Sonntag, 28. September 2008

It's A Mad World

Wenn man diese Tage durch irische Zeitungen blättert, stolpert man über die eine oder andere Meldung aus Dublin, bei der man sich fragt, in was für einer Welt man hier eigentlich lebt. Und damit sind nicht etwa die Meldungen zur Finanzkrise gemeint, die ja auch vor Irland nicht Halt gemacht hat. Meldungen in der Art, dass Millionen darauf gewettet wurden, dass auch die irischen Banken bald den Bach runter gehen. Nein, es sind ganz banale Meldungen, aber nicht weniger erschreckend.

Im Stardust Memorial Park in Coolock im nördlichen Dublin hatten Unbekannte einen Schwan mit Brot gefüttert, in dem ein Feuerwerkskörper steckte. Der Kracher explodierte im Schnabel des Tieres und verletzte es schwer. Spaziergänger fanden das Tier am Abend und informierten die Dublin Society for Prevention of Cruelty to Animals (DSPCA). Da es aber bereits zu dunkel war und es für den Mitarbeiter der DSPCA allein im Park zu gefährlich war, dauerte es bis zum nächsten Morgen, bis man das Tier einfing und letztlich einschläferte.

Bei dieser Meldung fragt man sich, was erschreckender ist: Die Tatsache, dass Menschen einem wehrlosen Tier so etwas antun, oder dass sich der Helfer nachts allein im Park nicht sicher fühlte.

Ein anderer Artikel berichtete, dass es in der letzten Zeit immer häufiger zu sexuellen Übergriffen auf junge Frauen kam, die sich nachts auf dem Weg nach Hause einem Taxi anvertrauten. Einige Frauen berichteten, dass sie im hinteren Teil vermeintlicher Taxis einen Mann bemerkten, der sich auf dem Fußboden versteckte. Meist wiegen die falschen Taxifahrer ihre Fahrgäste zunächst in Sicherheit, und fahren dann zu entlegenen Stellen, wo es zu einem Angriff kommt. Der Artikel warnte davor, dass zahlreiche falsche Taxis unterwegs seien. Wie eine Nachforschung ergab, sei es ein Leichtes, sich auch ohne Lizenz in Dublin ein Taxischild und ein Taxameter zu besorgen. Frauen werden deshalb zu erhöhter Wachsamkeit aufgefordert.

Zuweilen bestätigen auch eigene Beobachtungen das verzerrte Bild des heutigen Dublin: Am Samstag führte mich mein Weg durch den Stadtteil Finglas, im Norden von Dublin. Touristen finden selten ihren Weg in diesen Stadtteil, und daran tun sie auch gut. Noch im März hatten sich Busfahrer geweigert, die Routen durch Finglas nach 19 Uhr zu fahren, da sie um ihre Sicherheit und die der Fahrgäste bangen mussten. In Finglas herrscht der Wilde Westen. Und das nicht nur, weil man dort zwischen Häusern grasende Pferde sehen kann, oder Jugendliche, die auf Pferden über die Straßen galoppieren. Was sich nachts in Finglas ereignet, möchte man lieber gar nicht wissen. Manchmal deckt die Sonne am Morgen die Spuren des nächtlichen Treibens auf. Und dann bleibt es der Vorstellungskraft überlassen, sich auszumalen, wie es nachts in Finglas zugeht. Als ich Samstagmorgen (mit dem Bus) durch Finglas fuhr, stand vor einem Haus ein Polizeiwagen. Die Beamten begutachteten auf einer Wiese gerade ein Auto, das auf dem Dach lag... It's a mad world.

Freitag, 26. September 2008

Hard Times

Nun ist es offiziell: Das CSO, das Central Statistics Office, bestätigte, dass sich Irland in einer Rezession befindet. Die Wirtschaft ist das zweite Quartal in Folge geschrumpft. In diesem Quartal um 0,5% gegenüber dem vorangegangenen Quartal, und davor bereits um 0,3%. Insgesamt ist sie gegenüber dem Vorjahr um 0,8% gesunken. Damit ist Irland das erste Land der Euro-Zone, das in diesem Jahr in eine Rezession geht. Allerdings sieht die EU-Kommission als weitere Kandidaten unter anderem Spanien und - Deutschland. Die internationale Finanzkrise macht allen schwer zu schaffen.

Die aktuellen Wirtschaftszahlen bestätigen, was sich auf dem irischen Binnenmarkt schon länger abzeichnete. Dort war bereits ein deutlicher Rückgang beim allgemeinen Konsum zu beobachten. Gegenüber dem Vorjahr ist der Konsum um 1,4% zurückgegangen, der erste Rückgang seit 11 Jahren. Bislang war der gute Binnenmarkt einer der Stützpfeiler der irischen Wirtschaft.

Damit kommt ein wirtschaftlicher Boom ohnegleichen vorerst zum Stillstand. In den letzten zehn Jahren war die irische Wirtschaft jährlich durchschnittlich um etwa 7% gewachsen, dreimal mehr als der europäische Durchschnitt. Zum ersten Mal seit Mitte der 1980er geht Irland wieder in eine Rezession.

Die irische Regierung ist nun zu drastischen Sparmaßnahmen gezwungen. Aufgrund der Dringlichkeit wurde die Haushaltsplanung auf Mitte Oktober vorgezogen. Es wird damit gerechnet, dass einige Großprojekte gestrichen, oder zumindest auf Eis gelegt werden. So zum Beispiel die geplante Metro-Line "North", die den Flughafen per Straßenbahn an das Stadtzentrum anbinden soll. Es war geplant, einen Teil der Linie unterirdisch verlaufen zu laufen. Nun ist denkbar, dass man einen preiswerteren Kompromiss anstrebt und die Straßenbahn oberirdisch baut. Dies würde natürlich nicht wesentlich zur Verbesserung der Verkehrssituation beitragen.

Passend zum Thema hat eine aktuelle Umfrage unter Studenten ergeben, dass zwei Drittel die aktuelle Arbeitsmarktsituation pessimistisch einschätzen, und dass 49% der Studenten planen, nach dem Abschluss ins Ausland zu gehen, um überhaupt eine Stelle zu bekommen. Ein solcher Brain-Drain würde sich natürlich langfristig negativ auf die irische Wirtschaft auswirken. Aber es scheint, dass Emigration leider wieder ein großes Thema ist.

Doch auch in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird allerorten weiterhin munter an den Kostenschrauben gedreht. Bord Gais, der Gas-Versorger-Monopolist, hat angekündigt, dass die Preise von September an um durchschnittlich 20% angehoben werden. Auch eine Fahrt im Taxi wird teurer, und zwar um ca. 8%. Einmal Winken kostet dann bereits 4,10 Euro (an Wochenenden und Feiertagen gar 4,45 Euro), ohne dass man auch nur einen Meter gefahren ist. Und mein Gitarrenkurs kostet für dieses Semester 170 Euro (bislang 160 Euro).

Bei diesen Zahlen kann einem schon die Lust auf Irland etwas vergehen. Es ist ein kleiner Trost, dass es derzeit in Europa allgemein nicht rosig aussieht. Da fallen einem wieder die Zeilen aus dem alten Lied "Hard Times" ein, das Stephen Foster bereits 1855 geschrieben hat. Vielleicht hilft die Beschwörung ja:

"Oh hard times, come again no more."

Sonntag, 21. September 2008

Weekend With Fun Activities

Zurück von einem Wochenende der völlig anderen Art: Einmal im Jahr lädt mein Arbeitgeber alle Mitarbeiter zu einem "company weekend" ein, um bei Spiel, Spaß und Geselligkeit den Projektstress zu vergessen und mit den Kollegen mal in Ruhe ein Bierchen trinken zu können. Im letzten Jahr fand das Wochenende in Adare (Co. Limerick) statt (ich hatte berichtet, siehe Artikel "Chilling Out" vom 28.5.2007). Diesmal ging es ins kleine Örtchen Gorey im County Wexford an der Ostküste Irlands, etwa eine Autostunde südlich von Dublin. Von der Ostküste habe ich bislang noch nicht so viel gesehen, wenn man vom Großraum Dublin und dem County Wicklow mal absieht. Aber das Firmen-Wochenende diente leider weder dem Sightseeing noch dem Ausschlafen und Herumtrödeln. Im Gegenteil, das Wochenende verlangte einiges von den Teilnehmern.

Der Freitagabend stand noch im Zeichen der Gemütlichkeit beim gemeinsamen Dinner und dem anschließenden Pint an der Hotelbar. Viele der irischen Kollegen haben den Abend sichtlich genossen und fanden erst sehr spät, oder vielmehr früh, ins Hotelzimmer. Und wer zu spät geht, den bestraft bekanntlich die Leber. Oder zumindest der Kopf.

Am Samstag hieß es nämlich bereits gegen 10 Uhr Aufbruch. Ein Tag mit allerlei körperlich und mental fordernden Aktivitäten an. Die meisten Kollegen fanden sich rechtzeitig ein, wobei viele der Langtrinker vom Vorabend noch "unter dem Radar" ("below radar") waren. Einige aber mussten per Handyanruf aus dem Bett geklingelt werden, damit sie den Tag nicht verpassten.

Die jeweilige Verfassung der Teilnehmer war für die anstehenden Aktivitäten aber auch nicht ganz so wichtig. Im Gegenteil, wenn die Koordination nicht so funktionierte oder die Hand nicht so ruhig war, sorgte das eher für noch mehr allgemeine Erheiterung - und für weniger Punkte für die gegnerische Mannschaft. Es galt nämlich, im Teamwettkampf gegeneinander anzutreten.

So galt es zum Beispiel, einen aufblasbaren Hindernis-Parcour zu überwinden, im "Bungee-Run" mit angebundenem Gummiband möglichst weit zu laufen, im "menschlichen Tischfußball" ein anderes Team zu bezwingen, einen Staffellauf im Paar-Sackhüpfen zu gewinnen, verpackt in einem Sumo-Ringer-Anzug aus Schaumstoff einen Kontrahenten zu Boden zu werfen oder als "Gladiator" einen Gegner vom Sockel zu schubsen, oder eine Kuhattrappe zu melken (man mag es kaum glauben, aber diese an sich wenig spektakuläre Übung fand großes Interesse; es gibt mehr "Stadt-Iren", die noch nie eine Kuh gemolken haben, als man erwarten würde).

Für das Bestehen der Übungen oder dem Bezwingen eines Gegners gab es Punkte, die dem Team zugeschrieben wurden. Am Ende des Tages gab es auch ein Siegerteam. Aber unter dem Strich stand der Spaß im Vordergrund. Und die meisten waren froh, als der anstrengende Tag endlich vorüber war und es zurück ins Hotel ging. Dort ließ man den Abend bei einem vorzüglichen Dinner und einem Pint an der Hotelbar ausklingen. Allerdings wurde es nicht so spät wie noch am Vorabend. Der einfache Grund: Viele wollten natürlich am Sonntag recht "früh" wieder nach Hause fahren und hielten sich deshalb beim Trinken zurück. Der zweite Grund war, dass die körperlich fordernden Aktivitäten ihren Tribut gefordert hatten. Die meisten waren schlicht und einfach völlig ausgelaugt und entsprechend müde.

Untergebracht waren wir übrigens im Hotel "Amber Springs", einem 4-Sterne-Hotel. Auch für dieses Hotel gilt meine bereits für das "Knightsbrook" in Trim aufgestellte Regel: Hotels dieser Art sind bevorzugte Veranstaltungsorte für Hochzeitsfeiern. An beiden Abenden fand im "Amber Springs" eine Hochzeitsfeier statt, mit den üblichen Folgen: Am Sonntagmorgen, als ich um ca. 9 Uhr zum Frühstücken ging, war man noch mit dem "Aufräumen" beschäftigt. Auf dem Hotelflur kümmerte sich ein Mann um seinen Kumpel, der zusammengesunken auf einer Couch lag und offensichtlich noch nicht wieder ansprechbar war. Die üblichen Folgen irischer Hochzeitsfeiern...

Letzter Punkt in meiner Berichterstattung über das Wochenende: Am Sonntag gab es den Jahreshöhepunkt in Sachen gälischer Sportarten. Das Finale um die GAA All Ireland Football Championship stand an. Im Croke Park Stadion trafen die Teams aus Kerry und Tyrone aufeinander. Zeitungen und Fernsehen kannten in den letzten Tagen fast nur dieses eine Thema (abgesehen von der Aufregung auf den internationalen Finanzmärkten und dem Ryder Cup). Kerry hatte die Chance, die All Ireland zum dritten Mal in Folge zu gewinnen und galt als leichter Favorit. Doch der Underdog Tyrone sorgte für eine Überraschung: Mit 1-15 zu 0-14 zwang man die Mannschaft des "Kingdoms" in die Knie.

Mittwoch, 17. September 2008

Urlaub im Südwesten (letzter Teil)

Samstag 6.9. Luxus in Trim

Am Samstag brachen wir wieder früh genug auf, um unseren letzten vollen Urlaubstag nochmals möglichst optimal zu nutzen. Denn unter anderem stand die längste Fahrtstrecke der gesamten Urlaubsreise an, die uns von Doolin bis nach Trim im County Meath brachte, immerhin ca. 220 km. Aber auch diese Strecke hatten wir wieder in kleinere Etappen mit Stopps an interessanten Orten unterteilt.

Von Doolin aus ging es zunächst in nördlicher Richtung durch den Burren, jene atemberaubende, karge Kalksteinlandschaft im nördlichen Teil des County Clare. Auf der kurvenreichen Strecke hielten wir des Öfteren kurz an, um die Landschaft zu genießen und Fotos zu machen. Denn am Samstag spielte das Wetter wieder wunderbar mit und ließ die Felslandschaft in bestem Sonnenlicht erstrahlen.

Unter dem Burren hat das Wasser über Jahrmillionen hinweg ein weit verzweigtes Höhlensystem ausgewaschen und dabei interessante Felsformationen mit Stalagtiten und Stalagmiten hinterlassen. Im letzten Jahr hatte ich nahe Doolin eine dieser Höhlen besucht, in der es einen der weltweit größten Stalagtiten zu sehen gibt. Diesmal stand eine andere Höhle auf dem Program. Die bekannte "Aillwee Cave".

Die "Aillwee Cave" ist eine der größten Höhlen im Burren. Sie erstreckt sich über 1,3 km in den Berg hinein. Berühmt geworden ist die Höhle vor allem wegen ihrer früheren Bewohner: Aufgrund der in ihrem Innern das ganze Jahr über gleich bleibenden Temperatur von ca. zehn Grad diente die Höhle dem irischen Braunbären als Rückzugsort für den Winterschlaf. In der Höhle fand man einige Überreste dieses vor ca. 10.000 Jahren ausgestorbenen Bären, allen voran die von den Bären ausgescharrten Schlafmulden. Eine 30-minütige Führung führt durch das Innere der Höhle (allerdings nicht über die vollen 1,3 km). Der Weg ist gut ausgebaut und es gibt kleinere Stalagtiten und Stalagmiten sowie einen Wasserfall zu sehen. Kompetente Führer erklären die Feinheiten der Felsformationen.

Interessanter Punkt der Führung ist das Erleben völliger Finsternis, wenn der Führer alle künstlichen Lichtquellen für kurze Zeit ausschaltet. Pechschwarze Dunkelheit umgibt einen. Wohin man auch blickt, es gibt keine Lichtquelle, an der man sich orientieren könnte (naja, von Handydisplays oder beleuchteten Armbanduhren einiger Tourteilnehmer mal abgesehen). Nach Aussage des Führers führt das gänzliche Fehlen optischer Reize dazu, dass das Gehirn nach einiger Zeit halluziniert, sich also selbst Bilder vorgaukelt. Und irgendwann wird jedes kleine Geräusch, das aus dem Innern der Höhle dringt, als Flüstern wahrgenommen. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis der Wahnsinn einsetzt. So lange wartete unser Führer aber zum Glück nicht, sondern schaltete nach kurzer Zeit das Licht wieder ein.

Es war mein erster Besuch dieser berühmten Höhle, und wird wahrscheinlich auch mein einziger bleiben. Während mein Reiseführer (Drucklegung Mai 2006) als Eintrittspreis noch 8,50 Euro für einen Erwachsenen angibt, und im Mai 2007 der Eintrittspreis noch bei 12 Euro lag, beträgt er mittlerweile volle 15 Euro. Bei diesen Teuerungsraten vergeht einem so langsam die Lust auf den Besuch derartiger Attraktionen. Eine Höhle bleibt eine Höhle, in ihrem Innern kommen neue Attraktionen nur alle paar Millionen Jahre hinzu. Womit wird die Preiserhöhung gerechtfertigt? Deswegen fällt mein Urteil über die Höhle auch etwas zurückhaltend aus: Zwar ist die Höhle sehr groß und aus geologischer und naturhistorischer Hinsicht interessant und die Führung sehr professionell. Aber 15 Euro sind meines Erachtens überzogen. Kurz: Hier wird der Tourist kräftig ausgenommen. Gewarnt sei der, der im nächsten Jahr die Höhle besuchen möchte.

Nach dem unterirdischen Spaziergang in der dunklen und feuchten Aillwee Cave gelüstete es uns nach frischer Luft und Sonnenlicht (denn am Samstag herrschte wieder bestes Irland-Wetter). Nur einen Steinwurf entfernt von der Aillwee Cave gibt es in der Nähe des Dörfchens Ballyvaughn einen großen, aber etwas abseits gelegenen Strand, dem "Bishop's Quarter Beach". Die Zufahrt führt über eine schmale Straße und ist nur mit einem kleinen Hinweisschild versehen. Touristen verirren sich nur selten an diesen Strand. Deswegen eignet er sich hervorragend für einsame Spaziergänge am Meer.

Der irische Singer/Songwriter Luka Bloom (Bruder der irischen Folk-Legende Christy Moore) hat diesen Strand als sein "Spiritual Home" bezeichnet, als einen Rückzugsort, den er aufsucht, um in der Ruhe und Abgeschiedenheit Kraft für Auftritte zu tanken oder Anregungen für Lieder zu suchen, oder um einfach nur für ein paar Minuten oder Stunden der Welt zu entfliehen und seinen Gedanken nachzuhängen. Eines Tages beobachte er dort einen Reiher (engl. "heron" ), der wiederum ihn zu beobachten schien. Dieser magische Augenblick inspirierte Luka Bloom zu einem sehr gefühlvollen, ruhigen Lied:

"I walked along the western shore
One bright November day
I watched a heron watching me
And thought I heard him say:

Just be still now
Wait a while
And let life come to you
Just be still now
All your dreams
Are on the breezes passing through"

(Luka Bloom – Be Still Now)

Bei unserem Besuch an diesem Strand war außer uns nur noch ein Mann mit seinem Hund dort unterwegs, die ihre Fußspuren im feuchten Sand hinterlassen hatten und in weiter Ferne von uns ihren Spaziergang absolvierten. Ansonsten war der Strand völlig verlassen. Für uns noch einmal Gelegenheit, das Meer zu sehen und an seinem Ufer ein Weilchen zu entspannen, bevor es endgültig zurück nach Dublin ging. Abschied von der Westküste Irlands. Die sanften Hügel um die Bucht, Spuren im Sand, eine frische und kräftige Brise, das Rauschen des Meeres, das schäumend kleine Felsen umspült, Vögel, die zwischen den Felsen nach Nahrung suchen. Es sind diese Erinnerungen, die wir mitnehmen und die uns im Alltag Kraft und innere Ausgeglichenheit zu geben vermögen, wenn wir sie wieder abrufen.

Auf der Fahrt zurück nach Dublin legten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in Athlone (Co. Westmeath) ein. Diese kleine Stadt in der Mitte Irlands hatte ich bereits im Juni auf der Irland-Rundreise mit meinen Eltern für eine Übernachtung besucht. Damals stellten wir fest, dass der Ort eigentlich keine besonderen Sehenswürdigkeiten zu bieten hat (von dem ausgefallenen B&B mal abgesehen, über das ich berichtete) und sich als ansonsten vergleichsweise trostloser Ort präsentiert. Bei meinem zweiten Besuch fand ich diesen Eindruck bestätigt. Irgendwie scheint der Ort nichts mit sich anfangen zu wissen. Es herrscht eine bedrückte und depressive Atmosphäre. Und wie ich später erfuhr, soll Athlone die höchste Rate an Selbstmorden in Irland haben. Mich wundert es nicht.

Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich Trim. Dies machte uns ein wenig traurig, denn wir waren nun nur noch etwa eine Stunde Fahrt von Dublin entfernt und auch der letzte Tag unseres Urlaubs neigte sich dem Ende. Für den Abschluss unserer Irlandreise gönnten wir uns deshalb noch etwas Besonderes: Wir übernachteten im Knightsbrook-Hotel, einem 4-Sterne-Hotel mit eigenem Golfplatz und Spa. Das Zimmer war schon eine andere Kategorie, als die der B&Bs, in denen wir auf unserer Tour übernachtet hatten (obwohl die alle durchaus sehr ansprechend waren). Das Zimmer hatte ein riesiges, überbreites Doppelbett, einen großen Fernseher mit Flachbildschirm und natürlich einen Wasserkocher und reichlich Teesorten zur Auswahl. Alles vom Feinsten (naja, der Bademantel war etwas zu kurz für mich, aber wir wollen mal nicht meckern). Dieser Luxus hatte natürlich seinen Preis, genauer: 210 Euro fürs Doppelzimmer. Doch wir waren in der glücklichen Position, Gutscheine für eben dieses Hotel zu haben. Und so genossen wir den letzten Abend unserer Reise, u.a. mit einem Abendessen bei Freunden in geselliger Runde.

Hotels dieser Kategorie haben eine Eigenschaft, die man kennen sollte: Derartige Lokalitäten werden gerne für Hochzeitsfeiern genutzt. Bevorzugt an den Wochenenden quartieren sich Hochzeitsgesellschaften ein, schließlich soll der schönste Tag im Leben des Brautpaares in einem passenden Ambiente gefeiert werden. Kosten spielen dabei gewöhnlich keine Rolle.

Irische Hochzeitsfeiern sind vor allem eines: Groß und laut. Es wird richtig und lang gefeiert. Den ganzen Abend über war Musik aus dem Gesellschaftsraum im Erdgeschoss zu hören. Zum Glück aber verstummte diese gegen Mitternacht. Dies bedeutete aber nicht das Ende der Feierlichkeiten. Im Gegenteil, bis in die frühen Morgenstunden hinein liefen Angehörige der Gesellschaft über den Flur, schlugen Türen, schwatzten lautstark, lachten, sangen, grölten. Ruhe kehrte erst etwa gegen 5 Uhr am Morgen ein. In unserer letzten Nacht wurde unsere Toleranzbereitschaft heftig auf die Probe gestellt.


Sonntag 7.9. Back To Dublin

Das große Frühstücksbuffet am nächsten Morgen war Entschädigung für die unruhige Nacht. Etwas überrascht war ich, zu sehen, dass sich trotz der frühen Stunde (wir wollten wieder gegen 10 Uhr aufbrechen und waren entsprechend früh beim Frühstück) viele Mitglieder der Hochzeitsgesellschaft beim Frühstück einfanden, obwohl es ja für viele recht spät geworden sein dürfte. Doch weniger war das gute Frühstück Anreiz, trotz durchgemachter Nacht früh aufzustehen, sondern vielmehr der hoteleigene Golfplatz. Viele nutzten dies, um vor der Heimreise noch eine Partie Golf zu spielen, wie die vielen Golftaschen und Caddies beim Auschecken verrieten.

Beim Auschecken gab es noch ein angenehmes Bonbon für uns: Nach die freundliche junge Dame an der Rezeption unsere Rechnung vorbereitet und unsere Gutscheine verrechnet hatte, wandte sie sich zu uns mit den Worten: "Now, that's 10 Euro, please." Und das in einem 4-Sterne-Hotel wohlgemerkt. Da kann man doch nicht meckern.

Die Fahrt nach Dublin und die Rückgabe des Mietwagens gestalteten sich ohne Probleme. Im Stadtzentrum fanden wir das erwartete Chaos vor: Es war der Tag des Finalspiels der All Ireland Hurling Championship zwischen Kilkenny und Waterford (wir erinnern uns an die vielen Fahnen und Flaggen auf dem Weg durch Kilkenny). Im Bereich um das Croke Park Stadion waren zahlreiche Fans beider Lager unterwegs. Trotz der Massen ging es im Allgemeinen aber wieder sehr gesittet und diszipliniert zu. Anhänger von Kilkenny und Waterford fanden sich in großer Eintracht in den Pubs ein, um gemeinsam auf den Spielbeginn zu warten.

Waterford galt für das Spiel gegen die übermächtigen "Cats" aus Kilkenny als Außenseiter. Es sagt schon viel aus, dass die letzte Finalteilnahme des Teams aus Waterford in die Zeit fällt, als man noch Schwarz-Weiß-Fernseher hatte. Aber davon ließen sich die Waterford-Fans nicht abschrecken, sondern freuten sich, es überhaupt nach langer Zeit wieder ins Finale geschafft zu haben. Kilkenny gewann das Spiel erwartungsgemäß überlegen mit 3-30 zu 1-13, und stieg mit dem dritten Titelgewinn in Folge in den Hurling-Olymp auf.

Und so endete meine Urlaubsreise in den Südwesten von Irland. Es war nur eine Woche, aber diese war derart vollgepackt, dass uns die Zeit viel länger vorkam. Und trotz der langen und auch anstrengenden Tagestouren war es eine sehr erholsame Zeit, denn die Gedanken drehten sich nicht mehr um Arbeit oder die aktuelle Lage der irischen Wirtschaft, sondern um eine atemberaubende Landschaft oder interessante Begebenheiten aus der irischen Geschichte.

Ich habe bewusst ausführlich über diese Reise berichtet. Zum einen wollte ich natürlich möglichst viel von dem schönen Südwesten Irlands vermitteln. Zum anderen wollte ich natürlich auch meine Erinnerungen festhalten. Und von dieser Reise werde ich noch lange zehren.

Urlaub im Südwesten (Teil 6)

Freitag 5.9. Zu Lande und zu Wasser

Der Freitag sah unseren Abschied von Killarney und dem County Kerry. Der restliche Verlauf unserer Reiseroute führte uns von Killarney zunächst noch nach Doolin im County Clare an der Westküste, und am Samstag ins kleine Trim im County Meath, bevor es am Sonntag zurück nach Dublin ging. Der Urlaub neigte sich seinem Ende entgegen. Aber noch blieben uns zwei volle Tage, um weitere interessante Orte zu besuchen. Und passend zu unserem Abschied von Kerry zeigte sich das Wetter wieder von der schlechten Seite: Es war den ganzen Tag über regnerisch.

Auf dem Weg nach Clare ging es von Killarney aus in nördlicher Richtung durch Orte wie Tralee (wo erst wenige Wochen zuvor die neue "Rose of Tralee" gekrönt wurde) und Listowel. Listowel gilt als literarische Hauptstadt von Irland, und hat viele weltberühmte Schriftsteller hervorgebracht. Einer ihrer bekanntesten Söhne ist John B. Keane, von dem u.a. das Stück "The Field" stammt, das mit Richard Harris verfilmt wurde.

Zwischen den Counties Kerry und Clare liegt der breite Shannon, Irlands längster Fluss. Um von Killarney aus auf dem Weg ins County Clare den langen Umweg über Limerick zu vermeiden, hatten wir uns für die Fähre entschieden. Sie verkehrt mehrmals täglich zwischen Tarbert (Co. Kerry) und Killimer (Co. Clare). Zum einen reduzierte sich dadurch unsere Fahrtzeit erheblich, zum anderen war es mal etwas anderes. Zwanzig Minuten dauert eine Überfahrt, und kostet für einen PKW 17 Euro (einfache Fahrt).

Spannend war, wie sich das Navigationssystem verhalten würde, sobald wir auf dem Wasser waren. Als wir über den breiten Shannon schipperten, gab es weiterhin brav seine Informationen aus: Driving North, Speed 14 km/h. Doch der Hintergrund zeigte blaues Wasser. (Während das Navi auf dem Wasser korrekte Informationen ausgab, kam es übrigens später bei der Rückfahrt nach Dublin auf der großen N6 mächtig ins Stolpern, als es ständig behauptete, wir würden "off road" fahren. Beharrlich versuchte es, uns auf "bekannteres" Terrain zu leiten, was wir aber ebenso beharrlich igonierten: "In 500 metre turn left... recalculating... in 600 metre turn left... recalculating...")

In Killimer angekommen, fuhren wir (dank Navigationssystem) zunächst einen Teil der Strecke über die kleinen schmalen und winkligen Neben- und Feldstraßen in Richtung Norden, und stießen bei Spanish Point schließlich auf breitere Straßen, die an der Küste entlang bis nach Doolin führten. Bei der Fahrt durch Clare, beim Blick auf die vertraute Landschaft mit den kleinen Steinmauern am Rande der Straßen, den weißen Häuser, die vereinzelt in der Landschaft stehen, fühlte ich mich sofort wieder heimisch. Bereits im September letzten Jahres hatte ich ausgiebige Fahrten zur Erkundung von Clare unternommen (damals allerdings mit dem öffentlichen Bus). Und bereits im Mai dieses Jahres war ich ja mit meinem Freund Michael in Clare unterwegs, um ihm u.a. die Cliffs of Moher zu zeigen.

Die spektakulären Klippen standen auch diesmal wieder auf dem Programm. Ein kurzer Stopp dort lohnt sich immer - auch wenn es die überzogenen 8 Euro für das Parken kostet. Da es nicht mein erster Besuch der Klippen war und ich bereits in anderen Beiträgen über sie berichtet habe, fasse ich mich hier kurz. Zudem war der Besuch aufgrund des ungemütlichen Wetters kein wirkliches Vergnügen. Aber immerhin habe ich nun die Klippen bei fast allen Witterungsverhältnissen gesehen. Es fehlt eigentlich nur der Besuch im Winter, wenn die Klippen teilweise mit Schnee und Eis überzogen sind, falls es denn mal richtig kalt wird.

Außer dem ungemütlichen Regen fegten an dem Nachmittag auch heftige Winde über die Klippen. Besonders im Bereich von O'Brien's Tower wurde man fast von den Beinen gerissen. Dennoch gab es genügend Touristen, die auch bei diesem Wetter den ungesicherten Pfad entlang der Klippen gingen. Immer wieder gibt es Unfälle, weil Besucher die Winde unterschätzen und buchstäblich von den Klippen gefegt werden. Und bei unserem Besuch meinten zwei Touristen scheinbar, die neu errichteten Barrieren entlang des gesicherten Weges seien nur zur Dekoration. Sie kletterten tatsächlich einfach über die Barriere, um bis an die Kante der Klippen zu gelangen. Allerdings wurden die beiden Lebensmüden sofort von einem der Aufseher zurückgepfiffen. Richtig so.

Von den Klippen ist es nur ein Katzensprung nach Doolin, dem kleinen Fischerdörfchen an der felsigen Westküste. Doolin war unser letzter Übernachtungsort im Westen Irlands. Nachdem wir dort in unserem B&B eingecheckt hatten, gingen wir auf Erkundungstour. Doolin ist ein kleines, beschauliches Touristenörtchen. Aufgrund seiner Nähe zu den Cliffs of Moher und den Aaran Islands, eignet es sich hervorragend als Ausgangsbasis für Wandertouren zu den Cliffs oder auch, mittels Fähre, zu den Aaran Islands. Es gibt drei Pubs in Doolin, zwei kleine Souvenirläden, und immerhin drei Musikgeschäfte. Und das hat seinen guten Grund.

Schlägt das Leben in Doolin im allgemeinen einen eher ruhigeren Gang an, folgt es in den Pubs einem anderen Rhythmus, genauer gesagt einem 3/4 oder 6/8 Rhythmus. Doolin ist die Hochburg der traditionellen irischen Musik, der Jigs und Reels. Bereits am Nachmittag herrschte in Gus O'Connor's Pub eine ausgelassene Stimmung. Drei Musiker boten irische Live-Musik vom Feinsten, sehr zur Freude der zahlreichen Gäste. Abends geht dann so richtig die Post ab. Während der Saison wird in allen Pubs Live-Musik geboten. Wer es einrichten kann, sollte eine Nacht in Doolin bleiben und die Atmosphäre in den Pubs dort live erleben, am besten natürlich bei einem Pint Guinness. Wir hatten das Glück, dass unser B&B direkt gegenüber von MacDermott's war, und wir den langen Abend so richtig genießen konnten. Urlaub in Irland.

(Fortsetzung folgt)

Urlaub im Südwesten (Teil 5)

Donnerstag 4.9. Dingle

Am Donnerstag war die Welt wieder in Ordnung, zumindest was das Wetter anging. Und das kam uns auch ganz recht, denn für unseren letzten vollen Tag im County Kerry stand eine Tour zur Dingle-Halbinsel auf dem Programm. Zwar sollte es nicht so eine Parforce-Tour werden, wie der Ring of Kerry. Aber dennoch war der Tag wieder gut ausgefüllt mit schönen und interessanten Sehenswürdigkeiten, allen voran natürlich die auch dort atemberaubende Landschaft.

Die kleine Hafenstadt Dingle ist der Hauptort auf der Dingle-Halbinsel. Von Killarney sind es nur etwas mehr als 60 km bis nach Dingle. Hin und zurück also nur knapp 120 km, was man auch auf irischen Landstraßen locker an einem Tag bewältigen kann. Doch der Weg war das Ziel. Auch an diesem Tag ließen wir uns wieder genügend Zeit, die ausgewählten Attraktionen entlang der Route in Ruhe anzuschauen und auf uns wirken zu lassen.

Erster Punkt der Tagestour war der Connor-Pass. Mit 456 Meter ist es einer der höchsten Pässe in Irland. Zu ihm gelangt man, wenn man kurz vor Dingle (von Killarney kommend) nach rechts abbiegt und der Straße den Berg hinauf folgt. Vom Pass (wo es einen Parkplatz gibt) hat man eine sensationelle Sicht nach Norden über ein weites Tal bis zur Brandan Bay, und nach Süden bis nach Dingle. Das tolle Wetter an diesem Tag bescherte uns in beide Richtungen eine klare Sicht bis weit aufs Meer hinaus.


Vom Connor Pass fuhren wir wieder zurück in Richtung Dingle und durch den Ort durch weiter nach Westen. Etwa 10 km von Dingle entfernt liegt am Slea Head das prähistorische Ringfort "Dunbeg". Dieses kleine Fort wurde am Rande der steil abfallenden Küste gebaut, wodurch es den Bewohnern optimale Verteidigung erlaubte. Die Anlage hatte vier ringförmige Steinmauern um eine zentrale Behausung, deren Überreste man heute noch besichtigen kann. Im Laufe der Zeit brach ein Teil der Klippen ab und ließ das Ringfort als halbkreisförmige Struktur zurück.

Gleich auf der anderen Straßenseite gegenüber von "Dunbeg Fort" kann man die Rekonstruktionen von Cottages aus der Zeit der großen Hungersnot (Mitte des 19. Jahrhunderts) besichtigen. Nach dem Erlebnis der rekonstruierten Farmhäuser aus den 1920ern vom Vortag, boten die Famine-Cottages eine Reise noch weiter zurück in die Vergangenheit. Auch diese Hütten sind mit Liebe zum Detail rekonstruiert worden und man bekommt einen guten Eindruck davon, unter welchen Verhältnissen die Menschen damals gelebt haben. Auch hier erkennt man die Zweiklassengesellschaft: Während die Grundbesitzer in vergleichsweise komfortablen Cottages wohnten und über Tisch, Bett und Stuhl verfügten, lebten die armen Bauern in kleinen "cabins", die wenig mehr waren als vier grobe Steinmauern mit einem einfachen Dach und Lehmfußboden.

Gegen Mittag ging es von den Famine-Cottages zurück nach Dingle, wo wir eine kleine Mahlzeit einnahmen und uns in Ruhe umsahen. Der Ort Dingle ist ein netter kleiner Fischerort, in dem das Leben auch trotz Touristenstrom seinen normalen Gang geht. Der Ort scheint optimal für einen längeren Aufenthalt zur Erkundung der weiten Umgebung oder einfach zum Entspannen. Der Ort und seine Umgebung bieten für Wanderer oder Wassersportler alles, was das Herz begehrt.


Hauptattraktion von Dingle ist "Fungie", ein großer Tümmler, der als Einzelgänger in der Bucht vor Dingle lebt. Ihm verdankt der Ort einen Großteil der Einnahmen vom Tourismus. Fungie ist derart erfolgreich, dass der Ort ihm bereits zu Lebzeiten eine Statue gewidmet hat. Im Winter 1984 wurden Fischer auf den großen Tümmler aufmerksam, der den Booten folgte und im Wasser herumtollte. Dies sprach sich schnell überall herum. Und irgendwann bot ein Gast einem Fischer Geld, um in die Bucht hinaus gefahren zu werden und den Delfin zu sehen – schon war der Delfin-Tourismus geboren. Heute fahren täglich mehrere Boote hinaus in die Bucht, um den Delfin zu besuchen. Der Preis beträgt 16 Euro für einen Erwachsenen und 8 Euro für Kinder. Gezahlt wird auf dem Boot. Lässt sich der Delfin wider Erwarten nicht blicken, wird kein Geld verlangt.

Aber Dingle hat noch andere Attraktionen zu bieten, so z.B. das "Ocean World", einem Aquarium mit angeschlossenem Fitness-Center nebst Schwimmbad. Ich stellte erfreut fest, dass es im Hafen auch ein Tauch-Zentrum gibt, das Tauch- und Schnorchelfahrten hinaus in die Bucht durchführt. Vielleicht kann ich es bei meinem nächsten Urlaub einrichten, eine Woche in Dingle zu bleiben, und mir dabei auch die Unterwasserwelt von Dingle anzusehen.

Von Dingle ging es am Nachmittag in östlicher Richtung weiter nach Anascaul. Das kleine unscheinbare Dorf unweit der Küste hat einen richtigen Helden vorzuweisen. Tom Crean trat 1892 im Alter von 15 Jahren in die British Royal Navy ein. 1901 meldete er sich als Freiwilliger zu Robert Falcon Scotts Antarktis-Expedition auf der "Discovery" (1901-04), und legte damit den Grundstein für eine bemerkenswerte Karriere als Polarfahrer während der glorreichen Jahre der Polar-Expeditionen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Crean nahm auch an Scotts zweiter und tragischer Antarktis-Expedition nach Tera-Nova teil (1911-13). Lange war Crean in der engeren Wahl für die Pol-Mannschaft, wurde jedoch kurz vor dem Pol von Scott zurückgeschickt, als dieser seine endgültige Wahl der ihn begleitenden vier Männer getroffen hatte. Später war Crean einer der elf Männer, die im November 1912 Scotts letztes Lager fanden.

Auch Ernest Shackleton griff auf den erfahrenen Polarfahrer aus Kerry zurück. Crean war 2. Offizier bei Shackletons berühmter Trans-Antarktis-Expedition (1914-17), bei der die Mannschaft die im Packeis festsitzende "Endurance" aufgeben musste und im offenen Boot 1.200 km bis zur rettenden Station auf Südgeorgien zurücklegte, ohne einen Mann zu verlieren. 1921 setzte sich der harte Mann aus Kerry zur Ruhe und eröffnete in seinem Heimatort Anascaul einen Pub, den "South Pole Inn". 1938 starb Crean im Alter von nur 61 Jahren.

Seinem bekanntesten Sohn hat der Ort inzwischen ein Denkmal gestiftet. Und den Pub "South Pole Inn" gibt es heute noch. In dem kleinen Anascaul ist er nicht zu verfehlen (es erübrigt sich der alte Witz, jemanden zu fragen: "How do we get to the South Pole?"). Der kleine Pub ist wirklich einen Besuch wert. Zahlreiche alte Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem heroischen Zeitalter der Polar-Expeditionen zieren die Wände. Wohl nichts ist spannender, als bei einem gemütlichen Pint diese vielen Fotos zu studieren, von denen einige sehr bekannte Motive zeigen. Wer würde vermuten, dass man in einem kleinen unscheinbaren Dorf an der Westküste Irlands ein Stück Zeitgeschichte findet?

Nach unserer Südpol-Pause in Anascaul fuhren wir weiter zu dem Ort mit dem kürzesten Namen: Inch. Dort legten wir den letzten Stopp vor der letzten Etappe zurück nach Killarney ein. Inch hat einen breiten und scheinbar endlosen Sandstrand zu bieten, auf dem man ausgiebig spazieren gehen und entspannen kann. Da der Strand genau nach Westen zeigt und am Nachmittag ein kurzer Schauer niedergegangen war, hatte die bereits tiefstehende Nachmittagssonne eine besondere Überraschung parat: Mit dem Rücken zum Meer stehend präsentierte sich uns ein vollständiger Regenbogen, der sich scheinbar von einem Ende des Strandes bis zum anderen spannte. Den farbenprächtigen Regenbogen vor Augen, im Hintergrund das Rauschen des Meeres, die wärmende Sonne im Rücken: Der perfekte Ort, um für einige Minuten die Seele baumeln zu lassen. Was will man mehr?



(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 16. September 2008

Urlaub im Südwesten (Teil 4)

Mittwoch 3.9. In und rund um Killarney

Am Mittwoch herrschte ausnahmsweise mal kein gutes Wetter, genauer: Es regnete, und der Himmel zeigte keinerlei Anzeichen, auf typisch irisches Wetter umzuschalten. Deshalb entschlossen wir uns, die Außenaktivitäten auf ein Minimum zu beschränken. Was lag da näher, als einen entspannten Tag in und rund um Killarney zu verbringen.

Machen wir uns nichts vor: Killarney ist eine Postkarten-Touristenstadt. Hier dreht sich alles mehr oder weniger um den Tourismus. Und das merkt man in der kleinen Stadt sehr schnell: Es gibt zahlreiche Souvenirläden, Geschäfte mit Kunsthandwerk und eine Reihe von Bars und Restaurants. Alle zehn Meter werben Reiseveranstalter mit Ausflügen zu den nahe gelegenen Seen, und im Umfeld ist fast jedes zweite Haus ein B&B. Die kleine Stadt bietet alles für einen angenehmen Abend nach einer anstrengenden Tagestour, hat jedoch selbst keine besonders attraktiven Sehenswürdigkeiten. Die vielen Touristen, allen voran amerikanische, kommen vor allem wegen des Umfeldes.

Den Vormittag verbrachten wir mit einem Bummel durch Killarney. Das Stadtzentrum ist sehr überschaubar und gut zu Fuß zu bewältigen. Es gibt genügend Läden und Geschäfte, in denen man sich mit Shoppen die Zeit vertreiben kann. Wer sich mit Strickwaren eindecken möchte, wird bestimmt fündig, so z.B. in dem gut sortierten Aran Sweater Market auf der Plunkett Street. Dort erwarb ich mir einen flauschig-warmen Wollpullover mit langem Reißverschluss. Schließlich kommen bald die kalten Tage, und das nasskalte Wetter beim Einkaufsbummel tat sein Übriges.

Besonders erwähnenswert ist auch ein kleiner, unscheinbarer Lebensmittelladen mit Namen "John M. Reidy", den man auf der Highstreet findet. Den Laden muss man gesehen haben. Er ist am ehesten vergleichbar mit den Tante-Emma-Läden aus Deutschland und ist eine echte Rarität im heutigen Irland. In einer Zeit, als es Supermärkte oder größere Lebensmittelgeschäfte noch nicht gab, waren Läden wie dieser Ziel des nachmittäglichen Einkaufens der irischen Familie. Im vorderen Bereich gab es die Lebensmittel. Hier kaufte "Frau vom Lande" ein, und hielt nebenbei mit anderen "Frauen vom Lande" einen gepflegten Nachmittags-Klatsch. Im hinteren Teil des Ladens gab es eine Bar, an der derweil die Männer bei einem Pint ihren Tratsch austauschten und auf die Frauen warteten. Während die Frau des Ladenbesitzers für den Lebensmittelbereich zuständig war, bediente der Mann an der Bar. Und für die Kleinen war das Aufregendste in dem Laden die vielen großen Dosen und Einmachgläser mit den Süßigkeiten.

Um die quengeligen Kinder ruhig zu stellen, kaufte man ihnen Süßigkeiten. Das war für sie dann das Highlight des Einkaufs, der Lohn für geduldiges Warten. Später, wenn sie älter waren und vielleicht etwas Taschengeld erhalten hatten, liefen sie zu Läden wie diesem, um stolz von ihrem eigenen Geld Süßigkeiten zu kaufen. Man kaufte nach Gewicht, so z.B. einen "quarter", einem viertel Pfund. Bei der Bestellung wog man ab, bei welchen Süßigkeiten man mehr für sein Geld bekam.

So lange liegt dies alles noch nicht zurück. Viele meiner Kollegen bekommen auch heute noch leuchtende Augen, wenn sie sich an ihre damaligen Ausflüge zum Kaufen von Süßigkeiten erinnern. Schnell verfallen sie ins Fachsimpeln, welche Süßigkeiten das geringste spezifische Gewicht hatten, wovon man also mehr für sein Geld bekam. Und für manch einen kommt das Betreten eines solchen Ladens einer Reise zurück in der Zeit gleich.

Als wir den Laden betraten, kam uns in der Tür eine irische Frau mittleren Alters entgegen. "Es gibt im hinteren Teil sogar eine Bar!" sagte sie mit leuchtenden Augen. Und tatsächlich: Im Innern des Ladens war alles noch genau so, wie viele Iren es in Erinnerung haben: Im vorderen Bereich die Lebensmittel, im hinteren Teil die Bar. Ein alte Ladenkasse tat noch immer ihren Dienst, und im Regal vor dem Fenster standen die vielen großen, durchsichtigen Plastikdosen mit den Süßigkeiten. Wir bestellten "a quarter" gemischte Lakritze und zwei Lakritzstangen. Der Ladenbesitzer, ein älterer Mann mit grauen Haaren, holte gemächlich die entsprechenden Dosen hervor, wog das viertel Pfund sorgfältig auf einer alten Messingwaage ab und gab es in eine braune Papiertüte. Die beiden Lakritzstangen wickelte er sorgfältig in Papier ein. Dann schlurfte er zu der alten Kasse und tippte den Preis ein. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und mit unseren süßen Kostbarkeiten in der Hand verließen wir den kleinen Laden und kehrten mit leuchtenden Augen in die Neuzeit zurück.

Nach unserem interessanten Bummel durch die Stadt, zog es uns hinaus in die Natur. Killarney liegt am Rande des Killarney National Parks, der durch eine wunderschöne Landschaft rund um idyllische Seen besticht. Einer Legende nach lebte einst in dem tiefen Tal, in dem sich heute die Seen befinden, ein fröhliches und glückliches Volk. Wald und Flüsse gaben genügend Nahrung, so dass es den Menschen an nichts mangelte. Ein Brunnen versorgte sie mit dem saubersten und reinsten Trinkwasser der ganzen Umgebung. Wissend um ihren kostbaren Brunnen, hatten die Menschen ein Gesetz erlassen, das verlangte, den Brunnen nach Verwendung sorgfältig mit einem Deckel zu verschließen. Großes Unheil würde über alle hereinbrechen, sollte jemand vergessen, den Brunnen zu schließen.

Eines Abends begab es sich, dass Eileen, die Tochter des Chieftains, am Brunnen Wasser holte. Da kam ein junger Krieger vorbei und bat um etwas Wasser. Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, kam er mit der holden Maid ins Gespräch. Die schöne Eileen war von dem schönen Jüngling und seinen Geschichten aus der fernen Welt so fasziniert, dass sie ihn in ihres Vaters Haus einlud – und vergaß vor Aufregung, den Brunnen zu schließen.

In der Nacht dann, als alle friedlich schliefen, stieg das Wasser im Brunnen empor, bis dieser überlief. So schnell und kräftig stieg das Wasser, dass die Bewohner des Dorfes, selbst nachdem sie erwacht waren und das Unheil bemerkt hatten, es nicht mehr schafften, den Brunnen zu schließen. Das Wasser stieg und stieg, überflutete die Häuser, und füllte schließlich das ganze Tal. Und so entstanden die wunderschönen Seen rund um Killarney.

Weiter besagt die Legende, dass die Bewohner jenes Dorfes nun in Tir-na-nóg leben, im Land unter dem Wasser. Weiter heißt es, dass, wenn jemand zum Boden der Seen hinab tauchen und den Brunnen schließen würde, das Wasser schließlich zurückgehen und das Tal wieder in seiner ursprünglichen Form erscheinen würde. Doch wer von denen, die einmal in Killarney waren und diese wunderschönen Seen gesehen haben, würde das wollen?

Nun, die schönen Seen haben wir allerdings nicht gesehen. Das schlechte Wetter hat uns nicht gerade zu einer Wanderung durch den National Park und zu den Seen animieren können. Stattdessen fuhren wir zum "Muckross" Landgut. Dieses Anwesen in herrlicher Lage am Rande eines der Seen ist das Herzstück des Killarney National Parks. Das viktorianische Herrenhaus ist als Museum hergerichtet, das Einblicke in das Leben der Adligen im 19. Jahrhundert gibt.

Vor dem "Muckross House" warten die berühmten "Jaunting Cars" darauf, Touristen um den See und durch die große Parklandschaft zu kutschieren. Diese kleinen, offenen Pferdekutschen sind das traditionelle Verkehrsmittel von Killarney. Bekannt wurden diese Gespanne vor allem durch den Film "The Quiet Man" (USA 1952), in dem John Wayne auf einer dieser Kutschen einen romantischen Ausflug unternimmt, um der schönen (und rothaarigen) Maureen O'Hara nach alter Sitte den Hof zu machen, natürlich unter den wachsamen Augen eines Anstandsbegleiters ("No patty-fingers, if you please. The proprieties at all times."). Viele Touristen, vor allem amerikanische, lassen es sich nicht nehmen, sich auf einer dieser Kutschen durch den Park fahren zu lassen, auch wenn es heftig regnet und sie krampfhaft ihre Regenschirme festhalten müssen.

Interessanter aber als die Inneneinrichtung des "Muckross House" oder eine Fahrt mit einem "Jaunting Car", fanden wir die "Muckross Traditional Farm Houses". Dabei handelt es sich um eine Art Freilichtmuseum, in dem man traditionelle irische Farmhäuser aus den 1920ern und 30ern besichtigen kann. Auf einem Rundwanderweg wird man an verschieden großen Bauernhöfen vorbei geführt, von der "Small Fize Farm", die als Familienbetrieb typischer Weise etwa 20 Hektar Land bewirtete, bis zur "Large Farm", die bis zu 100 Hektar Land bewirtete.

Die Höfe und Wohnhäuser wurden mit viel Liebe zum Detail rekonstruiert und wirken so, als ob die Bewohner nur mal eben ins Dorf gefahren sind und jeden Augenblick zurück kommen könnten. Frisch gehacktes Holz oder Torf liegen im Unterstand, im Hof laufen die Hühner umher, im Stall stehen Schweine oder Pferde, und aus dem Schornstein steigt Rauch. In der Wohnstube sitzt eine freundliche alte Dame vor dem gemütlichen Kaminfeuer, und plaudert munter vom Leben auf einer solchen Farm, während sie an einem Pullover strickt und eine Katze um ihre Füße schleicht. In den kleinen und spärlich eingerichteten Schlafzimmern stehen Bett, Schrank und Kommode, nebst Waschschüssel, Nähkästchen und Kerze auf dem Nachttisch. Unter dem Bett stehen Schuhe und über dem Bett hängt ein Bild des gelobten Herrn. Die große Farm zeugt von wesentlich größerem Wohlstand und ist deutlich "aufwändiger" ausgestattet, als die kleineren Farmhäuser. Das Wohnhaus der großen Farm hat wesentlich mehr Räume, darunter eine große Küche mit schwerem Ofen sowie zwei Ess- und Wohnzimmer mit Kamin, kostbarem Holztisch, einer vornehmen Ledersitzgarnitur und sogar einem alten Radio.

Als wir auf der großen Farm waren, setzte starker Regen ein, der uns vom Weitergehen abhielt. Wir zogen es vor, eine Regenpause abzuwarten und setzten uns in der alten Küche auf eine gemütliche Holzbank. Außer uns warteten noch ein paar andere Besucher. Im Ofen brannte ein Feuer und wärmte den Raum ein wenig, und die (auch in diesem Farmhaus) freundliche ältere Dame freute sich über den unerwarteten Zulauf und beantwortete geduldig Fragen zum Leben auf der Farm. Die Tür zum Hof stand offen. Draußen liefen zwei irische Wolfshunde herum, denen der Regen offensichtlich nichts ausmachte. Es war ein friedliches und idyllisches Bild, und hatte auch etwas Meditatives. Wir hatten keine Eile, und so warteten wir einfach. Jeder hing ein Weilchen seinen Gedanken nach und blickte gelegentlich durch die offene Tür nach draußen. Ich stellte mir vor, dass sich der gleiche Anblick vermutlich auch damals den Burschen und Mägden bot, wenn sie in der Küche sitzend wie wir einen Regenschauer abwarteten, sich vielleicht mit einer Tasse Tee wärmend. Doch im Gegensatz zu uns mussten sie wahrscheinlich irgendwann wieder ihrer Arbeit nachgehen, Regen hin oder her.

Der Regen der Neuzeit ließ auch nach längerem Warten leider nicht nach. Doch zum Glück betreibt das Freilichtmuseum eine eigene (und kostenlose) "Buslinie", die zwischen den Farmhäusern verkehrt. Als uns das Warten zu langweilig wurde, sprangen wir auf den nächsten Bus auf. So kamen wir trotz starkem Regen doch noch weitgehend trockenen Fußes zurück zum Parkplatz und unserem Auto. Und damit beließen es für den Tag und den Reisen in die Vergangenheit.

Zurück im B&B wurden wir endgültig wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Zwei interessante Nachrichten prägten den Tag:
  • Um die öffentliche Kasse ist es noch schlechter bestellt, als bislang angenommen. Der irische Finanzminister Brian Lenihan berief eine dringende Sitzung ein und legte die aktuellen Zahlen auf den Tisch. Es muss schnellstens gehandelt werden. Erstmalig wird deshalb die Verabschiedung des nächsten Haushaltsplans sieben Wochen früher erfolgen als sonst üblich.
  • In Cork und Limerick werden erstmals bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei auf Streife gehen. Dies ist eine Reaktion auf die zunehmende Bandenkriminalität in diesen Städten. Bislang hatte die irische Polizei an dem alten Konzept festgehalten, und von einer Ausrüstung ihrer Einsatzkräfte mit Schusswaffen abgesehen.

(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 14. September 2008

Urlaub im Südwesten (Teil 3)

Dienstag 2.9. The Ring of Kerry

Gleich für unseren ersten vollen Tag im County Kerry stand eines der Highlights eines jeden Irland-Urlaubs auf dem Programm: Dem Ring of Kerry. Beim Ring of Kerry handelt es sich um eine ca. 180 km lange Ringstraße rund um die Halbinsel Iveragh. Was sich recht langweilig anhört, ist in Wirklichkeit eine Fahrt durch eine atemberaubende Landschaft über Bergpässe, durch grüne Täler und entlang einer spektakulären Küste. Obwohl man die Strecke mit dem Auto gut an einem Tag bewältigen kann, sollte man sich sehr viel Zeit nehmen (es ist schließlich nicht der Nürburgring). Es emphiehlt sich auch, sich einen groben Zeitplan für die Tour zurecht zu legen. Die bezaubernde Landschaft verleitet nämlich dazu, alle 100 Meter anzuhalten, um die Aussicht zu genießen und Fotos zu machen. Schnell sind mehrere Stunden vergangen, und man hat gerade Mal ein Viertel der Strecke geschafft.

Obwohl die Ringstraße überwiegend als Nationalstraße ausgewiesen ist, darf man keine durchgehend breite und gut ausgebaute Straße erwarten. Im Gegenteil: An manchen Stellen ist es sehr eng und die Fahrbahnoberfläche mit Schlaglöchern übersät. Und wenn man Pech hat, tuckelt vor einem ein mit Torf beladener Laster mit gemächlichen 30km/h die Passstraße hoch – Überholmöglichkeiten gibt es nur wenige. Ständig ist höchste Aufmerksamkeit gefordert, weil hinter einer uneinsehbaren Biegung plötzlich Schafe über die Fahrbahn laufen könnten oder ein Farmer seinen Trecker angehalten hat, um mitten auf der Straße einen Plausch mit seinem Nachbarn zu halten.

Auf dem Ring of Kerry gibt es zu viel zu sehen, und zu viel, über das ich berichten könnte. Im Folgenden werde ich mich deshalb auf einige der Highlights auf unserer Tour beschränken. Es wird noch ein gesondertes Fotoalbum geben. Schließlich ist es vor allem die Landschaft selbst, die für sich spricht.

Von Killarney kommend ist Killorglin der erste größere Ort auf dem Ring of Kerry. Bekannt ist der Ort aufgrund des dort stattfindenden "Puck Fair" Festivals, bei dem ein Ziegenbock für die Dauer des Festivals zum König erhoben und auf einen Sockel gestellt wird. Dann wird im Ort die "Sau rausgelassen" und bis zum Abwinken gefeiert, bzw. getrunken. Das Festival findet alljährlich am zweiten Wochenende im August statt – wir hatten es also knapp verpasst, so dass ich keine weiteren Details berichten kann. Immerhin steht am Ortseingang eine Statue des Ziegenbocks.

Hinter Killorglin wichen wir etwas von der offiziellen Ringstraße ab, um zum Lough Caragh zu gelangen. Dort gab es einen ersten Vorgeschmack auf die wunderschöne Landschaft, die man auf dem Ring Of Kerry zu sehen bekommt. Lough Caragh liegt wunderschön in einem kleinen Tal, umgeben von nebelverhüllten Bergen. Die Heidelandschaft um den See leuchtete in herrlichen Farben, und der See schimmerte silbern. Ein Platz zum Träumen.


Zurück auf der Ringstraße ging es über Glenbeigh weiter zum Rossbeigh Beach. Hierbei handelt es sich um einen breiten und flachen Sandstrand, der in die Dingle Bay hineinragt. Der Strand bietet sich zum Spazierengehen an. Bei unserem Besuch dort herrschte allerdings ein derart kräftiger Seewind, dass man sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Der Wind zerrte an der Kleidung und zerzauste einem das Haar, so dass wir es vorzogen, im gemütlichen Auto zu bleiben. Schäumend rollten die Wellen heran und liefen auf den Strand. Auf dem leeren Strand ging ein Paar mit seinem Hund spazieren, der trotz des Wetters sichtlich seinen Spaß hatte.


Nach weiterer Fahrt kamen wir in den kleinen Ort Cahersibheen. Der Ort ist als Geburtsort von Daniel O'Connell (1775 - 1847), dem "Great Liberator", bekannt. Das Geburtshaus steht tatsächlich noch (wenn auch verfallen) und kann besichtigt werden. Uns zog es aber zu dem auffallenden Bau der "Old Barracks", in dem das Heritage Centre untergebracht ist. Dieses informiert über Daniell O'Connell, den Fenier-Aufstand von 1867, und andere, eher regionale Themen. Interessant waren die Rekonstruktionen eines Hauses aus der Zeit der großen Hungersnot sowie eines Büros der Royal Constabulary, die früher in dem Gebäude untergebracht war. Unser Fazit: Das Heritage Centre ist interessant und informativ, man verpasst aber auch nichts, wenn man es auslässt.

Kurz hinter Cahersibheen wichen wir erneut von der offiziellen Ringstraße ab, um dem kleineren Skellig Ring zu folgen. Dieser führt u.a. zum Ort Portmagee am äußersten Westrand der Iveragh Halbinsel. Von Portmagee wiederum führt eine Brücke hinüber zur kleinen Valentia Island. Dort folgten wir einer schmalen Straße ein Stück den Berg hinauf, ließen an einem kleinen Parkplatz den Wagen zurück, und folgten zu Fuß einem Pfad hinauf zu Bray Head. Von dort hat man einen wunderbaren Blick über den Atlantik, nach Norden blickend bis hinauf zu den Blasket Islands am äußersten Rand der gegenüber liegenden Dingle Halbinsel, und nach Süden bis zu den berühmten Skellig Islands.


Die Skelligs. Für mich einer der Höhepunkte des Ring of Kerry, auch wenn es bei einem Blick aus der Ferne blieb. Die beiden felsigen Inseln, etwa 12 km vor der Küste im Atlantik gelegen, sind Naturschutzgebiet. Einige seltene Vogelarten, wie zum Beispiel Sturmschwalben, Tölpel, Dreizehenmöwen oder Tordalken, lassen sich dort beobachten. Bekannt geworden sind die Skellig Islands jedoch auch aus einem anderen Grund.

Die beiden Inseln, auf denen sich nichts anderes als blanker Fels findet, vom tosenden Atlantik umspült und vom Wind gepeitscht, wirken wie der letzte Ort, an dem ein Mensch leben wollte. Und dennoch: Auf der größeren der beiden Inseln, dem kegelförmigen Skellig Michael, lebten vom 6. bis 12. Jahrhundert frühchristliche Mönche. Sie fanden auf diesem unwirtlichen Felsen am Rande der Welt absolute Abgeschiedenheit und Isolation. Die kleine Klostergemeinschaft, bestehend aus vielleicht 12 bis 20 Mönchen, trotzte den äußerst widrigen Umständen und errichtete auf dem schroffen Felsen eine kleine Klosteranlage, 150 Meter über dem Meeresspiegel, über 600 in die Felsen gehauene Stufen erreichbar. In kargen Steinzellen hoch über dem Atlantik verbrachten die Mönche ihr spartanisches Leben. Aufzeichnungen verrieten jedoch, dass die Gemeinschaft trotz ihrer Abgeschiedenheit bestens über weltliche Geschehnisse informiert war.

Die Klosteranlage ist noch sehr gut erhalten. Täglich nimmt eine Fähre morgens Besucher hinüber auf Skellig Michael, und nachmittags wieder mit zurück. Die Überfahrt ist rau, und bei zu stürmischer See bleibt die Fähre im Hafen. Auf der Insel gibt es weder Toiletten noch Unterstände, und der Aufstieg über die steinernen Stufen ist gefährlich. Aufgrund der beengten Platzverhältnisse ist die Zahl der Besucher limitiert, es empfiehlt sich eine Vorausbuchung. Gerne hätte ich die Fahrt mitgemacht, um diesen unwirtlichen Ort selbst einmal zu sehen. Leider aber war dafür auf unserer Reise nicht genügend Zeit. So blieb es bei einem Blick auf die beiden Inseln, die geheimnisvoll im Dunst des Atlantik lagen. Mir fielen Zeilen aus dem Lied "Skellig" von Loreena McKennitt ein:

"I joined the brotherhood,
My books were all to me.
I scribed the words of God
And much of history.
Many a year was I
Perched out upon the sea.
The waves would wash my tears,
The wind my memory.

I'd hear the ocean breathe,
Exhale upon the shore,
I knew the tempest's blood,
Its wrath I would endure.
And so the years went by
Within my rocky cell
With only a mouse or bird
My friend; I loved them well"

(Loreena McKennitt – Skellig)

Vom Skellig Ring zurück auf dem offiziellen Ring of Kerry ging es weiter über Waterville, Ballinskellig, Caherdaniell und Sneem, und dann schließlich zurück nach Killarney. Das beliebte Strandbad Waterville war bevorzugter Urlaubsort von Charles Chaplin. Eine Statue oberhalb des Strandes zeigt den berühmten Gast in seiner bekanntesten Aufmachung als Tramp. Die kurvenreiche Strecke im letzten Abschnitt des Ring of Kerry verläuft vor einer atemberaubenden Gebirgskulisse, die in der Nachmittagssonne mit herrlichen Farben aufwartete. An einer Stelle hatten wir sogar das Glück, einen Regenbogen zu sehen. Einen letzten Stopp legten wir beim Ladies View ein, kurz vor Erreichen des Killarney National Park. Am Ladies View hat seinerzeit Queen Victoria mit ihren Damen einen Stopp gemacht und die Sicht über das seenreiche Tal bis nach Killarney genossen.



Gegen 18 Uhr 30 erreichten wir schließlich wieder Killarney. Etwa 8,5 Stunden haben wir für den Ring of Kerry benötigt. Aber soviel Zeit sollte man sich nehmen, um eine der schönsten Landschaften Irlands intensiv zu erleben.

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 12. September 2008

Urlaub im Südwesten (Teil 2)

Montag 1.9. Through Hollow Lands And Hilly Lands

Am Montag brachen wir früh genug auf, um in Ruhe die Tagesetappe von Kilkenny bis nach Killarney zu absolvieren, mit planmäßigen Zwischenstopps beim Rock of Cashel und dem Glen of Aherlow (Co. Tipperary), sowie in Mallow (Co. Cork), wo wir aber nur eine kleine Mahlzeit einnehmen wollten.

Weil er so nah bei Kilkenny ist und quasi auf dem Weg in Richtung Südwesten liegt, legten wir einen kurzen Stopp beim Rock of Cashel ein. Zwar war dies mein insgesamt dritter Besuch dort, aber der Anblick dieser imposanten Anlage, wenn man sich ihr mit dem Auto nähert, ist immer wieder beeindruckend. Als der Fels in Sichtweite kam, hielt ich kurz an, um einige Fotos zu machen. Während ich am Straßenrand stand und meine Aufnahmen machte, fuhren in kurzen Abständen zahlreiche Reisebusse mit Touristen an mir vorbei – deutliches Zeichen, dass man sich einer größeren Attraktion nähert.



Auf dem Felsen weilten wir nur kurz. Das gute Wetter hatte zahlreiche Touristen angelockt, die sich in größeren Gruppen durch die Ruine der Kathedrale bewegten. Ruhe, sich länger mit einem Teil der Anlage zu beschäftigen, hatte man nicht. Ständig drängelten sich andere Touristen an einem vorbei, und vor dem Betreten von Cormac's Chapel musste man zuerst einen scheinbar endlosen Strom entgegen kommender Touristen abwarten. Und war man endlich im Innern des kleinen Baus, öffnete der nächste Reiseführer die Tür...

Wesentlich ruhiger ging es am Ort unseres zweiten Stopps zu. Südlich von Tipperary, nur wenige Kilometer vom Rock of Cashel entfernt, erheben sich die Slievenamuck Hills und die Galtee Mountains, zwischen denen das Glen of Aherlow verläuft. Von der Stadt Tipperary führt eine ausgeschilderte Panoramastraße hinauf auf den 368 Meter hohen Slievenamuck. Dort geht man vom Parkplatz aus einen kleinen Feldweg entlang, bis rechter Hand ein Abhang kommt. Und von dort blickt man in das Glen of Aherlow.



Beim Anblick des sich scheinbar endlos vor einem erstreckenden Glen of Aherlow denkt man unweigerlich: Das ist Irland. In den unterschiedlichsten Grüntönen breiten sich unzählige Felder vor einem aus, durch kleine Baumreihen oder dichte Büsche gegeneinander abgegrenzt. Dazwischen finden sich kleine Häusergruppen oder vereinzelte Häuschen, halb versteckt zwischen Bäumen. Auf der gegenüber liegenden Seite des Tals erheben sich sanft die Galtee Mountains, über deren Hängen langsam die Schatten der Wolken gleiten. Das ganze Tal liegt friedlich und ruhig vor einem und scheint in tiefem Schlaf versunken. Beim Anblick bekommt man das Gefühl, am Ende einer langen Reise angelangt zu sein, auf der Suche nach jenem Ort, an dem man seinen inneren Frieden findet. Gerne möchte man hinabsteigen in das Tal, auf eines der Gehöfte zugehen, um dann, von freudig bellenden Hunden und neugierig aufblickenden Bauern begrüßt, zu sagen: "Ich bin daheim."

Vom Slievenamuck führt einen die Panoramastraße tatsächlich bis hinab ins Tal, wo man noch ein Stück des Weges im Schatten der Galtee Mountains fährt, bis man nach Michelstown kommt und das Tal verlässt, entspannt und von innerem Frieden erfüllt.

Derartig beseelt setzten wir die Fahrt fort. In dem kleinen Städtchen Mallow im Norden der Grafschaft Cork legten wir noch eine Pause ein, um eine kleine Mahlzeit einzunehmen, bevor wir die restlichen Kilometer bis nach Killarney in Angriff nahmen. Über Mallow gibt es eigentlich nicht viel zu berichten, besondere Attraktionen sucht man dort vergebens. Aber deshalb bleibt Mallow auch von Touristenströmen verschont und hat sich den Charme einer ganz normalen irischen Kleinstadt bewahrt.

Einzige interessante Randnotiz ist, dass in Mallow einige Szenen zu dem Film "The Wind That Shakes the Barley" gedreht wurden, wie wir einer kleinen Plakette an der Hauswand des Tourist Office entnahmen. Der Film erzählt die ergreifende Geschichte zweier Brüder, die zunächst im irischen Unabhängigkeitskrieg Seite an Seite gegen die Engländer kämpfen, und später im irischen Bürgerkrieg zu Gegnern werden. Die irisch/britisch/deutsch/italienisch/spanische Koproduktion mit irischen und englischen Schauspielern gewann 2006 bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. Ein absolut sehenswerter Film über ein wichtiges Kapitel in der irischen Geschichte.

Von Mallow war es nicht mehr weit bis nach Killarney im Südwesten Irlands, unserem Hauptziel der Urlaubsreise. Unser B&B, das Redwood B&B, lag etwa 2 km außerhalb vom Stadtzentrum, an der N22 in nördlicher Richtung. Das große, aber sehr nette und äußerst gastfreundliche B&B mit sehr komfortablen Zimmern und einem großem Garten war für die nächsten Tage unser neues Zuhause, denn von dort aus führten wir unsere Tagestouren durch den Südwesten Irlands durch.

Nach dem Einchecken im B&B fuhren wir noch auf einen Abstecher ins Zentrum von Killarney. Killarney ist eine Postkarten-Touristenstadt, woraus die Stadt aber auch keinen Hehl macht. Doch über Killarney später mehr. Nach einem gemütlichen Abendessen in einem der zahlreichen Restaurants ließen wir den Tag mit einem kleinen Orientierungsbummel durch die Stadt ausklingen. Auf das Pint am Abend musste ich leider verzichten, da wir ja das Auto genommen hatten.

(Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 10. September 2008

Urlaub im Südwesten (Teil 1)

Ich bin wieder da! Zurück von einer einwöchigen Urlaubsreise in den Südwesten von Irland, mit Schwerpunkt Kerry. Die Reiseroute führte uns von Dublin aus nach Kilkenny, über den Rock of Cashel und das Glen of Aherlow nach Killarney, dort auf den Ring of Kerry und die Dingle Peninsula, weiter über die Shannon-Bucht zu den Cliffs of Moher und Doolin, und über Trim zurück nach Dublin. Insgesamt ca. 1.300 km über breite Nationalstraßen und schmale Feldwege, durch grüne Täler, im Schatten atemberaubender Berge, zu Lande und zu Wasser, durch einsame Landschaften und emsige Touristenstädte. Auch wenn inzwischen wieder der Alltag eingesetzt hat, man merkt mir meine Begeisterung vielleicht noch an. Über die nächsten Tage verteilt werde ich ausführlich von meiner Reise berichten, die meine bislang eindeutig schönste Reise durch Irland war.


Samstag 30.8.: Auftakt mit Musik

Der Samstag war der erste arbeitsfreie Tag nach einer anstrengenden Woche. Doch der Aufbruch in den Urlaub sollte erst am Sonntag erfolgen. Der Samstag diente der Vorbereitung und innerlichen Einstimmung auf die kommenden Tage.

Und der Samstag hatte eine kleine Überrachung parat: Drei Richtige im Lotto! Das brachte immerhin 32 Euro für die Urlaubskasse. Sowas nimmt man gerne mit.

Der besonderen Einstimmung auf den Urlaub diente der Besuch der Riverdance-Show, die von Juli bis Ende August im Gaiety Theatre in Dublin aufgeführt wurde. Der aufmerksame Leser wird sich erinnern, dass ich die Show bereits im letzten Jahr besucht hatte, und das sogar zweimal. Auch bei meinem dritten Besuch der Show war ich nicht weniger beeindruckt. Die Show ist absolut sehenswert (ich habe mir vorgenommen, irgendwann gesondert über das Phänomen "Riverdance" zu berichten).

Bei der Abschiedsvorstellung am Samstag gab es für mich ein Wiedersehen mit "alten Bekannten" wie z.B. die Musiker Zoe Conway (Fiddle), Declan Masterson (Uilleann Pipes, Low Whistle), die Sängerin Niamh McCormack, und einige der Tänzer und Tänzerin, darunter die beiden amerikanischen Tappdancer Corey Hutchins und Kelly Isaac. Der musikalische Streifzug durch irische Geschichte und Kultur war die perfekte Einstimmung auf den Urlaub.


Sonntag 31.8. Hard Times In Kilkenny

Am Sonntag begann der Urlaub dann so richtig. Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg zum Flughafen, um dort den Mietwagen in Empfang zu nehmen (am Flughafen haben Autovermietungen auch Sonntags geöffnet). An dem Tag waren wieder zahlreiche Sportfans unterwegs, um im Croke Park Stadion das Halbfinalspiel in der GAA Gaelic Football Championship zwischen Cork und Kerry zu verfolgen. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams im Halbfinale hatte unentschieden geendet, weshalb ein Entscheidungsspiel her musste. Der Favorit Kerry gewann dieses mit 3-14 zu 2-13 und trifft am 21. September im Finale auf Tyrone. Dieses Datum merken wir uns vor, denn an diesem Tag sollte man das Stadtzentrum von Dublin meiden.

Bei der Übernahme des Mietwagens gab es ein kleines Bonbon: Man gewährte uns ein kostenloses Upgrade von dem ursprünglich gebuchten Ford Fiesta auf einen Opel Astra. Da ich bereits bei meinem letzten Urlaub einen Opel Astra gefahren habe, und er mir und meinen langen Beinen genügend Komfort bietet, nahm ich das Angebot dankend an. Übrigens kostete der Mietwagen alles zusammen nur 260 Euro für sieben Tage. Derartig ausgestattet konnten wir die Urlaubsreise in den Südwesten Irlands beginnen.

Die erste Herausforderung stellte sich bereits kurz hinter dem Flughafen auf der M50. Der Streckenabschnitt zwischen Blanchardstown und Lucan wird von einer privaten Firma betreut, die für ihre Dienste eine Mautgebühr erhebt. Bislang fuhr man hierfür an das Mauthäuschen heran und bezahlte die Gebühr bar vor Ort. Auf der verkehrsreichen M50 führte dies natürlich regelmäßig zu erheblichen Staus, vor allem zu Spitzenzeiten.

Am Morgen des 30. August wurde die neue bargeldlose Mautstation in Betrieb genommen. Das langsame Heranfahren entfällt, wodurch der Verkehrsfluss erheblich verbessert wird. Nun wird bei der Durchfahrt das Kennzeichen des Autos automatisch erfasst, gezahlt wird später. Man hat bis 20 Uhr des Folgetages Zeit, die Mautgebühr von 3 Euro zu überweisen oder an ausgewiesenen Payzone-Stationen bar zu bezahlen. Alternativ kann man sich auch im Vorfeld mit Autokennzeichen und Kreditkartennummer registrieren lassen, dann wird die Mautgebühr automatisch abgebucht.

Für Touristen sieht die Sache jedoch anders aus. Vorausbuchung entfällt, da man selten das Kennzeichen des Mietwagens im Voraus weiß. Onlineüberweisung ist auch schwierig, da sie in der Regel mehrere Werktage in Anspruch nimmt, vor allem bei Überweisungen von einem ausländischen Konto. Und von den „payzone outlets nationwide“ gibt es derzeit gerademal vier, die auch noch alle mehr oder weniger im direkten Umfeld des Flughafens sind. Für jemanden, der mit dem Mietwagen bereits auf der M50 in Richtung Süden unterwegs ist, nicht gerade hilfreich.

Was bleibt, ist die Bezahlung per Telefon. Man wählt eine (immerhin kostenlose) Servicenummer, arbeitet sich durch ein Menü, um am Ende mit einem Bearbeiter verbunden zu werden, der in Ruhe alle wichtigen Details zur Zahlung aufnimmt: Autokennzeichen, Kreditkartennummer, Name des Inhabers etc. Zwar recht problemlos, aber die ganze Prozedur dauert gut und gerne fünf Minuten.

Wichtig ist, das man nach der Durchfahrt nicht vergisst, die Gebühr zu bezahlen. Und das passiert leicht. Es gibt nämlich nicht das geringste Feedback, dass man erfasst wurde und das 3 Euro fällig sind. Zwar gibt es jede Menge Hinweisschilder, die auf die bargeldlose Mautstation aufmerksam machen. Das eigentliche Durchfahren ist dann aber vergleichsweise unspektakulär. Und wenn man die Gebühr nicht bezahlt, wird es richtig teuer: Zusätzliche 3 Euro Bearbeitungsgebühr, wenn man nicht bis 20 Uhr des Folgetages zahlt. 43 Euro Strafe, wer mehr als 14 Tage wartet. Und wer nach 60 Tagen noch nicht bezahlt hat, muss 143 Euro Strafe zahlen – neben der immer noch fälligen Maut von 3 Euro.

Nach Nehmen dieser kleinen Hürde (wir bezahlten später per Telefon) waren wir bald auf den inzwischen so vertrauten irischen Nationalstraßen unterwegs, die immer schmaler werden, je weiter man sich von Dublin entfernt. Zwischenstation mit Übernachtung auf dem Weg in den Südwesten war Kilkenny, die Stadt mit dem schwarzen Marmor.

Als wir die Grafschaft Kilkenny erreichten, fielen uns am Straßenrand zahlreiche Fahnen und Wimpel in den Farben Schwarz und Gelb auf, die an Brücken, Laternen, Zäunen oder Häuserdächern angebracht waren. Der Grund für die festliche Schmückung: Kilkenny steht im Finale der All Ireland Hurling Championship, dass am 7. September ausgetragen wird, natürlich im bereits erwähnten Croke Park Stadion in Dublin. Kilkenny hat die Chance, den begehrten Titel zum dritten Mal in Folge zu holen. Die ganze Grafschaft ist natürlich mächtig stolz auf ihre Mannschaft und wünscht dem Team viel Glück.

Doch die festliche Schmückung entlang der Nationalstraßen war nichts im Vergleich zu der Farbenpracht, die sich uns in Kilkenny bot: Auch hier überall schwarz-gelbe Fahnen und Wimpel, aus Fenstern hängend oder an über den Straßen gespannten Seilen. In den Schaufenstern von Läden und sogar denen von Geldinstituten hingen neben den Auslagen Mannschafts-Trikots oder standen große Tafeln, die ein Foto der Mannschaft zeigten, darüber in großer Schrift "Best of Luck on All Ireland Final Day". Eine Stadt, eine ganze Grafschaft völlig aus dem Häuschen in freudiger Erwartung des großen Tages.

Nach dem Einchecken im B&B (ich hatte dasselbe gebucht, in dem meine Eltern und ich bereits im Juni übernachtet hatten), blieb uns noch genügend Zeit, uns in Ruhe in der kleinen Stadt umzuschauen. Und ja, es gibt ihn, den schwarzen Marmor: Diesen schwarzen Kalkstein, der tatsächlich ein wenig wie Marmor aussieht, findet man überall in der Stadt in Fußböden oder Verzierungen. Seine besondere Pracht entfaltet er in der St. Canice Cathedral.

In besagter Kathedrale, die übrigens der Stadt ihren Namen gegeben hat (aus "Kil" von dem irischen Wort "cill" für Kirche, und "Kenny" vom heiligen Cainneach oder Kenneth, dem die Kathedrale gewidmet ist), und unter deren eingestürztem Bleidach einst die Feinde von Dame Alice Kyteler umkamen (siehe meinen früheren Bericht), hatten wir den lausigsten Führer, der mir je untergekommen ist. Nachdem wir am Eingang der Kirche die Eintrittskarten gelöst hatten, wies man uns darauf hin, dass gerade erst eine Führung begonnen hatte, der wir uns noch anschließen konnten, ohne viel verpasst zu haben. Das man bei der Führung wirklich nicht viel verpasste, stellten wir kurz darauf fest.

Als wir zu der Gruppe stießen, machte sie sich gerade auf den Weg in den Nordflügel, dem ältesten Teil der Kathedrale. Der Führer, ein junger Ire und vermutlich eine studentische Aushilfskraft, lief sichtlich unmotiviert herum und wies fuchtelnd auf einige Stellen in dem Raum, wusste aber auch nicht mehr zu sagen, als das kleine Begleitheft hergab, das wir an der Kasse erhalten hatten. Nach so interessanten Auskünften wie "... das hier ist der älteste Teil der Kirche... auf dem Stuhl da haben die Bischöfe gesessen... hmm... ja, und das war's dann auch schon zu diesem Teil der Kirche..." schlurfte er weiter zum nächsten Punkt der Führung, noch irgendwas Unverständliches vor sich her nuschelnd. In der Gruppe zeigte man höfliches Interesse an seinen Ausführungen. Fragen aber stellte niemand. Vermutlich erwartete man von diesem Führer eh keine hilfreichen Antworten.

Am nächsten Punkt der Führung dann das absolute Highlight, allerdings in ungewollt komischer Hinsicht. Unser Führer ging auf eine, in einer der Bodenplatten dargestellten Szene ein. "Die hier dargestellte Szene bezieht sich auf..." begann er, "... bezieht sich auf ... äh ..." Offensichtlich suchte er nach einem Namen, und blickte hilflos auf seine kleinen Notizzettel. "... äh... der Typ war einer der 12 Jünger..." fuhr er fort. Dann fragte er allen Ernstes: "Wie hieß nochmal der Typ, der Jesus verraten hat?" Einer der Touristen half aus: "Judas?" "Ja, genau der!" rief der Führer, sichtlich erleichtert, seinen ohnehin dünnen Faden wiedergefunden zu haben. In der Gruppe bemühte man sich, ein Lachen zu unterdrücken. Am besten gelang dies, wenn man sich dezent von der Führung zurückzog. Anschließend erkundeten wir die Kirche auf eigene Faust. Zwar lernten wir so viel mehr über die Kirche, verpassten aber vielleicht weitere komische Highlights dieses bibelfesten Führers. Man fragt sich, was aus dem Religionsunterricht in diesem Land geworden ist.

Nach dem so unerwartet erheiternden Besuch der Kathedrale machten wir uns auf einen Bummel durch die Stadt, nicht jedoch ohne vorher noch auf den ca. 40 Meter hohen Rundturm neben der Kirche gestiegen zu sein, von dessen Spitze aus man einen wunderbaren Blick auf Kilkenny und Umgebung hat. Mit einem Spaziergang durch den Park um Kilkenny Castle, einem Abendessen im "Kyteler's Inn" und einem anschließenden Pint ließen wir den ersten Tag der Urlaubsreise ausklingen. Im "Kyteler's Inn" sorgten drei Musiker, ein Akkordeon-Spieler, ein Gitarren-Spieler sowie ein massiger Bodhran-Spieler (mit einer für irische Folk-Musik völlig unpassenden Stimme eines Opernsängers) für die musikalische Untermalung. Mit dem Lied "Hard Times" versuchten sie, die aktuelle Rezession von Irland abzuwenden:

"There's a song, it sighs of the weary,

Hard times, hard times,
Come again no more
Many days you have lingered
Around my cabin door;
Oh, hard times come again no more."

(Fortsetzung folgt)