Im ländlichen Irland galt Weihnachten als das wichtigste christliche Fest im Jahr. Die Vorbereitungen dazu begannen deshalb bereits sehr früh. Nach der Zeit, in der man der Toten gedachte (November), war die Adventszeit die Zeit der frohen Erwartung der Geburt des Erlösers Jesus Christus. Es galt, sich auf dieses freudige Ereignis vorzubereiten. Die Männer säuberten den Bauernhof und brachten das Haus von Außen auf Vordermann. Innen putzten und schrubbten die Frauen, wuschen die Wäsche und richteten das Haus her.
Oft wurden Schweine und Kühe geschlachtet und das Fleisch mit den Nachbarn geteilt. Die Frauen mästeten die Gänse oder Truthähne, die später auf dem Markt verkauft wurden. Diese Weihnachtsmärkte fanden meist um den 8. Dezember herum statt. Mit den Einnahmen aus den Verkäufen der Tiere kauften die Frauen Süßigkeiten und kleine Spielsachen, Kleidung, Früchtekuchen, vielleicht etwas Tabak oder gar Stout, Whiskey oder Sherry. Verglichen mit heutigen Weihnachtseinkäufen waren dies damals ausgesprochen magere und bescheidene Einkäufe. Aber man tat sein Bestes, um sich Dinge zu kaufen, die man sich sonst das ganze Jahr über nicht leisten konnte.
Die Adventszeit, die vier Wochen vor Weihnachten, galten bis etwa 1917 als Fastenzeit, in der man auf seine üblichen kleinen Laster verzichten musste, etwa das Rauchen, Trinken oder Süßigkeiten. Von jedem wurde erwartet, dass er ein Opfer brachte. Aber oft wurden die Kinder nach den Kirchgängen mit einer kleinen Süßigkeit belohnt.
Weihnachten wurde von Jung und Alt gleichermaßen herbeigesehnt. Die meisten Familien hatten Verwandte in fernen Ländern, etwa in Amerika. Mit großer Spannung wartete man auf Post von diesen Verwandten, denn fast immer war dem Brief auch etwas Geld beigefügt.
Bis zum Vorabend von Weihnachten, Christmas Eve am 24. Dezember (bei uns Heiligabend), mussten die Vorbereitungen abgeschlossen sein. Das Haus wurde noch festlich geschmückt mit Efeu, grünen Blättern oder roten Beeren. Besonders die beiden Haupträume im Haus, die Küche und das Wohnzimmer, wurden reichlich geschmückt. Palmenzweige wurden über Türrahmen, dem Kaminsimse, Schränken oder Bilderrahmen gelegt. Man glaubte, dass in jedem kleinen Zweig ein Engel wohnte.
Christmas Eve war sicherlich der magischste Tag des Jahres. Es gab ein festliches Essen, meist Gans oder Truthahn oder, wie in einigen Regionen in Irland auch heute noch üblich, Fisch. Nach dem Essen gab es den Weihnachtskuchen, dazu Tee oder Punch, und es wurden Süßigkeiten oder Äpfel gereicht. Nach dem Essen saß die Familie gemeinsam um den Kamin herum, dem gemütlichsten Platz im ganzen Haus. Manchmal kam ein Nachbar hinzu, dem man Whiskey oder Stout reichte.
Wenn die Nacht anbrach, wurde eine Kerze angezündet und gut sichtbar ins Fenster gestellt. Meist durfte das jüngste Familienmitglied die Kerze anzünden. Die Tradition des Lichts im Fenster geht zurück in alte Zeiten, als das Gesetz der Gastfreundschaft noch ernst genommen wurde. Das Licht sollte einem Fremden in der Nacht den Weg zum wärmenden und behütenden Haus anzeigen. Es sollte auch an Josef und Maria erinnern, die in jener Nacht vor 2000 Jahren auf der Suche nach einer Unterkunft von Haus zu Haus gingen und schließlich im Stall schlafen mussten.
Nach dem Anzünden der Kerze versammelte sich die Familie zu einem Gebet, das der Vater sprach. Die gebräuchlichste Segnung war das "Go mbeirimid beo ar an am seo aris" (May we all be alive this time next year).
Die Kinder wurden früh zu Bett geschickt. Waren sie nicht folgsam, drohte man ihnen (wie heute auch noch) damit, dass ihnen Santa Claus nichts bringen würde, wenn sie nicht artig sein würden. Bevor die Kinder aber zu Bett gingen, brachten sie Strümpfe oder Socken neben dem Kamin oder auch an ihrem Bettende an - dort hinein sollte Santa seine Gaben stecken.
In vielen Regionen Irlands glaubte man, dass um Mitternacht die Esel und Kühe ihre Köpfe neigen oder gar niederknien - in Anbetung des geborenen Christkindes. Allerdings war man wohl auch zu schüchtern, um in jener Nacht die Tiere genau zu beobachten und diesen Glauben zu überprüfen.
Gespannt warteten alle auf den Morgen, auf das Anbrechen des Christmas Day. Besonders achtete man auf den ersten Hahnenschrei. Krähte der Hahn bereits kurz nach Mitternacht, war es ein besonders gutes Omen. Auch das Wetter wurde studiert. Eine kalte Nacht mit Frost oder gar Schnee bedeutete einen milden Frühling und das Fernbleiben von Erkrankungen. Schneite es an Christmas Eve, sagte man den Kindern, dass im Himmel die Gänse gerupft wurden. Und war Neumond an Heiligabend, bedeutete dies Glück und Segen für das kommende Jahr.
Allen ein frohes Weihnachtsfest. Mögen wir alle uns nächstes Jahr um diese Zeit bester Gesundheit erfreuen.

