Es war ein spannendes Wahlwochenende. Auch wenn das Gesamtergebnis vorher schon einigermaßen feststand, man war doch neugierig zu sehen, welche Prügel Fianna Fáil würde einstecken müssen. Und es kam sehr heftig. Von einem "Armageddon" heißt es beim "Irish Independent", von "Angry electorate coldly voted to liquidate Fianna Fáil" berichtet die "Irish Times".Fianna Fáil büßte 60 ihrer vormals 78 Sitze ein. Im Großraum Dublin, der in zehn Wahlbezirke unterteilt ist, überlebte nur (Noch-Finanzminister) Brian Lenihan als einziger Fianna Fáil-ler das Gemetzel. Die über viele Jahrzehnte dominierende Fianna Fáil wurde zu einer kleinen Gruppe auf der Oppositionsbank degradiert. Man stelle sich vor, die CDU würde plötzlich an der fünf-Prozent-Marke zu knabbern haben. Ähnlich heftig war das politische Beben, das Irland am Wochenende erlebte.
Für die Grünen, dem kleinen Koalitionspartner von Fianna Fáil, hieß es: Mitgegangen, mitgehangen. Auch sie wurden abgestraft. Sie verloren sämtliche ihrer ohnehin mickrigen sechs Abgeordnetensitze. Auch John Gormley, Vorsitzender der Green Party und unter Cowen immerhin Minister für Umwelt, darf höchstens noch auf der Besuchertribüne im Parlament Platz nehmen.
Die Parlamentswahl 2011 war meine zweite, die ich in Irland erlebte. Ich hatte vergessen, wie unterhaltsam und spannend die Auszählung ist. Durch Radio, Internet und Fernsehen wurde man stets auf dem Laufenden gehalten. Es gab zahlreiche Live-Schaltungen in die Zählstellen, wenn die Ergebnisse der Auszählungen bekannt gegeben wurden. Frenetischer Jubel bei einem Gewählten und seinem Anhang, wenn offiziell verkündet wurde: "I deem him/her elected."Das Auszählen hat etwas von den Vorrundenspielen bei einer Fußball-WM, bei der in jeder Gruppe die Mannschaften um die beiden Spitzenplätze in der Tabelle kämpfen. Nur dass es in Irland 43 Wahlbezirke gibt, in denen jeweils die ersten drei, vier oder fünf von vielleicht zwölf oder mehr Kandidaten "weiterkommen". Für lang anhaltende Spannung und Unterhaltung ist gesorgt. Denn es wird nicht nur einmal ausgezählt, sondern unter Umständen fünfmal, sechsmal oder gar zehnmal.
Dies liegt nicht etwa daran, dass die Iren nicht richtig zählen könnten oder sich viele Stimmzettel nur schwer entziffern lassen. Was das irische Wahlsystem so besonders macht, ist die Tatsache, dass die Wähler nicht genau eine Stimme haben, die sie genau einem Kandidaten schenken. Vielmehr müssen sie auf dem Stimmzettel die Kandidaten in die gewünschte Reihenfolge bringen. Die Präferenzen werden mit 1, 2, 3 usw. angegeben, wobei nicht alle Kandidaten auf dem Stimmzettel auch eine Präferenznummer erhalten müssen. Es leuchtet ein, dass sich bei diesem Wahlsystem wesentlich mehr Variationen der Stimmverteilung ergeben, als bei der langweiligen Nur-ein-Kreuzchen-Variante.
Im Idealfall erreicht ein Kandidat über die Erstpräferenzen ("Vote No. 1") genau die geforderte Mindestanzahl an Stimmen, die sog. Quota. In der Praxis dominieren jedoch die beiden anderen Szenarien: Entweder erhalten Kandidaten mehr Stimmen als benötigt, oder eben zu wenige. Und dann beginnt die Rechnerei. Im ersten Fall werden die überschüssigen Mehrstimmen auf die verbleibenden Kandidaten übertragen. Im zweiten Fall wird der Kandidat mit den wenigsten Stimmen "eliminiert" und die auf ihn entfallenen Stimmen ebenfalls auf die anderen Kandidaten übertragen. Anschließend wird neu ausgezählt. Dieses Spielchen wiederholt sich so lange, bis alle Abgeordneten aus dem Wahlkreis feststehen.Nur die wenigsten Kandidaten erreichen direkt im ersten Durchgang bei der Auswertung der Erstpräferenzen die erforderliche Stimmenzahl. Für die meisten Kandidaten heißt es Bangen und Hoffen auf übertragene Stimmen von eliminierten oder bereits als gewählt feststehenden Kandidaten. Im Verlauf des Auszählwochenendes entwickeln sich richtig spannende Hängepartien, sehr zum Leidwesen der betroffenen Kandidaten (die diesmal meist aus dem Lager von Fianna Fáil kamen). Man hat schon ein wenig das Gefühl, dass der Erfinder des Wahlsystems ein kleiner Sadist gewesen sein muss. Schade, dass es nur alle paar Jahre eine große Wahl gibt.
























