Freitag, 20. Juli 2012

A Place Called Home?

Immobilienbesichtigung in der unvollendeten Neubausiedlung "Heathfield" in Dublin

"Welcome to Heathfield" - mit diesen freundlichen Worten wird der Besucher begrüßt. Lediglich der Bauzaun, an dem das übergroße Begrüßungsschild angebracht ist und an dem die Zufahrtsstraße vorbeiführt, irritiert etwas. Man fühlt sich wie auf einer Baustelle. Zum Glück weisen dicke Pfeile unter der Begrüßungsfloskel den Weg, damit der Besucher schnell findet, was er zu sehen hofft: "2, 3 & 4 Bedroom Showhouses".

"Welcome to Heathfield": Das Begrüßungsschild an der Zufahrt zur
Neubausiedlung "Heathfield" am nordwestlichen Rand von Dublin

Es ist Samstagnachmittag und offener Besichtigungstermin in der Neubausiedlung "Heathfield" im Stadtteil Finglas am nordwestlichen Rand von Dublin. 80 Häuser stehen zum Verkauf, und das zu Konkursverwalterpreisen. Ein 3-Bedroom-Haus für nur 150.000 Euro? Ein 2-Bedroom-Reihenmittelhaus für gar nur 125.000 Euro? Das macht neugierig.

Die Hochglanzbroschüre schwärmt über "Heathfield": "A place to live. A place zu love. A place to call home." Die verschiedenen Haustypen, vom kleinen Reihenhaus bis zum Einzelhaus, tragen klingende Namen wie "The Nightingale", "The Alexander" oder "The Chamberlain".

"A place to live. A place to call home"

Vorführhäuser, eines für jeden Typ, sollen Interessenten zeigen, wie der Traum vom eigenen Wohnhaus aussehen könnte. Vollständig möbliert bis hin zum fertig bezogenen Bett, dem Plüschkissen auf dem Sofa und dem Familienfoto auf dem Kaminsims, halten die Vorführhäuser, was die Hochglanzbroschüre verspricht: Der Ort zum lieben.

"Heathfield" - A place to call home? Die Idylle täuscht.
Nur jedes zweite Haus ist bewohnt.

Interessenten gibt es. Es sind überwiegend junge Paare. An diesem Nachmittag ziehen sie mit Broschüre und Preisliste in der Hand von Vorführhaus zu Vorführhaus, um sich selbst ein Bild zu machen. Alles wird begutachtet: Die moderne Einbauküche, die geräumigen Einbauschränke in den Schlafzimmern, die Ausstattung der Badezimmer, der gepflegte Vorzeigegarten hinter dem Haus. "Aren't they lovely?" murmelt eine Besucherin zu ihrer Begleiterin, während sie von Zimmer zu Zimmer wandern.

Vor Haus Nummer 38, Typ "Chamberlain", ein 2-Bedroom-Reihenhaus, anvisierter Verkaufspreis 133.000 Euro, wartet Robyn, eine junge Angestellte des zuständigen Maklerbüros Galvin Property & Finance. Adrett gekleidet wie eine Messehostess lächelt sie jeden Besucher freundlich an: "Haben Sie ein Haus gefunden, dass Ihnen gefällt?", fragt sie. Sie schwärmt von der Siedlung, von guten nachbarschaftlichen Beziehungen, von der Nähe zur Schule und zum Einkaufszentrum in Finglas. Bei Fragen zum Finanziellen verweist sie auf ihren Chef James Galvin in Vorführhaus Nummer 11.

Mit Kampfpreisen auf Käufersuche

Im großräumigen Wohnzimmer von Nummer 11, ein Haus Typ "Coolidge", Doppelhaushälfte, 4 Bedrooms, 185.000 Euro, verteilt Makler James Galvin - groß, schlank, markantes Kinn - Broschüren und beantwortet Fragen. "Wir haben die ursprünglichen Verkaufspreise pauschal um mehr als 100.000 Euro gesenkt. Und für heute sind wir nochmals fünf Prozent runter", eröffnet er das Verkaufsgespräch. Und kommt gleich zum Geschäftlichen: "2.500 Euro Anzahlung sofort, um sich heute noch ein Haus zu sichern", erklärt er einem jungen Paar, "weitere 4.500 Euro bei Vertragsunterzeichnung." Sein Blick wandert zum Quittungsblock auf dem Wohnzimmertisch.

Das junge Paar, er das Kleinkind auf dem Arm haltend, sie etwas verlegen in der Broschüre blätternd, überlegt. Sie werfen sich vieldeutige Blicke zu. Das Angebot ist verlockend. Aber es ergeben sich Fragen: Wie war das mit dem Konkurs des Bauunternehmers? Was passiert mit der Anzahlung? Was passiert mit den unvollendeten Häusern?

Während des Immobilien-Booms von Mitte der 1990er bis Anfang 2008 wurde Irland regelrecht zugepflastert mit Neubausiedlungen. Manche schossen quasi über Nacht aus dem Boden wie die sprichwörtlichen Pilze. Dann platzte die Blase am Immobilienmarkt. Seitdem purzeln die Hauspreise. Viele Bauunternehmer gingen pleite, weil sie sich verspekuliert hatten. Zurück blieben zahlreiche Bauruinen und unvollendete Siedlungen.

Bauruinen und unvollendete Siedlungen

Siedlungen wie "Heathfield". Ursprünglich waren 255 Häuser geplant. 115 konnten während des Booms noch verkauft werden. Dann ging dem Bauunternehmer das Geld aus. Das Projekt wurde gestoppt. 80 angefangene Häuser sollen noch fertiggestellt werden – sofern sich Käufer finden. Dann soll Schluss sein.

Hinter dem Haus wuchert das Unkraut: Die
unvollendeten Häuser warten noch auf Käufer.
Bei den zum Verkauf stehenden Häusern fehlt der komplette Innenausbau. Der Blick durchs Fenster ins Innere zeigt: Es fehlt nicht nur das Plüschkissen auf dem Sofa oder das Foto auf dem Kaminsims. Es gibt nicht einmal einen Kaminsims. Auch die hölzerne Treppe ins Obergeschoss fehlt. Statt schöner Vorzeigewelt gibt es nur an die Wand gelehnte Holzlatten, Stapel von Dämm-Material, Kartons mit Kacheln, Zeitungsreste, leere Bierflaschen. Hinter den Häusern, dort, wo vielleicht einmal ein gepflegter Garten sein wird, wuchert kniehoch das Unkraut.

Beim Gang durch die Siedlung zeigen Blumen vor dem Fenster oder in der Auffahrt geparkte Autos an, welche Häuser bewohnt sind. Das ist nur etwa jedes zweite. "Heathfield", der "Ort zum leben" wirkt an diesem Samstagnachmittag wie ausgestorben. Über der Siedlung liegt eine bedrückende Stille. Selbst von den wenigen Kindern, die auf dem kleinen Spielplatz in der Mitte der Siedlung spielen, ist kein Lachen oder Rufen zu hören.

Nur bedrückende Stille: Die Neubausiedlung "Heathfield"
an einem Samstagnachmittag

In einiger Entfernung vom Spielplatz verläuft ein Bauzaun, der die Siedlung abrupt abschneidet. Dort, wo Zufahrtsstraßen plötzlich enden, endeten auch die Träume der Bauplaner und Investoren. Hinter dem Zaun erheben sich Berge aus Bauschutt, über denen Krähen kreisen.

Bauschutt, Ratten, Risse, Fehler in der Elektrik

Wer tiefer stochert, stößt auf mehr als Bretterzäune, herumliegender Bauschutt und abrupt endende Straßen. In Internetforen äußern die Bewohner der Siedlung ihren Unmut über Fehler in der Hauselektrik, versagende Klospülungen im Erdgeschoss, Risse in den Außenwänden, undichte Dächer, im Garten hochkommendes Abwasser aus der Kanalisation und Ratten, die sich nachts an den Mülltonnen zu schaffen machen. Hinzu kommt Ärger über die zuständige Verwaltungsgesellschaft, weil Spielplatz und Park immer nur dann gepflegt werden, wenn Besichtigungstermine anstehen. Für die Anwohner entwickelte sich der Traum vom Eigenheim zum Alptraum. Mittlerweile haben sie sich zu einer Initiative zusammengeschlossen. Meinte dies die junge Maklerin Robyn, als sie von "guten nachbarschaftlichen Beziehungen" sprach?

Unvollendete Häuser in "Heathfield": Sie werden
fertiggestellt, wenn sich ein Käufer findet. Wenn ...
In Nummer 11 erklärt Makler James Galvin die Sache mit dem Konkurs. Nein, die Anzahlung geht nicht in die Konkursmasse ein, beruhigt er. Und die Häuser würden fertiggestellt werden, sobald Käufer gefunden sind. Dann sollen auch die Berge aus Bauschutt verschwinden und die nicht verwendeten Grundstücke eingeebnet und in Grünflächen verwandelt werden.

Doch das junge Paar ist nicht überzeugt. Sie wollen es sich überlegen, sagen sie schließlich. James gibt ihnen seine Visitenkarte. "Sie können mich jederzeit im Büro erreichen", sagt er bei der Verabschiedung. Er wird es heute noch häufiger sagen.

Später am Nachmittag blickt Makler James Galvin auf den kleiner gewordenen Stapel Broschüren auf dem Wohnzimmertisch. "Lief doch ganz gut", resümiert er. "Das Interesse ist da. Zur Not gehen wir eben nochmals fünf Prozent im Preis runter." Am nächsten Wochenende wird er wieder hier sein, in Nummer 11, Typ "Coolidge". Er wird auch wieder seinen Quittungsblock mitbringen. Gebraucht wurde der heute nicht.

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