Dienstag, 29. Mai 2012

ESC 2012: Jedward erleben ihr Waterloo

Ach, da waren ja noch ... Zappel & Philipp, die schrecklichen Zwillinge aus Dublin, auch bekannt als Jedward, die am Samstag beim diesjährigen Eurovisions Song Contest in Aserbaidschan mitschwammen - und hoffnungslos untergingen. Platz 19 von 26. Abgesoffen, nennt man das wohl. Von russischen Omas nass gemacht.

"Waterline" wurde ihr Waterloo: Jedward
gingen beim diesjährigen Eurovision
Song Contest baden. Nur Platz 19.
Da half es auch nicht, dass sie extra für ihre Nummer "Waterline" ihre berühmte Haartolle flach gelegt hatten. Sie ahnten wohl, dass sie sich eine kalte Dusche abholen würden. Da hätten sie besser vorher noch ihren Frei-Sänger gemacht.

In ihren Kostümen erinnerten sie irgendwie an herumhüpfende Silberlinge. Ich hätte die beiden ja gerne in einem gigantischen Goldfischglas gesehen - dann hätte man ihren Gesang zumindest nicht auch noch hören müssen. Und vielleicht wäre ja ein großer Raubfisch aufgetaucht und hätte die beiden verschlungen. Ein Musik-Hai vielleicht.

Aber nun, wo die beiden Kinder in den Springbrunnen gefallen sind, sollten wir das Bad nicht ausschütten. Ich finde, nach so viel Tiefgang sollen die beiden ruhig erstmal eine Weile untertauchen. Aber wie ich die beiden kenne, wissen sie sich schon über Wasser zu halten.

Für die Zwillinge war es der zweite Auftritt beim Song Contest. Im Vorfeld hatten sie noch angedroht, so oft wiederzukommen, bis sie den Wettbewerb gewonnen haben. Nach ihrem Waterloo beruhigten: Sie würden nur dann wieder antreten, wenn der Präsident, also Michael D, sie persönlich darum bittet. Bitte, bitte, bitte - nicht!

Einziger Trost beim diesjährigen ESC aus irischer Sicht: Irland landete noch vor Großbritannien. Aber das war ja auch nicht besonders schwer.


PS: Bevor Fragen gestellt werden: Nein, das Schild, gesehen und fotografiert vor dem Convention Centre in Dublin, wurde nicht von mir zweckentfremdet.

Montag, 28. Mai 2012

Der Höhenflug der Sinn Féin

Als einzige der etablierten Parteien opponiert Sinn Féin den Fiskalpakt und plädiert für ein Nein. Der Fiskalpakt werde noch mehr Sparmaßnahmen (engl. austerity) mit sich bringen, argumentiert man. Und Sparmaßnahmen sind laut Sinn Féin der falsche Weg. "Austerity isn't working" lautet der einprägsame Leitspruch von Sinn Féin für die Kampagne.

Austerity Isn't Working: Sinn Féins mahnendes Plakat
zum anstehenden Referendum über den Fiskalpakt.
Mit ihrer Nein-Kampagne spricht Sinn Féin all jenen aus der Seele, die frustriert sind von immer mehr Steuern, Abgaben und Sozialkürzungen. Und das sind täglich immer mehr Menschen. Die Folge: Seit der Parlaments-Wahl im Februar 2011 hat sich laut Umfragen der potentielle Stimmenanteil der Partei mehr als verdoppelt. Mit jetzt 21 Prozent hat sich Sinn Féin zur zweitstärksten politischen Kraft im Land gemausert und lässt den kleinen Koalitionspartner Labour weit hinter sich. "Eine langsame Revolution", sagt Gerry Adams, Vorsitzender von Sinn Féin.

Sinn Féin, die Nein-Sager und Protestpartei auf Höhenflug? Braut sich da was zusammen?

Auf dem Parteitag am Samstag, von dem RTE teilweise live im TV berichtete, nutzte Sinn Féin den Aufwind und zog kräftig über die anderen Parteien her. Fünf Jahre seien vergangen, so verkündete man, seit die frühere Regierungspartei Fianna Fáil die Wirtschaft Irlands vor die Wand gefahren hat. Seitdem wurde ein Sparpaket nach dem anderen verabschiedet, zuerst noch von Finna Fáil, dann von Fine Gael und Labour. Die Bilanz: 440.000 Arbeitslose, jedes Jahr 70.000 Emigranten.

Appell an die Patrioten

Für Sinn Féin ist die Sache klar: Austerity isn't working. Irland braucht Wachstum, keine Sparmaßnahmen. Sinn Féin sieht es deshalb als patriotische Pflicht eines jeden Wählers, beim Referendum mit Nein zu stimmen. "Stand up for Ireland" heißt es. Schluss mit dem Spardiktat. Die Zeit für einen Wechsel sei gekommen. Ein Nein werde ein deutliches Zeichen setzen. Die Bürokraten in Brüssel könne man nicht abwählen. Wohl aber die Regierung in Dublin.

Stand Up For Ireland: Sinn Féins Appell an die Patrioten
Fianna Fáil pfui, Fine Gael pfui, Labour pfui - welche Konzepte aber hat Sinn Féin vorzuweisen, mit denen sich Irland aus dem Schuldensumpf befreien könnte? Bislang hielt man sich bedeckt mit Antworten auf die Frage, woher Irland bei Bedarf Finanzhilfen erhalten würde, falls man sich mit einem Nein den Zugang zum Euro-Rettungsschirm ESM verbaut. Auf dem Parteitag kam Sinn Féin aus der Deckung - und offenbarte sich.

Auch bei einem Nein werde die Regierung nicht von finanziellen Hilfsmitteln abgeschnitten sein, bekräftigte Gerry Adams in seiner Rede. Es gäbe da ja immer noch die Rentenkasse, die Europäische Investitionsbank, den privaten Rentensektor und schließlich die Bad Bank NAMA, die Milliarden aus Steuermitteln erhalten hat. Mit Hilfe eines milliardenschweren Investitionsprogramms würde man Arbeitsplätze schaffen und über die Steuereinnahmen die Schulden abbauen können, lautet Sinn Féins Konzept.

Sinn Féins Erfolgsrezept: Man leihe sich Geld ...

Klingt einleuchtend. Wenn ich es aber richtig verstanden habe, möchte sich Adams also Geld leihen, um damit die Wirtschaft anzukurbeln. Also im Prinzip das Gleiche, was auch schon die Fianna Fáil-Regierung ihrerzeit tat. Schlimmer nur: Mit dem Anzapfen der Rentenkasse will Adams jetzt auch noch die Zukunft beleihen.

Nur zur Erinnerung: Auch während der Boomjahre, als die Wirtschaft mit jährlichen Wachstumsraten von 6 Prozent glänzte, dümpelte das reale Wachstum bescheiden vor sich hin. Irlands Wirtschaft war weit davon entfernt, wettbewerbsfähig zu sein. Der Motor hinter dem Wirtschaftswunder waren einzig und allein fragwürdige Kreditinnovationen, mit denen vor allem die privaten Haushalte zum Konsum auf Pump verleitet wurden. Wohin das führte, wissen wir.

Es mag für viele schmerzlich sein, ihren während der Boomjahre angehäuften Reichtum nun zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen. Aber sehen wir der Tatsache ins Gesicht: Es war ein Wachstum auf Pump. Das scheinen Gerry Adams und Sinn Féin vergessen zu haben - oder nicht sehen zu wollen. Ihr Höhenflug droht mit einer Bruchlandung zu enden. Nur: Die Menschen sind bereit, Sinn Féins Erfolgsrezept "Weniger Sparen, mehr Geld ausgeben" Glauben zu schenken. Es klingt ja auch so einleuchtend. Ging es nicht allen besser, als man sich Geld leihen konnte? Was also soll die Forderung nach Sparen und Haushaltsdisziplin?

Oh oh, sage ich da nur. Nicht "Stand up for Ireland", sondern "Wake up, Ireland".

Montag, 21. Mai 2012

Yes or No - Irland vor der großen Frage

Europa diskutiert derzeit darüber, wie es mit Griechenland weitergehen soll. Einstellung der Hilfszahlungen? Austritt aus dem Euro? Mit welchen Folgen für Europa? Was bringen die Neuwahlen im Juni? Ende Mai werden die EU-Regierungschefs ihre Blicke aber auch auf Irland richten. Denn Irland ist das einzige Land in der EU, das zum beschlossenen Fiskalpakt eine Volksbefragung abhält. Und deren Ausgang ist alles andere als gewiss.

Your decision. Am 31. Mai stimmt Irland per Volksentscheid
über den im März beschlossenen Fiskalpakt der EU ab.
Worum geht es? Mit dem im März beschlossenen Fiskalpakt will die EU die Mitgliedsländer zu mehr Haushaltsdisziplin zwingen. Staaten sollen es sich in die Verfassung schreiben, nicht mehr auszugeben, als sie auch einnehmen. Bei Nichteinhaltung darf der Gerichtshof der EU Strafen verhängen. Außerdem: Nur die Länder, die den Fiskalpakt unterzeichnen, sollen künftig Zugang zum Geldtopf des neuen Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) erhalten.

Je mehr diskutiert wird, umso verwirrender wird es

Für Investitionen, Stabilität und
wirtschaftliche Genesung: Poster
der Regierungspartei Fine Gael
Am 31. Mai sollen die Iren darüber abstimmen, ob sie den Fiskalpakt annehmen. Das anstehende Referendum beherrscht die öffentliche Debatte. Die Wahlplakate hängen, die Broschüren sind an die Haushalte verteilt, in den Straßen gehen die Vertreter der Parteien auf Stimmenfang, im Fernsehen und Radio diskutieren Politiker und Experten über die möglichen Folgen eines "Ja" oder "Nein". Da wird die Abstimmung über den Fiskalpakt auch schon mal zur Frage hochstilisiert, ob Irland Mitglied der Euro-Zone bleiben soll oder nicht. Je mehr diskutiert wird, umso verwirrender wird es.

"Ja" oder "Nein", das fragt sich derzeit so mancher irischer Bürger. Soll man mit "Ja" abstimmen? Oder doch lieber mit "Nein"? Soll man überhaupt wählen? Wo es doch heißt, dass der neue französische Präsident Hollande den Vertragsentwurf neu verhandeln will. Da käme ein "Ja" einem Blanko-Scheck gleich, heißt es, wenn die Bedingungen des abgesegneten Fiskalpakts später nochmals geändert werden, womöglich zum Nachteil Irlands. Und was hat es zu bedeuten, dass ausgerechnet der deutsche Bundestag seine Ratifizierung des Paktes auf bis vor der Sommerpause hinausgeschoben hat?

Yes - For Investment, Stability, Recovery

Yes = Stabilität: Poster der Koalitionspartei Labour
Die Kampagne für ein "Ja", vertreten durch die beiden Regierungsparteien Fine Gael und Labour sowie Fianna Fáil, argumentiert damit, dass ein "Ja" ein deutliches Zeichen setzen würde. Ein Zeichen für Europa und für den Euro als gemeinsame Währung, ein Zeichen des Vertrauens in die Wirtschaft Irlands. Nicht nur die multinationalen Unternehmen, die in Irland ihre Europa-Zentralen betreiben und Tausende Arbeitsplätze stellen, würden ein Bekenntnis Irlands zu Stabilität und Einheit mit Europa begrüßen, heißt es.

"For Investment, Stability, Recovery" und  "For a working Ireland" lauten die Slogans der "Yes"-Kampagne. Ein "Ja" würde Irland auf seinem Weg zu wirtschaftlicher Genesung helfen. Mit einem "Nein" hingegen, so heißt es, würde man sich in Europa selbst ins Abseits stellen, mit unvorhersehbaren Folgen. Vor allem würde man sich den Zugang zu den Finanzmitteln des ESM verbauen. Im Fall der Fälle würde man keine Geldhilfen mehr erhalten. Ein "Nein" würde die derzeitge Situation nur noch schlimmer machen.

Vote No: Die nationalistisch-republikanische
Partei Sinn Féin opponiert den Fiskalpakt
Alles Unsinn und reine Angstmacherei, sagt die Gegenseite. Die "Nein"-Kampagne, angeführt von der nationalistisch-republikanischen Partei Sinn Féin, argumentiert damit, dass man sich mit einem "Ja" bedingungslos dem Spardiktat der EU unterwerfen würde. "Austerity doesn't work", heißt es auf den Plakaten von Sinn Féin. Was Irland brauche, sei Wachstum. Nur so könne man sich aus der Schuldenfalle befreien. Mit Sparmaßnahmen, wie sie Deutschland vorgibt, lasse sich kaum Wachstum herbeiführen.

Auf die Frage der Gegenseite, wo man denn im Fall der Fälle weitere Finanzhilfen herbekommen würde, wenn nicht aus dem Geldtopf des ESM, antwortete Sinn Féin bislang nur ausweichend. Anscheinend spekuliert man bei Sinn Féin darauf, dass die EU ihre notleidenden Mitgliedsstaaten schon nicht fallen lassen wird. Sprich: Auch bei einem "Nein" wird Irland weiterhin Finanzhilfen erhalten. Damit liegt Sinn Féin vermutlich sogar richtig. Denn solange Irland Mitglied der EU bliebt, hat es Anspruch auf Zuschüsse, Fiskalpakt hin oder her.

Wie lange soll das Spardiktat noch weitergehen?

Wie lange soll das Spardiktat weitergehen? Anti-
Fiskalpakt-Poster vor Trinity College in Dublin
Radikale Parteien und Gruppen aus dem sozialistischen Lager gehen noch weiter."How much more austerity will you take?", fragt die Socialist Party. "Wie lange soll das Spardiktat noch weitergehen? 5, 10, 20 Jahre?" Irland dürfe nicht für die Schulden deutscher und französischer Banken aufkommen müssen, fordert zum Beispiel die Gruppe "Europe of Freedom and Democracy (EED)". Man fordert deshalb ein kategorisches "Nein" bei der Abstimmung, um der Regierung zu zeigen, dass man nicht länger gewillt ist, den Sparkurs mitzumachen.

Mehr noch: Irland müsse aus dem Euro austreten, fordert EED. Mit eigener, gegenüber dem Euro abgewerteter Währung würde man den Export ankurbeln können und mehr Touristen nach Irland locken. Die Wirtschaft würde wieder wachsen, Arbeitsplätze würden entstehen.

Austerity doesn't work: Anti-Fiskalpakt-Poster der
Socialist Party vor dem Gebäude der
Irischen Zentralbank in Dublin
So einleuchtend sie klingen mag, diese Argumentation wackelt gewaltig. Tatsächlich spielt Irlands Export, der auch derzeit eigentlich ganz gut läuft, gesamtwirtschaftlich betrachtet nur eine untergeordnete Rolle und bietet kaum genügend Arbeitsplätze für die vielen Tausend Arbeitslosen. Ferner würde eine abgewertete Währung viele irische Banken und Unternehmen in den Bankrott treiben, wenn diese nämlich ihre Auslandsschulden nicht mehr bedienen können, die in der alten, teureren Währung zurückgezahlt werden müssten. Und schließlich würden viele ausländische Investoren abziehen, würde Irland seinen Standortvorteil, nämlich Mitglied der Euro-Zone zu sein, aufgeben. Kurz: Ein Euro-Austritt hätte katastrophale Folgen für Irland.

Die Angst vor dem Nein ist groß

Wie auch immer, derartige Argumentationen zeigen vor allem eines: Die Angst vor einem "Ja" bei der Abstimmung ist groß, die Angst vor einem "Nein" ebenfalls. Die richtige Wahl zu treffen verlangt den Iren einiges ab.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele nicht einmal genau wissen, worüber sie eigentlich abstimmen sollen. Bei einer nicht repräsentativen Online-Umfrage von TheJournal.ie gaben 45 Prozent an, den Vertrag überhaupt nicht zu verstehen, 26 Prozent glauben ihn zu verstehen und nur 25 Prozent sagen, ihn zu verstehen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Volksabstimmung, mit der über die Zukunft Irlands abgestimmt wird.

Offizielle Umfragewerte sehen die "Ja"-Seite derzeit bei 53 Prozent, die "Nein"-Seite bei 32 Prozent. 16 Prozent der Befragten sind noch unentschlossen. Auch wenn es nach einem Sieg der "Ja"-Seite aussieht: In der Vergangenheit wurde schon häufiger am Tag der Abstimmung das Ergebnis der Umfragen kräftig auf den Kopf gestellt.

Nach dem 31. Mai wissen wir mehr.

Freitag, 18. Mai 2012

Schlösser für die Liebe

In einigen europäischen Großstädten gibt es ihn schon etwas länger, in Dublin erst seit ein paar Monaten: Der Brauch, mit dem Anbringen von Vorhängeschlössern an Brücken ein öffentliches Zeichen von Verliebtheit und Zuneigung zu setzen. In Deutschland zum Beispiel zieren inzwischen mehrere Hundert Schlösser einen Eisenzaun auf der Hohenzollernbrücke in Köln. In Dublin ist es die kleine, aber wesentlich romantischere Ha'penny Bridge über die Liffey, die die Verliebten auserkoren haben, ihr Schloss der Liebe zu tragen.

Sog. Love Locks an der Brüstung der Ha'penny Bridge
in Dublin: Öffentliches Zeichen von Verliebtheit.
Die Schlösser sollen die Liebe symbolisch zusammenhalten. Das Anbringen an einer Brücke verstärkt die symbolische Wirkung zusätzlich. Denn bekanntlich überwinden Brücken die trennende Grenze eines Flusses oder Tals und verbinden die beiden Seiten. Und wurde der Schlüssel erst mal unwiederbringlich im Gewässer versenkt, kann mit der Liebe eigentlich nichts mehr schiefgehen.

So sehen es zumindest die Verliebten. Die Stadt Dublin sieht es anders. Sie fürchtet um die empfindliche Struktur der kleinen, im Jahre 1816 errichteten Fußgängerbrücke. Anfang des Jahres rückte die Stadt deshalb den sogenannten "Love Locks" zu Leibe, Romantik hin oder her. Die Schlüssel mögen irgendwo im Schlamm der Liffey ruhen. Doch mit brachialer Gewalt trennte der Bolzenschneider, was viele Paare für ewig haltend betrachtet hatten.

Zeichen von Romantik oder einfach nur
Unsinn? Der Stadt Dublin sind die
Schlösser ein Dorn im Auge.
Anschließend bat die Stadt die Bevölkerung, keine weiteren Schlösser mehr anzubringen. Teile der gusseisernen Konstruktion der Brücke würden zu sehr in Mitleidenschaft gezogen. Beim Anblick der kleinen Brücke kann man die Befürchtung der Stadt durchaus nachvollziehen. Während es in Köln mit der Hohenzollernbrücke immerhin eine mächtige Eisenbahnbrücke ist, an der die Schlösser befestigt werden, ist die Ha'penny Bridge doch eher schmächtig und als Träger hunderter Schlösser kaum geeignet.

Mittlerweile ist das Jahr weiter vorangeschritten und befindet sich im Wonnemonat Mai. Und siehe da: An der Ha'penny Bridge baumeln bereits neue Schlösser. Die Inschrift auf einem dieser Schlösser verrät: Ute & Bernd waren in Dublin. Deren Namen klingen so gar nicht irisch. Sind es am Ende vielleicht gar nicht verliebte Iren, die diesen Brauch vom Festland übernommen haben, sondern irgendwelche Touristen?

Mittwoch, 16. Mai 2012

"Change, please!"

Auch das gehört mittlerweile zum Bild in den Straßen von Dublin: Bettler. Es ist kaum mehr möglich, einen gemütlichen Stadtbummel durch Dublin zu unternehmen, ohne nicht von mindestens drei Bettlern angesprochen zu werden. Wohl gemerkt, angesprochen. Kaum hält man irgendwo an, um vielleicht die Kamera im Rucksack zu verstauen, sich auf einer Bank auszuruhen oder um auf den Partner zu warten, der noch schnell etwas im Laden anschauen will – schon wird einem von irgendwoher die Hand oder der Pappbecher hingestreckt und es heißt "Change, please."

In letzter Zeit hat die Zahl der Bettler in Dublin rapide zugenommen. Betteln ist ein aufstrebendes Gewerbe, speziell während der Touristensaison. Längst sind es nicht nur die allzu bekannten Roma, die mit ihren Babys auf dem Arm um Kleingeld betteln. Auch viele Iren sind unter die Bettler gegangen. Wobei nicht alle Bettler auch tatsächlich obdachlos sind. Viele wählen Betteln als lukrative Vollzeitbeschäftigung. Nicht selten erzielen sie 100 Euro und mehr am Tag, nur weil sie an einer gut frequentierten Stelle mit zerrissenen Klamotten, barfuß und zitternd an einer Hauswand kauern und einen möglichst erbärmlichen Anblick abgeben.

Bettler auf der Ha'penny Bridge in Dublin. In Irland hat sich Betteln
zu einem lukrativen Gewerbe entwickelt. In vielen Städten gehören
Bettler zum festen Anblick in den Straßen und auf öffentlichen Plätzen.

Um die strategisch besonders günstigen Stellen entbrennt regelmäßig ein harter Kampf. Es gilt, früh genug seinen Posten zu sichern. Dublins berühmte Ha'penny Bridge zum Beispiel ist zeitweise von drei Bettlern in Beschlag genommen – je einer an den Enden der Brücke, der dritte in der Mitte. Mit geschätzten 30.000 Fußgängern, die die Brücke jeden Tag auf dem Weg von Temple Bar auf der Südseite Dublins zur Einkaufszone um die Henry Street auf der Nordseite oder in entgegengesetzter Richtung überqueren, dürfen die Bettler auf reichlich Kleingeld hoffen. Zumal man auf der engen Fußgängerbrücke kaum an den Bettlern vorbeikommt, ohne fast über sie hinwegsteigen zu müssen.

In Fairness, die meisten Bettler sind zurückhaltend. Doch die Zahl derer, die zuweilen aufdringlich agieren, hat gefühlt zugenommen. Nicht wenige Passanten fühlen sich durch Bettler belästigt und eingeschüchtert, besonders ältere Menschen. Vor einiger Zeit ergab eine Umfrage des "Sunday Independent", dass 86 Prozent härtere Gesetze gegen das Betteln auf offener Straße fordern. Inzwischen ist zum Beispiel das Betteln direkt an Geld- oder Fahrscheinautomaten verboten. Doch die Realität ist, dass die Polizei sich um derartige Delikte kaum mehr kümmern kann.

Wenig Aussicht auf Änderung also. Es bleibt den Passanten selbst überlassen, Wege und Methoden zu finden, mit dem neuen Übel in Dublin umzugehen.

Montag, 14. Mai 2012

I Do - Hochzeit in Irland

Auch dies bringt das Leben in Irland mit sich: Einladungen zu Hochzeiten. Vor einer Woche, am 7. Mai, gaben sich mein Freund Martin und seine irische Braut Ann das Ja-Wort, genauer gesagt das "I do", mit dem sich hier das Eheversprechen gegeben wird.

Martin und ich kennen uns schon seit vielen Jahren. In Deutschland waren wir eine Zeitlang sogar Arbeitskollegen, ehe sich unsere beruflichen Wege trennten. Vor etwa sieben Jahren fand er den Weg nach Irland, ich folgte ihm zwei Jahre später.

Eine weitere Parallele: Nach der Trennung von seiner deutschen Frau fand Martin in Irland sein neues privates Glück. Und siehe da: Letzten Montag ging es vor den Traualtar. Für mich als Gast ergab sich die Gelegenheit, eine Hochzeit in Irland aus nächster Nähe mitzuerleben.

Geheiratet wurde in der katholischen St. Mary’s Church im Örtchen Navan im Co. Meath. Nun bin ich ja nicht so der Kirchgänger. Aber ich muss sagen, dass es eine rundum schöne Trauzeremonie war. Zwar gab es wieder die für Nicht-Katholiken verwirrende Abfolge aus Aufstehen, Hinsetzen, Hinknien, Aufstehen usw., bei der einem richtig warm wird. Aber insgesamt ging es recht locker und fröhlich zu, keinesfalls steif oder zu förmlich, obwohl es natürlich für Braut und Bräutigam um eine ernste Angelegenheit ging (dem Bräutigam jedenfalls sah man seine Angespanntheit deutlich an).

Wie üblich fanden sich in den Sitzreihen zur Linken (vom Eingang her betrachtet) die Verwandten und Freunde der Braut, zur Rechten die Verwandten und Freunde des Bräutigams. Auf der linken Seite war deutlich mehr Anhang. Aber ein doch recht großer Teil von Martins Familie hatte den weiten Weg nach Irland auf sich genommen, um der Trauung beizuwohnen. Deshalb erfolgten auch einige der Lesungen von Familienangehörigen in Deutsch. Das lockerte die Zeremonie etwas auf und war sicherlich ein Novum für den jungen Priester, der die Trauung vollzog.

Nun denn, wie sieht das Eheversprechen bei einer irischen Hochzeit aus? Nachfolgend die magischen Worte zum Nachlesen:

Priester: [...] you are about to celebrate this sacrament. Have you come here of your own free will and choice and without compulsion to marry each other?

Braut und Bräutigam: We have.

Priester: Will you love and honour each other in marriage all the days of your life?

Braut und Bräutigam: We will.

Priester: I invite you to declare before God and His Church your consent to become husband and wife.
Do you (Bräutigam) take (Braut) as your wife, for better, for worse, for richer, for poor, in sickness and in health, all the days of your life?

Bräutigam: I do

Priester: Do you (Braut) take (Bräutigam) as your husband, for better, for worse, for richer, for poor, in sickness and in health, all the days of your life?

Braut: I do

Priester: What God joins together, man must not separate. May the Lord confirm the consent that you have given and enrich you with his blessings.

Es folgten noch reichlich Gebete, Segnungen, Gesang und am Ende natürlich das Abendmahl. Die Trauung endete schließlich mit der Eintragung ins Stammbuch, die direkt in der Kirche vor allen Anwesenden als Zeugen erfolgt.

Eine andere Beobachtung möchte ich noch erwähnen: Die Trauung wurde von dem Priester allein vorgenommen. Es gab keine Messdiener. Hat die Katholische Kirche nach all den Skandalen reagiert und verzichtet neudings ganz auf Messdiener und Kirchenjungen?

Nach der Trauung in der Kirche machte sich die Gemeinschaft auf den Weg zu den Hochzeitsfeierlichkeiten mit Sekt-Empfang, Essen und anschließender Party. Auch hier hatte das neue Paar keine Kosten gescheut. Beim Empfang sorgten drei Mädchen mit ihrem Spiel auf der Harfe für die Hintergrundmusik. Wie es Brauch ist, saß beim Essen der Priester mit am "Top Table", wo Braut, Bräutigam und die engsten Angehörigen saßen. Zur anschließenden Party, zu der eine dreiköpfige Band auf das Tanzparkett einlud, empfahl sich der Herr Priester dann jedoch, denn er wusste wohl: Irische Hochzeitsfeiern sind groß, laut und dauern sehr lange. Das war auch bei dieser nicht anders.

Nach einer Beerdigung letztes Jahr im Oktober (Ruhe in Frieden, Christy), nun also die erste Hochzeitsfeier für mich in Irland. Und die nächste Hochzeit ist bereits für Ende Juli angekündigt. Werden es am Ende gar vier Hochzeiten und ein Todesfall? Das Leben in Irland bietet auch weiterhin allerhand Abwechslung.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Torches and Pitchforks

Mittlerweile sind unsere Umzugsvorbereitungen fortgeschritten. Eine neue Wohnung ist gefunden, die alte ist bereits zur Vermietung ausgeschrieben. Über die nächsten Wochen gilt es, die neue Adresse an Arbeitgeber, Banken, Versicherungen etc. weiterzugeben und Strom, Gas, Kabel-TV und Internet umzumelden. Und dann kommt noch das Einpacken und, in knapp vier Wochen, der eigentliche Umzug.

Es ist schon ziemlich ärgerlich und irgendwie unfair, dass wir es sind, die diesen ganzen Stress auf sich nehmen müssen, wo es doch unser Nachbar ist, der uns mit seiner lauten Musik zu diesem Schritt treibt. Aber was waren unsere Optionen? Ohne offizielle Anordnung hat die Polizei keine Befugnis, dem Störenfried kurzfristig den Stecker zu seinem Keyboard zu ziehen. Der Weg über die Behörden ist langwierig und empfiehlt sich eigentlich nur, wenn man ein betroffener Hauseigentümer ist und nicht die Option hat, mit vier Wochen Kündigungsfrist einfach wegzuziehen.

Wir suchten Rat im Internet. Unser Wohnort hat tatsächlich ein eigenes kleines Internet-Forum, eine Art Schwarzes Brett, in dem sich Anwohner über alles Mögliche austauschen können. Da gibt es Ankündigungen zu Sportveranstaltungen, Anfragen zur Gründung eines Schachclubs, Mitteilungen über gestohlene Nummernschilder und eingeschlagene Autoscheiben, verdächtige Lieferwagen, Empfehlungen für Handwerker und den neuesten Klatsch und Tratsch. Hier schalteten wir eine kleine, allgemein gehaltene Frage um Rat, was man gegen einen uneinsichtigen Nachbarn tun kann, der zur Belastung geworden ist. 

Unser Eintrag stieß auf großes Interesse und weckte äußerst interessante Reaktionen. Ganz offensichtlich hatten wir den Finger auf eine offene Wunde gelegt. Die Sympathien waren auf unserer Seite. Viele Leser zeigten sich enttäuscht und verärgert über den erneuten Fall offensichtlich asozialen Verhaltens in ihrer Wohngegend.

Fackeln und Mistgabeln: Der aufgebrachte Mob.
Szene aus dem Film "Frankenstein" aus dem
Jahr 1931.
Die Reaktionen reichten von Kommentaren wie "Der soll ausziehen, nicht ihr!" bis zu dem durchaus überlegenswerten Tipp, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dem Nachbarn Sekundenkleber ins Türschloss zu spritzen. Der Austausch eines Schlosses kostet gut und gerne 80 Euro. Diese Aktion, zwei, drei Mal wiederholt, könnte den Nachbarn zum Einlenken bewegen – oder aber auch seinerseits Aktionen heraufbeschwören, wenn er herausfindet, wer dahinter steckt.

Einige Leser, offensichtlich männlich, boten an, mit dem Störenfried mal ein "freundliches" Wörtchen zu reden und ihm unmissverständlich zu zeigen, was die Gemeinschaft von seinem Verhalten hält. Wir sollten doch mal Straße und Hausnummer nennen. "He deserves to be hit with his keyboard!" hieß es. "Anyone in?" - "Count me in" antwortete ein anderer, knapp und eindeutig.

Der Mob sammelt sich, um gemeinsam gegen einen Störenfried vorzugehen. Richtig so! Es gibt ihn also doch noch, den Zusammenhalt der Gruppe, den Gemeinschaftssinn. Die meisten wollen schließlich einfach nur in Ruhe und Frieden leben und haben die Nase voll von Störenfrieden. In Zeiten notorisch unterbesetzter Polizei und lahmarschiger Behörden muss man sich manchmal eben selbst helfen, so wie man derartige Angelegenheiten früher auf dem Land eben regelte. Fackeln und Mistgabeln werden auch im modernen Irland ihre Wirkung nicht verfehlen. Und etwas Teer und Federn lassen sich doch sicherlich auch noch irgendwo auftreiben ...

An diesem spannenden Punkt der Diskussion schritten (leider) die Administratoren des Forums ein und riefen zur Mäßigung in der Wortwahl auf. Es sei ein öffentliches Forum und Aufrufe zur Lynchjustiz würden a) den gesamten Wohnort nicht gerade in einem guten Licht erscheinen lassen und seien b) schon aus rechtlichen Gründen nicht angebracht. Worauf jemand aus der Diskussionsrunde noch anmerkte, dass wohl niemand wirklich ernsthaft plante, irgend jemandem etwas anzutun. Danach verebbte die Diskussion.

Natürlich hatten die Administratoren recht. Aber die interessante Frage blieb: Was wäre gewesen, wenn ... ?

Über das Forum erhielten wir aber dennoch einen hilfreichen Tipp. Unser Bemühen, bei den Behörden den zuständigen Vermieter unseres Nachbarn ausfindig zu machen, war bislang ergebnislos geblieben. Jemand aus der Diskussionsrunde empfahl, sich an die zuständige private Verwaltungsfirma zu wenden, die sich auch um die Grünflächen, Spielplätze, öffentlichen Mülleimer etc. im Ort kümmert. Die Firma hat die Kontaktdaten sämtlicher Hauseigentümer. Und siehe da: Nach ein paar Telefonaten seitens unseres Vermieters hatten wir sehr schnell den Eigentümer des Hauses unserer Nachbarn am Telefon. Wir klagten ihm unser Leid, und er versprach, wenn auch etwas widerwillig, mit seinem Mieter zu sprechen. Das zeigte tatsächlich Wirkung: Anschließend wurde nebenan weniger laut und lang musiziert.

Zumindest für eine kurze Zeit. Als neulich abends eine größere Gruppe Mietinteressenten für den Besichtigungstermin vor unserer Haustür erschien, blieb dies unserem Nachbarn natürlich nicht verborgen. Kaum waren die Interessenten wieder weg, drehte er seine Verstärkeranlage demonstrativ bis zum Anschlag auf. Dies sagt eigentlich alles über ihn. Er wusste nun, dass wir bald ausziehen und braucht nun keine Rücksicht mehr nehmen, laufende Beschwerden hin oder her.

Egal, wir sind ihn bald los. Und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Unser Vermieter, sehr daran interessiert, dass ihm die nächsten Mieter nicht gleich wieder davonlaufen, bereitet über die Verwaltungsfirma eine Klage gegen den Eigentümer von nebenan vor. Eventuell kann er so einen Räumungsbescheid erwirken. Mal sehen, ob unser Möchtegern-Musiker dann noch immer so unbeschwert aufspielt. Rache ist süß.

Obwohl ich persönlich unseren Nachbarn ja gerne geteert und gefedert gesehen hätte …