Freitag, 29. Juni 2012

Ein Kreuz für den Papst

Zu den recht auffälligen Monumenten im Dubliner Phoenix Park zählt ein mehr als 30 Meter hohes Stahlkreuz auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel. Das Kreuz erinnert an den historischen Irland-Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahre 1979.

Es war der erste Besuch des Oberhaupts der Katholischen Kirche in Irland überhaupt, seit St. Patrick vor mehr als 1.500 Jahren den Iren das Christentum gebracht hatte. Zudem war der 59-jährige Johannes Paul II. erst elf Monate zuvor zum Papst ernannt worden. Offensichtlich lag ihm viel daran, Irland, dem Land mit den treuesten Schäfchen der Katholischen Kirche, kurz nach seiner Amtseinführung einen Besuch abzustatten und persönlich seine Botschaft des Friedens zu überbringen.

Das Papstkreuz im Phoenix Park in Dublin. Es wurde anlässlich
des Besuchs von Johannes Paul II im Jahr 1979 errichtet.

Die Begeisterung der Iren für diese hohe Ehre war grenzenlos. Der Besuch des Papstes brachte das tägliche Leben im Land drei Tage lang nahezu zum Stillstand. Nach Schätzungen besuchten insgesamt zwei Drittel der Bevölkerung die zahlreichen Ansprachen und Messen, die der Papst auf seiner Reise durch Irland in Dublin, Drogheda, Clonmacnoise, Galway, Maynooth, Knock und Limerick zelebrierte. Diejenigen, die nicht hatten teilnehmen können, wurden durch die ausführliche Berichterstattung von RTÉ im Fernsehen und Radio über alle Schritte des Papstes auf dem Laufenden gehalten und konnten seine Worte vernehmen.

Messe vor 1,2 Millionen Gläubigen

Die größte Messe fand am 29. September 1979 im Dubliner Phoenix Park statt. Bereits in den frühen Morgenstunden machten sich Tausende auf den Weg zum Park, um dort den Papst zu sehen und zu hören. Sie kamen aus allen Ecken des Landes, zu Fuß, mit dem Bus, dem Zug oder dem Auto. Als gegen Mittag schließlich der rote Hubschrauber mit dem Papst einschwebte, warteten geschätzte 1,2 Millionen Gläubige im Park auf ihn - fast ein Drittel der damaligen Bevölkerung Irlands.

Es war die größte Freilichtmesse, die Irland je gesehen hatte. Überragt wurde die Szene von dem 35 Meter hohen weißen Stahlkreuz, das einzig für dieses Ereignis errichtet worden war. Zu seinem Fuß befand sich der erhöhte Altar, um den herum 150 Bischöfe, Kardinäle und Priester dem Papst halfen, die Messe zu zelebrieren. 2.000 weitere Priester halfen dabei, den versammelten Menschen im Park die Heilige Kommunion zu bringen.

Irland im Jahr 1979 hatte so seine Sorgen und Nöte, auf die der Papst in seinen Ansprachen einging. Im Norden der Insel tobte ein erbitterter Kampf. Nur wenige Wochen vor dem Besuch, im August 1979, fiel der 79-jährige Lord Louis Mountbatten, ein Mitglied der königlichen Familie, in Mullaghmore (Co. Sligo) einem Anschlag der IRA zum Opfer. Am selben Tag waren in einem Hinterhalt der IRA in Warrenpoint (Co. Down) 18 britische Soldaten getötet worden. Einen geplanten Besuch des Papsts im nordirischen Armagh hatte der Vatikan kurzerhand aus der Reiseplanung gestrichen.

In seiner Ansprache in Drogheda setzte sich der Papst für Frieden in Nordirland ein: "On my knees I beg of you to turn away from the paths of violence and to return to ways of peace." lauteten seine Worte. Freilich, die IRA vertraute darauf, nur mit Gewalt die britischen Besatzer aus dem Land treiben zu können.

Vertrauen in die Jugend Irlands

Der Papst lobte die Iren für ihre ergebene Treue zum katholischen Glauben über all die Jahrhunderte. Aber er warnte auch vor den Herausforderungen der Zeit, denen sich die Glaubensgemeinschaft ausgesetzt sah: Konsumdenken, Genusssucht, das Streben nach Reichtum und Wohlstand. Angesichts der aufkommenden Diskussionen um die Legalisierung von Scheidung, Abtreibung und Verhütungsmitteln mahnte der Papst, die Heiligkeit des Lebens zu achten und erinnerte an die wahre Bestimmung der menschlichen Sexualität.

Aber er hatte großes Vertrauen in die Jugend Irlands. "I believe in youth", erklärte er in Galway vor 200.000 überwiegend jugendlichen Gläubigen. "Young people of Ireland, I love you", fügte er hinzu, und erntete dafür minutenlangen Applaus. Ja, sie liebten ihren Papst.

Schieflage? Seit dem Besuch des Papsts vor mehr als
30 Jahren hat sich in Irland viel verändert.
Seit dem Besuch des Papstes vor mehr als 30 Jahren hat sich in Irland viel verändert. Der Konflikt in Nordirland ist weitgehend beigelegt. Man scheint den Weg zum Frieden gefunden zu haben. Doch Irland weist eine Gesellschaft auf, die sich, entgegen des päpstlichen Appells, in den letzten Jahren ganz dem Streben nach materiellem Besitz und Reichtum verschrieben zu haben scheint. Die Jugend von damals ist die Generation, die heute die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in Europa hat.

Welche Botschaft hätte der Papast heute für die Menschen in Irland? Was würde er sagen angesichts von Scheidungen, Verhütungsmitteln, heimlichen Abtreibungen und Drogenmissbrauch? Auch seine damals beim Abflug geäußerte Feststellung "Ireland - semper fidelis, always faithful" dürfte heute nur noch eingeschränkt zutreffen.

Zumindest das Kreuz für den Papst hat sich seit seinem Besuch nicht sonderlich verändert. Es steht noch immer an der Stelle, an der er den Menschen in Irland Hoffnung, Orientierung und Inspiration brachte. "Be converted every day" lautet die Inschrift am Sockel des Kreuzes. Aber ist es bezeichnend, dass ich neulich bei einem abendlichen Spaziergang um das Kreuz zufällig ein kleines leeres Plastiktütchen fand, in dem sich einmal bestimmte Fröhlichmacher befanden haben, wie sie Irlands heutige Jugend begeistert konsumiert?

Keine Kommentare: