Zu den vielleicht interessanteren Statuen in Dublins St. Patrick's Cathedral zählt sicherlich die von Captain John McNeill Boyd. Die Marmor-Statue zeigt ihn in Lebensgröße, eine Seemanns-Uniform tragend, mit der linken Hand ein dickes Tau haltend, den rechten Arm ausgestreckt und mit dem Finger auf etwas zeigend. Boyd, so lesen wir auf dem Sockel der Statue, wurde 1812 in Londonderry geboren. Er starb am 9. Februar 1861 während eines Rettungseinsatzes in Kingstown (das heutige Dún Laoghaire südlich von Dublin). Weiter lesen wir:
Safe from the rocks whence swept thy manly form,
The tide's white rush, the stepping of the storm,
Borne by a public pomp by just decree,
Heroic sailer from that fatal sea,
A city vows this marble unto thee.
Das macht neugierig. Was ist da vorgefallen? Auf der Webseite des Nationalen Schifffahrtsmuseums in Dún Laoghaire findet sich ein ausführlicher Bericht über die Ereignisse an jenem 9. Februar 1861.
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| Die Statue zu Ehren von Captain John McNeill Boyd, der 1861 während eines Rettungseinsatzes ums Leben kam. |
Februar 1861 ging als der Monat in die Annalen der irischen Schifffahrt ein, in dem einer der schlimmsten Stürme über der Irischen See tobte. Am Abend des 8. Februar, ein Freitag, hatte der Wind plötzlich auf Nordost gedreht. Bis zum Morgen hatte er sich zum heftigen Sturm direkt aus nördlicher Richtung entwickelt. Zwei Tage lang wütete er. Am Morgen des 9. Februar fegte zudem ein dichter Schneesturm die Ostküste Irlands entlang und behinderte die Schifffahrt. Mindestens 15 Schiffe erlitten in der Bucht von Dublin Schiffbruch, weitere 14 Schiffe entlang der Ostküste zwischen Howth bis hinunter zu Wicklow Head. Viele Seemänner verloren an jenem Wochenende ihr Leben; noch viele Tage später wurden ihre Körper angeschwemmt.
Die enge, nach Norden ausgerichtete Hafeneinfahrt von Dún Laoghaire erwies sich im Sturm für die Schiffe als besonders tückisch. Viele schlugen gegen die Brandungsmauern oder wurden abgetrieben und zerbarsten an den Felsen entlang der Küste. Zwei Kohlenfrachtschiffe, die "Industry" und die "Neptune", verfehlten die Einfahrt und liefen unterhalb der östlichen Kaimauer auf Grund. Immer wieder trieb der Sturm sie gegen die Felsen.
Marine-Offizier John McNeill Boyd war Befehlshaber auf dem Wachschiff "H.M.S. Ajax", die im Hafen von Dún Laoghaire verankert war. Als er am Morgen von der Notlage der beiden Schiffe erfuhr, zögerte er nicht lange. Mit vierzehn Männern seiner Crew eilte er zu dem Teil des östlichen Landungsstegs, wo man den beiden festsitzenden Schiffen am nächsten war. Versuche, mittels Raketen Rettungsleinen hinüberzuschießen, scheiterten. In ihrer Not sprangen viele Matrosen der "Neptune" und "Industry" ins tosende Meer, und versuchten, trotz der gefährlichen Brandung das rettende Ufer zu erreichen. Boyd, seine Männer und weitere Helfer, eilten - die heranrollenden, meterhohen Brecher ignorierend - zum Fuß des abschüssigen Landungsstegs, um den Schiffbrüchigen so weit wie möglich entgegen zu kommen und an Land zu helfen.
Leutnant Dyer war einer der Helfer. Gerade wollte er einen Matrosen an Land ziehen, als ihn eine große Welle von den Beinen fegte und gegen die Felsen spülte. Dyer verlor das Bewusstsein. Zu seinem Glück wurde er von einem anderen Helfer gefasst und in Sicherheit gezogen. Dort erlangte er wieder das Bewusstsein, gerade in dem Moment, als ein gewaltiger Brecher heranrollte und den gesamten Landungssteg überflutete. Als sich das Wasser zurückzog, fehlte von Captain Boyd und fünf der anderen Helfer jede Spur. Kurz zuvor soll Boyd noch gesagt haben: "Life is sweet."
Sechzehn Helfer, darunter sechs Männer von der "Ajax", wurden durch die Welle getötet. Von denen, die die Welle überlebten, erlitten viele schwere Verletzungen. Von der Besatzung der "Industry" schafften es wie durch ein Wunder alle bis auf einen sicher an Land. Von der "Neptune" hingegen überlebte nur ein einziger Matrose. Nur nach und nach gab die See die Körper der ertrunkenen Seeleute und Helfer zurück.
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| Das Grab von Captain John McNeill Boyd im Friedhof neben St. Patrick's Cathedral in Dublin |
Von Captain Boyd fehlte zunächst jede Spur. Bei einer ersten Suche wurden nur sein Hemd, ein Stiefel und ein Schal gefunden. Erst zwei Wochen nach dem Sturm, am 25. Februar, wurde auch sein Körper gefunden. Die Beisetzung in St. Patrick's Cathedral erfolgte unter großer allgemeiner Anteilnahme und mit militärischen Ehren. Boyds Grab befindet sich fast in der Mitte des kleinen Friedhofs direkt neben der Kathedrale. Es ist von einer großen Steinplatte bedeckt. Die imposante große Helden-Statue, die im Innern der Kathedrale steht und an der täglich viele Hundert Touristen vorbeilaufen, wurde aus öffentlichen Mitteln der Stadt finanziert und vom Bildhauer Thomas Farrell angefertigt.
Hier wäre die Geschichte zu Ende. Einen Nachtrag gibt es jedoch noch: Captain Boyd hatte einen überaus treu ergebenen Hund, einen namenlosen Neufundländer. Beim Rettungseinsatz war der Hund zusammen mit den Helfern am Landungssteg in Dún Laoghaire gewesen und hatte mit ansehen müssen, wie sein Herrchen von der großen Welle erfasst und ins Meer gespült wurde. Während der Beerdigung blieb der Hund ständig in der Nähe des Sargs. Als das Grab mit der Grabplatte verschlossen wurde, legte sich der Hund oben drauf. Derart groß war seine Trauer, dass er das Grab keine Sekunde aus den Augen ließ. Er verweigerte jedes Fressen, bis er schließlich verhungerte.
Es heißt, dass der Geist des Hundes noch heute gelegentlich in St. Patrick's gesehen wird, wie er neben dem Grab von Boyd sitzt oder der Statue zu Füßen liegt ...


1 Kommentar:
sehr schöner Artikel, wenn auch traurig :(
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