Montag, 28. Februar 2011

Mit X-Faktor: Parlamentswahlen in Irland

Es war ein spannendes Wahlwochenende. Auch wenn das Gesamtergebnis vorher schon einigermaßen feststand, man war doch neugierig zu sehen, welche Prügel Fianna Fáil würde einstecken müssen. Und es kam sehr heftig. Von einem "Armageddon" heißt es beim "Irish Independent", von "Angry electorate coldly voted to liquidate Fianna Fáil" berichtet die "Irish Times".

Fianna Fáil büßte 60 ihrer vormals 78 Sitze ein. Im Großraum Dublin, der in zehn Wahlbezirke unterteilt ist, überlebte nur (Noch-Finanzminister) Brian Lenihan als einziger Fianna Fáil-ler das Gemetzel. Die über viele Jahrzehnte dominierende Fianna Fáil wurde zu einer kleinen Gruppe auf der Oppositionsbank degradiert. Man stelle sich vor, die CDU würde plötzlich an der fünf-Prozent-Marke zu knabbern haben. Ähnlich heftig war das politische Beben, das Irland am Wochenende erlebte.

Für die Grünen, dem kleinen Koalitionspartner von Fianna Fáil, hieß es: Mitgegangen, mitgehangen. Auch sie wurden abgestraft. Sie verloren sämtliche ihrer ohnehin mickrigen sechs Abgeordnetensitze. Auch John Gormley, Vorsitzender der Green Party und unter Cowen immerhin Minister für Umwelt, darf höchstens noch auf der Besuchertribüne im Parlament Platz nehmen.

Die Parlamentswahl 2011 war meine zweite, die ich in Irland erlebte. Ich hatte vergessen, wie unterhaltsam und spannend die Auszählung ist. Durch Radio, Internet und Fernsehen wurde man stets auf dem Laufenden gehalten. Es gab zahlreiche Live-Schaltungen in die Zählstellen, wenn die Ergebnisse der Auszählungen bekannt gegeben wurden. Frenetischer Jubel bei einem Gewählten und seinem Anhang, wenn offiziell verkündet wurde: "I deem him/her elected."

Das Auszählen hat etwas von den Vorrundenspielen bei einer Fußball-WM, bei der in jeder Gruppe die Mannschaften um die beiden Spitzenplätze in der Tabelle kämpfen. Nur dass es in Irland 43 Wahlbezirke gibt, in denen jeweils die ersten drei, vier oder fünf von vielleicht zwölf oder mehr Kandidaten "weiterkommen". Für lang anhaltende Spannung und Unterhaltung ist gesorgt. Denn es wird nicht nur einmal ausgezählt, sondern unter Umständen fünfmal, sechsmal oder gar zehnmal.

Dies liegt nicht etwa daran, dass die Iren nicht richtig zählen könnten oder sich viele Stimmzettel nur schwer entziffern lassen. Was das irische Wahlsystem so besonders macht, ist die Tatsache, dass die Wähler nicht genau eine Stimme haben, die sie genau einem Kandidaten schenken. Vielmehr müssen sie auf dem Stimmzettel die Kandidaten in die gewünschte Reihenfolge bringen. Die Präferenzen werden mit 1, 2, 3 usw. angegeben, wobei nicht alle Kandidaten auf dem Stimmzettel auch eine Präferenznummer erhalten müssen. Es leuchtet ein, dass sich bei diesem Wahlsystem wesentlich mehr Variationen der Stimmverteilung ergeben, als bei der langweiligen Nur-ein-Kreuzchen-Variante.

Im Idealfall erreicht ein Kandidat über die Erstpräferenzen ("Vote No. 1") genau die geforderte Mindestanzahl an Stimmen, die sog. Quota. In der Praxis dominieren jedoch die beiden anderen Szenarien: Entweder erhalten Kandidaten mehr Stimmen als benötigt, oder eben zu wenige. Und dann beginnt die Rechnerei. Im ersten Fall werden die überschüssigen Mehrstimmen auf die verbleibenden Kandidaten übertragen. Im zweiten Fall wird der Kandidat mit den wenigsten Stimmen "eliminiert" und die auf ihn entfallenen Stimmen ebenfalls auf die anderen Kandidaten übertragen. Anschließend wird neu ausgezählt. Dieses Spielchen wiederholt sich so lange, bis alle Abgeordneten aus dem Wahlkreis feststehen.

Nur die wenigsten Kandidaten erreichen direkt im ersten Durchgang bei der Auswertung der Erstpräferenzen die erforderliche Stimmenzahl. Für die meisten Kandidaten heißt es Bangen und Hoffen auf übertragene Stimmen von eliminierten oder bereits als gewählt feststehenden Kandidaten. Im Verlauf des Auszählwochenendes entwickeln sich richtig spannende Hängepartien, sehr zum Leidwesen der betroffenen Kandidaten (die diesmal meist aus dem Lager von Fianna Fáil kamen). Man hat schon ein wenig das Gefühl, dass der Erfinder des Wahlsystems ein kleiner Sadist gewesen sein muss. Schade, dass es nur alle paar Jahre eine große Wahl gibt.

Sonntag, 27. Februar 2011

Wochenrückblick

Fine Gael hui, Fianna Fáil pfui

Letzte Woche wurden die letzten Reden gehalten, Hände geschüttelt, Babys geknuddelt und Kühe getätschelt. Nach drei Wochen Wahlkampf ging es am Freitag endlich zu den Wahlurnen. 3,2 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, über die politische Zukunft Irlands zu entscheiden. Gewählt werden konnte bis 22 Uhr. Die Wahlbeteiligung lag bei erfreulich hohen 70 Prozent.

Seit Samstagmorgen 9 Uhr wird eifrig gezählt und gerechnet. Die Auswertung der Stimmzettel ist ein komplexer und langwieriger Vorgang. Es kann mehrere Tage dauern, bis alle 166 Sitze des Parlaments besetzt sind (mit Stand heute Morgen um 8:00 Uhr standen 131 von 166 Abgeordneten fest). Weil es in Irland nur um Direktmandate geht, sind Partei-Hochrechnungen, wie man sie aus dem deutschen Fernsehen kennt, nur bedingt zulässig. Allerdings scheinen sich die Prognosen der Umfragen zu bestätigen:
  • Fianna Fáil verzeichnet in vielen Wahlbezirken dramatische Einbrüche. Auch prominente Namen bangen um ihre Wiederwahl bzw. haben ihren Sitz bereits verloren.
  • Labour ist zweitstärkste Partei.
  • Fine Gael gibt klar den Ton an. Auch wenn es wahrscheinlich nicht zur absoluten Mehrheit reichen wird: Alle Ampeln stehen auf Grün für Enda Kenny als nächsten Taoiseach.

Irlands Gemeinden zu drastischen Einsparungen gezwungen

Irlands Gemeinden blicken in ein vier-Milliarden-Euro-Budgetloch und sind zu drastischen Einsparungen gezwungen. Die Bürger werden dies schnell zu spüren bekommen. Es fehlen die Mittel, um Straßen, Gehwege, öffentliche Beleuchtung, Bibliotheken, Parks und andere wichtige öffentliche Einrichtungen und Dienstleistungen angemessen zu unterhalten. Die prekäre Finanzlage wird sich noch zusätzlich verschlechtern, da die Gemeinden gezwungen sind, Kredite aufzunehmen, um überhaupt einigermaßen über die Runden zu kommen. Autofahrer seid wachsam: Das nächste Schlagloch wartet schon.

Für Iren gilt: Only a house is a home

Eurostat, das Statistische Amt der Europäischen Union, liefert einen interessanten Schnappschuss der Wohnsituation in Irland zum Ende des Immobilienbooms: Laut Daten aus dem Jahr 2009 wohnt nur 3,1 Prozent der Bevölkerung Irlands in Apartments, vergleichen mit einem EU-Durchschnitt von 42 Prozent. 39,1 Prozent leben in Einzelhäusern, 57,6 Prozent in Doppelhaushälften oder Reihenhäusern. Dies bestätigt: Iren fühlen sich nur in einem Haus richtig wohl. Daran konnten auch die zahlreichen Werbekampagnen nichts ändern, mit denen während des Booms Iren zum Kauf komfortabler Apartments überredet werden sollten.

Abwicklung von Anglo Irish und Irish Nationwide eingeleitet

Letzte Woche wurde die Abwicklung der angeschlagenen Banken Anglo Irish und Irish Nationwide eingeleitet. Im ersten Schritt wurden Depots mit einem Gesamtguthabenbestand von etwa 11 Milliarden Euro zu anderen Banken transferiert. Allied Irish Banks (AIB) übernahmen 7 Milliarden Euro von Anglo Irish, Irish Life & Permanent (IL&P) 4 Milliarden Euro von Irish Nationwide. Für die 280.000 Inhaber der betroffenen Depots ändert sich vorerst nichts. Sie werden weiterhin durch Anglo Irish und Irish Nationwide betreut.

Irlands Taxis dürfen länger fahren

Die National Transport Authority verwarf den Plan, Taxis nach neun Jahren Einsatz aus dem Verkehr zu ziehen. Zu der Entscheidung kam es, nachdem Irlands Taxifahrer darüber geklagt hatten, dass die Verschrottungsauflage viele von ihnen zur Aufgabe ihres Geschäfts zwingen würde.

Amateur-Archäologe findet Grab aus der Bronze-Zeit

Da staunte Pat Tiernan, Hobby-Archäologe aus Rickardstown nahe Mullingar (Co. Westmeath), nicht schlecht: Eigentlich wollte er nur sein Haus erweitern. Doch wo er schon mal dabei war, grub er noch etwas tiefer. Dabei stieß er auf ein menschliches Skelett nebst ausgefallener Grabbeigaben. Er informierte das National History Museum of Ireland, das den ungewöhnlichen Fund untersuchte. Und siehe da: Es handelt sich um ein etwa 4.000 Jahre altes Grab aus der Bronzezeit. Da soll nochmal einer sagen, Gartenarbeit wäre langweilig.

Whiskey im Wert von €270.000 gestohlen

Diese Diebe zeigten Geschmack: Aus der Cooley Destillerie in Carlingford (Co. Louth) wurden 150 Kartons des besonders seltenen Whiskeys der Marke "Finnegan" gestohlen. Der Gesamtwert der Ware beträgt 270.000 Euro. Die Kisten mit den 700ml-Flaschen lagerten in einem Container auf dem Gelände der Brennerei. Die Diebe rückten mit einem LKW an, auf den sie den Container samt kostbaren Inhalt aufluden. Bislang fehlt von den Dieben jede Spur. Aber vielleicht verraten sie sich ja durch ihre Fahne.

Der Wochenrückblick erscheint auch auf "Irland. Berichte von der Insel", dem Irland-Blog von Markus Bäuchle

Freitag, 25. Februar 2011

Pausenfüller: Blacksod Lighthouse

Blacksod Lighthouse am südlichen Zipfel
der Mullet-Halbinsel (Co. Mayo)


Ted Sweeney, 1945 Leuchtturmwärter von Blacksod, ging in die Geschichte ein: Kurz vor der geplanten Landung der Alliierten in der Normandie alarmierte er die Streitkräfte über heraufziehendes schlechtes Wetter. Der D-Day wurde daraufhin um einen Tag verschoben, was wesentlich zum Erfolg der Landungsaktion beitrug.

Mittwoch, 23. Februar 2011

Pausenfüller

Busy times ahead. Deshalb lege ich eine kleine Blog-Pause ein. Zum Ausgleich ein paar nette Fotos aus Irland.


Achill Island

Montag, 21. Februar 2011

Und wieder einer weniger...

Erneut standen wir am Wochenende vor verschlossenen Türen. Die englische Buchladen-Kette Waterstone hat ihre beiden Dublin-Fillialen in der Dawson Street und im Jervis Shopping Centre geschlossen. Fast 50 Arbeitsplätze sind betroffen, die die Kette aber auf andere Standorte und Fillialen verteilen will. Dem Waterstone-Unternehmen gehören auch die Buchläden Hodges Figgis, die aber vorerst nicht von Schließungen betroffen sein sollen.

Die Waterstone-Buchläden waren eine meiner bevorzugten Adressen zum Bücher-Stöbern. Aus den Zeitungen wusste ich bereits von den Schließungen. Aber es ist doch etwas anderes, wenn man selbst vor den Läden steht und auf herunter gelassene Rollläden blickt. Schade eigentlich. So langsam muss man sich an leer geräumte und zur Vermietung ausgeschriebene Ladeneinheiten zwischen den noch verbliebenen Geschäften gewöhnen.


Sonntag, 20. Februar 2011

Poster-Alarm - Impressionen aus dem Wahlkampf

Wahlkampf in Irland bedeutet vor allem eines: Alle verfügbaren Laternenmasten werden dazu umfunktioniert, die Wahlkampfposter der Kandidaten zu halten. Hier einige Ansichten aus Dublin.


Micheál Martin hat den "real plan". Hätte Fianna Fáil ihn doch nur vorher gehabt ... (im Hintergrund das Gebäude der Ulster Bank)


Der neue Mann Enda Kenny bringt ein neues Team. Spielpraxis haben weder er noch seine Leute ...


Eamon Gilmore (Labour) stapelt am höchsten ...


Fianna Fáil hat's kaputt gemacht, Fine Gael verspricht, es zu richten. Let's get Ireland working ...


Gelingt es Fine Gael, die Brücke zu schlagen?

Wochenrückblick

Wahlkampf: Das Hauen und Stechen nimmt zu

Der Wahlkampf ging in seine vorletzte Woche. Das Hauen und Stechen nahm zu, die Wortgefechte wurden schärfer. Umfragen sehen weiterhin Fine Gael (ca. 38 Prozent) weit in Führung vor dem möglichen Koalitionspartner Labour (ca. 23 Prozent). Dahinter balgen sich die scheidende Regierungspartei Fianna Fáil (ca. 12 Prozent) und Sinn Féin (ca. 10 Prozent) um die Rolle als stärkste Oppositionspartei. Fällt das Wahlergebnis ähnlich deutlich aus, wie die Umfragewerte andeuten, könnte Fine Gael unter Umständen sogar die alleinige Mehrheit im Parlament erlangen – etwas, das in Irland selten genug vorkommt. Sollten nur ein paar Stimmen zur Mehrheit fehlen, könnten mal wieder die Greens (ca. ein Prozent Zuspruch) lachender Dritter werden. Sie haben bereits ihre Bereitschaft zu einer Koalition mit Fine Gael signalisiert. Es bleibt spannend.

TV-Debatte der großen Fünf

Am Montag trafen sich die Vorsitzenden der fünf großen Parteien, Enda Kenny von Fine Gael, Micheál Martin von Fianna Fáil, Eamon Gilmore von Labour, John Gormley von den Greens und Gerry Adams von Sinn Féin, zum Schlagabtausch im TV. Gelegenheit für viele Wähler und Wählerinnen, sich ein persönliches Bild von den Führern und deren Parteiprogrammen zu machen. Allerdings offenbarte die mit Spannung erwartete TV-Debatte wenig Neues. Vielmehr nutzten die Parteivorsitzenden die Sendezeit, unablässig ihre Maßnahmenkataloge herunterzuleiern und mit teilweise recht fadenscheinigen Zahlenspielereien zu belegen (Gerry Adams: "Es gibt 250.000 kleine und mittelgroße Unternehmen in Irland. Wenn jedes auch nur einen einzigen Arbeitsplatz schafft, hätten wir das Arbeitslosenproblem fast gelöst"). War es bezeichnend, dass Enda Kenny in der Runde in der Mitte stand? Und soll es uns etwas sagen, dass die möglichen Koalitionspartner Kenny und Gilmore mehr als 80 Prozent ihrer Redezeit dazu verwendeten, die Argumente des jeweils anderen zu verreißen? Einen klaren Gewinner sah die Debatte übrigens nicht.

Positives vom Arbeitsmarkt

Zwei erfreuliche Meldungen vom Arbeitsmarkt: Online-Zahlungs-Dienstleister PayPal kündigte an, 150 neue Stellen in der Europa-Zentrale in Blanchardstown im Norden von Dublin zu schaffen. Ferner will Europas größter Zoofachhandel Maxi Zoo zwei weitere Filialen in Maynooth (Co. Kildare) eröffnen und 50 neue Arbeitsplätze schaffen. Zusammen immerhin 200 neue Arbeitsplätze für Irland.

Irlands zunehmendes Problem

Aufmerksamen Touristen wird es nicht entgangen sein: Die Zivilisationskrankheit Fettleibigkeit hat längst auch Irland erfasst. Fast zwei Drittel der Erwachsenen und jedes fünfte Kind gelten als übergewichtig bis fettleibig. Letzte Woche wurde eine neue Internet-Seite Obesity Hub gestartet, um mehr Aufmerksamkeit auf dieses Problem in Irlands Gesellschaft zu lenken. Die Seite liefert aktuelle Statistiken und für Betroffene Hinweise zur Bekämpfung bzw. Vermeidung von Fettleibigkeit.

Dublin rockt

Dublin bekommt seine eigene School of Rock. Englands führendes College für moderne Musik, das Brighton and Bristol Institute of Modern Music (BIMM), bietet demnächst auch in Dublin Studiengänge an, in denen man sich u. a. zum Rockstar ausbilden lassen kann. Die neue Musikschule wird Platz für etwa 500 Studenten haben und vermutlich mehr als 90 Voll- und Teilzeitstellen schaffen. Das BIMM hat bereits Musikgrößen wie The Kooks and Kate Walsh hervorgebracht.

Viel zu sehen in Dublin

Filmfans aufgepasst: Am Donnerstag startete das diesjährige Dublin International Film Festival. Auf dem größten Festival seiner Art in Irland werden über einen Zeitraum von elf Tagen zahlreiche nationale und internationale Produktionen gezeigt, denen die großen Filmverleiher sonst leider zu wenig Beachtung schenken. Die Schauspieler Martin Sheen, Emilio Estevez und Kevin Spacey haben ihren Besuch des Festivals angekündigt und bringen ein wenig Hollywood-Flair nach Dublin. Unter dem Label "Out of the Past" werden Klassiker wie "The African Queen", "The Bridge on the River Kwai" und Volker Schlöndorffs "The Tin Drum" (Die Blechtrommel) gezeigt. Ein Besuch lohnt sich also.

Herrchen rettet Welpen mit Mund-zu-Schnauze-Beatmung

Die kurioseste Story der Woche: Ein irischer Hundezüchter reanimierte einen fast ertrunkenen Welpen mit Mund-zu-Schnauze-Beatmung. Der acht Wochen alte Jack-Russel-Welpe war in einen Gartenteich gefallen. Durch das aufgeregte Gegacker seiner Hühner alarmiert, kam der Hundezüchter gerade noch rechtzeitig, um den ertrinkenden Hund zu retten. Zehn Minuten dauerte die Reanimation, bei der Herrchen auch die Mund-zu-Schnauze-Beatmung anwendete. Mit Erfolg: Der kleine Welpe ist inzwischen wieder gesund und munter und tobt im Garten umher. Um den Teich macht er allerdings einen großen Bogen.

Der Wochenrückblick erscheint auch auf "Irland. Berichte von der Insel", dem Irland-Blog von Markus Bäuchle

Donnerstag, 17. Februar 2011

Irlands Wähler auf neuen Wegen

Eine für den "Irish Independent" durchgeführte Umfrage erbrachte ein interessantes Ergebnis: Bei der kommenden Wahl wollen 50 Prozent der Wähler diesmal verstärkt die Programme der Parteien berücksichtigen. 2007 gaben dies nur für 26 Prozent der Wähler von sich an. Auch fiel der Anteil der Wähler, die ihre Favoriten vorrangig nach lokalen Interessenspunkten auswählen, von 41 Prozent in 2007 auf 25 Prozent.

Dem Außenstehenden mag es sich nicht direkt erschließen, aber in Irland vollzieht sich derzeit ein politischer Umbruch. Traditionell richtete sich die Entscheidung der Wähler nämlich primär danach, was ein Kandidat für die Gemeinde zu erreichen versprach. Das Programm seiner Partei interessierte da eher weniger. Die lokalen Interessen und Probleme der Gemeinden standen über denen des Landes. Das war schließlich der Grund, weshalb man einen Vertreter aus den eigenen Reihen ins Parlament entsandte.

Der Gewählte wiederum war gut beraten, auch im fernen Dublin an der Umsetzung seiner Wahlversprechen zu arbeiten und möglichst viel Gutes und vor allem Sichtbares für die Gemeinde herauszuhandeln (die sog. "parish pump"-Politik). Denn das auf Direktmandate ausgelegte irische Wahlsystem gibt den Wählern die Macht, einen Abgeordneten bei der nächsten Wahl auch wieder abzuwählen, wenn dieser enttäuschte. Der konnte sich nicht unter dem Mantel der Partei verstecken.

Dieses System funktionierte gut, solange die Staatskasse gut gefüllt und nur die Frage der Verteilung des Geldes zu klären war. Nun aber steht das Land vor gewaltigen Aufgaben, die eine andere Herangehensweise verlangen. Nationale Probleme wie Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung lassen sich kaum nachhaltig lösen lassen, wenn jeder nur auf den eigenen Vorteil aus ist. Dies scheint man erkannt zu haben, wie das Ergebnis der eingangs erwähnten Umfrage andeutet. Ein Umdenken hat eingesetzt. Bei der Auswahl der Kandidaten dient die Parteizugehörigkeit der Orientierung, genauer das grobe Programm der Partei. Das macht den Wählern die Entscheidungsfindung zwar nicht einfacher, ist aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Ob das Experiment am Ende auch aufgeht, werden wir nach der Wahl sehen.

Montag, 14. Februar 2011

Enda Meets Angela


Enda Kenny war heute zu Besuch bei Angela Merkel. Hier das Foto - und mögliche Bildunterschriften (gefunden im Internet):
  • Merkel: "Who is this man?"
  • Kenny: "So we're agreed. No haircut for the bondholders but Jedward are good for 12 points from Germany. I think I can sell that."
  • The ruler of Ireland is introduced to her new Personal Assistant
  • Merkel: "Can I have my wallet back please?"
  • Future President of Ireland meets Enda Kenny
  • Merkel: "Coming from East Germany, I too know what it is like to grow up in the poor backward part of the country. At least you don't have a rotten state controlled media, endemic political corruption and a massive super state to the east trying to ruin your economy to deal with."
  • Irish ruler: "Good day, how are you?"
    Enda Kenny: "Depends on election outcome - your majesty."
  • Merkel: "Hmm, he didn't bring any Kerrygold ..."
  • Enda Kenny: "Yes, I've been smoking the stuff for years"
    Merkel and Kenny announce joint marijuana investment (siehe Pflanzen im Hintergrund)
  • Enda Kenny: "I have to say I loved your version of 'I Dreamed a Dream' on Britain's got Talent."
  • Kenny: "... and before you reach your decision, Angela, you'll remember we were the only nation on the planet to sign a Book of Condolence for poor Adolf."

Sonntag, 13. Februar 2011

Wochenrückblick

Die Versprechen der Wahlkämpfer

Der Wahlkampf ging in seine zweite Woche. Die Politiker aller Parteien zeigten erneut großen Einsatz und reisten quer durchs Land, um an Haustüren, in Shoppingzentren, beim Besuch von Brauereien (Enda Kenny) oder auf dem Acker (Micheál Martin) Hände zu schütteln, sich den Unmut verärgerter Bürger anzuhören und nebenbei über die Konkurrenz zu lästern. Umfragen sehen Fine Gael um Enda Kenny mit 38 Prozent deutlich in Führung, gefolgt von Labour mit 20 Prozent und Fianna Fáil mit 15 Prozent.

Was diesen Wahlkampf deutlich vom vorherigen unterscheidet ist die Tatsache, dass Irland pleite ist. Bei Wahlversprechen beschränkt man sich deshalb auf Maßnahmen, die kein Geld kosten. Alle Parteien haben sich politische Reformen an ihre Fahnen geschrieben, von der Abschaffung des Senats (des Oberhauses), über die Verkleinerung des Parlaments bis zur deftigen Gehaltskürzung für Abgeordnete und den Regierungschef. Auch soll künftig Schluss sein mit Spesenbetrug und Korruption. Na ja, versprechen kann man viel, denn überprüfen lässt sich davon nachher nichts mehr.

Interessant ist ein Blick auf die Kandidatenstatistik. Insgesamt bewerben sich 567 Kandidaten um die 165 Abgeordnetenplätze. Fianna Fáil schickt 30 Kandidaten weniger ins Rennen als noch 2007. Mit theoretisch 76 Sitzen hat man keine Mehrheit im Parlament, was zeigt, dass man sich bereits auf eine Oppositionsrolle eingestellt hat. Labour schickt 68 Kandidaten (18 mehr als 2007) und Fine Gael 104 (13 mehr als 2007). Die Grünen mit ihren 43 und Sinn Féin mit 41 schicken etwa gleich viele Kandidaten wie noch 2007. Übrigens liegt die Frauenquote bei nur 15 Prozent (85 Kandidatinnen).

Fass Anglo Irish leckt noch immer

Für Fianna Fáil im Wahlkampf ungelegen kam die Meldung des Anglo Irish-Vorsitzenden Alan Dukes, dass Irlands Banken vermutlich 15 Milliarden Euro zusätzlich benötigen als bisher veranschlagt. Damit steigt die Summe an benötigtem Rettungs-Kapital von bisher geschätzten 35 Milliarden Euro auf nun 50 Milliarden Euro. Es scheint, dass noch immer nicht alle Löcher in den Banken gestopft sind und weiterhin faule Kredite reihenweise abgeschrieben werden müssen. Anglo Irish allein meldete für 2010 einen Verlust von 17,6 Mrd. und wird 8 Mrd. mehr benötigen als veranschlagt.

Fine Gael-Chef Enda Kenny kommentierte die Meldung mit dem kühnen Versprechen, dass die Banken keinen weiteren Cent mehr erhalten würden, wenn er erstmal Regierungschef sei. (Noch-)Finanzminister Brian Lenihan (Fianna Fáil) parierte gekonnt, als er ankündigte, die für Februar vorgesehene Finanzspritze an die Banken bis nach der Wahl zu verschieben. Mit dem Problem der Rekapitalisierung der Banken solle sich die Nachfolgeregierung befassen, so Lenihan. Schließlich habe die jetzige Regierung kein Mandat mehr für derartige Entscheidungen. Zwickmühle für Enda Kenny.

Flugzeugabsturz in Cork

Aus traurigem Anlass ruhte für einen Tag das Wahlkampfgeschehen. Am Donnerstagmorgen kamen beim Absturz eines Flugzeugs auf dem Flughafen von Cork sechs Menschen ums Leben. Sechs weitere wurden schwer verletzt. Eine kleine, zweimotorige Propellermaschine mit vierzehn Personen an Bord war beim Versuch, in dichtem Nebel zu landen, verunglückt. Zuvor bereits hatte die Maschine zwei Landeversuche abbrechen müssen, ehe sie es nach einer Warteschleife erneut versuchte.

Die Maschine der Fluggesellschaft Manx2 befand sich auf dem Flug von Belfast nach Cork. An Bord befanden sich zwei Piloten sowie zwölf Passagiere. Zwei der Passagiere erlitten bei dem Absturz lediglich leichte Verletzungen und konnten bereits aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Untersuchungen zur Ermittlung der Absturzursache dauern noch an. Der Flughafen von Cork war zwei Tage lang geschlossen.

Zahl der offenen Stellen im Januar deutlich gestiegen

Eine positive Meldung vom Arbeitsmarkt: Der Januar sah 7.250 offene Stellen, ein Plus von 39 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die Meldung wird als Bestätigung dafür angesehen, dass es am Arbeitsmarkt leicht aufwärts geht.

Musiklegende Gary Moore ist tot

Letzte Woche verstarb der irische Musiker Gary Moore. Bekannt wurde er als Gitarrist der irischen Rockgruppe "Thin Lizzy". Moore erlag im Alter von 58 Jahren einem Herzinfarkt.

Moore stammte aus dem nordirischen Belfast. Bereits mit acht Jahren begann er, Gitarre zu spielen. Im Alter von sechzehn zog er nach Dublin, wo er sich der irischen Band "Skid Row" des späteren Thin-Lizzy-Frontmannes Phil Lynnott (1949-1986) anschloss. Moore arbeitete außerdem mit Musikern wie Ex-Beatle George Harrison, Ozzy Osbourne und den Beach Boys zusammen.

Irlands telefonierende Autofahrer

Iren sind bekanntlich sehr redselig. Dass es ihnen offensichtlich auch beim Autofahren schwerfällt, den Mund zu halten oder auf Kontakt mit der Außenwelt zu verzichten, zeigt eine Statistik der irischen Straßensicherheitsbehörde RSA. Demnach wurden in den zwölf Monaten bis einschließlich Januar 2011 insgesamt 41.737 Fahrer und Fahrerinnen beim Telefonieren oder Simsen im Straßenverkehr erwischt. Das macht im Schnitt etwa 110 Vergehen pro Tag. Für die Benutzung eines Handys (Halten reicht) während der Fahrt gibt es, abgesehen von der Geldstrafe, immerhin zwei Strafpunkte, wenn man sofort zahlt, vier sogar, wenn man vor Gericht verurteilt wird.

Songcontest: Irland schickt Jedward

Europa pumpt Milliarden nach Irland. Und wie revanchiert sich Irland? Man schickt Jedward zum Eurovisions Songcontest. Jedward, das sind die Dubliner Zwillinge John und Edward Grimes, die sich als Pop-Duo versuchen. Zu fragwürdigem Ruhm kamen die heute 19-Jährigen 2009 durch die Talentshow "X-Factor". Dort fielen sie weniger durch gute Stimmen auf, sondern wildes Rumgehüpfe, schrilles Outfit und vor allem viel Haargel. Eine Art Daniel Küblböck im Doppelpack.

Jedward gewannen am Freitagabend die nationale Vorentscheidung zum diesjährigen Songcontest, der im Mai in Düsseldorf stattfindet. Damit wiederholte sich mehr oder weniger die Dustin-the-Turkey-Spaßnummer von 2008, als man einen singenden Plüsch-Truthan schickte. Nur dass man diesmal zwei leibhaftige schrille Vögel schickt. Wir entschuldigen uns schon mal im Voraus bei allen Zuschauern. Wenn Deutschland nach dem Songcontest Irland den Geldhahn zudreht, geht das voll in Ordnung.

Foto Jedward: Daily Mail

Der Wochenrückblick erscheint auch auf "Irland - Berichte von der Insel", dem Irland-Blog von Markus Bäuchle

Freitag, 11. Februar 2011

Celtic Tiger Monument

Die Kollegen auf der Nordseite des Bürogebäudes haben Glück. Ihnen liegt ganz Dublin zu Füßen. Der Blick aus dem Fenster erfasst die gesamte Bucht von Dublin, bei guter Sicht bis hinauf zur Halbinsel Howth. Ich habe weniger Glück. Der Blick aus meinem Fenster auf der Südseite des Gebäudes bleibt nach wenigen Metern an einer Wand aus Glas und Beton hängen.

Gleich gegenüber des Bürogebäudes, das im Süden von Dublin in einem kleinen Gewerbegebiet auf den Ausläufern der Dublin Mountains liegt, steht nämlich ein großer Apartmentkomplex mit der Ästhetik eines Stapels Schuhkartons. Es ist eines jener Monumente aus Stahl und Beton, die der Keltische Tiger hervorgebracht hat. Wohnraum für die junge und dynamische Bevölkerung des aufstrebenden Irlands.

Doch von der ist in dem Apartmentkomplex nicht viel zu sehen. Kein Wäscheständer oder Bierkasten steht auf den Balkonen, kein Möbelstück in den Zimmern, kein Licht dringt morgens oder abends aus den Apartments. Wie bei vielen der baulichen Vermächtnisse des Keltischen Tigers herrscht auch in diesem Apartmentkomplex nur gähnende Leere.

Man darf sich schon fragen, wer die grandiose Idee hatte, in direkter Nähe von Bürogebäuden Apartments zu bauen. Vermutlich wollte man den Arbeitnehmern entgegen kommen und ihren Weg zur Arbeit drastisch verkürzen. Doch wer möchte schon morgens beim Aufziehen der Gardinen in das Gesicht des Chefs blicken, der am Fenster steht und auf die Uhr deutet?

Anstelle von jungen, dynamischen und partyhungrigen Arbeitnehmern hat die lautlose und unsichtbare NAMA *) von dem toten Betonklotz Besitz ergriffen und über ihm den Mantel des Schweigens gebreitet. Was weiter mit den Apartments geschehen wird, steht in den Sternen. Meine Bitte: Könnte man nicht den Betonklotz zumindest bunt anstreichen, damit der Blick aus meinem Bürofenster nicht ganz so trostlos ist?



*) NAMA = Treuhandgesellschaft, die den Banken und Bauunternehmen die gescheiterten Bauprojekte abgenommen hat.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Die Partei-Vize im Wohnzimmer

Die besonderen Tücken des irischen Wahlsystems zeigen sich anhand einer Begebenheit, die ein Kollege am Mittagstisch erzählte. Neulich klingelte es abends bei ihm. Vor der Tür stand doch tatsächlich Mary Hanafin, ihres Zeichens ehemalige Ministerin für Tourismus und stellvertretende Vorsitzende von Fianna Fáil. Zunächst unterhielt man sich an der Tür. Später, als Mary Hanafin nach einem Schluck Wasser fragte und mein Kollege sie und ihre Gefolgschaft kurzerhand hinein bat, setzte man den politischen Plausch im Wohnzimmer fort.

Es ist Wahlkampfzeit. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Politiker ihre Runde machen, um sich bei den Wählerinnen und Wählern die Unterstützung zu sichern. In Irland nichts Ungewöhnliches. Die 165 Abgeordneten des irischen Parlaments werden aus 43 Wahlkreisen rekrutiert, je nach Größe aus jedem Wahlkreis drei bis fünf Abgeordnete. Es gibt nur Direktmandate. Jeder Kandidat muss auf die erforderliche Stimmenzahl kommen, ob Hinterbänkler oder angehender Regierungschef.

Bekanntlich hat Fianna Fáil derzeit einen schweren Stand. Innerlich hat man sich bereits darauf eingestellt, nach der Wahl nur eine Oppositionsrolle einzunehmen. Ging man 2007 noch mit 106 Kandiaten in den Wahlkampf, sind es in diesem Jahr nur 76. Damit hat man auch theoretisch keine Chance auf die Mehrheit. Aber man rechnet eh damit, etwa die Hälfte der 78 Abgeordnetensitze aus der letzten Wahl zu verlieren.

Soll heißen: In einigen Wahlkreisen gibt es Fianna Fáil-Wackelkandidaten, die damit rechnen müssen, ihren Sitz an einen der Konkurrenten zu verlieren.

Hier kommt Mary Hanafin ins Spiel. In ihrem Wahlkreis Dun Laoghaire im Süden von Dublin ist sie eine solche Wackelkandidatin. Fünfzehn Kandidaten treten an, nur vier kommen weiter. U. a. tritt Mary Hanafin gegen Eamon Gilmore an, dem Vorsitzenden der Labour Party und Kandidat auf den Posten des Regierungschefs. Gilmore gilt als sicher gewählt, doch hinter ihm setzt das große Hauen und Stechen ein. Da ist es ein kleiner Vorteil, wenn man nicht gerade zum Fianna Fáil-Lager gehört.

Für die Wackelkandidaten heißt es: Klinken putzen. Von Haustür zu Haustür gehen, Hände schütteln, und die Anwohner von den eigenen Vorzügen für kommende politische Aufgaben zu überzeugen. Back to the basics also. Ein hartes Los. Auch hochrangige Politiker sind da nicht ausgenommen.

Dienstag, 8. Februar 2011

Eine Kirche im Nirgendwo

Ich wurde einmal gefragt, was es mit dem Hintergrundbild im Kopf meines Blogs auf sich hat. Nun, die nüchterne Antwort lautet, dass es sich um die Ruine einer alten Kirche nahe Killilagh bei Doolin (Co. Clare) handelt, abseits der üblichen Touristenwege. Mit ihr verbinde ich besondere Erinnerungen.

Ich besuchte Doolin im September 2007 im Rahmen meiner Reise an die Westküste Irlands. Ich war mit dem Bus von Ennis gekommen und hatte bis zu meiner Rückfahrt noch etwas Zeit. Diese nutzte ich zu einem Spaziergang in der Umgebung.



In der Ferne erblickte ich besagte Ruine einer alten Kirche, und beschloss, mir diese näher anzusehen. Es waren nur ein paar Minuten Fußweg von Doolin aus, einer schmalen Straße folgend, vorbei an niedrigen Steinmauern und grünen Böschungen, hinter denen sich weite Felder erstreckten. Es war ein Mittwoch, ein Arbeitstag, doch dort auf dem Land, fernab jeglicher Büros, Geschäfte oder Betriebe, hatte dies keinerlei Bedeutung. Es herrschte völlige Stille, nichts bewegte sich.

Doch ich war nicht allein. Auf einer Sitzbank am Weg zur Kirche saß ein älterer Mann und las Zeitung. Ihm zu Füßen döste ein kleiner Hund. Als ich näher kam, blickte der Mann kurz auf, nickte freundlich lächelnd zum Gruß, und widmete sich wieder seiner Zeitung.

Ich betrat den alten Kirchhof. Er war in einem verwahrlosten Zustand. Überall wucherte Gras, das scheinbar ein paar Tage zuvor jemand mit der Sense geschnitten hatte. Die Grabsteine, darunter viele keltische Kreuze, waren stark verwittert, manche standen schief. Einige der Grabplatten lagen quer oder waren eingebrochen. Man musste aufpassen, wohin man seine Füße setzte, um nicht über eine vorstehende Steinplatte zu stolpern oder gar in ein offenes Grab zu treten. Am Rand des kleinen Friedhofs war eine Gruft, deren eiserne Tür offen stand. Es war ein wenig unheimlich.

Ich wanderte ein wenig zwischen den Ruinen umher und verweilte. An Orten wie diesem erlebt man diesen eigenartigen Zustand, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt und alles andere nichtig und fern erscheint. Man hört das trockene Gras unter den Schuhen knistern und spürt die raue Oberfläche der grob behauenen Steine. Und doch wirkt ein solcher Ort irreal, verloren in Raum und Zeit. Ein Ort im Nirgendwo.





Sonntag, 6. Februar 2011

Wochenrückblick

Startschuss für den Wahlkampf

Am Dienstag wurde formal das Parlament aufgelöst und damit offiziell der Startschuss für den Wahlkampf gegeben. Bis zum 25. Februar haben die Politiker aller Parteien Zeit, sich in ihrem Wahlkreis genügend Stimmen zu sichern. Zu Erinnerung sei erwähnt, dass der Weg ins irische Parlament nur über Direktmandate erfolgt. Jeder Kandidat muss also selbst zusehen, dass er gewählt wird. Einige legten deshalb einen "Frühstart" hin, indem sie bereits am Montagabend ihre Wahlposter aufhängen ließen, um sich den besten Platz an den Laternenmasten zu sichern.

Wurde vor dem Wahlkampf nur alle paar Wochen eine Meinungsumfrage durchgeführt, gibt es nun gleich zwei und mehr Umfragen pro Woche. Die Ergebnisse schwanken kräftig, doch lässt sich eine Tendenz erkennen: Fine Gael um Enda Kenny genießt 35 Prozent Zuspruch. Die Labour Party um Eamon Gilmore bringt es auf 22 Prozent. Fianna Fáil mit dem neuen Leitwolf Micheál Martin kommt auf 17 Prozent. Sinn Fein steht bei 13 Prozent, während die Green Party nur auf 2 Prozent kommt. Interessanterweise genießen die parteilosen Kandidaten großen Zuspruch: Die "Independents" kommen auf immerhin 11 Prozent.

Einschränkend muss gesagt werden, dass Meinungsumfragen, die den Zuspruch für die Parteien abfragen, nur bedingt Aussagekraft haben. Es gibt viele Iren, die mit ihrem lokalen Fianna Fáil-Abgeordneten zufrieden waren und ihn erneut wählen würden, Makel Fianna-Fáil-Zugehörigkeit hin oder her. Uns stehen also drei spannende Wochen bevor. The Race is on.

Immobilienkredite werden teurer

Schock für viele Hausbesitzer: Permanent TSB, eines der größten Kreditinstitute des Landes, erhöht die Zinsen für Immobilienkredite um einen vollen Prozentpunkt, von 4,19 auf 5,19 Prozent. Für diejenigen Hausbesitzer, die eine sogenannte "Tracker Mortgage" mit variablen Zinsen haben (das trifft für die Mehrheit der Immobilienbesitzer in Irland zu), bedeutet die Anhebung eine monatliche Mehrbelastung von 60 Euro je 100.000 Euro Kreditsumme. Bei einem durchschnittlichen Darlehen über 300.000 Euro also immerhin 180 Euro, die zusätzlich jeden Monat aufgebracht werden müssen. Es wird deshalb befürchtet, dass noch mehr Hausbesitzer in Rückstand geraten werden. Zudem kündigte Permanent TSB an, Kredite zu festen Zinsen künftig nicht mehr anzubieten.

Bausektor im freien Fall

Der Immobilien-Bausektor verzeichnete 2010 einen neuen Tiefststand. Lediglich 14.602 neue Häuser wurden gebaut, verglichen mit 93.419 Häusern in 2006, 78.027 in 2007, 51.527 in 2008 und 26.420 in 2009. Das ist die niedrigste Anzahl seit 1975, als immerhin noch 26.788 Häuser gebaut wurden. Nach wie vor befindet sich der Markt im freien Fall. Der Bedarf an neuen Häusern ist vorerst gedeckt. Derzeit stehen landesweit alleine 33.225 Häuser in 2.846 sogenannten "Gespenster-Siedlungen" leer.

Der Exodus des Geldes

Nicht nur Iren wandern aus, auch das Geld scheint nicht mehr in Irland bleiben zu wollen. Wie die irische Zentralbank meldete, wurden 2010 insgesamt 110 Milliarden. Euro aus den Gelddepots der fünfzehn irischen Banken abgezogen. Erschreckend ist dabei der Anteil ausländischer Kapitalanleger: Allein im Dezember zogen sie 35 Milliarden Euro der insgesamt 91 Milliarden Euro für 2010 ab. Zur Erinnerung: Ende November 2010 hatte die irische Regierung einräumen müssen, auf Kapitalhilfe angewiesen zu sein. Offensichtlich genießen irische Banken kein Vertrauen mehr, trotz Absicherung durch das Rettungspaket von EU und Internationalem Währungsfonds.

Irische Mütter werden immer älter

Das Central Statistics Office (CSO) hat mal wieder mit Zahlen gespielt und erlaubt einen Blick in die irische Gesellschaft. Das durchschnittliche Alter von Frauen bei der Geburt ihrer Kinder stieg zwischen 2001 und 2010 um ein Jahr auf 31,5. Im Durchschnitt sind Frauen 29,5 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringen. Die meisten Geburten wurden für die Altersgruppe 30 bis 34 verzeichnet, gefolgt von der Altersgruppe 35 bis 39.

Bei einem Drittel (32,9 Prozent) aller Geburten waren die Eltern nicht verheiratet. Die jährliche Geburtenrate liegt bei 16,9 Kindern auf 1.000 Einwohner - ein Anstieg um 2 gegenüber 2001. Die Bevölkerung Irlands wird derzeit auf 4,47 Millionen geschätzt. Eine Volkszählung am 10. April soll aktuelle Zahlen liefern.

Arbeitskampf bei Aer Lingus beigelegt

Drei Wochen lang tobte der Arbeitskampf bei Irlands größter Fluggesellschaft Aer Lingus, nun scheint eine Einigung erreicht worden zu sein. Das Kabinenpersonal war in Streik getreten, nachdem das Management ohne Zustimmung der Gewerkschaften neue Dienstpläne verabschiedet hatte. Während des Streiks konnte Aer Lingus nur ein Notprogramm aufrecht halten. Bis zu zwanzig Flüge am Tag hatten gestrichen werden müssen. Ab Montag soll wieder der volle Flugplan gelten.

Enda Kennys beste Darbietung

Fine Gael befindet sich auf einem ausgeprägten Höhenflug - trotz Enda Kenny. Denn von allen Parteivorsitzenden genießt der Mann aus dem County Mayo die geringste Popularität. Er tut sich sichtlich schwer, mit dem Volk anzubandeln. Und wenn er etwas von sich gibt, dann meist nur belangloses und ausweichendes Geschwafel.

Neulich war Enda Kenny live der Nachrichtensendung Six One auf RTÉ zugeschaltet. Aufgrund eines technischen Defekts konnte er den Moderator nicht hören, war aber auf Sendung. Geduldig wartete er, bis das Problem behoben war und das Interview fortgesetzt werden konnte. Witzbolde bemerkten hinterher, in seiner Schweigezeit habe Kenny seine bislang beste Vorstellung abgegeben.

Der Wochenrückblick erscheint auch auf "Irland - Berichte von der Insel", dem Irland-Blog von Markus Bäuchle

Mittwoch, 2. Februar 2011

Trad Festival 2011

So langsam erwacht auch Dublin aus dem Winterschlaf. Die Zeit der Festivals ist gekommen. Vom 26. bis 30 Januar fand in Dublins Kultur- und Vergnügungsviertel Temple Bar das "Temple Bar Trad Festival 2011" statt, Irlands größtes Festival rund um irische Musik und Kultur. Fünf Tage abwechslungsreiches Programm aus Konzerten, Live-Sessions in den Pubs, Storytelling, Irish Dancing, Ausstellungen in Galerien, Sonderprogrammen in Kinos, Workshops für Familien und Kinder, und vieles andere mehr.

Höhepunkte in diesem Jahr waren die Auftritte der bekannten irischen Musikgruppen Altan und Clannad, die seit Jahrzehnten ein Synonym für irische Musik sind. Karten für Altan hatte ich nicht mehr bekommen können, wohl aber für Clannad. Und um es vorweg zu nehmen: Der Auftritt von Clannad in der Christ Church Cathedral war ein außergewöhnliches Erlebnis.

Wer ist Clannad? Clannad besteht aus den Geschwistern Moya Brennan, Ciarán Brennan und Pól Brennan, sowie ihren Onkeln (und Zwillingen) Noel Duggan und Padraig Duggan. Die Gruppe formierte sich Anfang der 1970er und gewann auf Anhieb einen Talentwettbewerb. Schnell eroberte sie sich eine breite Fanbasis innerhalb wie außerhalb Irlands. In Deutschland bekannt wurde die Gruppe nicht erst, als sie Mitte der 1980er die Titelmusik zu der erfolgreichen TV-Serie "Robin Hood" schrieb, die damals im ZDF lief. Von 1979 bis 1982 war auch Moyas Schwester Eithne Mitglied der Gruppe, bevor sie unter dem Namen "Enya" eine erfolgreiche Karriere als Solokünstlerin startete. Ende der 1990er nahm sich die Gruppe eine Auszeit, in der die Musiker Solo-Projekte verfolgten. Seit 2007 treten sie wieder gemeinsam als Clannad auf.

Der Musikstil von Clannad ist eine Mischung aus irischer Volksmusik, Folk Rock, New Age und Weltmusik. Traditionelle irische Lieder gehören genauso zu ihrem Repertoire wie sphärische New-Age-Musik. Die Muttersprache der Musiker ist Gälisch. Viele Musik- und Irlandfans in Deutschland dürften über Clannad den Zugang zu irischer Musik und gälischen Liedern gefunden haben.



Auftritt in Christ Church

Im Rahmen des Trad Festivals 2011 spielte Clannad aufgrund der großen Nachfrage gleich drei Konzerte in der historischen Christ Church Cathedral. Ein einmaliges Ereignis, das sich viele Fans nicht entgehen ließen. Einige kamen sogar eigens für das Konzert aus Deutschland, wie mir ein Hamburger Ehepaar im Gespräch verriet. Überhaupt vernahm ich im Publikum viele deutsche Stimmen, was zeigt, welchen Stellenwert Clannad, irische Musik und Irland insgesamt noch immer bei Deutschen haben.

In diesem Jahr feiert Clannad ihr vierzigjähriges Bestehen. Und ja, die Zeit ist auch an den fünf Musikern aus dem County Donegal im Norden Irlands nicht spurlos vorbeigegangen. Bei dem einen oder anderen mag das Haar inzwischen grau und schütter sein, der Qualität der Musik tat dies keinen Abbruch. Fast zwei Stunden lang spielte die Band (im letzten Teil des Konzerts von einem großen Ensemble unterstützt) vor einem begeisterten Publikum eine Best-of-Auswahl ihrer Lieder. Von "Newgrange", "Robin (the Hooded Man)", "Harry's Game", "Dúlamán", "Níl Sén La" bis zu "In a Life Time", "Two Sisters", "Eleanor Plunkett" und "Down By The Sally Gardens" war alles dabei. Die besondere Akustik in der alten Kathedrale trug das ihrige dazu bei, dass aus der Veranstaltung ein unvergesslicher Abend wurde.

Lieder für Träumer, Musik für Rebellen

Aber das diesjährige Trad Festival hatte noch andere Überraschungen parat. Anlässlich des Festivals griff das Irish Film Institute am Meeting House Square ganz tief in die Archivkiste mit den Dokumentarfilmen und holte zwei echte Raritäten hervor.

Der erste Filmbeitrag trug den schönen (deutschen) Titel "Irland - Lieder für Träumer, Musik für Rebellen". Dabei handelte es sich um einen 1967 für den Bayerischen Rundfunk produzierten Dokumentarfilm über die irische Musikszene zu der Zeit. Regie führte Margit Wagner. Der vierzig-minütige Schwarz-Weiß-Film kommt ganz ohne Dialoge aus. Er zeigt Momentaufnahmen aus dem Irland der späten 1960er, Landschaftsaufnahmen, Kirchruinen, alte Friedhöfe, Straßenszenen in Dublin, vorrangig aber Szenen in Pubs. Er zeigt Männer (und auch Frauen), die andächtig dem Sänger lauschen, wie er auf seiner Gitarre Lieder für Träumer und Balladen für Rebellen schmettert, während sich auf dem Holztisch vor ihnen die leeren Pint-Gläser ansammeln. Das Besondere an dem Film: Zu sehen sind (spätere) Stars der irischen Musikszene, Johnny McEvoy etwa, Ann Byrne, Luke Kelly und Ronnie Drew von den "Dubliners" oder Paddy Maloney von den "Chieftains". Der Film zeigt sie in jungen Jahren, wie sie vor Gästen in den Pubs spielen. Ein Zeitdokument der besonderen Art.

Der zweite Dokumentarfilm, Titel "The Pilgrimage of Ti Jean", von Philip Donnellan 1978 für die BBC gedreht, handelt von dem französisch-kanadischen Meister-Fiddler Jean Carignan (1916 - 1988). Carignan hatte als Kind eine Aufnahme des in Sligo geborenen, später nach Amerika ausgewanderten Meister-Fiddlers Michael Coleman (1889–1945) gehört und war fortan der irischen Musik verfallen. Carignan verbrachte viele Jahre, um sich die Technik anzueignen, die es ihm ermöglichte, wie Coleman zu spielen. Der Dokumentarfilm zeigt Carignan, wie er 1978 seinen Traum wahr werden lässt und Irland und den Geburtsort seines Idols Michael Coleman besucht. Bei vielen Gelegenheiten, sei es in Musik-Pubs, die er besucht, oder im Gespräch vor der Kamera, gibt Carignan aus dem Stegreif Kostproben seines Könnens. Dabei demonstriert er die besonderen Techniken, die er seinerzeit indirekt nur über das Zuhören von Coleman erlernt hatte. Ein interessanter und auch bewegender Film, der die Leben zweier herausragender Musiker beleuchtet, Meister und Schüler gewissermaßen, die sich nie persönlich kennengelernt haben.



Von den anderen Programmangeboten des Trad Festivals habe ich in diesem Jahr aus Zeitgründen nicht viel mitgenommen. Ein kurzer Rundgang am Sonntag ließ nur einen flüchtigen Blick zu. In vielen Pubs liefen Live-Sessions, in einigen sogar Irish Dancing. Am Ende der Essex Street war eine Bühne aufgebaut, auf der eine Alt-Herren-Band irische Musik spielte. Auf dem Platz vor der Bühne herrschte trotz der frischen Temperaturen gute Stimmung, einige Besucher tanzten fröhlich zu der Musik.

Vielleicht täusche ich mich, aber mein Eindruck von dem Festival war, dass in diesem Jahr weniger Besucher gekommen waren als in den letzten Jahren. Die Pubs waren nicht brechend voll, und in den Kopfsteinpflasterstraßen ging es beschaulich zu. Vielleicht lag es an den kühlen Temperaturen, vielleicht war vielen Interessierten die Reise nach Dublin etwas zu teuer. Schade, denn auch in seinem sechsten Jahr hat das Festival noch einmal zulegen können. Man darf auf das nächste Jahr gespannt sein.