699. Und da "Molly" in der Tat eine Form von "Mary" ist, schien der Fall klar. Als zudem ein anerkannter amerikanischer Akademiker (und Tourist in Dublin) bestätigte, dass Molly wirklich gelebt haben könnte und vermutlich an Typhus gestorben sei, waren alle Zweifel ausgeräumt.

In der Aufregung ignorierte man einfach, dass es über die Jahrhunderte sehr viele Mary Malones in Dublin gegeben hat, und dass es keinen Hinweis gab, sich weder ausgerechnet auf das 17. Jahrhundert noch auf St. John's Church festzulegen. Auch war nicht belegt, dass die 1699 beerdigte Mary Malone auch unter dem Namen "Molly" bekannt war. Wenn man sich weiter vor Augen führt, dass der Friedhof der besagten St. John's Church in der Fishamble Street den Bulldozern zum Opfer fallen sollte, um Platz für Bürogebäude zu machen, und mit der Existenz des Grabes dieser berühmten Tochter der Stadt man die Bulldozer vielleicht abhalten würde, kommen Zweifel an der Stichhaltigkeit der erbrachten Beweise auf.

Die Stadt Dublin, wohlwissend um die touristische Anziehungskraft ihrer berühmten Fischverkäuferin, ging einen Kompromiss ein: Die Bulldozer pflügten durch den Friedhof und an gleicher Stelle wurden moderne Bürogebäude errichtet. Zum Ausgleich spendierte man Molly ein Denkmal. Den Zuschlag für die Statue erhielt die Künstlerin Jeanne Rynhart, die versprach, eine Skulptur basierend auf dem aktuellen Stand historischer Nachforschungen zu erschaffen. Doch anstatt sich um historische Korrektheit zu bemühen, hat sich die Künstlerin fast ausschließlich auf die Legende gestützt, und diese sogar noch etwas ausgeschmückt. Das Ergebnis kann man heute auf der Suffolk Street gleich am nördlichen Ende der Grafton Street bewundern.

Bei einigermaßen gutem Wetter kann man die Statue (im Volksmund auch bekannt als "the tart with the cart" oder "the dish with the fish" ) nicht verfehlen. Sie wird nämlich meist von einer Heerschar Touristen umlagert, so dass man glauben kann, dort gäbe es Guinness umsonst. Alle Touristen wollen sich neben der berühmten Molly-Malone-Statue fotografieren lassen, und manche der Herren lassen es sich nicht nehmen, fürs Fotoshooting ihre Hände an die beiden besonders ausgeprägten Merkmale der Statue zu legen. Hätte die Statue einen Farbanstrich, müsste man die beiden Stellen vermutlich wöchentlich neu anmalen.

Den Platz an der Statue hat ein älterer Herr zu seinem bevorzugten "Revier" als Straßenmusikant erklärt. Oft sieht man ihn auf dem Sockel der Statue sitzend, gekleidet mit blauer Hose, weißem Hemd, bunter Weste nebst angesteckter Blume, ein übertriebenes Lächeln aufgesetzt und unkoordiniert auf einer Bodhran trommelnd, während aus den Lautsprechern seiner tragbaren Anlage passenderweise "Cockles and Mussels" ertönt. Bereitwillig lässt sich der gute Mann (der übrigens aus dem Co. Cavan stammt, wie ich einst erfuhr) mit und von Touristen fotografieren. Und wenn er dann auch noch zur Freude der Umstehenden mit rauer Stimme und fast ohne erkennbare Melodie "In Dublin's fair city..." anstimmt und dazu ein paar Tanzschritte hinlegt, bekommen die Europa-in-7-Tagen-Touristen feuchte Augen. Ja, so haben sie sich immer Dublin und Irland vorgestellt.

Wenn man übrigens den Ursprung des Liedes näher erforscht, wird man feststellen, dass es keinesfalls so traditionell und alt ist, wie immer angenommen wird. Und der Ursprung des Liedes wirft auch ein etwas anderes Licht auf die Legende von Molly Malone. Das Lied wird nämlich dem Schotten James Yorkston zugeschrieben, der es um etwa 1884 veröffentlichte. Zwar basierte seine Version auf einer früheren, nicht näher bekannten, die aber ebenfalls in Schottland entstanden sein dürfte, und dies sehr wahrscheinlich nicht früher als 1870. Bei dieser Version dürfte es sich um das eigentliche Original handeln. Wie dem auch sei, beide Versionen legen nahe, dass Molly, wenn überhaupt, eher zur Zeit Viktorias umging als im 17. Jahrhundert. Eine frühe zeitgenössische Illustration zu dem Lied zeigt Molly denn auch in einem viktorianischen Dublin. Und noch wahrscheinlicher ist es, dass die Komponisten mehr einen bestimmten Frauentyp im Sinn hatten als eine reale Person, und dass das Lied mehr als Spaß- oder Ulklied gedacht war.

Wie auch immer die historische Wirklichkeit ausgesehen haben mag, inzwischen ist Molly ein fester Bestandteil Dublins geworden. Und wer weiß, vielleicht zieht ihr Geist tatsächlich noch durch die Straßen Dublins. Manch einer jedenfalls dürfte beschwören können, das Rumpeln ihres Schubkarrens gehört zu haben und vielleicht sogar ihrem Geist begegnet zu sein, frühmorgens um ein Uhr, wenn er angetrunken aus einem Pub stolperte, "in Dublin's fair city, where the girls are so pretty" trällernd. She's alive, alive-O!



Cockles and Mussels

In Dublin's fair city, where the girls are so pretty
I first set my eyes on sweet Molly Malone
As she wheeled her wheel-barrow
Through streets broad and narrow
Crying cockles and mussels, alive, alive-O!

Alive, alive-O! alive, alive-O!
Crying cockles and mussels, alive, alive-O!

She was a fish-monger, but sure 'twas no wonder
For so were her father and mother before
And they each wheeled their barrow
Through streets broad and narrow
Crying cockles and mussels, alive, alive-O!

Alive, alive-O! alive, alive-O!
Crying cockles and mussels, alive, alive-O!

She died of a fever, and no one could save her
And that was the end of sweet Molly Malone
But her ghost wheels her barrow
Through streets broad and narrow
Crying cockles and mussels, alive, alive-O!

Alive, alive-O! alive, alive-O!
Crying cockles and mussels, alive, alive-O!


Montag, 21. Juli 2008

Wochenend-Allerlei

Ein ruhiges Wochenende liegt hinter mir. Besondere Unternehmungen standen für mich nicht an, und es blieb bei einem gemütlichen Bummel durch die wieder Mal äußerst lebhafte Stadt. Für Dublin aber war es alles andere als ein ruhiges Wochenende. Hier mein Wochenend-Allerlei:

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Der französische Staatspräsident Sarkozy kommt nach Irland, um sich höchstpersönlich vor Ort nach den Gründen für das 'No' der Iren im Lisbon-Referendum zu erkundigen. Der Besuch des modernen Napoleons wird von den Iren äußerst skeptisch gesehen. Im Vorfeld hatte Sarkozy groß verlauten lassen, dass die Iren eben nochmals wählen müssen, dann "aber bitte schön das Richtige". Sowas hören oder lesen die Iren gar nicht gerne, schürt es doch nur ihr angeborenes Misstrauen gegenüber Fremden, die ihnen Vorschriften machen wollen. Der Besuch Sarkozys wird als reine Farce gesehen, wenn dieser mit bereits vorgefasster Meinung anreist. Beim Bummel durch die Stadt fielen mir denn auch kleinere Protestschilder auf, auf denen stand: "Sarkozy: No means No!". Ich glaube, deutlicher geht's nicht.

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Was ist höher als die Spire? Antwort: Ein Kran. Sehr zur Freude zahlreicher Touristen und Einheimischer reckte sich am Sonntag ein Spezialkran neben der 120 Meter hohen Spire in die Höhe. Grund waren erforderliche Wartungsarbeiten, bei denen die Lichter an der Spitze repariert wurden. Schon seit Monaten herrschte nämlich an der Spitze der Spire, die übrigens offiziell den Namen "Monument of Light" hat, nur Dunkelheit. Wohl selten ist ein Glühlampenwechsel so faszinierend, dass zahlreiche Passanten stehenbleiben und angestrengt nach oben blicken oder gar Fotos machen. Und wohl selten kostet eine Lampenreparatur mal eben €100.000. Aber wo der Kran schon mal da war, führte man auch noch eine Grundreinigung der weltweit größten Nadel durch.

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Die Farbe Blau beherrschte am Sonntag das Bild in der Stadt. Im Dubliner Croke Park Stadion fand nämlich das Finale in der Provinz-Meisterschaft von Leinster im Gaelic Football statt. Das Team aus Dublin traf auf die Außenseiter aus Wexford. Gegen Mittag strömten zahlreiche Dublin-Anhänger (blaue Trikots) aus allen Richtungen ins Stadtzentrum, Busse und Bahnen waren zum Bersten voll. Nur einige wenige Wexford-Anhänger (grün-gelbe Trikots) hatten den Weg in die Hauptstadt gefunden. Die Dubliner schlugen die Wexforder hoch überlegen mit 3-23 zu 0-9, und haben sich somit die Teilnahme an den Finalspielen um die All-Ireland Championship im GAA Football gesichert. Die Fans waren angesichts der Überlegenheit ihres Teams natürlich aus dem Häuschen und feierten ausgiebig. Am Montagmorgen war es in der Straßenbahn auffallend ruhig...

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In der Zeitung stiess ich am Wochenende auf folgende Meldung: Das Kilmainham District Court schließt bald seine Pforten. Im Rahmen eines umfangreichen Modernisierungsplans soll das Gericht demnächst in einen größeren Komplex mit mehreren Gerichtssälen umziehen. Das alte Gerichtsgebäude von 1820, in welchem am 9. Juli u.a. auch mein Fall "Chris" verhandelt wurde (siehe Bericht "A Day In Court" ), ist in den letzten Jahren leider zu sehr verfallen, so dass man von einer vollständigen Renovierung absah.

Schade eigentlich, der alte Gerichtssaal hatte schon seinen Charme. Über mehr als 180 Jahre wurde dort Gericht gehalten. Ich muss Chris wohl dankbar sein, dass er mir die seltene Gelegenheit verschaffte, dieses historische Gebäude und seinen altertümlichen Gerichtssaal noch einmal in ihrer ursprünglichen Funktion zu sehen.

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Apropos Kriminalfälle: Am Wochenende haben sich auch die Bandenkriege eindrucksvoll zurückgemeldet. Am frühen Samstagmorgen wurde im nördlichen Stadtteil Finglas ein Mann auf offener Straße mit mehreren Schüssen in Brust und Kopf regelrecht hingerichtet. Der 33-Jährige war erst wenige Tage zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er u.a. eine Haftstrafe für Waffenbesitz abgesessen hatte.

Der Mann war bereits das achte Opfer des Bandenkrieges in diesem Jahr. Nur 11 Stunden zuvor war am Freitagmittag im nördlichen Stadtteil Coolock ein 34-jähriger Mann vor seinem Haus aus nächster Nähe mit einem Schrotgewehr erschossen worden. Der allgemein als Drogen-Dealer bekannte Mann war gerade auf dem Weg, seine Kinder von der Tageskrippe abzuholen.

Tja, auch das ist Dublin im Jahre 2008.

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Noch mehr Tote gab es auf den Straßen: Das Wochenende forderte auch wieder die üblichen Verkehrstoten. Vier Menschen starben auf Irlands Strassen, womit die Zahl der Verkehrstoten für 2008 auf 160 stieg.

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Für die Zartbesaiteten hatte Dublin an diesem Wochenende aber auch Schönes zu bieten: Im St. Anne's Park fand das Rosen-Festival statt. Na bitte.

Kurz, es war ein ganz gewöhnliches Wochenende in Dublin. Auch das Wetter zeigte sich am Sonntag wieder typisch irisch: Sonig-warm, kaum Wolken, eine leichte Brise. Und in der Fußgängerzone Grafton Street zog es wieder Heerscharen von Touristen zur Statue der berühmtesten Tochter der Stadt: Molly Malone...


Mittwoch, 16. Juli 2008

The Storyhunter

Ich wurde von einer Leserin gefragt, wie eigentlich meine Beiträge zu diesem Blog entstehen. Nun denn, an dieser Stelle werde ich einen kleinen Einblick in meine Herangehensweise geben. Und um es vorwegzunehmen: Ja, es nimmt schon einiges an Zeit in Anspruch, die ich irgendwo zwischen Arbeit, Freunden und Freizeit finden muss, oder besser finden möchte.

Zunächst nochmals zur Intention für diesen Blog. Vorrangig möchte ich natürlich meine persönliche Entwicklung während meiner Zeit in Irland dokumentieren. Auch wenn sich das Leben hier in Irland nicht grundsätzlich von dem z.B. in Deutschland unterscheidet, gibt es doch einiges, das anders ist, auf das man sich erst einstellen muss. Die veränderte Umgebung verlangt eine gewisse Anpassung, und somit eine Veränderung. Und das ist immer spannend.

Auf der anderen Seite möchte ich auch versuchen, dieses interessante Land in Worten einzufangen, meine Zeit in Irland zu dokumentieren und meine Erinnerungen zu bewahren, nachhaltiger als dies Fotos erreichen könnten. Ich möchte nicht einfach nur über die allseits bekannten Sehenswürdigkeiten berichten. Dafür gibt es genügend Reiseliteratur. Mich interessieren auch die weniger bekannten Schauplätze, die kleinen Dinge am Rande, und die Geschichten dazu. Kurz, das Leben hinter den Kulissen.

In meiner unstillbaren Neugier sauge ich alles auf, das mit Irland zu tun hat und (mir) interessant erscheint. Wo sonst als im Land der Storyteller findet man so kuriose Geschichten wie die über von Fairies bewohnte Weißdornbüsche, über "Black Churches" und Begegnungen mit dem Teufel, über Jahrhunderte alte Holzbrücken (Bull Bridge), über die Katze und die Maus, die in einer Orgelpfeife stecken blieben und zusammen verendeten (zu sehen in Christ Church), über Bibliotheken, in denen rastlose Geister auf der Suche nach in Büchern verborgenen Briefen umgehen (Marsh's Library), über benommene Schweine ("dizzy pigs" ) und vieles andere mehr. Und nicht zu vergessen die Iren selbst und ihre liebenswerten Eigenarten. Know what I mean?

Meine Jagd nach interessanten und kuriosen Geschichten führt mich in Bereiche von Dublin und Irland, für die sich viele (Touristen und Einheimische gleichermaßen) vermutlich nur wenig interessieren. Aber so erlebe ich Irland vielleicht auch etwas intensiver als andere. Und ständig mache ich mir Notizen, sammle kleine Hinweise, denen ich vielleicht später weiter nachgehe.

Themen für meinen Blog fallen mir von überall her zu, sei es auf meinen Reisen, bei der Recherche in der Bibliothek, beim Durchforsten des Internets, beim Studium von Zeitungen (bevorzugt die kostenlosen Blättchen "Metro" und "Herald am" ), in Gesprächen oder auch einfach nur beim Beobachten. Kurz, alles das meine stets aufmerksamen Augen und Ohren Alarm schlagen lässt. Heute war es z.B. der Hinweis von einem Kollegen, dass das Weiße Haus in Washington von einem Iren erbaut und dem Leinster House, dem Sitz des irischen Parlaments, nachempfunden wurde. Wer hätte das gedacht?

War es bis hierhin nur Staunen und Aufnehmen, kommt irgendwann die eigentliche Arbeit: Das Verarbeiten der gesammelten "bits and pieces" zu Artikeln. Anlass für das Schreiben eines Artikels ist meist ein Besuch der Sehenswürdigkeit bzw. des Schauplatzes, oder auch einfach nur ein Ereignis, z.B. eine Begebenheit beim Einkaufen, im Bus, im Museum, die Äußerung eines Kollegen, eine Schlagzeile in der Zeitung, oder ähnliches.

War der Anlass zum Schreiben zwingend genug, heißt es für mich, hinsetzen und loslegen. Zunächst überlege ich mir eine Struktur für den Artikel, und prüfe, ob ich weitere Recherche betreiben muss (alle Artikel sind nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert). Und dann kommt die Plackerei mit der Sprache. Nicht immer kann ich einen Artikel in einem Durchgang von Anfang bis Ende herunter schreiben. Manchmal schreibe ich nur einzelne Abschnitte, und fast immer arbeite ich an mehreren Artikeln gleichzeitig. Einige Artikel müssen erst reifen und bleiben gar mehrere Wochen in der Pipeline, bevor sie dann schließlich eingestellt werden (ich könnte hier also verraten, welche Artikel demnächst kommen). Über aktuelle Ereignisse versuche ich natürlich möglichst zeitnah zu berichten.

Zum Schreiben suche ich mir einen halbwegs ruhigen Platz, entweder zu Hause, oft aber auch an öffentlichen Plätzen, an denen ich unbehelligt arbeiten kann, z.B. in der Zentralbibliothek im ILAC Shopping Centre oder in einem Cafe (bevorzugt das "Starbucks" in der Harcourt Street). Vor kurzem habe ich mir ein kleines Subnotebook gekauft, einen Asus Eee PC, sehr kompakt und leicht, kaum größer als ein Buch. Dies ist inzwischen mein bevorzugtes Arbeitsgerät.

Wenn ich in meinem Blog zurückblättere, stelle ich fest, das sich Art und Inhalt der Beiträge mit der Zeit geändert haben. Handelten die Artikel anfangs noch von dem bevorstehenden Umzug, dann von den ersten Wochen und Monaten in der neuen Umgebung, so wanderte der Blick später weg von den persönlichen Sorgen und Zweifeln hin zu der umgebenden Welt, zu Irland selbst. Eine ähnliche Entwicklung habe ich in anderen Blogs von Irland-Einwanderern beobachtet. Anfangs ist alles neu und aufregend, und es gibt viel zu erzählen. Irgendwann aber verstummen diese Blogs. Deutliches Zeichen dafür, dass Routine in das Leben des Autors bzw. der Autorin eingetreten ist. Wenn sich das Leben reduziert auf den Weg zur Arbeit, die Zeit im Büro, den Weg zurück in die geteilte Wohnung und vielleicht noch den Abend im Pub, tagein, tagaus, gibt es irgendwann scheinbar nichts mehr, worüber man berichten könnte. Was uns vertraut ist, nehmen wir nicht mehr wahr. Aber das muss nicht sein. Mein Blog, vor allem die nicht enden wollende Themenliste (zur Zeit weist sie 69 Stichpunkte auf), hilft mir, eine gesunde Neugier zu bewahren, das Wundern über eine facettenreiche Welt nicht zu verlieren, damit ich am Ende möglichst viele Erinnerungen an meine Zeit in Irland mitnehme.

Erinnerungen für mich, (hoffentlich) interessante Einblicke für andere. Eine andere Leserin (habe ich eigentlich nur Leserinnen?) hat mir mitgeteilt, dass dieser Blog für sie eine willkommene Informationsquelle ist. Was auch immer dieser Blog für mich oder andere bedeutet, vielleicht hilft er vor allem, dieses kleine Irland und seine Menschen mit anderen Augen zu sehen. Die Beiträge sind wie Steinchen in einem Mosaik, die sich vielleicht irgendwann zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Und wer weiß, vielleicht wird eines Tages auch noch mehr aus diesem Blog. Es ist schon beachtlich, welchen Umfang er inzwischen angenommen hat. Und auch wenn es viel Zeit in Anspruch nimmt, es macht vor allem viel Spaß.

Anregungen und Feedback werden gerne entgegengenommen.


Montag, 14. Juli 2008

Das Haymaking-Festival von Trim

Am Wochenende des 15. Juni (ja ich weiß, ich bin etwas in Verzug) fand in dem kleinen Städtchen Trim (Co. Meath) zum nun schon 40. Mal das "Traditional Haymaking Festival" statt. Im Schatten der alten normannischen Burg wurde das Einbringen der ersten Heuernte mit einem Volksfest gefeiert. Dieses Festival ist keines dieser großen, meist sehr touristisch angehauchten Festivals, sondern eines der zahlreichen kleinen und von Touristen weitgehend unbeachteten Volksfeste auf dem Lande. Aber gerade deswegen hat man dort die große Gelegenheit, hautnah ein typisch irisches Volksfest mitzuerleben. Und das hat in der Tat so einige Kuriositäten zu bieten. Mehr noch: Das Festival führt einen in vergangene Zeiten zurück, als Butter noch selbst gemacht wurde und Pferdezüge das Bild auf den Feldern prägten (in Irland also quasi vorgestern).

Der Duft von frisch gemähtem Heu hing in der Luft und begrüßte jeden Besucher bereits von weitem. Zahlreiche Ortsansässige und einige Externe strömten an jenem Sonntagnachmittag durch das alte Sheep Gate auf das große Feld, auf dem das Festival stattfand. Jung und Alt waren auf den Beinen, und auch so mancher Vierbeiner begrüßte den längeren Nachmittag an der frischen Luft. Allerlei Attraktionen boten Spaß, Unterhaltung, sportlichen Wettkampf, oder gaben einfach nur einen kleinen Einblick in das Leben auf dem Lande, wie es vor noch nicht allzu langer Zeit in Irland üblich war.



Die Hauptattraktion war natürlich das "Haymaking" selbst. Auf einem abgesteckten Feld waren Farmer dabei, das Heu zu ernten. Das Besondere hierbei: Sie verwendeten ausschließlich traditionelle alte Landwirtschaftsgeräte, vom alten Trecker bis zum Pferdezug. Unter den interessierten Augen zahlreicher Zuschauer lenkten die Farmer behutsam ihre alten Trecker oder Pferdegespanne mit den filigranen Gerätschaften über das Feld und mähten oder wendeten das Heu. Andere Farmer trugen es dann mit Rechen und Heugabeln zu großen Haufen zusammen. Die Feldarbeiter trugen Arbeiterhosen, weiße Hemden und schwarze Westen, wie es in der damaligen Zeit üblich war. Und mit der alten Burg im Hintergrund glaubte man sich tatsächlich um Jahrzehnte zurückversetzt.

Auf einem landwirtschaftlichen Festival durfte natürlich auch das liebe Vieh nicht fehlen. In kleinen mobilen Gehegen mit dicken Gittern oder in Viehtransportern konnte man z.B. große und massige Zuchtbullen mit langen Hörnern bestaunen, sowie Ziegen, Ponys, Esel, Milchkühe oder auch Schafe. Diese Tiere waren nicht etwa nur zur allgemeinen Anschauung dort, sondern manche standen sogar zum Verkauf. Fachmännisch wurden die Tiere begutachtet, und sicherlich wurde auch der eine oder andere Kauf an diesem Tag getätigt.

Im Getümmel kam mir eine Frau entgegen, an jeder Hand ein kleines Kind und an einer Leine einen kleinen Labrador-Welpen, der unbeholfen zwischen ihren Beinen hin und herlief und sich unentwegt in der Leine verfing. Auf den niedlichen Welpen angesprochen gestand sie, dass sie ihn eben erst gekauft hat. Die Kinder fanden ihn ja sooo süß. Ich sagte ihr, dass Labrador-Welpen sehr groß werden. Wie groß, wollte sie wissen. Seeeeehr groß, antwortete ich. Und da schien ihr zu dämmern, was auf sie zukommen würde.

Die meisten Besucher des Festivals interessierten sich aber weniger in finanzieller Hinsicht für die Tiere, sondern wollten Land- und Viehwirtschaft hautnah erleben. Ein besonderes Spektakel war deshalb auch die Demonstration des Sheep Shearing. Dort wurden mittels einer mechanischen Schermaschine Schafe geschoren. Ein Mann betätigte eine große Kurbel, mit der die Schermaschine angetrieben wurde, während der Schafscherer ein Schaf von seinem Wollkleid befreite. Knapp fünf Minuten dauerte es, ein Schaf zu scheren, das zwar ab und zu protestierte, sich aber ansonsten widerstandslos seinem Schicksal ergab. Nach erledigter Schur wurde das nackte Schaf zurück ins Gehege zu den anderen wartenden Schafen gebracht, die Wolle eingepackt, und dem Schafscherer ein anderes Schaf zugeführt. Nicht nur die zahlreichen Kinder fanden das alles faszinierend, auch viele Erwachsenen konnten sich nicht sattsehen. Und dem Schafscherer tropfte der Schweiß von der Stirn.

Sehr entspannt ging es beim Goats Contest zu. Dort präsentierten in einem abgesteckten Bereich Kinder ihre Ziegenböcke, große und kleine, weiße oder gescheckte. Die Jury, bestehend aus einer älteren Dame, begutachtete die Tiere und prämierte sie. Am Ende hatte jeder Teilnehmer irgendeinen Preis bekommen, und alle durften sich im Halbkreis aufstellen, damit ein Fotograf ein schönes Gruppenfoto machen konnte. Alle strahlten und waren stolz und glücklich. Bis auf den Fotografen, der sichtlich Schwierigkeiten hatte, alle zusammen auf ein Bild zu bekommen, da ständig irgendein Bock endlich nach Hause wollte.

Aber es gab noch viel mehr zu sehen und zu bestaunen. Auf einem Bereich der Wiese hatte man mit kleinen Ständen ein altes Dorf nachgeahmt. Dort zeigten Handwerksleute ihre Künste und ältere Damen boten Käse, Marmelade oder Strickwaren aus eigener Produktion an. Zu Bestaunen oder auch Kaufen gab es alte Werkzeuge (Schraubenschlüssel, Zangen, Hobel), alte Haushaltsgeräte (Butterfässer, Bügeleisen, Töpfe, Pfannen) oder gar die neuesten (alten) Fahrräder aus der Zeit um 1890. Expo 1900.



Aber es gab auch einen moderneren Trödelmarkt, auf dem man z.B. Keramikwaren, Hüte, Gummistiefel oder benzingetriebene Kettensägen erwerben konnte. Alles was man auf dem Lande so braucht. Für die Beköstigung auf dem Festival sorgten Imbissbuden, die natürlich auch Fish and Chips anboten, und ein "Fortune Teller" lud zu einem Blick in die Zukunft. Große Nachfrage gab es dafür aber anscheinend nicht, denn die Betreiberin saß die meiste Zeit vor ihrem Wohnwagen und las ein Magazin. Ob sie das wohl vorhergesehen hatte?

Für Zeitvertrieb und sportliche Unterhaltung sorgten Attraktionen wie "Horse Shoe Throwing" oder "Scythe Cutting", bei dem man sein Geschick im Umgang mit dem Hufeisen bzw. mit der Sense demonstrieren konnte. Für Kinder gab es den Spielplatz „Play in the Hay“, der ausschließlich aus Strohballen errichtet worden war, und auf dem sich die Kinder nach Lust und Laune gefahrlos austoben konnten (nein, scythe cutting war hier nicht erlaubt). Währenddessen genehmigten sich Mama und Papa ein Guinness und hielten beim Bar-B-Q ein Pläuschchen mit den lieben Nachbarn, während Oma und Opa sich beim Set Dancing vergnügten. Zu den Klängen von irischer Musik wirbelten die Paare über die Tanzfläche, und Oma und Opa fühlten sich nochmal so richtig jung. Böse Zungen berichteten, dass nicht nur die Holzplanken der Tanzfläche knarrten.

Doch es gab auch richtig sportliche Wettbewerbe. Da war zum einen das berühmte Donkey Derby von Trim, in etwa dem Ascot im Pferdesport gleichzusetzen. Es galt, seinen Esel über den kleinen, mit rot-weißem Plastikband und Holzpfosten abgesteckten Rundkurs zu treiben - und auf seinem Rücken sitzend durch das Ziel zu reiten. Ein großes Feld viel versprechender Nachwuchstalente und störrischer Esel nahm Aufstellung. Beim Start herrschte erstmal Verwirrung, denn zahlreiche der Esel hatten ihre eigene Vorstellung vom Verlauf der Strecke oder stellten einfach auf stur. Schließlich aber gelang es einigen Jockeys, ihre Esel in die richtige Richtung zu treiben. Die zu absolvierenden drei Runden entpuppten sich jedoch für viele als große Herausforderung. Mehrfach wechselte die Führung, weil es sich einige Esel plötzlich anders überlegten, sehr zum Leidwesen ihrer Reiter und sehr zur Freude der begeisterten Zuschauer und des Streckensprechers. Am Ende aber gab es tatsächlich einen Sieger, und alle hatten ihren Spaß gehabt, vor allem die Zuschauer.

Richtige Männer vom Lande gaben sich aber nicht mit dem Reiten von Eseln ab. Sie fanden ihre sportliche Herausforderung beim Tug-Of-War, bei uns als Tauziehen bekannt. Drei Männerteams mit je fünf gestandenen Kerlen traten an, um Tauziehen zu demonstrieren – und natürlich um den kleinen Wettbewerb zu gewinnen. Interessant war die Sache allemal: Anfangs hielt man noch das Gleichgewicht und keines der Teams gab nach. Als es aber darum ging, Boden zu gewinnen, zeigte sich, welche Mannschaft das bessere Zusammenspiel hatte. Es bedurfte nur einer kleinen Unachtsamkeit, und die Gegenseite gewann die Überhand und konnte die andere Mannschaft aus dem Gleichgewicht und zu Fall bringen.

Der kurioseste Wettbewerb, der aber ebenfalls großes Publikums-Interesse fand, war sicherlich das "Sheaf Tossing". Tierschützer brauchen jetzt aber keinen Schrecken zu kriegen: "Sheaf" ist nicht etwa ein Schaf, sondern ein kleines Strohbündel, das in einem Sack steckt. Es gilt, dieses Bündel mittels Heugabel über eine in luftiger Höhe angebrachte Querstange zu befördern. Das ganze ist die sportliche Variante des Aufwerfens von Heu auf den Heuwagen.

Der "sheaf" hat in etwa eine Länge von 60cm und einen Durchmesser von ca. 20cm. Über das Gewicht kann ich keine Angaben machen, aber aus meinen Beobachtungen kann ich schließen, das der kleine Sack nicht ohne war. Wer meint, "sheaf tossing" sei was für Kinder, dem sei folgendes gesagt: Es braucht schon einiges an Kraft und vor allem eine ausgefeilte Technik, den "sheaf" über die Latte zu wuchten. Und um einen Eindruck von den erzielten Höhen zu vermitteln: Der aktuelle Weltrekord (!) liegt bei ca. 20 Metern (60 Fuß ). Und die Tatsache, dass es einen Weltmeister im "sheaf tossing" gibt (der auch anwesend war) zeigt, dass dieser Sport nicht nur in Irland ausgeübt wird.

Die Regeln des "sheaf tossing" sind einfach: Wie beim Hochsprung hat jeder Wettkämpfer drei Versuche, den "sheaf" über die Latte zu befördern. Wer es nicht schafft, scheidet aus. Für die verbleibenden Streiter wird die Latte höher gelegt, bis am Ende ein Gewinner feststeht.

Der Wettbewerb fing recht locker an mit schlappen 5 Metern. Diese Höhe war auch mehr für die Zuschauer gedacht, die es einmal selbst versuchen wollten. Interessant wurde es erst, als die Latte bei etwa 12 Metern lag. Da zeigte sich, wer von den Wettkämpfern neben Kraft auch die richtige Technik hatte. Während einige mit scheinbarer Leichtigkeit die Höhen nahmen, kamen andere in Bedrängnis und schafften es erst im dritten Anlauf. Mit zunehmender Höhe wurde auch der Abstand der Zuschauer um die Wettkampfstätte herum immer größer: Die "sheafs" flogen nicht nur höher, sondern auch weiter. Leider zog sich der Wettbewerb arg in die Länge und wir mussten den Schauplatz verlassen, als die Latte bei 45 Fuß lag und noch kein Gewinner feststand. So kann ich also nicht berichten, wer den Wettbewerb gewonnen hat, und welche Höhe erreicht wurde.

Am frühen Abend, als bereits die Dunkelheit einsetzte, war allgemeiner Aufbruch angesagt. Die Aussteller bauten ihren Zelte oder Stände ab und verluden sie auf Transporter. Langsam leerte sich die Wiese. Ein Dorffest ging zu Ende. Doch es gibt keinen Zweifel, dass man sich im nächsten Jahr wieder treffen wird zum nächsten traditionellen "Haymaking Festival von Trim".


Ich habe einige Fotos des Haymaking-Festivals zusammengestellt, damit man sich einen Eindruck von diesem irischen Volksfest machen kann. Zu den Fotos geht es hier.

Mittwoch, 9. Juli 2008

A Day In Court

Das Gerichtsgebäude "Kilmainham Court" liegt direkt neben dem berühmten "Kilmainham Gaol", dem historischen Gefängnis von Dublin, vor dem die Touristen Schlange stehen. Nur wenigen Touristen aber dürfte die Gelegenheit zuteil werden, auch das historisch bestimmt ebenso interessante Gerichtsgebäude von innen zu sehen. Das liegt daran, dass dort heutzutage noch täglich zahlreiche Fälle verhandelt werden. Man muss also schon ein entsprechendes Anliegen haben, um das Gebäude betreten zu wollen (oder zu müssen). Diese durchaus interessante Gelegenheit wurde mir heute zuteil.

Heute wurde vor dem Kilmainham District Court mein Fall "Chris" verhandelt. Zur Erinnerung: Chris ist der angebliche Wohnungsvermittler, der im Mai letzten Jahres von mir eine Monatsmiete und Kaution für ein Apartment kassiert und sich danach aus dem Staub gemacht hatte, ohne mir umgekehrt Schlüssel und Mietvertrag zukommen zu lassen. Obwohl ich den Vorfall umgehend gemeldet hatte, hatte es sehr lange gedauert, bis die Polizei überhaupt tätig wurde und Chris ausfindig machen konnte. Aber nun kam der Fall endlich vor Gericht. Es geht um immerhin 1.700 Euro.

Am Morgen fuhr ich mit dem LUAS in die Stadt und nahm vom St. Stephen's Green ein Taxi, da ich sichergehen wollte, rechtzeitig zum Beginn der Verhandlung um 10.30 Uhr am Gerichtsgebäude zu sein. Der Taxifahrer zeigte sich natürlich interessiert, was mich vor Gericht führte. Als ich ihm erklärte, dass ich als Zeuge zu einem Fall aussagen sollte, erzählte er mir daraufhin von seinen eigenen Erfahrungen vor Gericht. Insbesondere warnte er mich vor, dass es u. U. sehr lange dauern kann, bis ein Fall aufgerufen wird. Er selbst hatte einmal bis zum späten Nachmittag warten müssen. Ich hoffte, dass mir Vergleichbares erspart bleiben würde.

Er erzählte mir auch von dem "Hitman" Fall, der derzeit in Dublin vor Gericht verhandelt wird und großes Medieninteresse auf sich gezogen hat. Bei dem Fall geht es um eine Frau, die sich ihres wohlhabenden Lebenspartners entledigen wollte, um an sein Vermögen zu gelangen. Die Frau hatte Kontakt zu einem Auftragskiller aufgenommen, den sie über eine Internet-Seite (!!) ausfindig gemacht hatte. Der Auftragskiller, ein Ägypter, der hauptberuflich als Croupier in einem Kasino in Las Vegas tätig war, nahm Kontakt mit seinem Opfer auf, und bot ihm an, bei Zahlung von 100.000 Euro seinen Auftrag nicht auszuführen. Die Frau muss sich nun wegen Verschwörung vor Gericht verantworten, der Ägypter für versuchte Erpressung. Der Fall mit einem Plot wie aus einem billigen Thriller fesselt schon seit Wochen die irische Öffentlichkeit.

Als mich der Taxifahrer gegen 9.45 Uhr vor dem Gerichtsgebäude absetzte, war es natürlich noch viel zu früh. Das Gebäude war noch nicht einmal geöffnet. Die mir genannte Uhrzeit von 10.30 Uhr war nicht etwa die Uhrzeit für meinen Fall, sondern nur die Uhrzeit, zu der das Gericht generell öffnet und seine Tätigkeit aufnimmt. Notgedrungen übte ich mich in Geduld und wartete wie einige andere auch vor dem Gebäude auf Einlass.

Um 10.30 Uhr traf auch Ken ein, der für meinen Fall zuständige Polizeibeamte, und wir betraten gemeinsam das Gebäude. Die Eingangstür führte zunächst in einen kleinen Vorraum, wo ich bereits einige Anwälte sah, die Gespräche mit ihren Klienten führten oder telefonierten. Von diesem Vorraum aus gelangte man durch zwei kleinere Türen rechts und links in den eigentlichen großen Verhandlungssaal. Und etwas derartiges hatte ich nicht erwartet.

Bislang hatte ich zweimal in Deutschland vor Gericht erscheinen müssen. Einmal als Zeuge in einem beruflichen Fall, und das zweite Mal anlässlich meiner Scheidung. Von diesen Anlässen her hatte ich ein großes Gerichtsgebäude mit zahlreichen Etagen und verwinkelten Fluren erwartet, auf denen man verzweifelt irgendein Verhandlungszimmer XYZ 123 suchen muss.



Das Kilmainham Court House ist anders. Es hat keine Etagen und auch keine verwinkelten Fluren. Es gibt nur einen einzigen großen Gerichtssaal, in dem nach alter Sitte alle Fälle der Reihe nach aufgerufen und öffentlich verhandelt werden. Als ich den Saal betrat, herrschte bereits emsiges Treiben. Polizeibeamte liefen hin und her, um Unterlagen zu holen oder standen bereit, um als Zeugen aufgerufen zu werden, Anwälte berieten sich mit ihren Klienten, und auf Holzbänken saßen Zeugen oder Angehörige. Im Vergleich hierzu waren meine Gerichtstermine in Deutschland intime Angelegenheiten, bei denen nur die direkt am Prozess beteiligten Personen anwesend waren. Und mir dämmerte, dass ich, falls ich denn in den Zeugenstand gerufen werden würde, vor all diesen Menschen im Saal würde sprechen müssen.

Es war einer dieser Gerichtssäle, wie man sie aus alten englischen oder amerikanischen Filmen kennt: Durch hölzerne Balustraden abgetrennte Bereiche, in denen sich die Tische und Bänke für Anwälte und Angeklagte befanden, den etwas erhobenen Zeugenstand mit auf der Balustrade montiertem Mikrofon, das große, schwere Pult für den Richter, unterhalb davon platziert die Schriftführerin. Hoch über dem Innenraum waren rechts und links hölzerne Galerien für Zuschauer. Im Hintergrund des Saales, in der Nähe der Eingangstüten, befanden sich hintereinander vier einfache Holzbänke, auf denen Zuschauer und Zeugen Platz nehmen konnten. Von der hohen Decke des Saales baumelte ein großer Leuchter. Es war ein richtig altmodischer Gerichtssaal, in dem schon seit über hundert Jahren Gericht gehalten wird. Nur das für Renovierungsarbeiten an der Wand hinter dem Richterstuhl angebrachte Gerüst und die Abdeckplanen störten das altertümliche Erscheinungsbild.

Ken wies mich an, auf der Wartebank Platz zu nehmen. Dort fand ich mich zwischen zahlreichen der sog. "Hoodies", jungen Typen, meist arbeitslos, die bevorzugt in Jogginghose und Sweat-Shirt mit angesetzter Kapuze herumlaufen und häufig genug als Unruhestifter auffällig werden. Ich, mit Anzug, Hemd und Krawatte nebst Krawattennadel, fiel da gehörig aus dem Rahmen und hätte locker den Preis für den "Best Dressed Witness" gewonnen. Ich wartete eigentlich ständig darauf, dass mich einer der Hoodies anquatschte und fragte: "Wat für krumme Sachen drehsn du so?".

Als die Richterin den Saal betrat, mussten sich alle von ihren Plätzen erheben. Dann kehrte endlich etwas Ruhe ein und es ging so richtig los. Die Fälle wurden aufgerufen und Zeugen, die meisten Polizisten in Uniform, kamen nacheinander in den Zeugenstand, um ihre Aussage zu machen. Obwohl sowohl Zeugen als auch Richterin Mikrofone hatten, bekam ich von den Fällen meist nur Bruchstücke mit, und konnte nur vermuten, worum es ging. Die Akustik war nicht berauschend, die Anwälte standen und sprachen mit dem Rücken zu uns auf den Bänken und waren somit schwer zu verstehen, es wurde allgemein sehr schnell gesprochen, und im hinteren Teil des Saales, wo die Wartebänke waren, war es generell unruhig. Ständig ging irgendwo eine Tür auf, Personen kamen und gingen, Anwälte riefen flüsternd ihre Klienten zu sich, um sich mit ihnen im Vorraum zu besprechen. Oft genug forderte die Richterin "Silence in court!".

Was ich von den anderen Fällen mitbekam, handelte von kleineren Delikten wie Sachbeschädigung (Auffahren auf ein parkendes Auto), Drogenbesitz oder Verstöße gegen Bewährungsauflagen. Einige der Angeklagten hatten bereits ein beachtliches Vorstrafenregister, dessen Verlesen recht lange dauerte. Die Richterin fertigte jeden Fall energisch und zügig ab. Fehlten Beweise oder waren Zeugen nicht anwesend, hielt sie sich nicht lange damit auf und vertagte den Fall. Langes Herumgerede wiegelte sie rasch ab. Eine solche energische Richterin, sagte ich mir, konnte für meinen Fall eigentlich nur gut sein.

Mir wurde aber auch sehr schnell klar, dass es durchaus lange dauern würde, bis mein Fall zum Aufruf kommen würde. Auch Ken hatte da keinen Einfluss drauf, und so blieb mir nur, mich in Geduld zu üben und wenigstens zu versuchen, den anderen Fällen zu folgen. Mich interessierten besonders die Personen im Zeugenstand, denn dort würde auch ich mich unter Umständen bald wiederfinden. Ich beobachtete, wie sie als erstes ihren Eid leisteten, dabei ein kleines Buch (Bibel? Verfassung?) hoch hielten und etwas ins Mikrofon nuschelten. Ich versuchte zu verstehen, welchen Text genau sie sagten, und überlegte mir, was ich sagen würde, wenn ich an die Reihe käme. Ich würde darum bitten müssen, mir die Prozedur genau zu erklären, schließlich hatte ich keinerlei Erfahrung.

Während ich so grübelte und mich in dem Saal umblickte, entdeckte ich nur wenige Plätze hinter mir auf einer der Bänke Chris. Nach mehr als einem Jahr nun sah ich ihn zum ersten Mal wieder. Er trug sein Haar deutlich länger, und er war etwas fülliger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Aber ich erkannte ihn wieder. Er dagegen erkannte mich nicht und folgte gedankenverloren dem Geschehen im Saal. Oder er gab vor, mich nicht bemerkt und erkannt zu haben. Ich unternahm auch keine Anstalten, ihn anzusprechen, obwohl es mich durchaus juckte, noch einmal sein "Welcome to Ireland" zu hören, mit dem er damals immer seine Erklärungen der Besonderheiten bei der Vorgehensweise zur Wohnungsvermietung in Irland einleitete.

Tja, und dann wurde gegen 12 Uhr 30, nach fast zweistündigem Warten, endlich mein Fall aufgerufen. Kurz davor hatte mir Ken noch mitgeteilt, dass immer noch nicht bekannt war, ob Chris auf "schuldig" oder "nicht schuldig" plädieren würde. Als der Fall aufgerufen wurde, machte sich Ken bereit, in den Zeugenstand zu gehen, während Chris aus dem hinteren Teil des Saales nach vorne auf die Anklagebank eilte und dort stehen blieb, mit dem Rücken zu mir. Dann ging alles sehr schnell: Anwälte und Richterin wechselten ein paar Worte, von denen ich leider wieder nichts mitbekam, und dann war auch schon alles vorbei. Das Ganze hatte vielleicht gerade mal 30 Sekunden gedauert. Ken musste nicht einmal in den Zeugenstand und aussagen. Chris, bzw. sein Anwalt, hatte auf "schuldig" plädiert. Und damit war die ganze Sache schnell vom Tisch, da es eigentlich nichts mehr zu verhandeln gab.

Im Nachhinein war ich schon etwas enttäuscht, dass alles nur so kurz gedauert hatte und ich dafür extra hatte kommen müssen. Ich hatte nicht einmal in den Zeugenstand gemusst, worauf ich mich innerlich schon eingestellt hatte. Auch werde ich nie erfahren, wie sich Chris aus der Sache herauszureden gedacht hatte. Aber so hatte sich die Sache natürlich erheblich vereinfacht. Vermutlich hatten er und sein Anwalt eingesehen, dass man sich nur immer tiefer in die Geschichte hereingeritten hätte, wenn man weiterhin auf "nicht schuldig" bestanden hätte. Alle Beweise sprachen ja eindeutig gegen Chris.

Wie geht die Sache nun weiter? Noch ist der Fall nicht abgeschlossen, denn ich habe ja mein Geld noch nicht. Wie mir Ken erläuterte, wird es einen weiteren Verhandlungstermin Ende Oktober geben, an dem Chris "compensation" zu leisten hat, sprich das Geld zurückzahlen muss. Ob er die volle Summe erstattet, wird man sehen. Je mehr von dem Geld er mitbringt, umso besser für ihn. Kann er das Geld nicht oder nicht vollständig zurückzahlen, droht Bestrafung in anderer Form, evtl. auch mit Gefängnis. Dies würde mir zwar nicht zu meinem Geld verhelfen, aber immerhin kommt Chris nicht ungeschoren davon. Zu dem zweiten Termin muss ich nicht unbedingt anwesend sein, darf aber natürlich aus reinem Interesse teilnehmen. Auch erhalte ich so eine weitere Gelegenheit, einen irischen Gerichtssaal von Innen zu sehen.

So endete mein interessanter Tag im Kilmainham District Court. Auch wenn es noch einmal Warten heißt und es erst im Oktober weitergeht, ist es schön zu wissen, dass der Fall seinem Abschluss entgegen geht.

Nachzutragen bleibt noch eine andere positive Meldung: Weil es an diesem Tag regnete, konnte ich endlich meine neue Gore-Tex-Jacke ausprobieren. Wer sagt, dass Regentage nichts Gutes haben?

Sonntag, 6. Juli 2008

Ruhiges Wochenende

Nachdem das letzte Wochenende ganz im Zeichen der Wikinger stand, ging es an diesem Wochenende eher ruhig zu. Zwar fand an diesem Wochenende und an den Tagen davor das "Waltons Guitar Festival" in Dublin statt, bei dem zahlreiche internationale Gitarren-Virtuosen wie Berta Rojas, John Feeley, Tommy Emmanuel oder Ana Vidovic auftraten und sogar Workshops gaben, aber so richtig konnte ich mich nicht für das Festival begeistern. So blieb es bei einem entspannten Wochenende ohne besondere Pläne.

Einzig am Samstagvormittag hatte ich einen Termin. Ich traf mich mit Ken, dem für meinen Fall "Chris" zuständigen Garda. Mittlerweile habe ich Ken bereits einige Male getroffen und jedesmal hatte er mir was Neues zu diesem Fall zu berichten. Diesmal gab er mir ein kurzes Briefing für die am kommenden Mittwoch stattfindende Verhandlung vor Gericht. Zwar liegen eigentlich bereits alle Beweise vor und Chris hatte auch schon vor Gericht erscheinen müssen. Aber der Typ plädiert doch tatsächlich auf nicht schuldig.

Kommenden Mittwoch nun gibt es eine weitere Verhandlung, bei der ich als Zeuge der Anklage auftreten werde und meine Version der Geschichte vortragen darf. Das wird sicherlich sehr interessant, und erstmals werde ich auch Chris wiedersehen. In der Verhandlung wird sich dann zeigen, wie es mit dem Fall weitergeht. Das einfachste für beiden Seiten wäre, wenn am Verhandlungstag Chris und sein Anwalt mit dem Geld in der Hand auftauchen und sagen würden "Sorry, war ein dummer Fehler. Hier ist das Geld zurück. Vergessen wir das Ganze." Damit wäre ich natürlich durchaus einverstanden. Aber so einfach wird es wohl nicht werden. Ich bin mal gespannt, mit welcher Begründung er und sein Anwalt sich aus der Sache reden wollen.

Nach meinem Gespräch mit dem Garda bummelte ich noch ein wenig bei typisch irischem Wetter (sonnig, warm, kaum Wolken) über die Grafton Street. Sie war lebhaft wie an jedem Wochenende: Zahlreiche Einheimische und Touristen waren unterwegs, Straßenmusikanten und andere Schausteller buhlten alle 50 Meter um die Gunst der Passanten, und die Aushilfskräfte reckten ihre Schilder hoch, mit denen sie die Kunden in die Geschäfte auf den Neben-Straßen locken wollen. Angesichts des Treibens in der Einkaufsstraße fiel es mir schwer zu glauben, dass Irland eine Rezession bevorsteht und die Menschen ihr Geld zurückhalten.

Ich habe die irische Wirtschaft unterstützt und bin sogar über meinen Schatten gesprungen, indem ich mir endlich eine hochwertige Gore-Tex-Regenjacke gekauft habe. Zwar nicht gerade billig, aber für Irland sicherlich eine gute Investition (ja, sogar in Irland regnet es manchmal). Ich wollte eine Jacke haben, die ich sowohl in der Natur als auch auf meinem Weg zur Arbeit anziehen kann. Sie sollte also in der Farbe nicht zu grell sein, aber trotzdem eine vollwertige Jacke für Outdoor-Aktivitäten sein. In einem entsprechenden Fachgeschäft auf der Chatham Street (nahe der Grafton Street) wurde ich fündig.

Nachdem die Wettervorhersage für Sonntag Regen angekündigt hatte, hatte ich mich schon gefreut, meine neue Jacke ausprobieren zu können. Aber Pustekuchen. Über Nacht hatte es zwar geregnet und am Morgen waren noch zahlreiche Pfützen auf den Straßen. Aber es kam kein Nachschub von oben. Stattdessen zeigte sich den ganzen Tag über die Sonne. So ist das. Wenn man mal Regen braucht, kommt er nicht. Und die Wettervorhersage war auch wieder nicht zu gebrauchen.

Am Sonntagabend habe ich nach langer Zeit mal richtig deutsch gekocht. Es gab ein Bauern-Omelette mit Bratkartoffeln mit Ei. Eigentlich bin ich ja, besonders an den Wochenenden, meist etwas kochfaul, aber diesmal überkam mich einfach die Lust. Und es hat geschmeckt.

Samstag, 5. Juli 2008

Dark Clouds Over Ireland

Manchmal ist nicht nur der Himmel über Irland grau. Dunkle Wolken sind über der irischen Wirtschaft aufgezogen. Laut einem Bericht des Economic and Social Research Institute (ESRI) deuten die vorliegenden Wirtschaftszahlen darauf hin, dass Irland erstmals nach fast 20 Jahren wieder vor einer Rezession steht. Seit Anfang der 1990er hatte Irland ein Wirtschaftswachstum ohnegleichen erfahren, mit jährlichen Wachstumsraten von bis 11%. Das einst ärmste Land Europas mauserte sich innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einem der wohlhabendsten. "Die Geschichte vom Wirtschaftswunder ist mittlerweile Teil des Erbguts der Iren. Sie wird heute an Schulen und Universitäten gelehrt", schrieb am 28.04.2008 die Financial Times Deutschland, und prognostizierte einen jähen Absturz.

Nun ist es soweit. Einer der Stützpfeiler des Wachstums, der Immobilienmarkt, ist eingebrochen. Die Häuserpreise purzeln. Seit dem Frühjahr 2007, als der Markt seinen Höhepunkt erreichte, sind die Preise um etwa 15% gefallen, für 2008 wahrscheinlich nochmals um weitere 6%. Die Baubranche berichtet von starkem Rückgang der Aufträge, zahlreiche Neubauten finden keinen Käufer. Das Ende des Baubooms wird auch andere Bereiche der irischen Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Für 2008 wird nur noch ein Wirtschaftswachstum von ca. 0.5% erwartet.

Die Wirtschaft reagierte bereits mit ersten Entlassungen, nicht nur in der Baubranche. Hibernian, einer der größten Versicherer, kündigte an, 580 Stellen nach Indien auszulagern. Auch einige IT-Unternehmen haben angekündigt, Stellen abzubauen. Das ESRI rechnet mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote von 4,5% (2007) auf bis zu 7,1% in 2009. Ende 2008 werden geschätzte 250.000 Menschen in Irland ohne Arbeit sein, eine viertel Million, und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur etwas mehr als 4 Millionen.

Die Regierung musste bereits zugeben, die Entwicklung der Arbeitslosenzahl heftig unterschätzt zu haben. Nicht nur fehlen Steuereinnahmen, sondern die öffentlichen Kassen werden auch stärker als gedacht belastet. Finanzminister Brian Lenihan musste allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ein Steuerdefizit von fast 1,5 Mrd. Euro verbuchen, dass sich bis zum Jahresende noch verdoppeln dürfte. Bis Ende 2009 wird ein Anstieg auf dann insgesamt 7,3 Mrd. Euro erwartet. Damit hätte man innerhalb von nur knapp drei Jahren einen soliden Haushaltsüberschuss von 5,2 Mrd. (2006) nicht nur verpulvert, sondern in ein saftiges Defizit umgewandelt. Es wird lange dauern, das Defizit aus eigener Kraft abzubauen.

Die Regierung ist zu drastischen Einsparmaßnahmen gezwungen, die vor allem den öffentlichen Sektor treffen werden. Vorgesehen sind bereits ein Einstellungsstopp für den öffentlichen Dienst und der Abbau von 1.000 Stellen im Gesundheitsdienst. Doch selbst mit derartigen Maßnahmen dürfte Irland nicht vermeiden können, erstmals wieder heftige Kredite aufnehmen zu müssen und möglicherweise sogar gegen den Stabilitätspakt der Europäischen Währungsunion zu verstoßen, der verlangt, dass die Neuverschuldung nicht mehr als 3% des Bruttoinlandsproduktes beträgt. Dann müsste sich Irland vor der EU rechtfertigen. Im Nachhall des "No to Lisbon" und angesichts eines möglichen zweiten Referendums wäre das natürlich äußerst pikant.

Es war eigentlich abzusehen, dass der Boom nicht ewig anhalten würde, und man fragt sich, was vom Celtic Tiger übrig geblieben ist. Mit Blick auf die nun plötzlich mehr als leeren Kassen übt man sich in gegenseitiger Schuldzuweisung. Die Regierung gibt den Banken die Schuld. Sie trügen einen Großteil der Verantwortung für den geplatzten Bauboom, da sie unbesonnen und waghalsig Gelder an Haushalte und Investoren vergeben hätten. Auch hätten sie künstlich die Preise in die Höhe getrieben, indem sie Kredite zu Grundstücksspekulationen vergeben hätten.

Umgekehrt muss sich die Regierung harte Kritik gefallen lassen. Man habe Steuergelder in Milliardenhöhe an äußerst zweifelhaften Projekten vergeudet, mit denen die Politiker vorrangig nur die Steigerung ihrer Beliebtheit bei den Wählern im Sinn hatten. Die öffentlichen Dienste wurden dagegen völlig vernachlässigt.

Das Ende des Celtic Tiger wird natürlich überall heiß diskutiert, sei es im Pub, am Mittagstisch in der Kantine oder am Arbeitsplatz. Keiner weiß so recht, wie weit der Abschwung gehen wird und was auf Irland zukommt. Viele Iren haben nur zu gut die 1980er in Erinnerung, als die Arbeitslosenquote bei fast 20% lag und Tausende auf der Suche nach einer Stelle das Land verlassen mussten. Jeder macht sich so seine Gedanken, natürlich auch ich. Es wäre schade, wenn ich aufgrund wirtschaftlicher Gründe das Land verlassen müsste, jetzt, wo ich mich hier inzwischen sehr wohl fühle.

Im Sog des wirtschaftlichen Aufschwungs waren viele, vor allem junge Iren wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt. Gute Gehälter ermöglichten es ihnen, sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen und sesshaft zu werden. Für diese Iren ist es nun sicherlich nicht einfach, mit ansehen zu müssen, wie ihr Land erneut schwierigen Zeiten entgegen geht. Doch die Iren sind geborene Fatalisten. Sie nehmen es, wie es kommt. Irgendwie wird es schon weitergehen.

Auch Auswanderung ist wieder ein Thema. Für nächstes Jahr wird mit der ersten Auswanderungswelle seit 20 Jahren gerechnet. Eine Umfrage hat ergeben, dass 93% der Iren wieder ins Ausland gehen würden, um einen Arbeitsplatz zu bekommen. Die beliebtesten Ziele sind nach wie vor Großbritannien, Amerika und Australien. Diese selbstverständliche Bereitschaft, in schwierigen Zeiten einfach in ein anderes Land zu gehen, zeigt, aus welchem Holz die Iren geschnitzt sind. Auswandern war schon immer ein Teil ihrer Kultur (so wie das Trinken, bin ich versucht, hinzufügen).

Wie weit wird der Abschwung gehen? Wird er abzufangen sein? Ganz düstere Vorhersagen sehen einen Absturz bis zurück in die 1980er, aber so weit wird wohl hoffentlich nicht kommen. Das ESRI ist optimistisch was andere Bereiche der irischen Wirtschaft angeht. Vielleicht ist es auch nur die längst überfällige Korrektur des Immobilienmarktes mit seinen unbestritten völlig überzogenen Preisen. Vielleicht tut es Irland ganz gut, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt zu werden. Oder sollte sich am Ende gar die alte Weisheit bestätigen, dass man einem Iren kein Geld geben darf? Das wäre so, sagte einmal jemand, als ob man einem Affen einen Rasierer geben würde, und abwartet, was als nächstes passiert.


Eckdaten der irischen Wirtschaft:

1987 Arbeitslosenquote von 17,5%, Inflation bei 12%, Emigration auf dem höchsten Stand seit den 1950ern
1992 EU gewährt Irland finanzielle Unterstützung im Umfang von 6 Mrd. Irischen Pfund
1994 bis 2000 Irische Wirtschaft wächst mit Raten zwischen 6% und 11%
1999 Irland tritt der Währungsunion bei, Zinsen fallen von 7% auf 3%
2003 IT und Immobilienmarkt sind Schlüsselfaktoren eines Wachstums von 6%
Juni 2008 Irland steht vor einer Rezession

Mittwoch, 2. Juli 2008

Jaywalker

Im Dubliner Straßenverkehr spielen sich jeden Tag Szenen ab, bei deren Anblick deutschen Verkehrspolizisten vermutlich das Herz aussetzt: Fußgänger, die Ampeln und andere Verkehrsschilder völlig ignorieren und, tollkühnen Torreros gleich, den Kampf mit den heranbrausenden Autos aufnehmen. Furchtlos laufen sie auf die Straße, sobald sich im Verkehr die kleinste Lücke auftut. Sie überqueren die Straße, wo und wann es ihnen beliebt, auch dort, wo gar kein Fußgängerübergang ist, und bleiben notfalls in der Mitte der Fahrbahn stehen, bis sich auch auf der Gegenspur eine Lücke ergibt. Nur wenn es die Situation wirklich erfordert, und Autos wild hupen, verfallen diese wagemütigen Fußgänger in hastige Schritte und sprinten auf die andere Straßenseite. Nein, es sind keine Betrunkenen oder Lebensmüde, sondern sog. "Jaywalker".

Touristen, die sich zu Fuß durch Dublin bewegen, fällt diese Besonderheit im Dubliner Straßenverkehr sehr schnell auf. Während sie artig an den Fußgängerampeln warten, preschen die Einheimischen links und rechts an ihnen vorbei, als hätten die Kästen mit dem roten Männchen überhaupt nichts zu bedeuten. Es scheint, dass sich die Iren nach Jahrhunderten der Unterdrückung weiterhin rebellisch zeigen und von keinem Vorschriften machen lassen, schon gar nicht von einem Kasten mit bunten Lichtern, der ihnen vorschreiben will, wann sie die Straße überqueren dürfen. Wer das leuchtende Männchen beachtet, läuft Gefahr, als Konformist abgestempelt zu werden.

Manchen Iren ist der unbekümmerte Gang über die Straße bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie das korrekte Verhalten gar nicht mehr kennen. Ein Arbeitskollege von mir war einmal in Deutschland, und überquerte in alter Gewohnheit bei Rot eine Straße. Zufällig aber beobachtete dies ein deutscher Polizeibeamter. Der sah gleich im doppelten Sinne rot. Pflichtbewusst rief er meinen Kollegen zur Ordnung und hielt ihm eine längere Standpauke über korrektes Verhalten im deutschen Straßenverkehr. Als der Polizeibeamte bemerkte, dass er es mit einem Nicht-Deutschen zu tun hatte, wiederholte er den ganzen Vortrag noch einmal - diesmal auf Englisch.

Und was sagen die irischen Verkehrspolizisten zu dem Treiben der Fußgänger? Nicht viel. Meist unterhalten sie sich mit ihrem Kollegen, während sie wie die anderen Fußgänger ebenfalls bei Rot über die Straße schlurfen. Zwar ist das gefährliche Verhalten der Fußgänger der irischen Polizei durchaus ein Dorn im Auge. Aber gerade deswegen drückt sie (wie so oft) gleichgültig beide Augen zu, zumindest solange nichts passiert.

Ein Grund für das Verhalten der irischen Fußgänger wird jedem schnell ersichtlich, der tatsächlich mal an einer Ampel wartet: Es dauert schlicht zu lange, bis das grüne Männchen erscheint. Der "Road User Monitoring" Bericht für 2007 stellte fest, dass man an irischen Ampeln im Schnitt 2 Minuten warten muss.

Um dem drohenden Verkehrsinfarkt in Dublin entgegenzuwirken und den Autoverkehr zu beschleunigen, geben die Verkehrstechniker den Autos Vorrang vor den Fußgängern. An vielen Kreuzungen sind die Wartezeiten für Fußgänger heute im Schnitt eine Minute länger als noch vor einigen Jahren. An der Kreuzung Dorset Street und Gardiner Street ist die Wartezeit im Vergleich zu 2004 gar um 2 min länger. Dort muss man inzwischen volle 3 min 20 sek warten. Spitzenreiter ist laut dem Bericht jedoch die Kreuzung High Street und Nicholas Street: Dort steht man 4 min 3 sek.

Für den Autoverkehr haben diese Maßnahmen jedoch nur wenig gebracht: Der Bericht offenbarte, dass man heute in Dublin im Auto durchschnittlich 14,4 km in der Stunde zurücklegt. Damit ist man 17% langsamer als noch 2005, und insgesamt langsamer als die Pferdekutschen, die im 19. Jahrhundert durch Dublin trabten.

Bei diesen Zahlen ist es kein Wunder, dass die irischen Fußgänger es lieber selbst in die Hand nehmen, wann und wo sie eine Straße überqueren. Im Gegensatz zu den Autofahrern lassen sie sich nicht von Ampeln auf ihrem Weg durch die Stadt aufhalten. Vorbei ist es mit der irischen Gelassenheit von früher. Das Leben ist zu kurz, um es vor Ampeln zu verbringen. Das bekommt man an vielen Kreuzungen eindrücklich vorgeführt: Auf großen Anzeigen werden die verbleibenden Sekunden bis zur Grünphase heruntergezählt. Was ist das anderes als die Erinnerung daran, dass unsere Lebensuhr unermüdlich ihrem Ende entgegen tickt. Also schnell über die Straße und zum nächsten Termin.

Auch die Touristen, offen für alles Neue, merken schnell, wie sich der Hase im Straßenverkehr bewegt, und passen sich an. Nur die deutschen Touristen bleiben meist weiterhin brav an der Ampel stehen, so wie sie es gelernt haben. Und manchen sieht man dabei sehr gut an, wie sie ins Grübeln kommen und ach so gerne einmal über ihren Schatten springen würden. Einmal ein Rebell sein...