Donnerstag, 26. Februar 2009

A Man, A Guitar, And A Dog

Auf Dublins bekannteren Einkaufsstraßen, Henry Street und besonders Grafton Street, sieht man fast jeden Tag einen oder mehrere Straßenmusiker (engl. busker), vor allem an sonnigen Wochenenden. Manchmal lohnt es sich, bei dem einen oder anderen Musiker genauer hinzuhören. Viele heute bekannte irische Musiker haben als Straßenmusikanten angefangen. Glen Hansard etwa oder auch Chris de Burgh sind nur zwei Beispiele. Es kann also gut sein, dass der kaum beachtete Gitarrenspieler dort vor dem Kaufhaus eines Tages mal berühmt wird.

Einer der vielen Busker in Dublin ist Gus McCann. Bei ihm lohnt es sich durchaus, genauer hinzuhören. Gus spielt Gitarre und singt. Dabei sitzt er auf dem Gitarrenverstärker, hat vor sich ein Mikrofon aufgebaut und (allgemein üblich) vor sich den geöffneten Gitarrenkoffer, in den die Leute etwas Kleingeld werfen können. Doch Achtung: In dem gepolsterten Gitarrenkoffer liegt meist gemütlich eingerollt ein Hund, den Gus fast immer mit dabei hat. Während Herrchen Musik macht, döst der Hund meist vor sich hin und hebt nur ab und zu den Kopf, wenn jemand eine Münze in den Koffer wirft. Ich lasse es mal dahin gestellt, wie viel der Hund dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit der Passanten zu gewinnen. Mir zumindest fiel zuerst die angenehme Soul-Stimme auf, mit der Gus überwiegend irische Balladen singt. Der Hund diente anfangs nur als Wiedererkennungszeichen: Ach ja, da ist wieder der Busker mit dem Hund.

Mittlerweile sieht und hört man Gus häufiger. Aus meinen Beobachtungen schließe ich, dass er mit seinen Auftritten recht gut Geld macht. Er hat durchaus "etwas", das ihn von der Masse der Straßenmusiker abhebt und zum Zuhören verleitet. Passanten bleiben stehen und lauschen, kleine Gruppen bilden sich. Dies sind die Momente, auf die Straßenmusiker hoffen. Passanten schenken ihnen Aufmerksamkeit. Ab und zu tritt jemand aus der Gruppe nach vorne und wirft ein paar Münzen in den Gitarrenkoffer. Oft genug wird dabei der Hund kurz getätschelt, was dieser gutmütig über sich ergehen lässt. Hat Gus ein Lied beendet und spenden ihm die Zuhörer gar Beifall, legt er schnell noch ein anderes Lied nach. Doch erfahrungsgemäß verweilen die meisten Passanten nur kurz, und die kleine Menschenmenge löst sich rasch wieder auf. Das Los eines Straßenmusikanten.

Seine Musik ist sogar auf mittlerweile drei CDs erhältlich. In seinem Gitarrenkoffer hat er stets einige Exemplare zum Verkauf dabei. Einzeln kosten sie 5 Euro, als Gesamtpacket 10 Euro. Dies ist ein fairer Preis, finde ich, und habe mir bereits zwei seiner CDs gekauft. Die Aufnahmen wurden in einem kleinen Tonstudio gemacht, und entsprechen fast haargenau den Live-Versionen. Die meisten Lieder spielte Gus wie gewohnt solo, nur bei einigen Stücken wurde er von einer zweiten Gitarre bzw. einem Banjo, oder einer Background-Sängerin begleitet. Die CDs sind handelsübliche CD-Rohlinge mit einer aufgedruckten Übersicht der enthaltenen Lieder. Einfachste Anfertigung, aber das macht ihn nur sympathisch. Ein Musiker von der Straße.

Zu seinem Repertoire gehören überwiegend ruhige und melancholische, irische Balladen wie z.B. "Dublin In My Tears" "Only Our Rivers", "The Dutchman" oder "Grace", die er mit seiner angenehmen Stimme vorträgt. Die könnte zwar noch etwas Feinschliff vertragen, aber auch so hört man ihm gerne zu. Durch Gus habe ich immerhin einige neue irische Lieder kennengelernt. Bei manchen Liedern, von denen ich bereits andere Aufnahmen habe, gefällt mir seine einfache Version sogar besser. Und nicht zuletzt dienen mir die Lieder auch als Anschauungsmaterial für mein Gitarrenspiel.

Wenn man im Internet recherchiert, findet man durchaus ein paar Informationen über Gus McCann. Er hat bereits auf zahlreichen Festivals gespielt und sogar Auszeichnungen gewonnen. Er gilt als Irlands neuer Bob Dylan, und ist angeblich auch für eine Filmrolle im Gespräch. Ich weiß zwar nicht, wie viel ich davon glauben kann. Aber ich denke schon, dass er das Zeug zu mehr hat. Wer weiß, vielleicht hört man ja eines Tages noch mehr von und über Gus McCann. Ich hoffe für ihn, dass es klappt. Aber ich würde mir auch wünschen, dass er seinen Wurzeln treu bleibt und noch des öfteren auf Dublins Straßen spielt. Dann kann ich wieder sagen: Ach ja, da ist wieder der Busker mit dem Hund.

Dienstag, 24. Februar 2009

The Talk of the Town

Seit einigen Wochen gibt es im Dubliner Ambassador Theatre am Ende der O'Connell Street die Exhibition "Bodies" zu sehen. Dabei handelt es sich um eine Ausstellung plastinierter menschlicher Körper und Körperteile, die seinerzeit in Deutschland unter dem Namen "Körperwelten" zu sehen war. Allerdings handelt es sich bei "Bodies" um ein, von der amerikanischen Eventfirma "Premier Exhibitions Inc." unter der Leitung von Dr. Roy Glover betriebenes Konkurrenzprodukt zu Gunther van Hagens "Körperwelten".

Das Ganze ist an sich nichts Irland spezifisches, über das ich sonst berichten würde. Doch interessant ist die Reaktion Irlands auf die Ausstellung. Denn wie bereits damals in Deutschland spaltet auch hier die Ausstellung die Nation und sorgt für reichlich Gesprächsstoff. Ob unter Kollegen am Mittagstisch, im Freundeskreis, im Pub oder in der Straßenbahn, überall geht es um die Frage, ob man denn schon die Ausstellung besucht habe oder zumindest vor hat, sie zu sehen, oder ob man sich davon distanziert.

Ich selbst habe die Ausstellung (noch?) nicht gesehen. Diejenigen, die die Ausstellung gesehen haben, berichten davon, wie faszinierend und lehrreich sie sei. Anschaulich werden Details des menschlichen Körpers gezeigt, die das Wunderwerk Mensch ausmachen. Die Exponate ermöglichen einen Einblick in den menschlichen Körper, wie ihn keine Lehrbücher oder Plastikmodelle vermitteln können. Einige Exponate veranschaulichen auch Krankheiten oder gesundheitliche Risiken, wie z.B. Fettleibigkeit, Lungenemphyseme, Arthritis oder Knochenbrüche.

Auf der anderen Seite liest man, dass Schuldirektoren ihren Lehrern verbieten, mit den Klassen die Ausstellung zu besuchen. In Leserbriefen verurteilen Leser die Ausstellung als kranke und makabere "freak show", in der man mit dem Ausstellen menschlicher Leichen Geld macht. Viele beantworten die Frage, ob sie denn in die Ausstellung gehen würden, mit einem kategorischen "No, I am not supporting that!"

Hintergrund der Kontroverse ist die auch bei "Bodies" nicht zufrieden stellend geklärte Frage, wo denn die Körper herstammen, und ob die Verstorbenen oder zumindest die Angehörigen ihr Einverständnis gaben, die Körper öffentlich auszustellen. Und überhaupt sei es moralisch und ethisch nicht zu verantworten, die Körper Verstorbener auszustellen. "Respect the dead. Don't exploit them." empörte sich eine Leserin. Und viele sehen wieder einmal bestätigt, dass der Tod scheinbar immer ein gutes Geschäft ist, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Wie man einigen Exponaten deutlich ansehen kann, stammen sie aus China. Dies ließ viele Besucher vermuten, dass es Hinrichtungs- oder Folteropfer des chinesischen Regimes waren, die man für die Ausstellung verwendete. Während man mit den Körpern auf makabere Weise Geld macht, gehen die Hinterbliebenen leer aus. Auf der Website (www.bodiesdublin.com) bemüht sich der Veranstalter zu erklären, dass nun mal die Dalian Medical University Plastination Laboratories in China die größte Erfahrung in der Plastination menschlicher Körper haben, und versichert, dass alle Exponate eines natürlichen Todes gestorben sind.

Trotz der moralischen Bedenken vieler erfreut sich die Ausstellung allgemein großen Interesses. Bereits nach wenigen Wochen hat die Ausstellung alle Besucherrekorde gebrochen. Tausende haben die Ausstellung bereits besucht, und fast immer sieht man lange Schlangen vor dem Eingang. An einigen Tagen mussten gar Wartende nach Hause geschickt werden. Den Veranstalter freut's. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Ausstellung um einige Wochen verlängert. Und damit werden wohl auch die Diskussionen noch einige Zeit weitergehen.

Sonntag, 22. Februar 2009

The People's Voice

Am gestrigen Samstag meldete sich das Volk zu Wort. Aus allen Ecken des Landes, ob aus Cork, Limerick, Galway oder Waterford, waren sie in die Hauptstadt gekommen, um in einem Marsch ihren Unmut über Bankenskandale, Arbeitsplatzverluste und erhöhte Abgaben für Beamte zu äußern. Ursprünglich war der Marsch nur als Protestkundgebung der Beschäftigen im öffentlichen Sektor geplant in Reaktion auf Etatkürzungen und erhöhte Abgaben. Doch schnell wurden alle Angestellten, aus öffentlichem wie auch privatem Sektor, aufgefordert, sich an einer allgemeinen nationalen Großdemonstration zu beteiligen und gegen die aktuelle Regierung und ihre Handhabung der wirtschaftlichen Krise zu protestieren. Geschätzte 100.000 waren schließlich gekommen und zogen in einem Protestmarsch durch Dublins Innenstadt. Und ich war natürlich wieder mitten drin, statt nur dabei.

Bereits eine Stunde vor der geplanten Abmarschzeit von 14.00 Uhr trafen sich die Verbände und Gruppen am Parnell Square, am Ende der O'Connell Street. Tausende von Plakaten, Schilder oder Banner wurde bereit gelegt, Unterschriften wurden gesammelt, Redner heizten die Stimmung an, Gewerkschaften warben neue Mitglieder.

Pünktlich um 14 Uhr setzte sich der Marsch in Bewegung. Angeführt von den Pipern der Fire Brigade Dublin und Arbeitern von Waterford Crystal und SR Technics, marschierten die Protestler die O'Connell Street hinunter, um das Trinity College herum, die Nassau Street entlang bis zum Sitz des Parlaments am Merrion Square. Ein nicht enden wollender Zug von Menschen, jung und alt, rollte durch die Straßen, Schilder und die im Wind flatternden Banner der Gewerkschaften hoch haltend. Die allgemeinen Slogans waren "Stop fleecing working families", "Down with cosy cartels", "Charge the fat cats", "Kids should play, not pay", und die klare Forderung "Sack This Government!". Es war ein friedlicher Marsch, doch die ganze Zeit über drehte ein Polizeihubschrauber über der Innenstadt seine Kreise, und zahlreiche Polizeibeamte säumten die Strecke bis zum Merrion Square.

Es dauerte lange bis nach 15 Uhr, bis sich auch die letzten des Marsches am Merrion Square einfanden, wo Redner der Gewerkschaften ihre Forderungen an die Regierung stellten. "In bad times, a good government is there for people to protect jobs and the most vulnerable." forderten sie. "Instead, they are now bankrolling those who had brought us to this state instead of protecting workers." Die Regierung habe schlichtweg versagt. Auf einem kleinen Schild las ich "Fianna Fail(ed)", womit man den Namen von Cowens Regierungspartei "Fianna Fáil" (irisch, übersetzt etwa "Soldaten des Schicksals") entsprechend interpretierte.

Die Gewerkschaften sehen in der großen Anteilnahme der Menschen einen Vertrauensbeweis. Entsprechend gestärkt werden sie in kommende Gespräche mit der Regierung gehen. Man zeigt sich voller Kampfeswillen. Weitere Aktionen wie flächendeckende Streiks sind vorgesehen. "It's time to demonstrate the power we hold ... at the ballot box. If they do not act now on our behalf then you must be prepared to deny them a single vote."

So beeindruckend der Aufmarsch am Samstag war, was kann er bewirken? Die Gewerkschaften können nicht allen Ernstes glauben, dass man mit einem Protestmarsch die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen kann. Man rasselt kräftig mit den Säbeln, präsentiert sich als Heilsbringer und wiegt die Menschen in Zuversicht. Aber man übersieht den eigentlichen Grund für die gesamte Misere: Irlands gesunkene Wettbewerbsfähigkeit.

Ein Blick auf die Zahlen des Central Statistics Office (CSO) ermöglicht die folgende, einfache Rechnung: Irlands Bevölkerung beträgt ca. 4,2 Mio Menschen. Davon umfasst die potenzielle Workforce (Alter 20-65) ca. 2,7 Mio. Subtrahiert man ca. 320.000 Arbeitslose und die ca. 350.000 Beamten, bleiben etwa 2 Mio. Beschäftigte im privaten Sektor, auf deren Schultern die Wirtschaft lastet. Und der aktive Anteil dieser Workforce schwindet täglich. Angesichts des maroden Haushalts sind Kürzungen im öffentlichen Sektor daher unumgänglich. Die öffentlichen Ausgaben müssen sinken, die Löhne und vor allem die Preise (etwas der öffentlichen Energieversorger) müssen fallen. Nur so ließe sich Irlands Wettbewerbsfähigkeit vielleicht wieder herstellen. Allgemeine Steuererhöhungen, die auch den privaten Sektor treffen würden, würden die Lage noch weiter verschlechtern.

Vielleicht haben dies inzwischen auch einige andere erkannt. Nachdem sich die große Menschenmenge am Merrion Square eingefunden und für eine Weile den Rednern gelauscht hatte, beließen es einige dabei und wendeten sich wieder anderen Dingen zu. Die bis dahin so stolz hoch gehaltenen Schilder und Plakate stopfte man kurzerhand in den nächsten Mülleimer - und verschwand im nächsten Pub. Irland muss sicherlich noch einiges lernen.

Donnerstag, 19. Februar 2009

On Flight Path to Disaster

In diesen Tagen sitzen meine Wohngenossin Maria und ich oft abends zusammen am Esstisch und klagen uns unser Leid über die aktuelle wirtschaftliche Lage. Mittlerweile kennt jeder von uns persönlich einige Betroffene, die ihren Arbeitsplatz verloren haben. Maria ist für ein amerikanisches Finanz-Unternehmen tätig (nein, keine Bank). Vor kurzem gab ihr Arbeitgeber bekannt, von den weltweit 2.000 Mitarbeitern 10% zu entlassen. Zu Marias Glück bleibt das Büro in Dublin verschont. Aber es ist schon hart, wenn langjährige Kollegen plötzlich ihre Abschieds-Email schreiben. Auch ich bekomme in den Projekten bei den Kunden das eine oder andere mit. Große Betriebsversammlungen lassen sich nicht geheim halten.

Vor kurzem ließen zwei Freunde von Maria sie wissen, dass sie das Land verlassen werden. Der eine (ein Spanier) geht nach England, um sich dort nach Arbeit umzusehen, der andere geht zurück nach Frankreich. Freunde verlassen das Land, das drückt auf die Stimmung. Man kommt ins Grübeln.

Blicken wir zurück: Amerikanische Investoren, vor allem IT-Firmen, brachten Jobs nach Irland, und zwar reichlich. Die Menschen verdienten plötzlich viel Geld, das sie auch (sehr lobenswert) sofort ausgaben. Sie leisteten sich Dinge, die ihnen bis dahin verwehrt waren: Reisen, große Autos, Häuser. Die Preise für Immobilien kletterten nach oben. Die Banken gossen zusätzlich Öl ins Strohfeuer und warfen den Leuten die Kredite hinterher. Wenn man sehr optimistisch eine jährliche Gehaltserhöhung um 5% ansetzt, ist auch eine Millionenvilla schnell abbezahlt.

Eine allgemeine Geldgier griff um sich. Die Preise stiegen, doch die Leistungen zogen nicht nach. Für wenig wurde viel Geld verlangt. Der Name "Rip-Off Ireland" wurde geprägt. Ein Papphaus im kleinen Dublin kostete plötzlich fast soviel wie eine Penthouse-Wohnung in New York. Das allgemein schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis ist kennzeichnend für Irland. Irland hat längst seine Wettbewerbsfähigkeit verloren, die Firmen ziehen auf der Suche nach billigen Arbeitskräften weiter. Hinzu kam noch die weltweite Finanzkrise. Plötzlich waren die Banken aufgefordert, einmal nachzusehen, welche realen Sicherheiten sie denn eigentlich so haben.

Warum Irland? Vergleiche mit anderen "kleinen" Ländern wie z.B. Finnland oder Holland zeigen, dass diese wirtschaftlich insgesamt besser dastehen als Irland. Ein deutliches Zeichen, dass die Landespolitik eine wichtige Rolle spielt. Für die heutige Misere Irlands kann man nicht mehr die Zeit der britischen Besetzung verantwortlich machen. Irland erlangte seine Unabhängigkeit 1921. Seitdem hatten die irischen Politiker also Zeit genug, die Weichen für ein langfristiges und vor allem solides Wachstum zu stellen. Doch sie haben ihre Chancen schlichtweg verspielt. Vorsorge für schlechte Zeiten traf man nicht. Dabei sollte man gerade in Irland eigentlich recht gut wissen, dass auf Tage mit Sonnenschein zwangsweise wieder ein paar Regentage folgen werden.

Und nun haben wir den Salat: Die Wirtschaft bröckelt, das Haushaltsdefizit ist außer Kontrolle geraten, Arbeitsplätze verschwinden so schnell, wie sie damals entstanden. Die Preisspirale hat sich umgekehrt. Offiziell herrscht sogar Deflation. Im Land macht sich allerorten Unmut breit: Taxifahrer protestieren gegen die großzügige Verteilung der Lizenzen, wodurch der Markt überschwemmt wird. Lehrer protestieren gegen die Streichungen im Bildungswesen, mit denen man den einzigen richtigen Wirtschaftsfaktor - eine gut ausgebildete Workforce - aufs Spiel setzt. Der gesamte "Public Sector" ist aufgebracht, weil eine Abgabe auf die Pensionen geplant ist. Und in Dublin werden demnächst die Busfahrer streiken, um gegen die vorgesehenen Entlassungen zu protestieren. Chaos droht.

In einer Zeitung las ich vor kurzem einen politischen Kommentar, in dem ein interessanter Vergleich gezogen wurde: Am 15. Januar kollidierte United Airways Flug 1549 kurz nach dem Start vom La Guardia Airport mit einem Schwarm Gänse. Beide Triebwerke fielen aus, die Maschine drohte abzustürzen. 155 Menschen waren an Bord. Doch dem Piloten, Cpt. Chesley Sullenberger, gelang es, die Maschine perfekt auf dem Hudson River zu landen. Alle wurden gerettet.

Die irische Fassung des Vorfalls lautet: Auf ihrem Höhenflug kollidierte die irische Wirtschaft mit einem Schwarm geldgieriger Bänker. Ihrer Antriebsmotoren beraubt, befindet sich die Wirtschaft im Sturzflug. Alle Hoffnung ruht auf dem Piloten. Hat er die Nerven und die Fähigkeiten, die Wirtschaft sanft zu landen und das Schlimmste zu verhindern?

Zwei Faktoren waren maßgebend für das Gelingen von Sullenbergers Husarenstück, das 155 Menschen das Leben rettete: Erstens reagierte Sullenberger besonnen und traf die richtige Entscheidung. Er wusste, was zu tun war, als beide Triebwerke ausfielen und keine Aussicht bestand, es zurück zum Flughafen zu schaffen. Und zweitens war Sullenberger auf den Notfall bestens vorbereitet. Er verfügte über die fliegerischen Fähigkeiten, die Maschine so zu wassern, dass sie sich nicht überschlug.

Tragisch für Irland ist, dass die irischen Politiker weder von den Fähigkeiten her auf den freien Fall der Wirtschaft vorbereitet sind, noch besonnen genug handeln und die richtigen Entscheidungen treffen. Die Regierung handelt ohne Weitsicht und ohne konkreten Plan. Wie ein Kind im Schaltzentrum eines Atomkraftwerkes: Mal sehen, was passiert, wenn wir den Knopf da drücken...

Man fragt sich, wie Irland der Krise überhaupt entgegen treten kann und soll. Von der aktuellen Regierung scheint niemand eine wirkliche Idee zu haben. Und die Opposition stichelt zwar kräftig, das Geheimrezept hat sie aber auch nicht. Ein Cpt. Sullenberger, der die trudelnde Wirtschaft auf ihrem "flight path to disaster" abfangen könnte, ist leider nicht in Sicht. Abspringen ist daher eine Option, die viele wählen. Aussitzen eine andere, solange man noch seinen Job hat.

Dienstag, 17. Februar 2009

Betrachtungen vom Wochenende

Vergangene Woche hatte ich beruflich einiges zu tun, weshalb ich mich in meinem Blog etwas rar machte. Unter anderem musste ich eine Präsentation vorbereiten, die ich am Donnerstag gehalten habe. Und zum anderen studierte ich für meine geplante Microsoft-Zertifizierung. Auch in diesen Zeiten, in denen einige ihre Arbeitsplätze verlieren, gibt es für andere noch viel zu tun, auch nach Feierabend.

Während ich also beschäftigt war, bröckelte die Wirtschaft weiter. Jüngste Meldungen bzgl. wegfallender Arbeitsplätze kamen von der Firma SR Technics, die am Dublin Airport Flugzeuge wartet: Rund 1.200 Plätze werden gestrichen. Weiter kündigte Ryanair an, einige Strecken zu streichen und die Flotte zu reduzieren. 200 Arbeitsplätze fallen weg. Damit reagiert man auf das allgemein gesunkene Passagieraufkommen.

Die Arbeitslosenzahl hat inzwischen die 300.000 deutlich überstiegen. Experten warnen davor, dass es bis zum Jahresende gar 500.000 sein könnten. Die Krise hat längst auch die höher qualifizierten Arbeitskräfte erfasst. Besonders betroffen sind Architekten, Anwälte, Lehrer, Sachverständige, Mediziner. Gute Ausbildung ist inzwischen kein Garant mehr für einen Arbeitsplatz. Wie schnell die Arbeitslosenzahl steigt, hängt im Wesentlichen davon ab, wie schnell die Leute ein Visum für Australien bekommen. Denn im Gegensatz zu früheren Rezession haben diesmal die sonst bevorzugten Zielländer (USA, England) selbst große wirtschaftliche Probleme. Australiens Wirtschaft scheint noch Arbeitskräfte aufnehmen zu können.

In Irland entpuppte sich die Finanzkrise als eine Bankenkrise. Inzwischen wurden einige der Machenschaften der geldgierigen Bänker aufgedeckt. So hatte zum Beispiel Irish Life & Permanent am 30. September, dem letzten Tag des Finanzjahres und kurz vor der Bestandsaufnahme bzgl. der Abschätzung der Sicherheiten, insgesamt ca. 7,3 Mrd. Euro in der Anglo Irish Bank "geparkt" - damit sollte der Guthaben-Bestand aufgebessert werden. Die 7,3 Mrd. machten immerhin ca. 14% des Guthabens von ca. 51 Mrd. aus. An anderer Stelle wurden 300 Mio. von Anglo Irish geliehen, um Aktien derselbigen Bank zu kaufen. Wenn das erst die Spitze des Eisberges ist, was für undurchsichtige Transaktionen lauern dann noch unter der Oberfläche? Es wurde immer deutlicher, dass die Banken einen Großteil der Schuld an der allgemeinen Misere tragen.

Angesichts derartiger Meldungen verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen in die Fähigkeiten der Regierung. Ausgerechnet am Freitag den 13. belegten die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, wie es um das Ansehen der Parteien bestellt ist: Die Regierungspartei Fianna Fail stürzte dramatisch von 42% auf 22% ab - dem niedrigsten Wert seit den 1930ern. Umgekehrt legte die Labour-Partei deutlich zu und kam auf 24% (zuvor nur etwa 10%). Besonders die scheinbare Unfähigkeit der Regierung, kräftig durchzugreifen und die verantwortlichen Bänker zur Rechenschaft zu ziehen, hat viele Leute zur Abkehr bewegt. Die nächste planmäßige Wahl ist erst 2012. Doch es ist fraglich, ob sich die aktuelle Regierung bis dahin wird halten können. Es ist durchaus möglich, dass die wirtschaftliche Krise einen politischen Umsturz herbeiführt.

Am Wochenende zeigte sich immerhin das Wetter wieder von seiner besten Seite: Blauer Himmel, sonnig, mit nicht mehr ganz so kalten Temperaturen. Vom Schneewetter ist fast nichts mehr zu sehen. Nur auf den Dublin Mountains sieht man noch etwas Schnee liegen. Das schöne Wetter lockte nach draußen. Der sonnigen Stimmung angepasst zeigte sich Grafton Street recht lebhaft. Anlässlich des Valentins-Tages boten einige Gruppen junger Leute "free hugs" an, eine Umarmung zwischen wildfremden Menschen zur Förderung zwischenmenschlicher Kontakte und um etwas mehr Liebe in die Welt zu bringen. In der aktuellen Zeit sicherlich eine nette Geste. Viele nahmen das Angebot an. Auch ich habe mich überreden lassen und wurde von einer netten Dame in die Arme genommen.

Beim Bummel durch die Innenstadt fiel mir aber wieder auf, dass es vergleichsweise ruhig zuging. In vielen Geschäften war mehr Personal als Kundschaft. Es war wohlgemerkt Samstag, aber man hätte meinen können, es war ein Feiertag, an dem viele Geschäfte geschlossen hatten. Tatsächlich belegen aktuelle Zahlen, dass der Einzelhandel den größten Einbruch seit 1982 erlitten hat. Das Weihnachtsgeschäft sorgte für eine kurzzeitige Belebung des Geschäfts, insgesamt aber lag der Umsatz 2008 um 4,5% niedriger als 2007.

Der Umsatzeinbruch erstreckt sich über alle Bereiche: Kleidung, Bücher, Schuhe, pharmazeutische Produkte. Elektroartikel und Haushaltswaren sind am stärksten betroffen. Die geringe Nachfrage macht besonders den vielen kleinen Läden und Kiosken zu schaffen. Während früherer Rezessionen kauften die Menschen zumindest noch ihre Zigaretten, Zeitungen und Schreibwaren, heute nicht einmal mehr das. Nach Schätzungen geben landesweit wöchentlich im Schnitt zwölf Läden auf. Bis zum Jahresende werden es ca. 600 sein, 7.000 Stellen sind betroffen. Ca. 25.000 Angestellte aus dem gesamten Einzelhandel werden in diesem Jahr ihren Arbeitsplatz verlieren.

In der Nähe des IFSC am Custom House Quay gibt es eine kleine überdachte Einkaufspassage, das "chq building". Dort gibt es überwiegend vornehme Boutiquen, Herrenausstatter, ein Möbelgeschäft und auch ein gut sortiertes Tee-Geschäft. Als ich durch die Passage bummelte, war es merkwürdig ruhig. Kaum jemand war dort. Das Foto zeigt die Passage an einem gewöhnlichen Samstagnachmittag. Zugegeben, die Einkaufspassage liegt etwas abseits und nur wenige verirren sich dort hin. Aber man hätte meinen können, über die Passage war ein Zutrittsverbot verhängt worden. Die meiste Kundschaft fand sich noch im Starbuck's-Cafe. Dort genehmigte ich mir einen Kaffee und beobachtete den Sicherheitsmann im gegenüber liegenden Möbelgeschäft. Gelangweilt hielt er im Eingang die Stellung. Doch in der halben Stunde meines Beobachtens zogen nur ganze drei Kunden kurz durch das Geschäft. Gekauft wurde nichts.

Am Eden Quay, in der Nähe der O'Connell Bridge und damit deutlich zentraler gelegen, findet sich ein anderes Beispiel, wie man sich Kundschaft vom Halse hält, auch wenn sie durchaus Interesse hätte. Es gibt dort einen kleinen Trödelladen, der ein paar antike Sachen und ansonsten viel Ramsch anbietet. Allerdings verlangt der Betreiber von jedem Interessierten doch tatsächlich 1 Euro Eintrittsgeld. Und das nur, damit man den Laden betreten darf. Auch wenn der Euro beim Kauf eines Artikels angerechnet wird, dies ist nicht gerade eine viel versprechende Methode, um Kunden zu gewinnen. Aber jedem das seine.

Samstag, 14. Februar 2009

St. Valentine's Day

Den Brauch, am 14. Februar seinen Liebsten oder seine Liebste mit einer Karte, Blumen und anderen kleinen Aufmerksamkeiten zu beschenken, gibt es natürlich auch in Irland. Schon Wochen im Voraus fanden sich in den Kaufhäusern und Geschäften deutliche Hinweise auf das bevorstehende Fest der Liebe. Nach Abschluss des Weihnachtsgeschäftes rollte nun die nächste Kauf-Animier-Welle auf die Kunden zu. Die Farbe Rot war überall, und in Regalen oder auf Tischen warteten plüschig-kuschelige Teddybären, samtweiche Kopfkissen in Herzchenform, Teetassen mit Herzchenaufdruck, Bilderrahmen, Kugelschreiber und andere Valentins-Tag-Verkaufsartikel darauf, einen Käufer zu finden. Und nicht zu vergessen die riesige und zuweilen überfordernde Auswahl an Valentins-Karten.

Um den Ursprung des Valentinstages gibt es viele Legenden. Einer Version nach war im antiken Rom der 14. Februar der Feiertag zu Ehren von Juno, Göttin der Frauen und der Ehen, und Vortag des römischen Festes Lupercalia. Zu jener Zeit wuchsen Jungen und Mädchen getrennt auf. Am Festtag von Lupercalia wurden die Namen der unverheirateten jungen Mädchen auf kleine Kärtchen geschrieben. Diese kamen in eine riesige Lostrommel, aus der junge Männer den Namen ihrer Partnerin für die Dauer des Festes zogen. Einige der auf diese Weise zusammengebrachten Paare blieben für längere Zeit zusammen, und manche gingen gar den Bund der Ehe ein. Das Ziehen von Namenskärtchen mag ein Ursprung für die heute gebräuchlichen Valentins-Karten sein.

Meist aber wird der Valentinstag auf die Sage um den Bischof Valentin von Terni zurückgeführt, der im 3. Jh. als christlicher Märtyrer starb. Laut der Sage hatte er viele Verliebte christlich getraut, darunter auch Soldaten, die auf damaligen kaiserlichen Befehl unverheiratet bleiben mussten. Oft schenkte Valentin den frisch vermählten Paaren Blumen aus seinem Garten - ein möglicher Ursprung für den Brauch, an diesem Tag Blumen zu schenken (und von Floristen immer wieder gerne zitiert). Von Valentin geschlossene Ehen sollen unter einem guten Stern gestanden haben. Unter Kaiser Claudius II. stand jedoch auf die Ausübung des christlichen Glaubens die Todesstrafe - Valentin wurde hingerichtet, nach Überlieferungen am 14. Februar, entweder im Jahre 269 oder 270 AD.

Die Stadt Dublin hat eine besondere Beziehung zu eben diesem St. Valentin. In der Karmeliter-Kirche "Our Lady of Mount Carmel" in der Whitefriar Street befinden sich nämlich die Gebeine des St. Valentin. Und das kam so: Im Jahre 1835 reiste der irische Karmeliter John Spratt nach Rom. Sein Ruf als großer Prediger war ihm vorausgeeilt, und die gesamte kirchliche Obrigkeit kam, um ihn reden zu hören. Selbst der Papst, Georg XVI, war so beeindruckt, dass er veranlasste, dem irischen Bruder einige Reliquien mit auf die Reise zurück nach Irland zu geben, darunter die Gebeine des St. Valentin. Am 27. Dezember 1835 wurden diese in einer feierlichen Zeremonie dem Grab auf dem Friedhof des St. Hippolytus in der Via Tiburtania in Rom entnommen und dem irischen Bruder anvertraut. Am 10. November 1836 erreichte die Reliquie Irland, und wurde in einer feierlichen Prozession vom Hafen zur Kirche in der Whitefriar Street gebracht und dort vom Erzbischof Murray in Empfang genommen.

Die Überführung der Reliquie war für das damalige Dublin und Irland ein bemerkenswertes Ereignis. Nur wenige Jahre zuvor nämlich hatte das britische Parlament in Westminster den katholischen Iren endlich das Recht eingeräumt, ihren Glauben frei und offen zu praktizieren, nicht zuletzt dank der Bemühungen Daniel O'Connells, dem großen Befreier.

Wie weit es allerdings um die Echtheit der Reliquie bestellt ist, mag dahin gestellt sein. Es gibt nämlich zahlreiche Orte, die für sich beanspruchen, die Gebeine des heiligen Valentin zu beherbergen, darunter u.a. die Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom und die bayerische Stadt Krumbach im Landkreis Günzburg. Aber der Begriff "Gebeine" ist ja sehr vage, und zur Not findet man eben noch ein paar Knochen, die man zuvor "übersehen" hatte, so dass alle zufrieden sind...

Wie dem auch sei, das Valentins-Fest steht derzeit hoch im Kurs. Die Werbung scheint erfolgreich gewesen zu sein. Am Freitag sah man im Büro an dem einen oder anderen Schreibtisch die ersten Valentins-Geschenke: Luftballons in Herzchenform, die hoch über dem Schreibtisch schwebten, oder auch die eine oder andere Valentins-Karte, von dem Empfänger oder der Empfängerin für alle gut sichtbar auf dem Schreibtisch platziert. Auf den Straßen sah man Männer oder Frauen mit großen Blumensträußen oder kleinen, roten Geschenktüten. In diesen Tagen, in denen die dunkle Wolke drohender Arbeitsplatzverluste über dem Land schwebt, scheint man die Romantik wiederentdeckt zu haben. Zusammenhalt ist wichtig. Viele lassen sich einiges einfallen, um dem Liebsten oder der Liebsten eine schöne Überraschung zu bereiten, und zumindest für ein paar Tage die Sorgen vergessen zu lassen.

Für einige Familien in Dublin bringt der 14. Februar aber auch traurige Erinnerungen. In den frühen Morgenstunden des 14. Februar 1981 kam es in dem Dubliner Nachtclub "Stardust" zu einem Feuer, das aufgrund der Papierdekoration für die St. Valentins-Feierlichkeiten schnell um sich griff. Mehr als 800 überwiegend junge Menschen waren zu dem Zeitpunkt in der Disco. Beim Versuch, sich aus dem brennenden Gebäude zu befreien, fanden sich viele mit verriegelten Notausgängen oder Gitterstäben vor den Fenstern konfrontiert. 214 Menschen erlitten Verletzungen, 48 kamen in dem Feuer um.

Bis heute sorgt der Vorfall für heftige Kontroversen. Eine Untersuchung hatte damals auf Brandstiftung als Ursache für das Feuer entschieden, und somit dem Betreiber des Nachtclubs den Weg zur Klage auf Entschädigung frei gegeben. 580.000 Irische Pfund zahlte die Stadt damals an den Betreiber. Die Familien der Opfer und Überlebenden kämpfen bis heute vor den Gerichten um Entschädigung und Gerechtigkeit. In ihren Augen hat der Betreiber fahrlässig gehandelt, in dem er nicht darauf achtete, dass die Notausgänge frei blieben. Allerdings waren heute geltende Sicherheitsvorschriften damals noch nicht in Kraft, weshalb der Betreiber nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte.

Vor kurzem erzielten die Familien immerhin einen Teilerfolg, als eine unabhängige Neu-Untersuchung des Vorfalls zu dem Schluss kam, dass keine Beweise für Brandstiftung vorlagen, sondern die genaue Ursache für den Brand als unbekannt betrachtet werden muss. Aber dies ist sicherlich nur ein kleiner Trost für die Familien, die ihre Angehörigen verloren, damals am Valentinstag 1981.

Sonntag, 8. Februar 2009

More Snow

Der Winter kommt und geht. Am Donnerstag fiel erneut so viel Schnee, so dass sich das Verkehrschaos auf den Straßen wiederholte und der Flughafen erneut für ein paar Stunden geschlossen werden musste. Am Freitag Morgen offenbarte mein Blick aus dem Fenster wieder eine herrliche Winterlandschaft: Weiß wohin man auch blickte. Schnee bedeckte Dächer, weiße Straßen, in denen man die Fahrspuren der Autos erkennen kann.

Für viele Autofahrer wurde die Fahrt zum Arbeitsplatz erneut zu einer Geduldsprobe, und für manche gar zu einem Albtraum. Es gab wieder zahlreiche Unfälle auf spiegelglatten Straßen. Vom Streudienst war nach wie vor nicht viel zu sehen. Wie ich erfuhr, rückte vielerorts der Streudienst, wenn überhaupt, erst nach 8 Uhr aus. Der Grund für den "Spätdienst": Wenn die Streutrupps bereits früh morgens ihre Arbeit aufnehmen, sind Schichtzulagen fällig. Und die sparen sich die Gemeinden. So knapp ist derzeit das Geld in den öffentlichen Kassen. Aber ob man da nicht am falschen Ende spart?

Im Verlauf des Freitags schmolz der Schnee wieder weitgehend, so dass die Straßen auch ohne die Arbeit der Streudienste wieder frei waren. Was mir aber erneut auffiel, ist, dass man hier Schnee schaufeln scheinbar überhaupt nicht kennt: Öffentliche Gehwege werden nicht geräumt, und auch in der Apartmentanlage muss man auf Wegen und Treppen höllisch aufpassen. In Deutschland sind die Auflagen bzgl. Räum- und Streudiensten bekanntlich strenger.

In der Nacht zum Sonntag setzte der Winter nochmals nach. Hinzu kam am Morgen ein blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Gerne hätte ich einen kleinen Spaziergang gemacht, aber leider musste ich das Wochenende für berufliche Arbeiten nutzen. So blieb es für mich nur bei einem Blick aus dem Fenster, um die Schneelandschaft zu genießen.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Trad-Festival 2009

Von Mittwoch, 28. Januar, bis Sonntag, 1. Februar, fand im Temple Bar-Bezirk in Dublin das sog. "Trad-Festival" statt, bei dem es rund um das Thema traditionelle irische Kultur ging. Es gab Workshops, Paraden, Open-Air-Tanz, Foto-Ausstellungen, Filme und vor allem zahlreiche Musik-Veranstaltungen. Besonders Liebhaber der traditionellen irischen Musik kamen voll auf ihre Kosten. Da ich an den Wochentagen leider arbeiten musste, ich also nur am Wochenende Zeit hatte, und es einfach zu viele Veranstaltungen gab, musste ich mich auf einige wenige Highlights beschränken. Aber davon hatten auch die beiden Tage am Wochenende genügend zu bieten.

Der Samstag begann am frühen Nachmittag mit einem Besuch des "Craft Market" in der kleinen Cow's Lane. Ausgestellt und zum Verkauf angeboten wurden kleine Handwerksarbeiten wie Schmuck und Strickwaren oder Gemälde. Der Markt war allerdings sehr winzig und hatte auch nur wenig mit dem Festival zu tun (der Markt findet regelmäßig statt). Da es nichts gab, das uns näher interessiert hätte, zogen wir kurzerhand weiter.

Interessanter war ein Abstecher in den Pub "The Foggy Dew". Im Rahmen des Festivals boten viele Pubs in Temple Bar Musik-Sessions irischer Musiker. Bei einem Pint of Guinness konnte man der Musik lauschen und die Atmosphäre in den Pubs auf sich wirken lassen. Im „Fogy Dew“ fand sich zum Glück noch ein Plätzchen, so dass wir den Besuch im Pub genießen konnten, ohne uns die Beine in den Bauch stehen zu müssen.

Der Nachmittag hielt eine besonders schöne, weil völlig unerwartete Überraschung parat, die aber mit dem Trad-Festival direkt nichts zu tun hatte: Mitten im Zentrum von Dublin, genauer gesagt an der Ecke Dame Street/George Street (und nicht weit von meiner Musikschule), lief uns kein Geringerer als der irische Singer/Songwriter Luka Bloom über den Weg. Von anderen völlig unerkannt zog er durch Dublin und erledigte private Besorgungen (tja, auch Musiker müssen mal einkaufen). Wir nutzten die einmalige Gelegenheit und sprachen ihn an. Er zeigte sich sehr entgegenkommend und nahm sich sogar ein paar Minuten für einen kleinen Plausch. Es war ein besonderes Erlebnis, Luka Bloom einmal privat kennen zu lernen, und es war angenehm zu sehen, dass er trotz all seiner Erfolge völlig bodenständig geblieben ist, ein Mensch wie du und ich ist. Und es hat sich auch gleich meine neue, kleine Kamera mehr als bezahlt gemacht, die ich eigentlich fast immer mit dabei habe. (Das Erinnerungsfoto stelle ich aber hier nicht ein, zum Schutz Luka's und meiner Privatsphäre.)

Nach dieser Begegnung am Nachmittag sahen wir uns in der "Gallery of Photography" am Meeting House Square die "Nutan Photography Exhibition" an. Nutan ist ein bekannter Fotograf, der für namhafte Magazine wie National Geographic, Time und Newsweek gearbeitet hat und zahlreiche Preise gewonnen hat. Seine Ausstellung im Rahmen des Trad-Festivals zeigte Fotos von Land und Leuten aus dem Westen Irlands. Eine sehenswerte kleine Ausstellung.

Im Rahmen des Festivals gab es große Konzerte, in denen bekannte Stars der traditionellen irischen Musik-Szene auftraten. Am Samstagabend spielte in der "Button Factory" eine Gruppe mit dem Namen "T With The Maggies". Hinter dem ulkigen Namen verbargen sich vier bekannte und erfahrene Musikerinnen der irischen Trad-Szene: Triona Ni Dhomhaill (das "T" des Quartetts) tourte jahrelang mit bekannten Folk-Gruppen wie "Relativity" und "Touchstone". Ihre Schwester Maighread Ni Dhomhaill war Sängerin der Gruppe "Skara". Mairead Ni Mhaonaigh war jahrelang die Stimme der bekannten Trad-Gruppe "Altan". Komplettiert wurde das Quartett durch Moya Brennan, die in den 80ern und 90ern mit der Gruppe "Clannad" durch die Lande zog und auch zahlreiche Solo-Alben veröffentlicht hat. "Clannad" wurden auch über die Grenzen Irlands hinaus bekannt. (Moyas Schwester Eithne Ní Bhraonáin ist übrigens eine erfolgreiche Solo-Künstlerin, die den Künstlernamen "Enya" führt...)

In der "Button Factory" nun gab es die seltene Gelegenheit, diese vier "reifen" Damen der irischen Folk-Szene mal live zu erleben. Da die vier in dieser Konstellation nur selten auftreten und keine feste Gruppe bilden, stand bei dem Konzert der Spaß-Faktor im Vordergrund. Und Spaß hatten die Damen aus Donegal sichtlich. Wie sie erzählten, kam die Idee zu dem gemeinsamen Auftritt von einer ihrer Töchter. Anschließend traf man sich häufiger zum Kaffeekränzchen, und studierte nebenbei ein paar Lieder ein.

Anders als feste Gruppen, die ihr eigenes Repertoire an Liedern haben, hatten die vier Damen solches nicht. Bei der Vorbereitung auf das Konzert durfte deshalb jede ihre Lieblingsstücke nennen, und am Ende wurde eine gemeinsame Auswahl getroffen. Heraus kam somit eine sehr ansprechende Liste bekannter traditioneller Musikstücke wie "Eleanor Plunkett", "Sally Gardens", "Spanish Lady", "Green Fields of Gweedore" oder "Paddy's Green Shamrock Shore", von den Damen mit wunderschönen Stimmen vorgetragen, mal einzeln, mal alle zusammen. Einzige Instrumente waren Klavier und Keyboard (gespielt von Triona), Geige (Mairead) und Harfe (Moya). Es dauerte nicht lange, und der Funke war auf das Publikum übergesprungen. Es war ein wunderschönes Konzert, mit dem wir den Samstag ausklingen ließen.

Nach dem aufregenden Samstag ging es am Sonntag, dem letzten Tag des Festivals, etwas ruhiger zu. Wir wollten auf jeden Fall noch die Parade der Piper sehen, die wir am Samstag irgendwie verpasst hatten (im Programmheft stand nur "early evening" als Uhrzeit, und das war etwas zu vage). Kaum näherten wir uns am Sonntagnachmittag dem Meeting House Square, hörten wir bereits Dudelsack-Musik. Aufstellung genommen hatte die National Youth Pipe Band, die vom Meeting House Square durch die engen Straßen Temple Bars bis zum kleinen Amphitheater am Ende der Essex Street marschierte. Dort nahm die Gruppe Aufstellung für ein Foto-Shooting. Voller Stolz posierten die jungen Musiker, Männlein und Weiblein, in voller Tracht, während Eltern oder Touristen Fotos achten.

Von den jungen Pipern ging es zurück zum Meeting House Square, wo die letzte größere Veranstaltung des Festivals stattfand: Das Outdoor Ceili. Ceili Dancing, oder Set Dancing, ist eine besondere Form des irischen Tanzes, bei dem in der Gruppe verschiedene Figuren getanzt werden und dabei die Partner mehrfach wechseln (vergleichbar dem amerikanischen Square Dance). Die verschiedenen Tanz-Figuren haben so ulkige Namen wie "The Walls of Limerick", "The Bridge of Athlone", "The Siege of Carrick" oder "The Gates of Derry".

Am frühen Nachmittag spielte zunächst eine Gruppe junger irischer Musiker Jigs und Reels, bei denen es einem schwer fällt, die Füße ruhig zu halten. Doch allgemeines Tanzen brach deswegen nicht aus. Sehr zur Begeisterung der Zuschauer führten immerhin vier junge Mädchen Ceili Dancing vor. Ich fand es schön, zu sehen, dass auch die Jugend noch Spaß an der irischen Kultur hat und diese Tänze erlernt.

Die jungen Musiker waren aber nur die Vorgruppe für die eigentliche Ceili Band. Die Hauptveranstaltung des Outdoor Ceili, bei der dann wohl auch richtige Tänzer auftraten, haben wir aber nicht mehr gesehen. Am Sonntag waren die Temperaturen merklich gefallen (Vorbote für das Schneechaos am nachfolgenden Montag). Wir zogen es daher vor, den Nachmittag lieber mit einer heißen Tasse Kaffee in einer gemütlichen Hotel-Lounge ausklingen zu lassen. Das Ceili Dancing habe ich somit nicht gesehen, aber es ergeben sich bestimmt noch andere Gelegenheiten.

So endete für uns das Trad-Festival 2009. Alles in allem fand ich es eine schöne Veranstaltung, die reichlich irische Kultur in das Kulturviertel Temple Bar brachte. Im nächsten Jahr werde ich vielleicht Gelegenheit haben, einige der Workshops zu besuchen, bei denen näher auf die irische Kultur eingegangen wird. Es gibt immer noch genug zu entdecken.

Dienstag, 3. Februar 2009

Schneechaos in Dublin

Wieder einmal musste ich meine Blog-Pläne abändern und den vorgesehenen Bericht über das Trad-Festival vom Wochenende verschieben (Bericht ist in Arbeit). Grund: Der Winter ist über Irland herein gebrochen. Bereits am Wochenende waren die Temperaturen merklich gefallen. Und in der Nacht von Sonntag auf Montag passierte es dann: Es schneite. Der morgendliche Blick aus dem Fenster offenbarte Schnee auf Rasenflächen und Schneematsch auf den Straßen.

Der Weg zur Arbeit erfolgte bei weiterhin heftigem Schneeschauer. Den ganzen Tag über hingen dichte Schneewolken über Dublin und es schneite fast durchgehend. Nur ab und zu klärte es auf und es ließ sich sogar die Sonne blicken. Dann jedoch zog es sich wieder zu und es schneite erneut. Dicke Schneeflocken tanzten vor den Fenstern der Büros.

Dass es in Dublin schneit und der Schnee sogar liegen bleibt, ist schon beachtlich. Aber wir reden hier nicht von "heftigen" Schneefällen. Aber auch so zeigte sich Irland diesen Verhältnissen ganz und gar nicht gewachsen und wenig vorbereitet. Die Gehwege waren nicht gestreut, und auf den Straßen gab es fast nur langsam kriechende Autokolonnen. Bei vielen Autos drehten beim Anfahren die Räder durch, einige Autos kamen gar ins Rutschen und standen quer.

Bereits am Montag kam in weiten Teilen des Landes der Verkehr völlig zum Erliegen. Überall wurden die Autofahrer vom Schnee überrascht. Zahlreiche Flüge von und nach Dublin wurden gestrichen. Kurzzeitig musste der Flughafen gar völlig geschlossen werden, damit man die Landebahn vom Schnee befreien konnte. In den Grafschaften Donegal, Carlow, Meath und Kilkenny wurden die Schulen geschlossen. Viele Pendler von und nach Dublin nahmen den Tag frei und blieben zu Hause. Wer konnte, verbrachte die Nacht von Montag auf Dienstag bei einem Bekannten in der Stadt oder gar im Hotel. Das war angesichts der Verhältnisse das einzig Vernünftige.

Das Chaos setzte sich auch heute fort. Winterreifen sind in Irland keine Pflicht, und vom Streudienst war weit und breit nichts zu sehen. Auf den Straßen ging am Nachmittag fast nichts mehr. Von meinem Arbeitsplatz aus hat man einen guten Blick über die Stadt. Besorgte Kollegen hingen am Fenster und studierten die sich langsam durch die Straßen schiebenden Autoschlangen. Glücklich war heute der, der nicht mit Bus oder Auto zur Arbeit fährt. Viele Busse fielen aus. Es zeigte sich, dass der LUAS, Dublins Straßenbahn, auch bei diesen Verhältnissen das zuverlässigste Verkehrsmittel ist. Dort gab es keine nennenswerten Störungen.

Am Abend setzte zwar Regen ein und der Schnee schmolz größtenteils. Aber laut Wetterbericht sollen die winterlichen Verhältnisse vorerst einige Tage bleiben. Das Chaos auf den Straßen wird also weitergehen.