Am Mittwoch herrschte ausnahmsweise mal kein gutes Wetter, genauer: Es regnete, und der Himmel zeigte keinerlei Anzeichen, auf typisch irisches Wetter umzuschalten. Deshalb entschlossen wir uns, die Außenaktivitäten auf ein Minimum zu beschränken. Was lag da näher, als einen entspannten Tag in und rund um Killarney zu verbringen.

Machen wir uns nichts vor: Killarney ist eine Postkarten-Touristenstadt. Hier dreht sich alles mehr oder weniger um den Tourismus. Und das merkt man in der kleinen Stadt sehr schnell: Es gibt zahlreiche Souvenirläden, Geschäfte mit Kunsthandwerk und eine Reihe von Bars und Restaurants. Alle zehn Meter werben Reiseveranstalter mit Ausflügen zu den nahe gelegenen Seen, und im Umfeld ist fast jedes zweite Haus ein B&B. Die kleine Stadt bietet alles für einen angenehmen Abend nach einer anstrengenden Tagestour, hat jedoch selbst keine besonders attraktiven Sehenswürdigkeiten. Die vielen Touristen, allen voran amerikanische, kommen vor allem wegen des Umfeldes.

Den Vormittag verbrachten wir mit einem Bummel durch Killarney. Das Stadtzentrum ist sehr überschaubar und gut zu Fuß zu bewältigen. Es gibt genügend Läden und Geschäfte, in denen man sich mit Shoppen die Zeit vertreiben kann. Wer sich mit Strickwaren eindecken möchte, wird bestimmt fündig, so z.B. in dem gut sortierten Aran Sweater Market auf der Plunkett Street. Dort erwarb ich mir einen flauschig-warmen Wollpullover mit langem Reißverschluss. Schließlich kommen bald die kalten Tage, und das nasskalte Wetter beim Einkaufsbummel tat sein Übriges.

Besonders erwähnenswert ist auch ein kleiner, unscheinbarer Lebensmittelladen mit Namen "John M. Reidy", den man auf der Highstreet findet. Den Laden muss man gesehen haben. Er ist am ehesten vergleichbar mit den Tante-Emma-Läden aus Deutschland und ist eine echte Rarität im heutigen Irland. In einer Zeit, als es Supermärkte oder größere Lebensmittelgeschäfte noch nicht gab, waren Läden wie dieser Ziel des nachmittäglichen Einkaufens der irischen Familie. Im vorderen Bereich gab es die Lebensmittel. Hier kaufte "Frau vom Lande" ein, und hielt nebenbei mit anderen "Frauen vom Lande" einen gepflegten Nachmittags-Klatsch. Im hinteren Teil des Ladens gab es eine Bar, an der derweil die Männer bei einem Pint ihren Tratsch austauschten und auf die Frauen warteten. Während die Frau des Ladenbesitzers für den Lebensmittelbereich zuständig war, bediente der Mann an der Bar. Und für die Kleinen war das Aufregendste in dem Laden die vielen großen Dosen und Einmachgläser mit den Süßigkeiten.
Um die quengeligen Kinder ruhig zu stellen, kaufte man ihnen Süßigkeiten. Das war für sie dann das Highlight des Einkaufs, der Lohn für geduldiges Warten. Später, wenn sie älter waren und vielleicht etwas Taschengeld erhalten hatten, liefen sie zu Läden wie diesem, um stolz von ihrem eigenen Geld Süßigkeiten zu kaufen. Man kaufte nach Gewicht, so z.B. einen "quarter", einem viertel Pfund. Bei der Bestellung wog man ab, bei welchen Süßigkeiten man mehr für sein Geld bekam.
So lange liegt dies alles noch nicht zurück. Viele meiner Kollegen bekommen auch heute noch leuchtende Augen, wenn sie sich an ihre damaligen Ausflüge zum Kaufen von Süßigkeiten erinnern. Schnell verfallen sie ins Fachsimpeln, welche Süßigkeiten das geringste spezifische Gewicht hatten, wovon man also mehr für sein Geld bekam. Und für manch einen kommt das Betreten eines solchen Ladens einer Reise zurück in der Zeit gleich.

Als wir den Laden betraten, kam uns in der Tür eine irische Frau mittleren Alters entgegen. "Es gibt im hinteren Teil sogar eine Bar!" sagte sie mit leuchtenden Augen. Und tatsächlich: Im Innern des Ladens war alles noch genau so, wie viele Iren es in Erinnerung haben: Im vorderen Bereich die Lebensmittel, im hinteren Teil die Bar. Ein alte Ladenkasse tat noch immer ihren Dienst, und im Regal vor dem Fenster standen die vielen großen, durchsichtigen Plastikdosen mit den Süßigkeiten. Wir bestellten "a quarter" gemischte Lakritze und zwei Lakritzstangen. Der Ladenbesitzer, ein älterer Mann mit grauen Haaren, holte gemächlich die entsprechenden Dosen hervor, wog das viertel Pfund sorgfältig auf einer alten Messingwaage ab und gab es in eine braune Papiertüte. Die beiden Lakritzstangen wickelte er sorgfältig in Papier ein. Dann schlurfte er zu der alten Kasse und tippte den Preis ein. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und mit unseren süßen Kostbarkeiten in der Hand verließen wir den kleinen Laden und kehrten mit leuchtenden Augen in die Neuzeit zurück.
Nach unserem interessanten Bummel durch die Stadt, zog es uns hinaus in die Natur. Killarney liegt am Rande des Killarney National Parks, der durch eine wunderschöne Landschaft rund um idyllische Seen besticht. Einer Legende nach lebte einst in dem tiefen Tal, in dem sich heute die Seen befinden, ein fröhliches und glückliches Volk. Wald und Flüsse gaben genügend Nahrung, so dass es den Menschen an nichts mangelte. Ein Brunnen versorgte sie mit dem saubersten und reinsten Trinkwasser der ganzen Umgebung. Wissend um ihren kostbaren Brunnen, hatten die Menschen ein Gesetz erlassen, das verlangte, den Brunnen nach Verwendung sorgfältig mit einem Deckel zu verschließen. Großes Unheil würde über alle hereinbrechen, sollte jemand vergessen, den Brunnen zu schließen.
Eines Abends begab es sich, dass Eileen, die Tochter des Chieftains, am Brunnen Wasser holte. Da kam ein junger Krieger vorbei und bat um etwas Wasser. Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, kam er mit der holden Maid ins Gespräch. Die schöne Eileen war von dem schönen Jüngling und seinen Geschichten aus der fernen Welt so fasziniert, dass sie ihn in ihres Vaters Haus einlud – und vergaß vor Aufregung, den Brunnen zu schließen.
In der Nacht dann, als alle friedlich schliefen, stieg das Wasser im Brunnen empor, bis dieser überlief. So schnell und kräftig stieg das Wasser, dass die Bewohner des Dorfes, selbst nachdem sie erwacht waren und das Unheil bemerkt hatten, es nicht mehr schafften, den Brunnen zu schließen. Das Wasser stieg und stieg, überflutete die Häuser, und füllte schließlich das ganze Tal. Und so entstanden die wunderschönen Seen rund um Killarney.
Weiter besagt die Legende, dass die Bewohner jenes Dorfes nun in Tir-na-nóg leben, im Land unter dem Wasser. Weiter heißt es, dass, wenn jemand zum Boden der Seen hinab tauchen und den Brunnen schließen würde, das Wasser schließlich zurückgehen und das Tal wieder in seiner ursprünglichen Form erscheinen würde. Doch wer von denen, die einmal in Killarney waren und diese wunderschönen Seen gesehen haben, würde das wollen?

Nun, die schönen Seen haben wir allerdings nicht gesehen. Das schlechte Wetter hat uns nicht gerade zu einer Wanderung durch den National Park und zu den Seen animieren können. Stattdessen fuhren wir zum "Muckross" Landgut. Dieses Anwesen in herrlicher Lage am Rande eines der Seen ist das Herzstück des Killarney National Parks. Das viktorianische Herrenhaus ist als Museum hergerichtet, das Einblicke in das Leben der Adligen im 19. Jahrhundert gibt.

Vor dem "Muckross House" warten die berühmten "Jaunting Cars" darauf, Touristen um den See und durch die große Parklandschaft zu kutschieren. Diese kleinen, offenen Pferdekutschen sind das traditionelle Verkehrsmittel von Killarney. Bekannt wurden diese Gespanne vor allem durch den Film "The Quiet Man" (USA 1952), in dem John Wayne auf einer dieser Kutschen einen romantischen Ausflug unternimmt, um der schönen (und rothaarigen) Maureen O'Hara nach alter Sitte den Hof zu machen, natürlich unter den wachsamen Augen eines Anstandsbegleiters ("No patty-fingers, if you please. The proprieties at all times."). Viele Touristen, vor allem amerikanische, lassen es sich nicht nehmen, sich auf einer dieser Kutschen durch den Park fahren zu lassen, auch wenn es heftig regnet und sie krampfhaft ihre Regenschirme festhalten müssen.

Interessanter aber als die Inneneinrichtung des "Muckross House" oder eine Fahrt mit einem "Jaunting Car", fanden wir die "Muckross Traditional Farm Houses". Dabei handelt es sich um eine Art Freilichtmuseum, in dem man traditionelle irische Farmhäuser aus den 1920ern und 30ern besichtigen kann. Auf einem Rundwanderweg wird man an verschieden großen Bauernhöfen vorbei geführt, von der "Small Fize Farm", die als Familienbetrieb typischer Weise etwa 20 Hektar Land bewirtete, bis zur "Large Farm", die bis zu 100 Hektar Land bewirtete.

Die Höfe und Wohnhäuser wurden mit viel Liebe zum Detail rekonstruiert und wirken so, als ob die Bewohner nur mal eben ins Dorf gefahren sind und jeden Augenblick zurück kommen könnten. Frisch gehacktes Holz oder Torf liegen im Unterstand, im Hof laufen die Hühner umher, im Stall stehen Schweine oder Pferde, und aus dem Schornstein steigt Rauch. In der Wohnstube sitzt eine freundliche alte Dame vor dem gemütlichen Kaminfeuer, und plaudert munter vom Leben auf einer solchen Farm, während sie an einem Pullover strickt und eine Katze um ihre Füße schleicht. In den kleinen und spärlich eingerichteten Schlafzimmern stehen Bett, Schrank und Kommode, nebst Waschschüssel, Nähkästchen und Kerze auf dem Nachttisch. Unter dem Bett stehen Schuhe und über dem Bett hängt ein Bild des gelobten Herrn. Die große Farm zeugt von wesentlich größerem Wohlstand und ist deutlich "aufwändiger" ausgestattet, als die kleineren Farmhäuser. Das Wohnhaus der großen Farm hat wesentlich mehr Räume, darunter eine große Küche mit schwerem Ofen sowie zwei Ess- und Wohnzimmer mit Kamin, kostbarem Holztisch, einer vornehmen Ledersitzgarnitur und sogar einem alten Radio.

Als wir auf der großen Farm waren, setzte starker Regen ein, der uns vom Weitergehen abhielt. Wir zogen es vor, eine Regenpause abzuwarten und setzten uns in der alten Küche auf eine gemütliche Holzbank. Außer uns warteten noch ein paar andere Besucher. Im Ofen brannte ein Feuer und wärmte den Raum ein wenig, und die (auch in diesem Farmhaus) freundliche ältere Dame freute sich über den unerwarteten Zulauf und beantwortete geduldig Fragen zum Leben auf der Farm. Die Tür zum Hof stand offen. Draußen liefen zwei irische Wolfshunde herum, denen der Regen offensichtlich nichts ausmachte. Es war ein friedliches und idyllisches Bild, und hatte auch etwas Meditatives. Wir hatten keine Eile, und so warteten wir einfach. Jeder hing ein Weilchen seinen Gedanken nach und blickte gelegentlich durch die offene Tür nach draußen. Ich stellte mir vor, dass sich der gleiche Anblick vermutlich auch damals den Burschen und Mägden bot, wenn sie in der Küche sitzend wie wir einen Regenschauer abwarteten, sich vielleicht mit einer Tasse Tee wärmend. Doch im Gegensatz zu uns mussten sie wahrscheinlich irgendwann wieder ihrer Arbeit nachgehen, Regen hin oder her.
Der Regen der Neuzeit ließ auch nach längerem Warten leider nicht nach. Doch zum Glück betreibt das Freilichtmuseum eine eigene (und kostenlose) "Buslinie", die zwischen den Farmhäusern verkehrt. Als uns das Warten zu langweilig wurde, sprangen wir auf den nächsten Bus auf. So kamen wir trotz starkem Regen doch noch weitgehend trockenen Fußes zurück zum Parkplatz und unserem Auto. Und damit beließen es für den Tag und den Reisen in die Vergangenheit.
Zurück im B&B wurden wir endgültig wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Zwei interessante Nachrichten prägten den Tag: