Immer wieder stößt man auf sie: Die kleinen Kuriositäten am Rande, versteckt zwischen Säulen, hinter Statuen, zwischen Ornamenten, mal oben, mal unten, dort, wo der Blick meist nur flüchtig darüber hinweg schweift und das kleine interessante Objekt, das auf seine Entdeckung wartet, schlicht übersieht. Doch manchmal haben auch diese scheinbaren Nebensächlichkeiten Geschichten zu erzählen, die allemal mit denen der allzu bekannten Sehenswürdigkeiten mithalten können, und oft sogar die Phantasie noch mehr anregen.
Wir gehen zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist Nacht, tiefe Nacht, und die Kopfsteinpflasterstraßen des viktorianischen Dublins sind nur schwach von Laternen beleuchtet. Vor uns erhebt sich die schwarze Silhouette der Christ Church, die ruhig und verlassen den Morgen erwartet. Wir stellen uns vor, im Innern der Kirche brennen einige Kerzen, deren schwacher Schein Schatten auf die Gesichter der mit leeren Augen ins Dunkle des Kirchenschiffs starrenden Büsten wirft. Es ist kein Laut zu hören.
Wir richten den Blick nach oben. Dort, zwischen den Balken des Dachgestühls, funkeln zwei graue Augen, den Blick mal hierhin, mal dorthin richtend. Es sind die Augen einer Katze, die von erhöhter Position herab das Innere der Kirche beobachtet. Sie weiß, es ist die Zeit, in der sich gewöhnlich ihre Beute, Mäuse oder Ratten, aus ihrem Versteck traut, auf der Suche nach Essbarem. Sie muss nur geduldig warten.
Plötzlich hebt sich die Spitze ihres Schwanzes und vollführt langsam leichte Bewegungen von einer Seite zur anderen. Unterhalb von ihr, für unsere Augen kaum erkennbar, hat die Katze einen Schatten entdeckt, der sich im Schutze der Dunkelheit leise trippelnd von einer Nische zur nächsten bewegt. Es ist der Schatten einer Ratte. Das Warten hat sich gelohnt. Die Katze begibt sich in Position, die großen Augen fest auf den ahnungslosen Schatten unter ihr geheftet. Sie wartet noch ein wenig, bis der Schatten näher kommt, dann stößt sie sich urplötzlich ab und springt auf die Ratte zu.
Die Ratte kann noch reagieren und ausweichen. Verzweifelt sucht sie nach einer Nische in ihrer Nähe, in der sie sich verstecken könnte. Doch die Katze ist ihr zu dicht auf den Fersen. Eine gnadenlose Jagd entbrennt, über Sitzbänke, um Säulen herum, zwischen Kerzenständern hindurch, um den Altar herum, und schließlich hinein in das Orgelwerk.
Dort geht die Jagd weiter, die Ratte vorneweg, die Katze dicht dahinter. Die Ratte erkennt ihre Chance, denn sie ist kleiner und kann sich hier leichter zwischen den Blasebälgen, Hebeln, Pedalen und anderen Teilen der Orgel bewegen. Flugs schlüpft sie in eine der Orgelpfeifen, sich dort sicher glaubend, da die Katze ihr kaum wird folgen können.
Doch die Katze, ihre Beute fest im Blick und die enge Öffnung ignorierend, zwängt sich hinter der Ratte in die Orgelpfeife. Langsam arbeitet sie sich näher an die Ratte heran, die sich immer weiter in den hinteren und schmaleren Teil der Orgelpeife zwängt. Und dorthin kann ihr die Katze wirklich nicht folgen. Den Blick auf ihre Beute gerichtet, so nah vor Augen und doch unerreichbar, hält sie in ihren Bemühungen kurz inne. Sie weiß: Die Ratte ist ihr in die Falle gegangen, sie kann nicht entweichen.
Doch auch die Katze hat ein Problem. Zu weit hat sie sich in die Orgelpfeife gezwängt, so dass sie nicht mehr zurück kann. Nicht vor, und nicht zurück, so sehr sie sich auch bemüht, beobachtet von den Angst erfüllten Augen der Ratte dicht vor ihr. Katze und Ratte sitzen in der Falle.
Das Ende einer Jagd. Die Stunden vergehen, und irgendwann fällt Sonnenlicht ins Innere der Kirche, die Schatten vertreibend. Emotionslos, die leeren Augen auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, verfolgen die Statuen und Büsten das Anbrechen des neuen Tages. Auch auf das Winden und Drehen und Schaben und Kratzen im Innern einer der Orgelpfeifen reagieren sie nicht. Irgendwann verstummt auch dies.
Und die Jahre vergehen...
Die Schilderung der nächtlichen Jagd entsprang meiner Phantasie. Aber so oder so ähnlich könnte sich die Jagd ereignet haben, in deren Verlauf sich Jäger und Beute in eine Situation manövrierten, die beiden zum Verhängnis wurde. Steigt man heute in die Gruft der Christ Church hinab, wird man dort einen kleinen Schaukasten bemerken. In seinem Innern befinden sich die mumifizierten Körper einer Katze und einer Ratte, die sich irgendwann in den 1850ern in eine der Orgelpfeifen verirrten und dort gemeinsam verendeten. James Joyce erwähnte die beiden in seinem Werk "Finnegan's Wake", als er die aussichtslose Lage jemandes umschrieb mit "... as stuck as that cat to that mouse in that tube of that Christchurch organ..."

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Mit dieser kleinen Geschichte gehe ich in eine kurze Pause. Für das kommende Wochenende, an das am Montag ein arbeitsfreier "public holiday" anschließt, steht ein Ausflug nach Cambridge auf der Nachbarinsel England an. Ich begebe mich also sozusagen auf feindliches Territorium. Aber was tut man nicht alles, um Familie zu besuchen.
Wir gehen zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist Nacht, tiefe Nacht, und die Kopfsteinpflasterstraßen des viktorianischen Dublins sind nur schwach von Laternen beleuchtet. Vor uns erhebt sich die schwarze Silhouette der Christ Church, die ruhig und verlassen den Morgen erwartet. Wir stellen uns vor, im Innern der Kirche brennen einige Kerzen, deren schwacher Schein Schatten auf die Gesichter der mit leeren Augen ins Dunkle des Kirchenschiffs starrenden Büsten wirft. Es ist kein Laut zu hören.
Wir richten den Blick nach oben. Dort, zwischen den Balken des Dachgestühls, funkeln zwei graue Augen, den Blick mal hierhin, mal dorthin richtend. Es sind die Augen einer Katze, die von erhöhter Position herab das Innere der Kirche beobachtet. Sie weiß, es ist die Zeit, in der sich gewöhnlich ihre Beute, Mäuse oder Ratten, aus ihrem Versteck traut, auf der Suche nach Essbarem. Sie muss nur geduldig warten.
Plötzlich hebt sich die Spitze ihres Schwanzes und vollführt langsam leichte Bewegungen von einer Seite zur anderen. Unterhalb von ihr, für unsere Augen kaum erkennbar, hat die Katze einen Schatten entdeckt, der sich im Schutze der Dunkelheit leise trippelnd von einer Nische zur nächsten bewegt. Es ist der Schatten einer Ratte. Das Warten hat sich gelohnt. Die Katze begibt sich in Position, die großen Augen fest auf den ahnungslosen Schatten unter ihr geheftet. Sie wartet noch ein wenig, bis der Schatten näher kommt, dann stößt sie sich urplötzlich ab und springt auf die Ratte zu.
Die Ratte kann noch reagieren und ausweichen. Verzweifelt sucht sie nach einer Nische in ihrer Nähe, in der sie sich verstecken könnte. Doch die Katze ist ihr zu dicht auf den Fersen. Eine gnadenlose Jagd entbrennt, über Sitzbänke, um Säulen herum, zwischen Kerzenständern hindurch, um den Altar herum, und schließlich hinein in das Orgelwerk.
Dort geht die Jagd weiter, die Ratte vorneweg, die Katze dicht dahinter. Die Ratte erkennt ihre Chance, denn sie ist kleiner und kann sich hier leichter zwischen den Blasebälgen, Hebeln, Pedalen und anderen Teilen der Orgel bewegen. Flugs schlüpft sie in eine der Orgelpfeifen, sich dort sicher glaubend, da die Katze ihr kaum wird folgen können.
Doch die Katze, ihre Beute fest im Blick und die enge Öffnung ignorierend, zwängt sich hinter der Ratte in die Orgelpfeife. Langsam arbeitet sie sich näher an die Ratte heran, die sich immer weiter in den hinteren und schmaleren Teil der Orgelpeife zwängt. Und dorthin kann ihr die Katze wirklich nicht folgen. Den Blick auf ihre Beute gerichtet, so nah vor Augen und doch unerreichbar, hält sie in ihren Bemühungen kurz inne. Sie weiß: Die Ratte ist ihr in die Falle gegangen, sie kann nicht entweichen.
Doch auch die Katze hat ein Problem. Zu weit hat sie sich in die Orgelpfeife gezwängt, so dass sie nicht mehr zurück kann. Nicht vor, und nicht zurück, so sehr sie sich auch bemüht, beobachtet von den Angst erfüllten Augen der Ratte dicht vor ihr. Katze und Ratte sitzen in der Falle.
Das Ende einer Jagd. Die Stunden vergehen, und irgendwann fällt Sonnenlicht ins Innere der Kirche, die Schatten vertreibend. Emotionslos, die leeren Augen auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, verfolgen die Statuen und Büsten das Anbrechen des neuen Tages. Auch auf das Winden und Drehen und Schaben und Kratzen im Innern einer der Orgelpfeifen reagieren sie nicht. Irgendwann verstummt auch dies.
Und die Jahre vergehen...
Die Schilderung der nächtlichen Jagd entsprang meiner Phantasie. Aber so oder so ähnlich könnte sich die Jagd ereignet haben, in deren Verlauf sich Jäger und Beute in eine Situation manövrierten, die beiden zum Verhängnis wurde. Steigt man heute in die Gruft der Christ Church hinab, wird man dort einen kleinen Schaukasten bemerken. In seinem Innern befinden sich die mumifizierten Körper einer Katze und einer Ratte, die sich irgendwann in den 1850ern in eine der Orgelpfeifen verirrten und dort gemeinsam verendeten. James Joyce erwähnte die beiden in seinem Werk "Finnegan's Wake", als er die aussichtslose Lage jemandes umschrieb mit "... as stuck as that cat to that mouse in that tube of that Christchurch organ..."

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Mit dieser kleinen Geschichte gehe ich in eine kurze Pause. Für das kommende Wochenende, an das am Montag ein arbeitsfreier "public holiday" anschließt, steht ein Ausflug nach Cambridge auf der Nachbarinsel England an. Ich begebe mich also sozusagen auf feindliches Territorium. Aber was tut man nicht alles, um Familie zu besuchen.















