Freitag, 27. März 2009

Teile und spare

Nun, da meine Tage des "Sharing" gezählt sind, ein paar allgemeine Wort zum Thema Sharing. Sharing, also das gemeinsame Bewohnen eines Hauses oder Apartments mit anfänglich Fremden, ist in Irland eine gängige Form des gemeinschaftlichen Wohnens. Diese Wohngemeinschaften sind nicht nur auf Studenten begrenzt, die aufgrund ihres notorisch geringen Budgets zu dieser Form des Wohnens quasi gezwungen sind. In Irland ist Sharing auch unter gut verdienenden Berufstätigen gängige Praxis, nicht nur unter Immigranten. Hauptgrund sind die generell hohen Mietkosten.

Beim Sharing teilt man sich die Miete für das Haus oder Apartment, sowie die Kosten für Strom, Gas, Telefon, Fernsehen etc. Jede Partei hat ihr eigenes Zimmer und damit Rückzugsmöglichkeiten, wenn sie ihre Ruhe haben will. Küche, Wohnzimmer und ggf. Bad, wenn es nur eines gibt, werden gemeinsam genutzt. Meist bestehen Wohngemeinschaften aus Alleinstehenden. Es gibt aber auch Wohngemeinschaften, in denen sich ein junges Paar, verheiratet oder nicht, mit anderen Parteien den Wohnraum teilt, bis es in eine gemeinsame Wohnung zieht.

Während des Celtic Tiger Booms hatten vor allem junge Berufsanfänger die Erwartung, recht schnell zu einem Eigenheim zu kommen. Arbeit gab es reichlich und wurde überdurchschnittlich gut bezahlt. Banken waren bei der Vergabe von 100%-Krediten sehr großzügig. Mittlerweile haben sich die Dinge gewaltig geändert. Entlassungen und Lohnkürzungen sorgen dafür, dass das Geld nicht mehr so locker sitzt, und Banken sind bei der Vergabe von Krediten weniger großzügig. Aber irgendwo muss man ja wohnen. Zwar fallen die Mieten derzeit kräftig, sind aber noch immer deutlich über dem Niveau, wie man es z.B. aus Deutschland kennt. Ein großzügiges und modernes Apartment, das man für sich alleine hat, ist in Irland purer Luxus. Sharing ist oft der einzige Weg, Kosten zu sparen. Das gilt gleichermaßen für junge, einheimische Berufstätige wie für Immigranten.

Wer nach Irland kommt, muss sich mit dem Gedanken anfreunden, ein Apartment mit einem oder mehreren Fremden zu teilen, vor allem wenn man Alleinstehende(r) ist. Dies mag für viele eine gewaltige Umstellung sein, wenn sie es bislang gewohnt waren, allein über vier Wände verfügen zu können. Plötzlich muss man sich mit Fremden arrangieren, wer den Abwasch macht, den Müll rausbringt, sich um den Garten kümmert oder wer wann morgens das Bad benutzt.

Mit den richtigen Wohngenossen kann Sharing durchaus Spaß machen, ganz nach dem Vorbild der amerikanischen TV-Serie "Friends". Man knüpft nicht nur schnell Kontakte zu anderen, die sich meist in der gleichen Situation befinden. Besonders Immigranten nutzen Sharing, um ihr Englisch zu praktizieren. Das Zusammenwohnen mit anfänglich Fremden ist in der Regel unkomplizierter, als man erwarten würde. Wenn man sich vorher nicht kannte, gibt es auch keine Spannungen von früher, wie dies der Fall sein kann, wenn man mit langjährigen Freunden zusammen wohnt. Wenn die Wohngemeinschaft auf gegenseitigem Respekt aufbaut, klappt es meist recht gut. Irgendwie wird man sich arrangieren.

Oft genug rückt man mit der Zeit näher zusammen, kocht etwa gemeinsam oder wird gar zu Freunden und tauscht sich bei Problemen vertrauensvoll aus. Ich weiß von einer WG, in der zwei Frauen bereits seit acht Jahren zusammen wohnen. In einer solchen Zeitspanne lernt man sich schon recht gut kennen, und entwickelt eine Beziehung wie zwischen Schwestern.

Natürlich kann man auch Pech mit seinen Wohngenossen haben. Auch ich wählte anfangs ja gezielt die WG mit einem Iren. Ich hatte mir vorgestellt, so vielleicht schneller soziale Kontakte zu Einheimischen knüpfen zu können. Leider musste ich erkennen, dass die sozialen Kontakte vieler Iren nur in Pubs anzutreffen sind, und auch in häuslichen Dingen wie Sauberkeit haben viele Iren ihre eigenen Vorstellungen. Auch meine derzeitige Wohngenossin Maria aus Malta hatte früher unangenehme Erfahrungen mit Wohngenoss(inn)en gemacht.

Die lieben Wohngenossen und ihre Eigenarten sind ein beliebtes Thema in Gesprächsrunden. So manch einer kann seine WG-Erfahrungen zum Besten geben. Die gemütliche Einstellung einiger in Sachen Ordnung und Sauberkeit ist da nur ein Punkt. Langes und häufiges Telefonieren oder Fernsehen, Blockieren des Bades oder spätes (und vor allem lautes) Nachhausekommen sind andere, viel gehörte Anklagepunkte. Oft meinen Frauen, das Sagen übernehmen zu müssen und den Herren Anweisungen geben zu müssen, was bei diesen meist gar nicht so gut ankommt.

Vor allem die gemeinschaftlich genutzten Bereiche sind häufig Gegenstand von Streitereien. Ganz vorne ist der Kühlschrank oder Vorratsschrank, aus dem dann schon mal Eier verschwinden oder Milchtüten scheinbar ein Leck haben. Nicht alle sind so korrekt wie meine Wohngenossin Maria, die sich ein Wasch-Tab von mir "ausleiht" und mir bei nächster Gelegenheit eines wieder zurückgibt.

Es gibt auch kein Allgemeinrezept dazu, in welcher Kombination eine WG am besten funktioniert. Eine Zweier-WG? Männlein und Weiblein gemischt, oder doch lieber eine reine Frauen- bzw. Männer-WG? Dreier-WGs bergen wohl generell mehr Konfliktpotenzial, besonders wenn es reine Frauen-WGs sind. Da bricht schon mal der Zicken-Terror los, wie man so hört. Viele Frauen ziehen WGs mit Männern vor. In reinen Männer-WGs geht es wohl meist etwas gemächlicher zur Sache, was man dem Haushalt dann aber auch sehr schnell ansieht.

Kurz: Alles ist möglich. Wenn man genügend Humor mitbringt, kann Sharing zu einem durchaus unterhaltsamen und interessanten Erlebnis werden. Und wenn es gar nicht klappt, zieht mal halt wieder aus (was auch schon mal plötzlich und über Nacht erfolgen kann).

Der Wohnungsmarkt durchläuft derzeit eine Veränderung. Mieter sind anspruchsvoller und können aus einem Überangebot auswählen. Moderne Apartments und Häuser sind generell in einem besseren Zustand, als so manch alte Bruchbude, die noch vor zwei Jahren für horrendes Geld vermietet wurde. Auch ich erinnere mich an winzige En-Suite-Apartments mit ca. 16 qm, ausgestattet mit einer kleinen Kochnische mit zwei Herdplatten, einer winzigen Duschkabine, einem kleinen Waschbecken sowie einem Bett und einem Stuhl, die für 500 Euro vermietet wurden, kalt wohlgemerkt. Heutzutage dürften solche Apartments nur noch selten einen Mieter finden, und wenn, dann nicht mehr zu dem zuvor genannten Preis. Auch Vermieter müssen sich auf die veränderte Situation einstellen.

Viele Iren sehen das Mieten eines Apartments als allenfalls kurzfristige Sache. Nach zwei, spätestens drei Jahren wollten sie ein Eigenheim besitzen. Entsprechend wenig Beachtung schenkten sie der Mietwohnung, und entsprechend schlecht war meist deren Zustand. Und das wiederum bestärkte die Iren in ihrem Entschluss, möglichst schnell ins Eigenheim zu ziehen.

Vielleicht führt das Platzen der Property-Bubble zu einem Umdenken in der irischen Gesellschaft. Vielleicht legen viele Iren ihre Besessenheit auf Eigentum ab und wählen die weniger riskante Variante des langfristigen Mietens. Vielleicht werden irgendwann Mietwohnungen auch für Alleinstehende erschwinglich. Dann dürfte Sharing eher die Ausnahme sein als die Regel.